Karasek, Hellmuth

Auf der Flucht

Auf der Flucht
  • Verlag: Ullstein Tb
  • Erscheinungsdatum: 2006-03
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 539
  • ISBN: 3548368174
  • EAN: 9783548368177
  • Amazon.de Verkaufsrang: 262.119
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Beschreibung von buecher.de

Auf der Flucht!
Sich erinnern heißt für Hellmuth Karasek Geschichten erzählen, Geschichten, die er erlebt hat, die anderen widerfahren sind, die ihn mit Freunden und Feinden, mit Frauen und Kindern, mit Kollegen und Weggefährten aus der Kulturbranche verbinden.
Für den Elfjährigen endet die Kindheit nach einem trügerisch glänzenden Weihnachtsfest 1944 mit der Flucht aus der österreichischen Tuchstadt Bielitz an der Grenze zu Galizien. Zusammen mit der hochschwangeren Mutter und drei kleinen Geschwistern, ist er unterwegs nach Schlesien, nach Sachsen und schließlich nach Sachsen-Anhalt, wo nach Kriegsende eine neue Zeit der Ängste, Lügen und Behauptungen beginnt. Mit dem DDR-Abitur in der Tasche, studiert er in Tübingen. Frontwechsel im Kalten Krieg. Die Ziele des Heranwachsenden sind klar: Er möchte satt werden und einer Welt der wechselnden Lügen entrissen - auch für den Preis der Anpassung. Dabei wird er von der Phantasie, auch der der Bücher und des Kinos getröstet und von der

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von B. Rieger fanden 16 von 18 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Gekonnt geschrieben und zeithistorisch interessant

Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek sind als Kritiker groß geworden, aber eigentlich sind sie sehr gute Schriftsteller, die zu lange im Journalismus verhaftet geblieben sind. Ranickis "Mein Leben" ist eines der besten Bücher der letzten Jahre, zu Recht ein Bestseller, der demnächst auch verfilmt werden wird. Dass nun auch Karasek nach zahlreichen anderen Büchern - besonders erwähnenswert die Billy Wilder Biographie - sein Leben beschreibt, hat wohl auch mit diesem Erfolg zu tun, und das Buch ist auch tatsächlich erfolgreich. Immerhin gibt es jetzt schon die Taschenbuchausgabe.

Das Buch beginnt stark, ist dann recht gut, läßt nach und gerät dann ein bißchen in ein ungeordnetes Auf und Ab von Histörchen und Tratsch. Das größte Problem: Das Leben, das hier geschildert ist, ist ein schönes Leben, aber es ist nicht schön, davon zu lesen. Karasek ist ein interessanter Typ, aber sein Leben hat nicht das Kaliber Reich-Ranickis, nicht die Bedeutung dieses ungewöhnlichen, einmaligen Lebens zwischen und mit zwei Kulturen, das oft gefährdet wurde und mehrmals als Tragödie enden hätte können. Und dann noch dazu der elegante und zugleich sachliche Ton, in dem das geschildert wird, diese Zurückhaltung Ranickis, das ist schon etwas sehr Besonderes.

Karasek hhat seine Jugend weit hoffnungsvoller begonnen als sein Busenfreund, und zwar auf der Sonnenseite des Dritten Reichs, ein interessanter Aspekt, wenn man bedenkt, dass er später vor allem mit und über Juden arbeitend (Bücher über Woody Allen und Billy Wilder, die enge Zusammenarbeit mit Ranicki) Prominenz erlangt hat. Karasek wuchs als Sohn eines Nazi-Funktionärs sogar in der Gegend von Auschwitz auf - was ihm damals wohl nicht bewußt war - und bietet auf den ersten 100 Seiten einen reizvollen Einblick in die "Tätergeneration", von der er sich distanziert. Die Karaseks waren damals zum Großteil begeisterte Nazis. Hellmuth Karaseks große Leistung ist es, seine Eltern mit Liebe zu schildern und zugleich klar zu stellen, dass er diesem Umfeld geistig entwachsen ist.

Das Hauptthema des Buchs, die Flucht, hat den Autor geprägt, daher der Titel. Es sind mehrere Fluchten, die unter großen Gefahren und Bedrohungen verliefen. Davon erzählt Karasek zu wenig und zu wenig packend. Es ging von Polen nach Tschechien und von dort in die DDR und dann in den Westen. All das muss unendlich schwer gewesen sein, aber das Drama, die Gefahren und die Entbehrung sind dann schon etwas weniger interessante Lektüre, wenn auch Karasek große Sprachmacht und Witz aufwendet, diese Einblicke in eine Kindheit, wie sie jeder schon gehört hat, der Schlesier oder Sudetendeutsche dieser Generation kennt, eigen zu machen. Vielleicht hätte er den Mut haben müssen, daraus noch mehr zu machen. Andererseits ist das Thema ziemlich abgelutscht, wenn auch zeithistorisch wertvoll. Wie man 1945 in Würzburg lebte, das hat schon was für einen weit später Geborenen.

Noch mehr fällt der Spannungsbogen ab, als Karasek über Anfänge seiner Karriere schreibt. Er erwähnt oft, dass er Dramaturg oder Chefdramaturg war, aber wie man so was wird und was er gemacht hat, interessiert ihn selbst nicht mehr. Ähnlich ist es mit fast allem anderen, was Menschen für wichtig erachten. Wie machte er Karriere, wie war sein Leben, seine Erfahrungen, all das kommt gar nicht vor. Die zweite Hälfte des Buchs wirkt vielmehr wie was Zusammengestoppeltes aus verschiedenen Artikeln oder Erinnerungen und hat nicht mehr die Erzählkraft des Anfangs.

Trotzdem: Das Buch ist schon sehr gut geschrieben, und hat seine 5 Sterne verdient. Eine plastische Sprache, ein Händchen für die gepflegte Anekdote und Geschichten von einigen Personen der Zeitgeschichte - neben Billy Wilder, Woody Allen, Martin Walser auch politische Episoden, zum Beispiel die eher zufälligen Kontakte Karaseks zur Baader-Meinhof-Gruppe - machen diese Autobiographie zum Lesegenuß, wo man es bei schwächeren Autoren längst weggelegt hätte.

Und doch empfindet man als Leser ein leichtes Bedauern. Einmal fragt sich Karasek, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er früher geboren und in die Staaten ausgewandert wäre, ein Kollaborator Billy Wilders. Wenn man die nie schlechten, aber auch nie wirklich guten Stücke, Romane etc. dieses begabten Mannes ansieht, fragt sich auch der Leser, was Karasek daran gehindert hat, zu einem der großen deutschen Autoren heranzuwachsen. War er ein Vielschreiber, der sich verzettelt hat? Ein Hans Dampf in allen Gassen? Wer seine Artikel im "Spiegel" oder in der "Zeit" - nun für die "Welt" seit vielen Jahren und gern gelesen hat, weiß, dass seine Persönlichkeit weit über den Stichwortgeber Ranickis im "Literarischen Quartett" hinausgeht. Die Begabung ist da, aber es fehlt doch etwas. Eine Antwort mag in der Jugend liegen, das legt dieses Buch nahe. Und vielleicht war das Leben, das dieser Periode folgte, doch zu süß, und er verlor sich in zuvielen Rollen. Eigentlich schade. Es bleibt zu hoffen, dass Karasek im Alter zu der Ruhe und Kraft findet, die Ranicki aufbrachte, um "Mein Leben" zu schreiben, und überrascht uns noch. Ich würde das Buch jedenfalls gerne lesen.

Diese Rezension von :-) fanden 6 von 7 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Wer sich erinnert, erfindet sich noch einmal

"Ein wunderbares, großes Erinnerungsbuch", lobt Elke Heidenreich.

Hellmuth Karasek betont in einem Interview, dass er ein Geschichtenbuch über die Geschichte schreiben wollte. Und das ist seine Biographie denn auch geworden - aus seinem Leben macht er, nüchtern und selbstkritisch, eine Erzählung, die die bewegte Geschichte Deutschlands widerspiegelt.

Herkunft aus einem Nazi-Haushalt, Erziehung an einer NS-Eliteschule, Flucht in den damals sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, nach dem DDR-Abi Flucht in den Westen und Studium in Tübingen , um nur einige Stationen seines turbulenten Lebens zu nennen.

"Auf der Flucht" ist ein Selbstporträt, das einen anderen Menschen zeigt, als wir ihn vom Fernsehen her kennen.

Karaseks Buch kann man getrost neben Reich-Ranickis Autobiographie stellen, las ich kürzlich irgendwo. Und genau da habe ich es denn auch hingestellt.

2 von 5 Sternen Sieger über alles, außer die eigene Geschwätzigkeit

Wie so viele andere Literaten im fortgeschrittenen Alter wirft auch Karasek einen stolzen Blick zurück auf die eigene Biographie. Die große Zäsur im Leben, die Übersiedelung von der entstehenden DDR in die Nachkrieg-Bundesrepublik, markiert den Wendepunkt zwischen einer Mangel geprägten Kindheit und einer politschen, künstlerischen und wirtschaftlichen Freiheit, die der begabte junge Mann für sich zu nutzen weiß. Geschwätzig wird Karasek immer dann, wenn er seine zahlreichen Eroberungen beschreibt und die in den glückseligen Kontext eines enthemmten (liberalen) 68er-Aufbruchs stellt. Die sexuelle Freiheit führte wohl kurzfristig zu Stolz und Befriedigung, mündete aber bei den Protagonisten langfristig zu Ermüdung und Ernüchterung. Aus den Augen eines Senioren wirkt die Glorifizierung etwas peinlich.

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