Tucholsky, Kurt

Schloß Gripsholm

Schloß Gripsholm
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Erscheinungsdatum: 2006-01
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 183
  • ISBN: 3150183901
  • EAN: 9783150183908
  • Amazon.de Verkaufsrang: 243.545
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Beschreibung von buecher.de

Eine Sommerliebe in Schweden: Kurt, Publizist und Schriftsteller, verbringt mit seiner 'Prinzessin' Lydia einen schier endlosen Sommer in Schloß Gripsholm. Als die Sängerin Billie und der Flieger Karlchen dem Paar nach Schweden folgen, sind die Turbulenzen nicht mehr aufzuhalten...

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Christian Widder fanden 14 von 18 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Der Sommer kann kommen!

Vor dem Herrn sind wir nichts (oder auch alles...), aber vor Kurt Tucholsky sind wor noch viel nichtser!

Ich lese gerade "Schloß Gripsholm" als gelbkleine Reclamausgabe und erstarre bei jedem zweiten, Quatsch bei jedem ersten Satz vor Ehrfurcht. Der geistreiche Witz, der mir da hinter jedem Wort entgegen blinzelt ist durch und durch entwaffnent. Trotz seiner 75 Jährchen auf dem Buckel sprüht diese kleine Erzählung förmlich vor Leben, Saft und Kraft. Alle Pop-Literaten auf einen Haufen haben nicht mal annähernd so viel Blut in ihren Adern, als der seelige Herr Tucholsky!

Kaufen, lesen und kurzzeitig der Welt im Ganzen zustimmen können! Und das auch noch günstig und im praktischen, unkaputtbaren Gesäßtaschenformat immer am Mann respektive der Frau. So kann der Sommer kommen...

Diese Rezension von weiser111 fanden 31 von 44 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Nachrichten aus dem Zauberparadies auf Zeit

Eine nette kleine Liebesgeschichte möchte der Verleger gern haben von Tucholsky, denn "die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können" -- schon der fiktive Briefwechsel, mit dem Tucholsky 1931 seine Sommergeschichte einleitet, ist nicht so harmlos, wie sie daherzukommen scheint. Aber keine Sorge: "Schloss Gripsholm" ist meilenweit entfernt von jedweder enervierenden Problemhuberei.

Der Erzähler Peter reist zusammen mit seiner Freundin Lydia, der "Prinzessin", für den Sommer nach Schweden und bezieht nach langwieriger Quartiersuche eine freundliche kleine Ferienwohnung in einem Nebentrakt von Schloss Gripsholm. Die beiden genießen unbeschwerte Tage, gewürzt mit pointierten Frotzeleien und klugen Überlegungen, und mit am witzigsten sind die Unterhaltungen mit den mehr oder minder Missingsch-durchsetzten Wortwechseln.

Ein Freund von Peter kommt zu Besuch, auch eine Freundin von Lydia findet sich für einige Tage ein, es kommt sogar zu einem erotischen Zwischenspiel ohne anschließende Eifersüchteleien oder sonstige Nachwirkungen. Und außerdem wird ein Kind aus einem bedrückend düsteren Kinderheim gerettet.

Die perfekte Sommergeschichte über perfekte Ferien, tatsächlich.

Tucholsky erweist sich dabei aber auch wieder einmal als scharfer Beobachter: Er erkennt z.B. den Zauber fremder Ortsnamen, "geladen mit alter Sehnsucht und bepackt mit tausend Gedankenverbindungen", doppelt so schön wie die Wirklichkeit der dahintersteckenden Orte, leider; er weist auf die sich abzeichnende Uniformität der Städte aller Länder hin; er liebt den regionalen Eigensinn des Ländlichen mit seiner "Käfersammlung von Leuten, die alle nur einmal vorkommen". Hier und noch öfter kann man einen Augenblick lang die tiefe Melancholie erkennen, die auch während der sorglosen Ferientage nicht ganz verschwunden ist. Schließlich haben sie die Kümmernisse "in der Gepäckaufbewahrungsstelle abgegeben" -- und von dort werden sie sie am Ende auch unverändert wieder abholen. Aber zunächst einmal sind sie die los.

Eine leichtfüßige und dennoch nicht oberflächliche Geschichte, eine Idylle auf Zeit, in die es nicht hineinregnet und die doch nicht kitschig ist -- dafür sorgen Tucholskys geistreicher Stil und sein lakonischer Witz, ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Aber Tucholsky wäre nicht Tucholsky, wenn er nicht auch hier, mitten hinein in die perfekte Sommergeschichte, seine treffsichere Kritik an der ganz bestimmt nicht perfekten Gegenwart außerhalb der Sommeridylle auf Zeit einfließen ließe: Nicht von ungefähr ist die verbiesterte Herrscherin über die Kinderheim-Kinder (die meisten kommen aus Deutschland) eine Deutsche, deren Tyrannei jeden Anflug von Mitgefühl und Menschlichkeit abwürgt und stattdessen Denunziation und Misstrauen fördert. Ein so versierter Autor wie Tucholsky flicht schließlich das Kinderheim-Intermezzo nicht in die Idylle ein, um Seiten zu schinden.

Unterschwellig spürt man den Unterton gleich, aber auf die Schliche kommt man dem Autor erst nach und nach. Der eigentliche Zauber dieser zeitlos scheinenden Sommergeschichte besteht nämlich gerade in ihrer von vornherein feststehenden Vergänglichkeit.

Aber egal -- den ganz besonderen Charme von "Schloss Gripsholm" macht einfach die lakonische, unpathetische und kitschfreie Sprache aus, in der Tucholsky dieses Paradies auf Zeit erschafft.

Und nun der Hinweis, dass die vorliegende Ausgabe nicht die empfehlenswerteste ist. Von all den vielen verschiedenen Ausgaben ist nämlich die billigste von Reclam auch die preiswerteste, denn deren Herausgeberin hat ganze Arbeit geleistet, und zwar informativ und klug, und vor allem ihr Nachwort, der Anmerkungsapparat mit seinen Sach-/Worterklärungen (und zwar nicht nur mit Kuriosa über die Könige Gustav den Verstopften und Adolf den Unrasierten), mit den Übersetzungen schwedischer und missing'scher Passagen und den Hinweisen auf biographische Bezüge im Roman.

Diese Rezension von Kafka fanden 11 von 15 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen schön

Tuchos "Sommergeschichte" ist ein kleines feines Büchlein, in dem man in Schweden mit netten sich liebenden Freunden verweilen darf und sich mit Ihnen am Abend einen sommerlichen Whisky genehmigt und über alles lachen darf. Man sollte nicht zuviel darüber erzählen...es einfach lesen.

Es scheint so leicht geschrieben für Tucholsky, den wir ja von einer ganz anderen Seite kennen, den des satirischen Politik- und Gesellschaftskritikers der Vorkriegs- und Kriegsgeneration. Wenn man weiß, daß Kurt Tucholsky, weil er es im NS-Regime vermutlich nicht mehr ertrug, in Schweden Selbstmord begann und nun dort in Gripsholm, wo die Sommergeschichte spielt, begraben liegt, bekommt die Geschichte noch eine ganz andere Aura. Gern würde ich dort an Tuchos Grab mal stehen, und an seinen Satz denken: Wenn du ein Grab besuchst, besuchst du nur dich selbst.

Diese Rezension von P.A. fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Wenn nur dieser Dialekt nicht wär...

Zunächsteinmal muss ich sagen dass die Geschichte die in "Schloss Gripsholm" erzählt wird, eine sehr interresante ist, nämlich die Liebesbeziehung unter einmischung von dritten (ähnlich wie "die Wahlverwandschaften")und der Kampf gegen eine unmenschliche Diktatorin eines Kinderheims.

(wer Tucholsky klennt und die Zeit um die dieses Werk geschrieben wurde, sieht die deutlichen Parallelen zwischen Frau Adriani und Adolf Hitler)

Sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist dieses Buch durchaus gelungen (die drei Sterne bekommt dieses Buch auch, weil ich es mit anderen Büchern der Literaturklassiker vergleiche, in einem anderen Kontext, würde es sicher besser wegkommen).

Die Erotik die vorallem gegen Ende aufkommt ist durchaus packend und man erfreut sich am Fall der bösen Heimaufseherin.

Was dann aber zu starkem Punktabzug führt ist dieser furchtbare Dialekt, der immer wieder (vor allem von der 'Prinzessin', deren Person ich überaus negativ finde und deren Charakter der Autor nicht gut genug herausgearbeitet hat) vorkommt, dieser Mix aus Berlinerisch (was ja noch halbwegs verständlich wäre) und Platt deutsch ist schwer verständlich und hat nichts zu suchen in hoher Literatur.

Da liest man schonmal Sätze wie:

"Da ische den Strom, da bin ich sozusagen groß gieworn! Da wohnt scha Korl Düsig un min oll Wiesendörpsch..."

Die Vielfalt der deutschen Sprache ist wohl der Hauptgrund für das benutzen der Dialekte, aber somit wird das Buch auch unvertsändlicher für alle anderen Deutschen, und die Vielfalt der Sprache kann man auch anders ausschöpfen (Goethes Faust ist das beste Beispiel).

Diese Rezension von weiser111 fanden 26 von 39 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Nachrichten aus dem Zauberparadies auf Zeit

Eine nette kleine Liebesgeschichte möchte der Verleger gern haben von Tucholsky, denn "die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können" -- schon der fiktive Briefwechsel, mit dem Tucholsky 1931 seine Sommergeschichte einleitet, ist nicht so harmlos, wie sie daherzukommen scheint. Aber keine Sorge: "Schloss Gripsholm" ist meilenweit entfernt von jedweder enervierenden Problemhuberei.

Der Erzähler Peter reist zusammen mit seiner Freundin Lydia, der "Prinzessin", für den Sommer nach Schweden und bezieht nach langwieriger Quartiersuche eine freundliche kleine Ferienwohnung in einem Nebentrakt von Schloss Gripsholm. Die beiden genießen unbeschwerte Tage, gewürzt mit pointierten Frotzeleien und klugen Überlegungen, und mit am witzigsten sind die Unterhaltungen mit den mehr oder minder Missingsch-durchsetzten Wortwechseln.

Ein Freund von Peter kommt zu Besuch, auch eine Freundin von Lydia findet sich für einige Tage ein, es kommt sogar zu einem erotischen Zwischenspiel ohne anschließende Eifersüchteleien oder sonstige Nachwirkungen. Und außerdem wird ein Kind aus einem bedrückend düsteren Kinderheim gerettet.

Die perfekte Sommergeschichte über perfekte Ferien, tatsächlich.

Tucholsky erweist sich dabei aber auch wieder einmal als scharfer Beobachter: Er erkennt z.B. den Zauber fremder Ortsnamen, "geladen mit alter Sehnsucht und bepackt mit tausend Gedankenverbindungen", doppelt so schön wie die Wirklichkeit der dahintersteckenden Orte, leider; er weist auf die sich abzeichnende Uniformität der Städte aller Länder hin; er liebt den regionalen Eigensinn des Ländlichen mit seiner "Käfersammlung von Leuten, die alle nur einmal vorkommen". Hier und noch öfter kann man einen Augenblick lang die tiefe Melancholie erkennen, die auch während der sorglosen Ferientage nicht ganz verschwunden ist. Schließlich haben sie die Kümmernisse "in der Gepäckaufbewahrungsstelle abgegeben" -- und von dort werden sie sie am Ende auch unverändert wieder abholen. Aber zunächst einmal sind sie die los.

Eine leichtfüßige und dennoch nicht oberflächliche Geschichte, eine Idylle auf Zeit, in die es nicht hineinregnet und die doch nicht kitschig ist -- dafür sorgen Tucholskys geistreicher Stil und sein lakonischer Witz, ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Aber Tucholsky wäre nicht Tucholsky, wenn er nicht auch hier, mitten hinein in die perfekte Sommergeschichte, seine treffsichere Kritik an der ganz bestimmt nicht perfekten Gegenwart außerhalb der Sommeridylle auf Zeit einfließen ließe: Nicht von ungefähr ist die verbiesterte Herrscherin über die Kinderheim-Kinder (die meisten kommen aus Deutschland) eine Deutsche, deren Tyrannei jeden Anflug von Mitgefühl und Menschlichkeit abwürgt und stattdessen Denunziation und Misstrauen fördert. Ein so versierter Autor wie Tucholsky flicht schließlich das Kinderheim-Intermezzo nicht in die Idylle ein, um Seiten zu schinden.

Unterschwellig spürt man den Unterton gleich, aber auf die Schliche kommt man dem Autor erst nach und nach. Der eigentliche Zauber dieser zeitlos scheinenden Sommergeschichte besteht nämlich gerade in ihrer von vornherein feststehenden Vergänglichkeit.

Aber egal -- den ganz besonderen Charme von "Schloss Gripsholm" macht einfach die lakonische, unpathetische und kitschfreie Sprache aus, in der Tucholsky dieses Paradies auf Zeit erschafft.

Und nun der Hinweis, dass von all den vielen verschiedenen Ausgaben die billigste von Reclam auch die preiswerteste ist, denn hier hat die Herausgeberin Sabina Becker saubere Arbeit geleistet:

Der Text folgt der Erstausgabe von 1931, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Und die editorische Notiz im Anhang verspricht, was der Anmerkungsapparat auch hält mit seinen Sach-/Worterklärungen (u.a. erfährt man hier, dass es die Könige Gustav den Verstopften und Adolf den Unrasierten tatsächlich gab!), mit den Übersetzungen schwedischer und missing'scher Passagen und den Hinweisen auf biographische Bezüge im Roman.. Ebenso überzeugend ist auch Beckers Nachwort -- nicht nur, dass es viele kluge Beobachtungen enthält, nein, mehr noch: Es lässt sich auch ohne vorheriges Germanistik-Studium lesen und sogar verstehen.

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