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Nachdem er beim letztjährigen Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet wurde, legt Guy Helminger nun einen Band mit hochsuggestiven, raffiniert miteinander verzahnten Erzählungen vor. Das Unerwartete dringt darin subtil oder ganz schlagartig in den Alltag ein. Die Figuren stehen auf der Kippe zwischen Wahn und Wirklichkeit, reagieren unverhältnismäßig oder geraten in Situationen, die verschüttete Emotionen zutage fördern: In jedem Menschen brodelt es. Weil jedem etwas fehlt.
Ein passionierter Radfahrer hat die Marotte, unterwegs Fußgängern auf den Hinterkopf zu schlagen, und stellt einer Frau nach, die sich nach einem Unfall seiner Zutraulichkeit nicht erwehren kann - liebt er sie, bedroht er sie? Ein Mann geht in der Fußballhalbzeit Zigaretten holen -und erkennt beim Zurückkommen seine Wohnung nicht mehr wieder. Ein neu Zugezogener sorgt für Spekulationen in der Nachbarschaft - treibt er gefährliche Dinge, oder sind die immer stärker entgleisenden Mutmaßungen über ihn das eigentlich Bed
“Esst Bücher! Lest Kuchen!” so fordert der Autor auf seiner Homepage. Und so ist Helminger: er verdreht, setzt in neue Bezüge, ungewohnte Zusammenhänge, Menschen geraten in abenteuerliche Situationen, irgendetwas stimmt da nicht, irgendetwas fehlt diesen Menschen. Viele wunderbare Erzählungen, die klar machen, wie aufregend, fantasievoll und völlig verrückt Lesen sein kann. Da ist der junge Mann, der oft mit dem Fahrrad fährt und denen, die er überholt, gerne auf den Hinterkopf haut. „An sehr schönen Tagen radelte Perl nach so einem Schlag einmal um den Block und steuerte sein Opfer erneut an.“ Oder die Schauspielerin Verena, die Abend für Abend nach der Vorstellung von ein und derselben Familie am Bühnenausgang erwartet wird. „Sie haben die Maria Stuart ungefähr fünfzigmal gesehen. Immer die gleiche Inszenierung ... das ist Wahnsinn.“ Ja, genau das ist es, was man empfindet: Beklemmung, ganz langsam spürt man die Hand um den Hals, das Gefühl, das etwas zu kochen, zu gären beginnt, wuchert und wächst, sich unheimlich ausbreitet und die Explosion unvermeidbar scheint. Da ist jene Frau, die von einem jungen Mann nach einem Autounfall gerettet wird. Jeden Tag besucht er sie, trifft Vereinbarungen mit ihrem Arbeitgeber, pflanzt Blumen auf ihrem Balkon, alles gegen den ausdrücklichen Willen der hilflosen Frau. „Ich habe mir noch Urlaub genommen, solange du mich noch brauchst.“ Ein Albtraum. Böse erzählt Helminger, mit diabolischer Freude, sein Humor ist tief schwarz, mit meisterhafter Regie führt er seine Akteure aus realistischer Situation geschickt an den Rand des Wahnsinns, auf abstruses Terrain, wo Unerwartetes die heile Welt von einer Sekunde zur anderen aus Lot und Gleichgewicht bringt. Fragil ist unser Zusammenleben, schon im nächsten Moment kann gewohnter Alltag zerbrechen. Emotionen entladen sich, Aufgestautes verschafft sich Luft, der Vulkan spuckt aus tiefsten Abgründen. Filigran sind die Erzählungen, kunstvoll verbunden durch wiederaufgegriffene Szenen oder Personen, wunderbar einfallsreich Helmingers Sprache und nicht enden wollend seine variationsreiche Fantasie. Da schiebt sich die Sonne wie „eine Kugel Flüssigeisen aus dem Hochofen“ über die Dächer, der Himmel hängt über Häusern „wie ein schwarzer Topf“. „Darin war der Mond weiß und durchsichtig wie eine Lache entrahmter Milch“. --Barbara Wegmann
Der allgegenwärtige WahnsinnGuy Helminger schafft es mit seinen kurzen, miteinander verstrickten Geschichten sehr tiefgründige Einblicke in die menschliche Seelen zu gewähren. Wie oft liest man Zeitungsartikel über die unglaublichsten Taten (Mann schlachtet Internetbekannschaft zur eigenen Befriedigung, Tiere bei lebendigem Leib abgehäutet usw.). Fassungslos bleibt man bei solchen Meldungen zurück. In 'Etwas fehlt immer' begegnen wir solchen Personen und begleiten sie bei Ihren Irrwegen. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, daß die Grenzen vom 'normalen' zum abartigen Lebenswandel sehr verschwommen und für alle Menschen andere sind. Bei der Lektüre des Buches fragt man sich ob die eigene 'normale' Existenz nicht das Abnormale darstellt. Könnte man nicht selbst leicht in einen solchen Abgrund abrutschen, wenn die äußeren Vorausetzungen sich plötzlich ändern? Ein lesenswertes Buch wenn man sich drauf einläßt und bereit ist hinter die eigene Fassade zu schauen. (Jean)
Etwas fehlt immer – am Ende … das Ende.Die absonderlichen Geschichten von Guy Helminger ohne Ende erscheinen beim ersten Blick Kurzgeschichten zu sein, deren zentrale handlungstechnischen Fixpunkte, der sich lange anbahnende und weithin auswirkende dramatische Konflikt, stets Gegenstand des erzählten Ereignisses sind oder sein sollen. Doch weit gefehlt hier. Man hat eher den Eindruck, die Geschichten beginnen erst, wenn der Erzähler schon fertig ist; der Autor bleibt also in der Vorhandlung ohne Vorkehrung stecken, und sie lassen daher den Leser verwundert zurück, weil alles was kommt, wenn es spannend wird, ist das Ende. Ende des Erzählten. Eines erzählerischen Entwurfs. Keines Wurfs, sondern nur eines neuen Anfangs. Neuen Versuchs. Vielleicht aber versucht Helminger mit diesen Geschichten eine neue literarische Form zu kreieren – wie viele gibt’s denn schon? Brauchen wir noch eine? Wäre dem so, scheint mir dieser Versuch ziemlich misslungen. Oder der Leser merkt’s einfach nicht. Hat kein Gespür. Jedenfalls ist an den Geschichten zu spüren, dass in ihnen Vieles steckt, was zu entwickeln wäre, in ihnen und über sie hinaus. Was aber unterbleibt. Und zum Schluss nerven nur noch die vielen, vom Autor ausgestreuten Sonne-Mond-Licht-Schatten-Metaphern. Ein Buch, das so nicht unbedingt lesenswert ist. Schade, weil grundsätzlicher Aufbau, Duktus und Themen mir durchaus gefielen, gut waren und gut sind.