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Mörderische Intrigen, geheime Bündnisse und unablässige Rivalitäten bestimmten das Leben hinter den Kremlmauern. Aber man feierte auch, spielte mit den Kindern und fuhr gemeinsam in die Sommerfrische ans Schwarze Meer. Stalins eisige Macht im Kreml wäre ohne seinen 'Hofstaat' nicht möglich gewesen. Unveröffentlichte Briefe, u.a. von seiner zweiten Frau Nadja, geheime Tagebücher, Notizen und Protokolle von Ministern und Beratern wie Molotow oder Beria erzählen uns in Simon Sebag Montefiores Bestseller auf höchst anschauliche Weise den Alltag am Hof des roten Zaren.
Stalin: Das Monster als Mensch wäre auch ein passender Titel für diese Biografie, mit der uns Simon Sebag Montefiore den Sowjet-Diktator vor allem als das zeigt, was die allgemeine Geschichtsschreibung bislang nur für am Rande erwähnenswert hielt: den Ehemann, Familienmenschen und Freund. Freilich: So wichtig es dem "roten Zaren" war, all seine Lieben und Mitarbeiter möglichst ständig um sich zu haben, so leicht fiel es ihm, einmal in den Verdacht der Untreue Geratene aus seiner engsten Umgebung direkt den Tod zu schicken. Für Montefiore besteht das Faszinierende am absolut Bösen darin, dass es nicht ausschließt, dass der Diktator, nachdem er im Büro noch schnell ein paar Erschießungen angeordnet hat, mit denen er sich einiger unschuldiger Störenfriede entledigt, hinüber in seine Privaträume geht, ganz so, wie ein Buchhalter nach getaner Arbeit nach Hause, um dort mit seiner Frau über Alltäglichkeiten zu plaudern oder ihr im Falle der Abwesenheit ein Liebesbriefchen zu schreiben. Schon die Überschriften mancher Kapitel lesen sich vor dem Hintergrund und der Größe der stalinschen Verbrechen, wie eine Provokation: "Eine wunderbare Zeit: Stalin und Nadja" etwa, oder: "Lustige Gesellen: Stalin und Kirow". Der frösteln machenden Faszination der Gleichzeitigkeit von scheinbarer Liebe, freundschaftlichem Mitgefühl, rasendem Hass und absoluter Gefühlskälte in ein und derselben Person kann man sich indes tatsächlich nur schwer entziehen; auch wenn man immer wieder beschlichen wird von dem Verdacht, das Grauen der stalinschen Massenmorde werde durch die Belanglosigkeit des vor uns ausgebreiteten Privaten bagatellisiert. Neben viel Lob hat der Autor nach Erscheinen der in Amerika und Großbritannien schnell zum Bestseller avancierten Originalausgabe für die Zwiespältigkeit der gewählten Perspektive eben deshalb auch Kritik einstecken müssen. Lesenswert aber ist diese außergewöhnliche, durch mehrere Fotostrecken aufgelockerte Biografie in jedem Fall! -- Andreas Vierecke
Spannender als jeder KrimiDieses umfangreiche, aber sehr kurzweilige Buch konzentriert sich, wie der Untertitel bereits nahe legt, auf die Person Stalins und die Menschen, die ihn umgaben. Der Erzählstil des Historikers Simon Sebag Montefiore ist sehr unterhaltsam, aber noch beeindruckender ist die Fülle an neuem Material, die er in jahrelanger Recherche in verschiedenen Archiven und im Gespräch mit Zeitzeugen zu Tage gefördert hat.Herausgekommen ist eine brillante Biographie Stalins, die nicht selten große Überraschungen bietet. Dabei wird das bisherige Bild des sowjetischen Despoten über Bord geworfen, der Leser bekommt eine sehr differenzierte Beschreibung der Zeit und der Umwelt Stalins geboten. Auch erfährt man eine Menge über die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Tod Stalins im Jahre 1953, eine Periode, die sonst eher im Nebel liegt.Faszinierend ist die Beschreibung der engen Kreise, die in dieser Zeit Sowjetrussland regierten, die Darstellung ihrer Flügelkämpfe und ihrer Intrigen, die nicht selten in Blutbädern endeten. Das mit Zitaten und Anekdoten vollgespickte Buch schafft es mit Leichtigkeit, den Leser über mehrere hundert Seiten zu fesseln, ohne dabei im geringsten banal zu wirken.Eine absolute Empfehlung für Menschen, die gerne politische Biographien lesen, oder sich für diese Epoche der Weltgeschichte interessieren, die der skrupellose Georgier maßgeblich mitgestaltet hat.
Erschütternd, bedrückend und beklemmendGeschichte aus der Sicht des "Red Sets" im Kreml und in seinen Datschen: Über das russische Volk in dieser Zeit erfährt man nichts ausser Hungertoten-, Inhaftierten-, Verschleppten-, Folteropfer-, Gehenkten- und Kriegstotenzahlen. Politik wird in dem Buch als ein religiöser Wahn gezeigt, dem sich die Götter des Olymps sogar dann noch bejahend unterwerfen, wenn ihre eigenen Kinder und Frauen geopfert werden. Sachliche Fehleinschätzungen und Fehlprognosen mutierten in diesem System zu strafbarem Versagen und persönlicher Schuld. Steter Devotismus und ein ständiger Kotau boten die einzige Überlebenschance. Es ist ein schauderhafter Bericht, aber das Buch macht aufmerksam und der Leser sagt sich: "Nie wieder!". Gesamturteil:Sehr lesenswert.
Stalin - Ein Schmalbrüstiges PorträtDie Stalin-Biografie von Simon Sebag Montefiori verspricht neue Einsichten zum Leben Stalins und seinem roten Hofstaat.Dieser Anspruch wird nicht erfüllt. Nicht nur bewältigt der Autor in keiner Weise das historische Material und die historische Zeit - um einen bestimmten Aspekt heraus zu arbeiten, wäre Überblick vonnöten - sondern er ergeht sich in seitenlangen Andeutungen und Behauptungen, ohne dafür je den Beweis einzulösen.
Stalin, böse, verschlagen, hinterlistig? Dann wieder humorvoll, hochintelligent, charmant?
Alles, was Sebag Montefiori bieten kann, sind Briefausschnitte, in denen der gefürchtete Diktator höflich und mäßig originell mit Freunden und Politkollegen korrespondiert. Die Diskrepanz zwischen dem "Menschen" Stalin und dem "Ungeheuer" Stalin bleibt verborgen. Vom Leser kann sie überhaupt nicht nachvollzogen werden.
Vom Material sichtlich überwältigt, gelingt es dem Autor weiters auch nicht, dem Buch einen klaren Aufbau zu geben. In Vorgriffen und Rückblenden springt er ratlos hin und her. Lebendige Begebenheiten, anschauliche Zusammenhänge fehlen, Wichtiges (zum Beispiel der verschiedenen Terrorwellen oder Hungerkrisen, politische Hinrichtungen alter Parteigenossen) wird teils unterschlagen teils nur am Rande erwähnt, als wolle sich der Autor nicht in die Niederungen primitiver Erklärungen herab lassen. Dafür wird Unwichtiges (Stalins immer ähnlich verlaufende Urlaube zum Beispiel) breit ausgewalzt. Wer mehr über Stalin erfahren will, ist mit jedem Lexikon-Artikel besser bedient. Schade um das viele Papier.
Gutes Buch, falscher TitelDieses Buch ist nicht im eigentlichen Sinn eine Stalin-Biographie und es liefert auch keinen Einblick in den Stalinismus oder die Geschichte der UdSSR zu Zeiten Stalins. Jahreszahlen sind rar gestreut, politische Hintergründe werden kaum beleuchtet. Viel mehr geht es um Terror. Terror, der perfide, willkürlich und omnipräsent ist. Terror, der von Stalin ausgeht und von Beria, Molotow und weiteren Altbolschewiken ins Land getragen wird. Also, vier Sterne für das Buch, zwei für den Titel. Wichtig noch: eine halbwegs stabile politisch-historische Vorbildung ist unerlässlich.
Grauenvoll, schauderhaft und entsetzlichEs ist Geschichte aus der Sicht des kommunistischen Red Sets im Kreml und in seinen Datschen. Das Volk spielt nur eine Rolle in Form von Zahlen (Hungertote, Verschleppte, Gefangene, Gefolterte, Gehenkte und Kriegstote). Politik wird zum religiösen Wahn und der Moloch fordert seine Menschenopfer auch in der Nomenklatura. Fehleinschätzungen und abweichende Meinungen mutieren zu strafbarem Versagen und persönlicher Schuld. Rettung gibt esin diesem System nur durch Devotismus und einen täglichen Kotau, was selbst dann noch ausgeübt wird, wenn die eigene Familie gehenkt wird. Der Götze Stalin ist ein schauriger Egomane, der die Karte des Altruisten spielt. Der Leser wird aufmerksam und fragt sich: "Wie war das alles möglich ?"