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Die Moderne bietet dem Individuum vielfältige Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Weniger im Blickpunkt steht dagegen die dazu gehörende Möglichkeit des indivduellen Scheiterns. Die Beiträger dieses Sammelbandes gehen diesem 'großen Tabu der Moderne' (Sennett) aus unterschiedlichen, disziplinären Perspektiven nach.
Mit Beiträgen von Jürgen Reulecke, Martina Kessel, Sander L. Gilmann, Utz Jeggle, Rainer Pöppinghege, Andreas Bähr u. a.
von Kierkegaard bis zum Wurstmenschen ...Schon der Existenzphilosoph Sören Kierkegaard hatte angemahnt (sich seinerseits an Sokrates zurückerinnernd), es doch einmal mit Ironie zu versuchen. Kierkegaard werkelte daran, ein deutlich individuelleres Lebenskonzept zu realisieren, als es der damaligen orthodoxen Frömmigkeit und Staats- und Ehe-Treue in den Horizont kam. Heutzutage zerbrechen angesichts grassierender Arbeitslosigkeit andere Planungskonzepte: die eines lebenslang im selben Beruf komfortabel Aufgehoben-Seins. Gegenmodelle wachsen wie Pilze aus dem Boden: Orientierung von Projekt zu Projekt; Fähigkeit, Scheitern spöttisch zu nehmen und nicht wie eine Selbst-Erdrosselung zu handhaben. An früheren Generationen kann man heftig lernen: Im Buch SCHEITERN UND BIOGRAPHIE sind dem Weltkrieg 1 und 2 Entronnene vorgestellt mit den Formen ihrer schmerzhaften Identitäts-Umstellungen. Auch scheint Männer- und Frauen-Rolle immer noch unterschiedlich ausgeformt. Und angesichts eines sich ausweitenden Europas: Wie färbt die nationale Herkunft die (Nicht-)Verarbeitung eines Scheiterns? In einem streckenweise an Wladimir Kaminers Russendisko-Satire erinnernden, aber dennoch kontext-verpflichtet wissenschaftlichen Essay führt eine der 18 Autoren des Sammelbandes, Sylka Scholz, derzeit beschäftigt am Lehrstuhl "Frauenforschung" in Potsdam und am sozialwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität, zwei munter machende Beispiele an: die "Show des Scheiterns" und den "Club der Polnischen Versager". Die "Show des Scheiterns" gastierte bisher 15 mal und präsentierte insgesamt 44 Menschen, die sich mit Phasen des wesentlichen Vermurkstseins in ihrem Leben auseinandersetzten. Therapeutischer Grundgedanke: wenn man es nicht bespricht, lässt sich auch kein Abstand, keine Umorientierung, keine neue "Deutungshoheit" finden. Der "Club der Polnischen Versager" setzt sich literarisch-kabarettistisch mit dem Aufbau einer nonchalanteren Lebenseinstellung auseinander in den Zeiten des härter werdenden ökonomischen Ausgrenzungskrieges. Die erdachten, Comedy-ähnlichen, angeblich durch Gen-Versuche in Polen zustande gekommenen "Wurstmenschen" leisten vor dem zuhörenden Publikum kreative Identitätsarbeit. Sie nehmen Abstand auf zum "Erfolgsmodell Aktentasche", Abstand zum lebenslangen Gehorsam gegenüber ein und derselben Firma, Abstand zur Unterwürfigkeit bis hin zum marionettenhaften, schizophrenen Vergessen des eigenen privaten und familiären Zeitverbrauchs. Statt dessen werden "projektorientierte", sinnvolle, kunstnahe und emotionale Unversehrtheit ermöglichende Lebensstile erforscht. Diesem Thema standen Frauen immer schon aufgeschlossener gegenüber als Männer, Künstler per definitionem mehr als Versicherungsangestellte, Polen vielleicht mehr als Deutsche? Das Buch ist nicht nur streckenweise amüsant - es führt auch unweigerlich hinein in tiefgründiges Nachdenken - und hilft, im günstigen Fall, bei sinnvollen persönlichen Kurskorrekturen ...