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Die Genauigkeit in der Poesie, beim Sprechen und Schreiben, führt dazu, daß wir uns ständig darüber vergewissern können, ob uns, ohne daß wir passives und unreflektiertes Wortmaterial benutzen, eine Fortbewegung in unserem Denken gelungen ist, oder ob wir jedesmal wieder unbemerkt mit unseren starren, halbfertigen Gedanken über die Runden gekommen sind.' (Thomas Kunst) Thomas Kunst ist kein Neuling der Szene; 1991 erschien bei Reclam sein erster Gedichtband 'Besorg noch für das Segel die Chaussee', dem weitere Bücher folgten. Bekannt ist Kunst durch regelmäßige Abdrucke seiner Gedichte im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein neuester Gedichtband 'Was wäre ich am Fenster ohne Wale' zeigt sensible Erzählungen aus dem persönlichen Kontext. Ein lyrisches Ich berichtet: Mitteilungen wie Flaschenpost, intime Briefe - Kommunikationsversuche. Thomas Kunst wurde 1965 in Stralsund geboren und lebt heute in Leipzig. Er erhielt das Stipendium der Villa Massimo, Rom und ist aktuell Träger des F.C.Weiskopf-Preises 2004 der Akademie der Künste, Berlin. 'Die Dichtungen und lyrische Prosa Thomas Kunsts zeichnen sich durch opulente Bildphantasie, durch eine hohe Musikalität der Textkompositionen und Wortmagie aus. Dabei entsteht eine faszinierende Spannung zwischen ausgestellter Naivität und artifizieller Verdunklung. Wie kaum ein anderer in der deutschsprachigen Gegenwartsdichtung perfektioniert dieser Lyriker seit seinem Debütband 'Besorg noch für das Segel die Chaussee' (Reclam Leipzig 1991) die Kunst, prägnante thematische Durchführung, kontrapunktisch gesetzte Störfiguren und fintenreiche Materialvariation in raumgreifende Ligaturen einzubinden.' Aus der Laudatio des F.C.Weiskopf-Preises 2004
Die schartige Peripherie der LiebesgedichteGedichte, dies beweist diese Sammlung, müssen keineswegs kurz, karg und sinnlastig sein, müssen nicht knirschen im Hirn, können sehr wohl eine völlig irrationale Wärme im Leser auslösen. Im Eingangstext liefert Kunst bereits ein überzeugendes poetologisches Bekenntnis: „ ... Die Gedichte sind das eine. Die schönen, vertrockneten Gedichte, die mutwillig schönen, die niemand mehr will. Aber ich will sie. Und ich werde sie euch zurückbringen. Aber nicht nachts. Und schon gar nicht im Sommer." Diese mutwillig schönen Gedichte fügen sich bei Kunst aus einer ungeheuren Fülle an Sprachmöglichkeiten, fließen über die Zeilenenden hinweg, erzählen Kürzestgeschichten, fürchten sich keinesfalls vor den irrationalen Eckpunkten des Lebens, sondern berühren diese auf eindringliche und ungewöhnliche Art. „ Ich werde", schreibt er beispielsweise, „nie wieder mit Eichhörnchen und Schiffen unangemeldet vor deiner Haustür stehen, nie mehr, die Schiffe fühlen sich endlich wieder wohl, im Hafenbecken von Chibroskou, der blanke Süden, blaue Häuser und weiße, einzigartige Küsse ..." Die Texte entwickeln einen Sog, dem man sich, vorausgesetzt man lässt sich auf sie ein, nur schwer entziehen kann.
Zeitweise erlegt sich der Dichter selbst eine Form der Disziplinierung auf, in dem er Sonette schreibt, bei denen man das Gefühl nicht loswird, es fehle etwas, das Überbordende nämlich, das Zügellose, diese großräumige Bewegung hin zum Wesen der Dinge.
Thomas Kunst widersetzt sich auf beeindruckende Weise gängigen Trends, indem er mit allen Sinnen aus dem Vollen schöpft, fabuliert, sich lustvoll Wortschöpfungen und gewagten, ungewöhnlichen Assoziationen hingibt. Seine Gedichte treten in Wellenbewegungen über die Ufer, schaffen abenteuerliche Sinnräume, sind leidenschaftlich im Sinne des Wortes. Erhellend und gleichzeitig berührend sind ebenfalls seine Anmerkungen zu den Texten. So schreibt er dort: „Das Gedicht ... musste ich schreiben, weil ich mir sicher bin, dass es nur Liebesgedichte mit dem Rest der Welt aufnehmen können. Aber was ist schon ein Liebesgedicht gegen eine Poesie, die sich ständig rückversichern muss, ob sie in Deutschland überhaupt eine Bewandtnis haben könnte."
Thomas Kunst gehört unbestreitbar zu den interessantesten und bewegendsten Lyrikern seiner Generation.
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