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Eine Zwischenbilanz der neueren deutsch-jüdischen Geschichte aus der Sicht der Frauen- und Geschlechtergeschichte.
Inhalt:
Paula Hyman: Jüdische Frauen in Deutschland und Russland
Simone Lässig: Religiöse Modernisierung, Geschlechterdiskurs und kulturelle Verbürgerlichung
Monika Richarz: Geschlechterhierarchie und Frauenarbeit in der jüdischen Geschichte
Claudia Prestel: Vom Mythos der jüdischen Familie
Harriet Pass Freidenreich: Die jüdische 'Neue Frau' im frühen 20. Jahrhundert
Atina Grossmann: Sexualreformerinnen im Exil
Alison Rose: Frauen, Geschlecht und Nation im österreichischen Zionismus
Ruth Abusch Magder: Kochbücher als Medien des Verbürgerlichungsprozesses
Sharon Gillerman: Mutterschaft und Eugenik in der Weimarer Republik
Martina Steer: Bertha Badt-Strauss: Biographie der Zionistin Jessie Sampter
Miriam Gebhardt: Geschlecht, Familie und Religion im Erinnerungsdiskurs der Kaiserzeit
Marion Kaplan: Memoiren als Quelle der deutsch-jüdischen Frauengeschichte
Deborah Hertz: Melancholie und Männlichkeit
Rezension:
Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hrsg.):
Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19.
und 20. Jahrhundert (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden 28). Göttingen: Wallstein Verlag 2006. ISBN 3-89244-942-2; 296 S.; EUR 24,00.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Marina Sassenberg, Duisburg
E-Mail:
Noch vor fünfzehn Jahren wäre der Titel undenkbar gewesen.
Deutsch-jüdische Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung haben seither rasante Fortschritte gemacht. Nicht ohne Widerstände haben sich beide Fachgebiete an deutschen Universitäten im Rahmen der Jüdischen Studien wie als Gender Studies etabliert, in vielerlei Hinsicht beeinflusst durch einschlägige Forschungserfahrung in den Vereinigten Staaten. Insofern lag es nahe, mit dem Abstand einer Generation deutsche und amerikanische Wissenschaftlerinnen zusammenzubringen und im Rahmen eines Workshops nach dem Stand der Forschung, ihrer Entwicklung und zukünftigen Aufgaben zu fragen. Gender in Modern Jewish History:
Rethinking Jewish Womens and Gender History lautete dementsprechend der Titel der Tagung, ausgerichtet vom Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden im Oktober 2003. Institutsleiterin Stefanie Schüler-Springorum und Kirsten Heinsohn, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts, haben Beiträge dieser Konferenz zu einem Band zusammengefasst, der einen Überblick über zentrale Themen der neueren deutsch-jüdischen Geschichte aus der Perspektive der Frauen- und Geschlechtergeschichte geben soll, wie es im Rückentext heißt.
Dreizehn Aufsätze zum Teil namhafter Wissenschaftlerinnen sind perspektivisch in vier Abschnitte gegliedert: Modernisierung aus geschlechterhistorischer Perspektive, Sozialgeschichtliche Perspektiven, Kulturgeschichtliche Perspektiven. Eine thematische Einführung der Herausgeberinnen ist den Kapiteln vorangestellt; ein Diskussionsteil bildet den Schluss.
Modernisierung ist ein Schlüsselbegriff der deutsch-jüdischen Geschichte. Die Geschichte der deutschen Juden im 19. und 20.
Jahrhundert ist zugleich die Geschichte eines jüdischen Projekts der Moderne (Shulamit Volkov), der Verbürgerlichung, des sozialen Aufstiegs. Paula Hyman und Simone Lässig stellen diesen Begriff in den Kontext der Geschlechtergeschichte. Hyman arbeitet spezifische Muster der Modernisierung bei jüdischen Frauen in Deutschland und Russland heraus. Simone Lässig stellt die Frage nach dem Verhältnis von Geschlechterdiskurs, religiöser Modernisierung (Reform) und kultureller Verbürgerlichung und bewegt sich damit auf einem noch weithin unbearbeiteten Feld. Am Beispiel des Gottesdienstes zeigt sie die schrittweise Veränderung der Geschlechterrollen im Prozess der Verbürgerlichung deutscher Juden seit Beginn der Aufklärung.
In der Sektion sozialgeschichtlicher Perspektiven zeichnet Monika Richarz ein Bild der Geschlechterhierarchie und Frauenarbeit seit der Vormoderne und beschreitet damit zugleich neue Bahnen sowohl in der deutsch-jüdischen Geschichtswissenschaft wie in den Gender Studies.
Claudia T. Prestel postuliert die jüdische Familie in der Krise anhand der jüdischen Fürsorgeerziehung der 1920er-Jahre; Harriet Pass Freidenreich greift noch einmal den Themenkomplex Die jüdische Neue Frau des frühen 20. Jahrhunderts auf; ein Beispiel für eine zentrale Etappe in der Exilforschung der 1990er-Jahre ist Atina Grossmanns Analyse der Situation von Ärztinnen im Exil nach 1933.
Den kulturhistorischen Teil leitet der Beitrag von Ruth Abusch-Magder über Kulinarische Bildung ein. Sie untersucht darin jüdische Kochbücher als Medien der Verbürgerlichung; Alison Rose befasst sich mit Schriften zionistischer Denker und deren Konzepten von Frau, Geschlecht und Nation; Sharon Gillerman fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Diskursen der jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaft um Fortpflanzung und Mutterschaft am Beispiel des Themas jüdischer Körperpolitik; Martina Steers Versuch über Bertha Badt-Strauss Biographie der Zionistin Jessie Sampter schließt diese Sektion ab.
Im Mittelpunkt des Diskussionsteils stehen die Beiträge von Miriam Gebhardt und Marion Kaplan, die unterschiedliche Sichtweisen auf die Aussagekraft autobiographischer Schriften von Frauen präsentieren.
Autobiographien, so Kaplan, seien in der deutsch-jüdischen Geschichtsforschung unverzichtbare Quellen. Die Existenz dieser Quellen sei bereits ein Wert an sich, insbesondere nach der umfassenden Zerstörung von Archiven infolge des Nationalsozialismus (S. 253). Kaplan schöpft aus langjähriger, eigener Forschungserfahrung, wenn sie eine Entwicklungslinie der historischen Frauenforschung im Kontext deutsch-jüdischer Geschichtswissenschaft nachzeichnet. Während Kaplan den Ereignisgehalt von Memoiren hervorhebt, steht bei Gebhardt der Konstruktionsgehalt im Mittelpunkt. Gebhardt wirbt für ein plurales Verständnis der Lesbarkeit autobiographischer Texte.
Mit Deborah Hertz Schlussaufsatz über Männlichkeit und Melancholie im Berlin der Biedermeierzeit rechtfertigt sich die Zuordnung der im Wesentlichen frauengeschichtlich orientierten Schrift zur Geschlechtergeschichte. Er ist zugleich ein Hinweis auf einen aktuellen Forschungstrend, denn, wie Stefanie Schüler-Springorum selbst an anderer Stelle konstatiert hat [1], die Thematik Mann/Männlichkeit ist längst ins Blickfeld der Gender Studies gerückt.
Strukturelle Schwächen des Bandes sind nicht zu übersehen: Wer in der Einleitung eine thematische Verknüpfung der äußerst heterogenen Texte erwartet bzw. eine Erläuterung der Auswahl und Zuordnung der Beiträge, wird enttäuscht. Stattdessen präsentieren die Herausgeberinnen eine Skizze ausgewählter Forschungsfelder. Die konzeptionelle Linienführung des Bandes bleibt unscharf, ebenso die Verwendung von Begriffen.
Gesprochen wird etwa von jüdischer Geschlechtergeschichte (S. 18), von
Frauen- und Geschlechtergeschichte des deutschen Judentums (S. 20) und davon, dass die Geschlechtergeschichte in der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung angekommen sei. (S. 7). Hinter solchen Begriffen stehen unterschiedliche Konzepte, die wissenschaftstheoretisch noch zu verorten und deshalb zu definieren sind. Sollte zu der geplanten Folgekonferenz ein weiterer Tagungsband erscheinen, so ließe sich hier vielleicht ansetzen. Andreas B. Kilcher[2] hat unlängst gezeigt, dass mit einer begrifflichen Positionierung auch editorische Leitlinien verbunden werden können. Letztere sollten nicht zuletzt auch die Aktualität und Originalität der Beiträge berücksichtigen.[3]
Es ist das Schicksal von Tagungsbänden, dass sie oft von Zufälligkeiten,
Zeit- und Kostenrahmen bestimmt werden. Ohne die Hintergründe zu kennen, ist in diesem Fall zu bedauern, dass auf zwei Tagungsvorträge Liliane Weissbergs Überlegungen zur Männlichkeit am Beispiel der Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und Wilhelm Fließ sowie Barbara Hahns Diagnosen der Moderne. Mensch, Frau, Jude bei Margarete Susman und Hannah Arendt verzichtet wurde. Hahn und Weissberg stehen für kreative Forschungsansätze im Gender-Diskurs der deutsch-jüdischen Geschichtsforschung.
Vielleicht war das Projekt, eine Standortbestimmung des Gender-Diskurses in der deutsch-jüdischen Geschichtswissenschaft in kompakter Form vorzunehmen, allzu ambitioniert. Dennoch sollte schon die Existenz dieser Schrift in doppelter Hinsicht als Erfolg gewertet werden: für die Gender Studies wie für die deutsch-jüdische Geschichtswissenschaft.
Anmerkungen:
[1] Schüler-Springorum, Stefanie, Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte, in: transversaal 1/2003, S. 3.
[2] Kilcher, Andreas B.; Otfried Fraisse, Lexikon jüdischer Philosophen, Stuttgart/Weimar 2003.
[3] Beides läßt der vorliegende Band vermissen: Die Aufsätze von Grossmann, Hyman und Lässig wurden komplett (Grossmann, Hyman) bzw. in großen Teilen (Lässig) bereits veröffentlicht. Die englische Originalfassung von Grossmann stammt aus dem Jahr 1995.
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Uffa Jensen
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Mehr als eine "Auch"-GeschichteDas Problem ist so alt wie die Frauenforschung selbst: Frauen in der Geschichte sind unsichtbar. Will man sie aufs historische Parkett heben, kann dies in zweierlei Weise geschehen: Man erklärt, sie hätten, neben der großen Männergeschichte, "auch" eine Geschichte; oder frau setzt sich selbst als Ausgangspunkt und behauptet, von diesem aus sei alle übrige zu beleuchten. Der erste Ansatz bedeutet, Frauen zur "allgemeinen" Geschichte hinzu zu addieren; der letztere zwingt dazu, eine ganz neue Geschichtsschreibung, neue Periodisierungen auszuarbeiten und in die "alte" einzuschreiben. Aus dieser letzten Perspektive versuchen Kirsten Heinsohn und Stefanie Schüler-Springorum als Herausgeberinnen die deutsch-jüdische Frauengeschichte neu zu deuten: Was, zum Beispiel, fragen sie, bedeutet die per se privat agierende Familie für die Bewahrung der jüdischen Tradition, welchen Anteil haben Frauen daran? Wie beteiligen sie sich an der Ausbildung einer neuen jüdischen Identität? Wo positionieren sich Frauen zwischen Tradition und Assimilierung, welche Rolle spielen die jüdischen Frauenvereine, weshalb heftet sich der Tops der "neuen Frau" der zwanziger Jahre mit Vorliebe an jüdische Frauen und welche welchen Einfluss haben intellektuelle jüdische Frauen auf das weibliche Selbstbild? Ihr Sammelband gibt eine Vielzahl von spannenden, zum Teil widersprüchlichen und streitbaren Antworten, ohne den Anspruch, die "eine" jüdische Frauengeschichte formulieren zu wollen.