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Zu den wichtigsten Impulsgebern einer Renaissance der Esoterik seit den siebziger Jahren gehört der neuheidnische Wicca-Kult, dessen Anhänger sich als Hexen bezeichnen. Das Selbstbild dieser 'Neuen Hexen' ist ein wild-romantisches und wild-eklektisches. Dem altüberlieferten negativen Hexenbild stellen sie ein neues gegenüber. Die Hexen seien in Wahrheit die Schamanen Europas und Anhänger einer prächristlichen oder gar prähistorischen Naturreligion, bei der es sich um Europas 'Urreligion' handele. Eine Analyse dieses Kultes zeigt jedoch, dass er weder alt ist, noch an den Schamanismus oder alte religiöse Traditionen auch nur anknüpft. Neben Idealen der postmodernen Kultur finden sich gleichermaßen höchst reaktionäre Elemente wie etwa Blut-und-Boden-Fantasien oder die Verwendung undifferenzierter Feindbilder.
Und wer das tun möchte kommt um dieses Buch nicht herum!Das Buch von O. Ohanecian stellt wohl die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit der Materie des "Wicca-Kultes" überhaupt dar. Der Autor verfährt, wie man es von Fachbüchern gewohnt ist: Einleitung mit theoretischen Grundlagen, Darstellung der Materie, Analyse des Phänomens sowie Anhang mit Material. Die Ergebnisse, zu welchen der Autor gelangt, dürften den Anhängern der Szene nicht gefallen, da durch die stringente Darlegung der Ansprüche von Wicca auf der einen Seite, und der Gegenüberstellung der Verhaltensweisen der Praktizierenden auf der anderen Seite, schnell aufgezeigt wird, das zwischen Wunsch und Wirklichkeit Welten liegen.
Weiterhin zeigt der Autor schonungslos, das das System von Wicca ein selbsreferentielles ist, d.h. das die Argumentation in der Szene meist nur Aufgrund einiger weniger Bücher (deren Aussagen nicht empirisch untermauert sind), oder aufgrund "des presönlichen Richtigkeitsgefühls" stattfindet. Das somit kein schlüssiges Weltbild zu konstruieren ist, wird von Herrn Ohanecian nicht verschwiegen (wie es sich so mancher wünschte), sonder sehr ausführlich dargestellt.
So überrascht es denn nicht, das dieses sehr gute Buch (welches ich jedem der sich mit dieser Materie beschäftigen möchte dringenst als Grundlektüre empfehle) in der Szene jetzt schon hitzig diskutiert, ja zum Teil sogar schon mit Bann belegt wurde.
Einziger Wehrmutstropfen (daher 4 Punkte) sind die doch recht häufigen Druckfehler, diese dürften aber wohl in der zweiten Auflageb (welche bestimmt kommen wird) behoben sein (womit einer 5-Sterne Rezension nichts mehr im Wege stünde)!!
Deprimierend auf den Punkt gebrachtIn diesem Buch werden sauber die philosophischen Grundlagen dargestellt und anhand einer Vielzahl zeitgenössischer Quellen, Selbstdarstellungen aus dem Internet und persönlicher Erlebnisse ein Bild geschaffen, das einfach nur deprimierend genau ist. Ich selbst, ursprünglich mal schwer begeistert von solchem Zeug, hab seit zwanzig Jahren zu Esoterikkreisen und ihren neuen Heiden und Hexen Kontakte und habe noch nie eine realistischere Darstellung gelesen. Versuche von Seiten Szeneangehöriger, dieses Buch schlecht zu machen, reden gern von persönlicher Motivierung und bringen Verschwörungstheorien ins Spiel. Solches kann man aber getrost ignorieren. Das Buch ist wirklich gut. Nur die Druckfehler stören mich ein wenig und einige Punkte hätten noch etwas ausführlicher erläutert werden können.
Wirklichkeitskonstrukt WiccaDie andauernde und kontroverse Diskussion des Buches mit dem provozierenden Titel in der Wicca-Szene beweist, wie das Aufeinandertreffen verschiedener Sichtweisen - hier die induktiv-wissenschaftliche des Ethnologen Ohanecian und dort die deduktiv-religiöse des Wicca-Kultes - zu Missverständnissen führen kann: Obwohl es so rezipiert worden ist, richtet sich Ohanecians Buch nicht gegen die Hexenszene. Es berichtet vielmehr über sie, und zwar vom Standpunkt des Radikalen Konstruktivismus, der die Frage nach Wahr oder Unwahr, richtig oder falsch als nicht beantwortbar betrachtet und sich alleine um die Viabilität, die (Über-)Lebensfähigkeit einer Wirklichkeitskonstruktion also, kümmert. In dem Ohanecian über die Wirklichkeit des Wicca berichtet, re-konstruiert er sie auf Grund der Informationen, die ihm Wicca zur Verfügung stellt; indem er sie rekonstruiert, entlarvt er die vorgefundene Konstruktion durch die Verwendung ihrer Bausteine. Die vorgefundene Konstruktion ist die der Gründerväter und -Mütter des Wicca, die Ohanecian summarisch vorstellt. Diese Konstruktion des Wicca-Kultes durch Gardner, Sanders und Crowley (um nur ein paar Namen zu nennen) ist von Anfang an eine schriftliche, publizierbare, reproduzierbare gewesen: was Wicca sei, impliziert Ohanecian, ist nachzulesen. Obwohl also Inhalte und Formalia des Kultes - das Buch der Schatten, die Organisation der Coven, die Initiationsriten, die Jahrkreisfeste - in umfangreichster Literatur mit nur sehr kleinen Abweichungen immer wieder geschrieben und beschrieben wurden (Ohanecian gibt einen Überblick) wird die Existenz eines grundlegenden, verbindenden Kanons von den Anhängern des Wicca vehement bestritten, die Idee einer gemeinsamen Grundlage oder verpflichtenden Regel vehement abgelehnt. Wicca, so der Autor, verweigere sich, wo es nicht im Buche stehe, der Definition - und dies gelte selbst für den unabdingbarsten aller Begriffe, den der „Hexe". Die Folge dieser Verweigerung sei eine intendierte Ungreifbarkeit des „Mysterienkults", die sich als Mystifikation einer inhaltlichen Leere darstelle, in welcher denn auch sein eigentliches und einziges Geheimnis bestünde. Diesem Prinzip von Konstruktion und Dekonstruktion, von Behauptung und Verleugnung folgt auch die historische (Selbst-)Verortung des Wicca: obwohl dessen Anhänger in den westlichen Industrienationen ausnahmslos, eben als Mitglieder dieser Nationen, deren weltliche und religiöse Geschichte teilen, wird von den Wicca-Anhängern mehrheitlich diese Teilhabe geleugnet. Vom fiktiven Ursprung her beheimatet in prähistorischer oder wenigstens vorchristlicher Zeit, konstruiert Wicca eine Gegenwart und Gegenwelt in einem fiktiven, zeitlosen Lebensraum fiktiver historischer, sozialer und politischer Verantwortungslosigkeit, wenn nicht Unschuld. So dient die Ablehnung des Christentums (und der anderen monotheistischen Religionen) samt seinen politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von den Hexenverbrennungen bis zur Umweltzerstörung eher der Selbstdefinition als Opfer (und damit der Exkulpierung), als dass sie auf konstruktive Kritik und Verbesserung der Verhältnisse zielte. Geschichte und Gegenwart der eigenen Gesellschaft negierend, konstruiert Wicca Wirklichkeit lediglich als Gegen-Wirklichkeit, wodurch, Ohanecian zu Folge, weder eine Ablösung von der vorgefundenen Realität gelinge, noch eine Veränderung oder gar ein alternativer Entwurf. Durch die Verleugnung der eigenen geschichtlichen Herkunft und der De-facto-Teilhabe an der industrialisierten, globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts, deren Bürger die Wicca sind, und durch die Aneignung der Geschichte(n), Religionen und der Spiritualität örtlich oder zeitlich entfernter Ethnien (Indianer, Kelten, germanische, ägyptische, griechische Pantheone) entstehen Spaltungen in der Wirklichkeitskonstruktion des Wicca, Trennungslinien zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Eine Wirklichkeitskonstruktion, die auf der Dichotomie zwischen einem positiven und einem negativen Fremden beruht, fördert jedoch spirituellen Diebstahl eher als spirituelle Entwicklung und impliziert die Gefahr der Entfremdung und Handlungsunfähigkeit, und letztens ergibt sich eine Kontradiktion im Wirklichkeitsmodell „Wicca" durch den Anspruch, „das Individuelle über das Allgemeine" zu stellen, wie Ohanecian einen Wicca-Anhänger zitiert. Dass auch und gerade dieser Anspruch, der fundamentalste im Wicca, ein paradoxer und mithin nicht einlösbar ist, ist evident: wo das Individuum sich in absolutistischer Weise die Definitionsmacht vorbehält, kann es keine tragfähige Gruppe, keine gemeinsame spirituelle Entwicklung, keine gemeinsame Wirklichkeitskonstruktion von Beständigkeit geben: die Frage nach der Viabilität des Wicca-Kultes, die der Autor am Anfang des Buches stellt, beantwortet er am Ende, gut begründet, negativ. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor eine Desillusionierung zu verarbeiten hat: seine Berichte von informellen Treffen, einem Ritual und dem Treffen europäischer Wicca (PEWC) illustrieren sowohl sein persönliches Engagement als auch seine positiven Erwartungen und schließlich seine Enttäuschung über die real existierenden Erlebnisse und (spirituellen) Ergebnisse, die eine auf Paradoxien, Negation, Mystifikation und kompensatorischem Individualismus beruhende Wirklichkeitskonstruktion zeitigen kann. Mit dem Hinweis darauf, dass Wicca als potenziell positiv-postmoderne, aber widerständige Religion, Philosophie und spirituelle Lebensweise auch andere, zukunftsfähigere und -schaffende Möglichkeiten bieten könnte, schließt der Autor sein lesenswertes Buch, das mit neuen Perspektiven und spannender Darstellung fesselt und in das der Autor sich jederzeit, sozusagen als Teil seiner eigenen Wirklichkeitskonstruktion, mit einbezieht.
Deprimierend auf den Punkt gebrachtIn diesem Buch werden sauber die philosophischen Grundlagen dargestellt und anhand einer Vielzahl zeitgenössischer Quellen, Selbstdarstellungen aus dem Internet und persönlicher Erlebnisse ein Bild geschaffen, das einfach nur deprimierend genau ist. Ich selbst, ursprünglich mal schwer begeistert von solchem Zeug, hab seit zwanzig Jahren zu Esoterikkreisen und ihren neuen Heiden und Hexen Kontakte und habe noch nie eine realistischere Darstellung gelesen. Nur die Druckfehler stören mich ein wenig und einige Punkte hätten noch etwas ausführlicher erläutert werden können.
Und wie man Hexen bestimmt erfahrt ihr dort...Das Buch von O. Ohanecian stellt wohl die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit der Materie des "Wicca-Kultes" überhaupt dar. Der Autor verfährt, wie man es von Fachbüchern gewohnt ist: Einleitung mit theoretischen Grundlagen, Darstellung der Materie, Analyse des Phänomens sowie Anhang mit Material. Die Ergebnisse, zu welchen der Autor gelangt, dürften den Anhängern der Szene nicht gefallen, da durch die stringente Darlegung der Ansprüche von Wicca auf der einen Seite, und der Gegenüberstellung der Verhaltensweisen der Praktizierenden auf der anderen Seite, schnell aufgezeigt wird, das zwischen Wunsch und Wirklichkeit Welten liegen.
Weiterhin zeigt der Autor schonungslos, das das System von Wicca ein selbsreferentielles ist, d.h. das die Argumentation in der Szene meist nur Aufgrund einiger weniger Bücher (deren Aussagen nicht empirisch untermauert sind), oder aufgrund "des presönlichen Richtigkeitsgefühls" stattfindet. Das somit kein schlüssiges Weltbild zu konstruieren ist, wird von Herrn Ohanecian nicht verschwiegen (wie es sich so mancher wünschte), sonder sehr ausführlich dargestellt.
So überrascht es denn nicht, das dieses sehr gute Buch (welches ich jedem der sich mit dieser Materie beschäftigen möchte dringenst als Grundlektüre empfehle) in der Szene jetzt schon hitzig diskutiert, ja zum Teil sogar schon mit Bann belegt wurde.
Einziger Wehrmutstropfen (daher 4 Punkte) sind die doch recht häufigen Druckfehler. Doch dies ist ein Umstand der sich in der zweiten Auflage (welche bestimmt kommen wird) ändern lässt (womit es dann wohl mit 5 Sternen zu Rezensieren ist).