Pierre, D. B. C.

Jesus von Texas

Jesus von Texas
  • Verlag: Aufbau Tb
  • Erscheinungsdatum: 2005-05-20
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 383
  • ISBN: 374662150X
  • EAN: 9783746621500
  • Amazon.de Verkaufsrang: 22.119
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Beschreibung von buecher.de

16 Schüler einer Highschool werden umgebracht. Einige klatschsüchtige Hausfrauen werden plötzlich zu Witwen. Und mittendrin der 15-jährige Vernon, dem es gelingt, immer zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein. 'Jesus von Texas' ist eine schwarze Komödie über Gewalt in den USA.

Aus der Amazon.de-Redaktion

Woher kennen wir Amerika? Durch die Medien, Die Simpsons, Ally McBeal oder Bowling for Columbine. Was der Australier D.B.C. Pierre in seinem Debütroman über das Land erzählt, lässt nur einen Schluss zu: Es ist alles noch viel schlimmer! "Shit Happened" heißt der erste Akt dieser Tragikomödie und benennt damit ein Leitmotiv. Vernon Little ist knapp 16, als Jesus, sein einziger Freund, durchdreht und 16 Mitschüler erschießt. Während der eine schießt -- auch Pierre lässt keinen Kalauer aus --, muss der andere scheißen. Das rettet ihm das Leben und versaut es. Weil Vernon das peinliche Alibi für sich behält und der "Mexikaner-Bengel2 Jesus tot ist, bekommt er die volle Wucht des Volkszorns zu spüren. Und die manipulative Macht der Medienmeute, die für die Karriere sprichwörtlich über Leichen geht und die eigene Mutter verleugnet. In diese Versuchung gerät auch Vernon, denn Doris Little, die schon mal Selbstmordversuche mittels Elektroherd unternimmt, macht ihn "abwechselnd wütend und traurig". Wie Doris mit ihren Freundinnen kurz nach dem Massaker über Diäten diskutiert oder ihrer neuen Kücheneinrichtung entgegenfiebert, das wäre zum weinen, wenn es nicht so komisch wäre. Dann wirft sie sich dem TV-Journalisten Lally an den Hals und als dessen Intrigen ihren Sohn in die Todeszelle bringen, stellt sie liebevoll eine Henkersmahlzeit zusammen, mit Krautsalat, "wegen der Gesundheit". Wer einen Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen -- nach diesem Motto werden wir über einen Jahrmarkt der Eitelkeiten geführt. Dort taumelt ein rundherum unschuldiger Held durch medial inszenierte Geisterbahnen und Spiegelkabinette und glaubt bis zum Schluss daran, dass "die gute alte Wahrheit im Anmarsch ist". Keine Institution, ob Schule, Justiz oder Fernsehen, bleibt ungeschoren. Vernons Leben gerät zur ultimativen Reality-Show: Kameras im Todestrakt, per TED werden Kandidaten für die Giftspritze ermittelt. Die Politik hat abgedankt, Richter und Reporter haben das Sagen -- fiese Figuren, überzeichnet, aber beängstigend real. Lally und die anderen "Bösen" sind nur Teil des allgemeinen "menschlichen Schleimgulaschs", einer pervers-bigott-materialistischen Gesellschaft, für die die Diagnose lauten muss: unheilbar krank. Was so sozialkritisch klingt, ist über weite Strecken ein Heidenspaß. Wegen der saftigen Sprache, weil die Moral von der Geschicht fehlt und Vernon mit seinen Verbalattacken schnell unser Herz gewinnt. Für einige ist es "das erste Buch des Jahres", eventuell die Übersetzung des Jahres. Huckleberry Finn, Holden Caulfield, bitte aufrücken! --Patrick Fischer

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von ludwigwitzani fanden 55 von 62 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Witzig, unterhaltsam, aber mit kleinen Längen

Dbc ("dirty but clean") Pierres Roman. "Jesus von Texas" gehört in die Kategorie von Büchern, die von der ersten bis zur letzten Seite einen ganz eigenen Ton anschlagen, mit dem sie den Leser zuerst überrumpeln und dann für sich gewinnen. "Ganz ehrlich, wäre meine alte Dame mit einer Gebrauchsanweisung geliefert worden, hätte garantiert irgendwo dringestanden, dass man ihr am Ende deinen Tritt in den Arsch geben soll." (S.9) Ein solcher Ton frappiert und amüsiert zugleich, womit ziemlich genau auch die Diktion beschrieben wird, in dem solch der vorliegende Roman bewegt. Benutzt wird diese Diktion von Vernon Little, einem jugendlichen Texaner, der einem fiktiven Leser ausschließlich aus seiner eigenen Innenperspektive die Geschichte eines Schulmassakers in dem texanischen Ort Martirio erzählt, in deren Verlauf er von seiner Umgebung immer unwiderstehlicher zu Täter und Sündenbock gestempelt wird. Seine durchgeknallte allein erziehende Mutter, ihre nicht weniger abgedrehten Freundinnen ("Sie verwalten die Datenbank deiner Blödheiten." S. 59), der schmierige Lally, der wie ein böser Engel aus dem Nichts auftaucht und das Rad des Verhängnisses dreht. (vgl. Larrys Theorie des "Paradickmannwechsels" am Beispiel zweier Finger, die im Hintern stecken auf S. 49 ), die skurrile Polizistengemeinde und die schöne aber hirnlose Taylor Figueroa bilden die Staffage für eine ätzende Parabel auf die amerikanischen Provinz, an deren Ende es dem kleinen Vernon mächtig an den Kragen geht. Denn seine Unschuldbeteuerungen interessieren keine Sau, sein Therapeut ist ein hinterlistiger Drecksack, seine Flucht nach Mexiko wird von der ungetreuen Taylor verraten, und in einem einzigen Alptraum von Prozess wird er zum Tode verurteilt. Am Ende des Buches sitzt er in der Todeszelle und muss Woche für Woche darauf hoffen, dass ihn die Abonnenten eines Fernsehsenders unter einer Anzahl von Todeskandidaten nicht per Big Brother Abstimmung für die Todesspritze auswählen. Schon mit der Todesspritze an der Vene wird er im letzten Augenblick durch den Fund seiner Fäkalien weitab vom Tatort entlastet und gerettet.

Na, Gott sei Dank, denkt man sich, aber was hat mir die Lektüre gebracht? Es war alles in allem eine flott berichtete Geschichte in einem ganz eigenen ironisch-sarkastischen Ton, doch gerade dieser Ton hat als Stilmittel den Nachteil, das er sich auf die Dauer ganz besonders abnutzt, da unterscheidet sich "Jesus von Texas" nicht vom "Fänger im Roggen". Außerdem ist der Roman, obgleich sorgfältig durchkonstruiert, in seinem Mittelteil nicht ganz frei von Längen, und bei der finalen Errettung des Protagonisten hat ganz zweifelfrei der Herrn Deus ex Machina mitgeschrieben. Auf der anderen Seite ist dem Autor mit Vernon Little eine sympathische Figur geglückt, ein moderner Simplicissimus, dessen Detailbeobachtungen mitunter frappieren. Vier Punkte für einige unterhaltsame Abende mit dem einen oder anderen Gähner.

Diese Rezension fanden 19 von 21 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Jesus Maria, was ein Kracher.

Es ist schon ziemlich lange her, dass mich ein Buch derart zum Lachen gebracht hat wie „Jesus von Texas". Andererseits ist das Buch eine sehr ernste Angelegenheit. Ein Buch über die intime Tyrannei der Medien, über die Sensationslust einer gelangweilten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die nicht nur immer spektakulärere Spektakel, sondern auch einen personifizierten Sündenbock braucht, auf den die eigenen Frustrationen, Sorgen und Qualen übertragen werden können. Einen modernen Jesus (von Texas) eben. (In dieser Hinsicht hat sich seit 2000 Jahren offenbar nicht viel verändert). Somit ist Jesus nicht nur der Name des durchdrehenden Schulfreundes des Protagonisten Vernon Little. „Jesus von Texas" beschreibt m.E. auch die Rolle dieses 16-jährigen Anti-Helden, der zu Unrecht des Mordes angeklagt und von den Medien gehetzt wird und als Sündenbock herhalten muss.

Grandios geschrieben, mit vielen Ideen auf zu wenig Seiten kommt dieses Buch wie eine bitterböse Abrechnung mit einer medienverseuchten Gesellschaft daher. Ironisch, sarkastisch, urkomisch und todtraurig. Das Werk eines Autors, der offenbar auch selbst fast alles Miese der Welt gesehen und erlebt hat. Ansonsten kann man so einen Kreuzgang des 21. Jahrhunderts wohl kaum schreiben.

Diese Rezension von Thomas Liehr fanden 67 von 81 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Ein Hammer!

Im vergangenen Frühjahr quälte Elke Heidenreich Nick McDonnells "Zwölf" in

die Bestsellerlisten; die Literaturgemeinde ihrerseits quälte sich mit

diesem oberflächlichen, pubertierenden und belanglosen Roman, versuchte

das menschenmögliche, dem mageren Büchlein eines immerhin erst

Siebzehnjährigen Authentizität abzugewinnen, zog Schlüsse, mühte sich mit

politischen, sozialen, pädagogischen Vergleichen. Aber der Roman blieb,

was er ist: Ein müdes, aufgesetztes, gezwungen cooles, nihilistisches

Traktat knapp über Schulaufsatzniveau. Doch es ist Land in Sicht, dann das

Versprechen, das "Zwölf" zu geben schien, hält "Jesus von Texas" umso mehr

ein.DBC steht für "dirty, but clean" - der Autor ist kein adeliger Franzose,

sondern ein rechtschaffen abgedrehter, zweiundvierzigjähriger Amerikaner,

dessen Vita sich wie die einer Figur aus "Reservoir Dogs" liest. Pierre

a.k.a. Peter W. Finlay hat einiges auf dem Buckel, zuletzt einen schwerenAutounfall, dem eine Gesichtsoperation folgte - also Krönung, sozusagen.

Seine Vita läßt nichts aus - Filmproduzent, Schmuggler, Betrüger. Die

Einnahmen aus "Jesus von Texas" (OT: "Vernon God Little"), das den

britischen Booker-Price 2003 - verdient - gewann, sollen auch dazu dienen,

einigen der früheren Opfer Schadenersatz zu zahlen.Martirio, Texas, ist das, was man gemeinhin ein "elendes Pißnest" nennen

würde. Irgendwo in der Wüste hocken ein paar Leute aufeinander, die mehr

oder minder alle miteinander verwandt sind, die sich gegenseitig in die

Wohnzimmerfenster starren, großes Vergnügen daran haben, die kleinen

Niederlagen der anderen beobachten zu dürfen, über die neuesten Diäten

schwatzen, während sie tonnenweise Futter von "Bar-B-Chew Barn" verputzen,

auf die "Special Edition" der neuesten Kühl-Gefrier- Kombination warten,

rund um die Uhr fernsehen und ansonsten so tun, als wäre alles im Lot. Bis

Jesus, der fünfzehnjährige Outsider, seine Knarre nimmt und sechzehn

Mitschüler massakriert, schließlich auch sich selbst. Vernon Little,

bester Freund des ansonsten wenig geliebten Jesus, überlebt das Unglück,

weil ihn seine Inkontinenz dazu zwingt, im Busch ein Häufchen zu machen.

Das piefige, uramerikanische Nest wird gehörig durchgewirbelt - und Vernon

zur Zielscheibe der Medien, zum Ventil für den aufgestauten

Kleinstädterhaß, während die Bewohner ihr bestes geben, um das belanglose,

spießige Leben aufrechtzuerhalten.Der Junge mit dem "Problem", auf das seine alleinerziehende, prollige

Mutter im rechten Moment hinzuweisen weiß, eine der "offenen Wunden im

Rücken, die wir alle mit uns herumtragen", muß als Sündenbock

("Sündenlok", wie er es nennt) herhalten, weil sich der eigentliche Täter

selbst gerichtet hat, der Mob aber trotzdem Vergeltung fordert. Eine

Odyssee durch Kleinstadtknäste, stinkende Überlandbusse, die mexikanische

Grenze und reichlich skurille Nebenschauplätze beginnt, die schließlich in

der Todeszelle zu enden scheint. Vernon weiß kaum, wie ihm geschieht, bis

fast zuletzt glaubt er daran, daß die Wahrheit ans Licht kommen wird, weil

das in den Filmen, der primären Sozialisationsmaßnahme *aller* Amerikaner,

auch immer passiert. Aber er hat die Rechnung ohne die Apathie seiner

Mitbürger gemacht, die Teilnahmslosigkeit selbst seiner eigenen Mutter,

der die Worte des abgehalfterten Reporters, der sich bei ihr eingenistet

hat (Eulalito Lesdema - eine fantastische Nebenfigur), weit mehr bedeuten,

als die Unschuldsbeteuerungen des eigenen Sohnes. Vernons Spießrutenlauf

gerät zum Medienereignis, als Sahnetüpfelchen werden die Mitbürger per TED

darüber abstimmen dürfen, welcher Insasse des Todestraktes zuerst auf die

Bahre geschnallt wird. DBC Pierre bohrt intensiv in der Rückenwunde aller Amerikaner, ihrer

Selbstzufriedenheit, Arroganz, Weltfremdheit, Intoleranz, ihrer

aufgesetzten Gottesfürchtigkeit und medialen Zentrierung - und er leistet

das weitaus besser, als etwa Michael Moore mit seinen flachen,

halbsatirischen Sachbüchern, die keine sind - oder McDonnell in seinem

fadenscheinigen New Yorker Jugendidyll, dessen Figuren so glaubhaft wirken

wie die Besetzung von "Beverly Hills, 90210". Weil Pierre ein unschuldiges

Kind mitten in die gefräßige Maschinerie des Post-Prä- Bush-American Way

of Life stößt und einen Fünfzehnjährigen staunend, manchmal larmoyant,

hautpsächlich aber uramerikanischen - längst vergessenen - Idealen folgend

durch eine Szenerie stolpern läßt, aus der man ihn als Leser um jeden

Preis herausholen möchte, weil die schreiende Ungerechtigkeit, die

gnadenlose Tumbheit und die abgebrühte, hochdumme Ignoranz einfach nicht

obsiegen dürfen. Hätte man eine Knarre, würde man es Jesus gleichtun - und

das ist kein zweifelhafter Schluß, sondern eine zwingende Konsequenz.Ein mordsböses, bravouröses, atemloses, rasantes, toll geschriebenes und

brüllend komisches Buch, das an keiner Stelle das eigene "Para-Dickma"

aufgibt und ein Amerika zeichnet, das grausiger nicht sein könnte: Das

wahre Amerika eben. Ein Hammer. Kaufen, kaufen, kaufen!

Diese Rezension von Christian Bleis fanden 8 von 9 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen bitter, treffend, einfach klasse

An Ihrer Stelle würde ich mir nicht zu viele Rezensionen zu diesem Buch durchlesen, sondern das Buch schnappen und anfangen zu lesen. Es ist eine nicht nur amerikanische Gesellschaftskritik, die mit Wucht und sehr bitterem Witz geschrieben wurde. Chapeau! Unbedingt LESEN!!!!!!!

Diese Rezension von LiMBiC fanden 4 von 4 Kunden hilfreich:
1 von 5 Sternen Unwürdig.

Was soll das denn für ein scheiß Leben sein?"

In der staubigen Hitze von Central-Texas lebt Vernon Gregory Little. Auf dem ersten Blick scheint daran nichts ungewöhnliches erkennbar. Doch bedenkt man, dass sein bester Freund Jesus soeben Amok gelaufen ist und 16 Mitschüler mit sich in den Tod gerissen hat, wird schnell klar: hier laufen die Dinge anders, oder etwa nicht?

Man, dieses Buch rockt!", rezensierte der Focus. Auch die Jury des Booker-Preises war von diesem Roman überzeugt.

Treffsicherheit und Schonungslosigkeit sind nicht nur Charakerisitka, die auf den Amoklauf Jesus' zutreffen, sondern auch auf die Sprache Dbc Pierres. Dunkle Satire dominiert seinen Stil.

Obwohl von Seiten der Kritiker umjubelt und als literarische Sensation" bezeichnet, schafft es die Umsetzung des Romans als Hörbuch von RADIOROPA nur den kleinsten Teil des Buches zu übernehmen: den Text.

Wegen der bösen Satire verfolgt einen beim Lesen des Buches die ganze Zeit die Frage, ob man jetzt lachen oder Mitleid haben soll. Beim Hören dagegen taucht diese Frage gar nicht auf, weil man sich alle Mühe geben muss, den Sprecher zu verstehen. Johann König würde sagen:Das ist aber schnell geschrieben..." Vieles von dem, was das Buch groß gemacht hat - die Satire, die versteckten Botschaften, die Seitenhiebe in die Nieren der Gesellschaft - geht durch die Lesung von Martin Pfisterer verloren. Seine Intonation ist oft merkwürdig bis gewöhnungsbedürftig, einfach ausgedrückt: schlecht. Ein wohlwollender Kritiker würde dieses Hörbuch bestenfalls als eigenwillige Interpretation bezeichnen. Jeder aufrichtige Kritiker würde aber sagen:

Lesen Sie lieber das Buch!

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