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Wahn und Wirklichkeit"Obwohl die Menschen inzwischen viel mehr wissen, als in der Zeit, als die Religionen entstanden, verlieren diese Religionen ihre Kraft immer noch nicht."
Lenz ist im Jahre 1839 veröffentlicht, posthum und gilt als eines der großen Werke Büchners. Büchner, 1837 gestorben, widmet sich dem Leben des Jakob Michael R. Lenz (1751 - 1792)
Lenz, der Dichter, war ein kranker Mensch, wie man den Briefen und Stücken Goethes entnehmen kann. Büchner hat sich an dieser Krankheit und inneren Zerrissenheit Lenzes sehr orientiert, nicht zu letzt in der Auswahl des Titels. Vorlage war ein Bericht des Pfarrers Oberlin über den Dichter.
Lenz, Namensgeber und Protagonist dieser Erzählung, wird wandernd in der Natur eingeführt. Er ging durchs Gebirge und Büchners Beschreibung zeigt den offensichtlichen inneren Zustand Lenzes direkt. Oben, sprich äußerlich harmlos, normal wie die schneebedeckten Höhen, das Innere wie die Täler, zerklüftet, graues Gestein, Felsen. Lenz ging gleichgültig, "es lag ihm nichts am Weg [...], nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." Wie man dem Purzelbaum schlagenden Don Quijote als unsinnig, als ein Narr nun kannte, war für Büchner mit dieser Anspielung Lenz von gleichem Sinn. Wie Lenz so ging, "die Erde wich unter ihm, sie wurde klein" deutet sich der Realitätsverlust Lenzes wiederum an, der sich der Erde in andere Sphären entfernte. Eigentlich ging er ins Alles. Der Begriff Alles spielt bei Büchner in diesem Werk eine herausragende Rolle, da immer als Subjekt gebraucht. Der Wunsch, "Alles mit ein paar Schritten ausmessen zu können" zeigt, dass Lenz die Welt als die Seinige sieht, bzw. seine Welt des Denkens in den Vordergrund nur stellen kann. Für ihn war es so, "als ging ihm etwas nach, als müsse ihn etwas Entsetzliches erreichen, etwas das Menschen nicht ertragen können, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm."
Auf diesem Wege erreichte er den Ort, das Waldhaus und Oberlin, den Pfarrer. Und in der Pfarrstube wurde er aufgenommen und in den Gesprächen wechseln Phantasie und Realität, die Gesichter, die aus den Schatten hervortraten, beruhigten ihn, doch "er war sich selbst ein Traum" und die Gedanken die ihn hielten, hielt er fest, "es war ihm, als müsse er immer »Vater unser« sagen". Bei Oberlin blieb er, seine Schlafstatt wurde ein großer Raum einer nahe liegenden Schule. Und die Größe erschien ihm, als wenn Schatten vorbeihuschten, Schatten, die wie aus ihm entwichenes Leben waren, so dass er starr wurde. Und so fühlte er Gott eingekehrt in ihm, so als wenn dieser ihm Lose in die Tasche gab, der Text darauf sein Leben zu bestimmen schien, mit einem Glauben eines ewigen Himmels im Leben, als Sein in Gott. Vergnügt, Aufgabe und Ziel zu erkennen als er predigen durfte, wurde Lenz ruhig und gelassen. Seine Schmerzen in einem Starrkrampf nahm er beinahe mit Lust. Verfiel in Angst, ängstliche Träume und las in der Apokalypse.
Als Gegenstück dieser schweren Welt und Zäsur in der Handlung ist das Erscheinen des Herrn Kaufmann, der den Idealismus beschwört, der seine Philosophie zu der umgewandelten Theodizee macht, im Idealismus die beste aller möglichen Welten zu offenbaren. Doch Büchners Kritik am Idealismus wird spätestens da deutlich, wo er diesen als "die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur" bezeichnete. Kaufmann fordert Lenz auf sich ein Ziel zu stecken, so wie Shakespeare Hamlet sagen lässt, dass derjenige der seine Gottesgaben der Vernunft nicht nutzt, einem Tier gleich kommt. Lenz wendet sich angewidert ab. Er wird damit von Büchner als eigenständiger Mensch von Fleisch und Blut dargestellt, nicht nur als Holzpuppe, wie man anfangs glauben mochte.
Büchner verfolgt mit der Erzählung die Begegnung des Innen und Außen. Konzentrierte Innenansichten begegnen den Leser über die Sätze wie "Es ist ihm als ...", "Es war ihm als ..." Hier vermischt sich die Außenwelt in der Umdeutung oder fraglichen Realität mit der im Subjekt bereits veränderten Innenwelt. Büchner beschreibt das Wahre wie das Ganze gem. Hegel, das Hässliche wird nicht dem Schönen erspart, sondern beides ist Teil des Lebens. Damit ist er, obwohl in der Tradition und Zeit des Idealismus und Naturalismus eines Eichendorffs gänzlich anders positioniert. Leben wird im wirklich realen dargestellt, ohne Verklärung wie es vielleicht bei Fontane noch zu finden ist. Seine Kritik an der Kirche lässt er nur indirekt verlauten. Er möchte nicht in den direkten Strudel einer möglichen Feindschaft gezogen werden, sodass der Wahnsinnige sich kritisch äußert, dem man es qua mentaler Beschaffenheit gleichzeitig verzeihen muss. "Und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fasste ihn ganz sicher und ruhig fest."
Büchner lebt in der Zeit der Postaufklärung. Das Gottesbild hat sich gewandelt, die Kenntnisse der Naturwissenschaften sind deutlich verbessert. Das Eingangs erwähnte Zitat hätte gut aus dieser Zeit stammen können, letztendlich ist es gültig in jeder Zeit. Es stammt jedoch aus dem Jahre 2004 von Martin Walser. (Die Verwaltung des Nichts)
Entgrenzung und WeltwerdungDie Titelfigur Lenz, die auf Jakob Michael Reinhold Lenz verweist, befindet sich zum Beginn der Geschichte auf Wanderschaft. Er ist auf dem Weg zu einem Pfarrer, der laut Hörensagen in der Lage sein soll dem Protagonisten zu helfen, da dieser psychische Probleme hat. Für kurze Zeit scheint er auch gefestigt zu sein, er hält sogar eine bewegende Messe, jedoch scheint ihm etwas zu fehlen. Als Kaufmann, ein Freund, ihn besuchen kommt und von seinen Vater ausrichtet, dass er zurückkommen möge, wehrt Lenz heftig ab. Der Pfarrer begleitet anschließend Kaufmann in die Schweiz, während Lenz alleine zurückbleibt. Er versucht zwar durch Spaziergänge sich abzulenken, erfährt aber wieder neue Unruhe, als er ein krankes Mädchen in einer Hütte findet. Seine Unruhe verstärkt sich wieder. Bei einem erneuten Besuch liegt das Mädchen tot auf dem Bett und er irrt anschließend darauf durch die Nacht und badet in einem kalten Brunnen.
Den Tag darauf klagt er über Langeweile und möchte zuerst nicht vom Bett aufstehen, später stürzt er sich aus dem Fenster, wobei sein Arm verrenkt wird. Der Pfarrer lässt ihn nun bewachen. Lenz lässt sich jedoch nicht beruhigen und stürzt sich abermals aus dem Fenster, sodass der Pfarrer keine andere Möglichkeit sieht, als ihn abzutransportieren. Büchner zeichnet die Natur als ein Spiegelbild des Protagonisten: „Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.“ Bereits bei diesen einführenden Sätzen kann man erahnen, dass der Geisteszustand von Lenz ebenso offen und ersichtlich daliegen, wie die Täler; die grünen Flächen, Felsen und Tannen. Man verharrt nicht an der Oberfläche, sondern dringt sofort in die Psyche der Figur ein. So wie alles unbedeckte sich von Lenz betrachten lässt, ist er der mikroskopischen Betrachtung des Lesers ausgeliefert. Die Natur ist dem Innenleben des Protagonisten ist ein Spiegel, jeder Gemütsveränderung schlägt sich auf natürliche Phänomene nieder. „Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht - und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.“ Lenz fühlte sich ebenso. Und der Verlauf der Geschichte zeigt den kontinuierlichen Verlust von Realitätswahrnehmung. Der Protagonist verliert sich immer mehr und steuert auf völligen Fatalismus zu. Dies scheint auch das Ende der Geschichte zu bestätigen: „Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er that Alles wie es die Andern thaten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine nothwendige Last. - - So lebte er hin."Eine Geschichte die von unveränderlichen Begebenheiten, wie die Natur beginnt und auch wieder darin mündet: in das Unveränderliche. Fatum, das Schicksal ist nun mal vorherbestimmt und es gibt keine Möglichkeit, dem zu entrinnen. Die Figuren scheinen im Text blass im Gegensatz zu den ausführlichen Beschreibungen der Psyche und der Natur. Der Autor hätte zwar zum Kontrast der Lenzschen Psyche andere Figuren noch farbenreicher erscheinen lassen können, da diese im Text nicht den Stellenwert erreichen können, den sie eigentlich haben müssten.Die Hauptfigur scheint alle angesteckt zu haben und Büchner schreibt somit dem Schicksal tatsächliche Unabänderlichkeit zu. Das Schicksal kann man nicht ändern, man kann nur damit Leben. Es bleibt zu hoffen, dass wir nicht alle nur mehr so hin Leben.
Nicht überzeugendes HörbuchZu dem genialen Text noch etwas zu sagen, hieße Eulen nach Athen tragen, daher beschränke ich mich auf Gestaltung und Ausführung des Hörbuches.Der 74-minütige Text ist in sieben Tracks á 10 Minuten unterteilt; dies erleichtert das erneute Anwählen bestimmter Passagen oder die Fortsetzung des Hörens nach einer Unterbrechung & ist leider schon das Beste, was ich über die CD sagen kann.Der tief bewegende Text wird auf eine merkwürdig anmutende Weise emotionslos gelesen. Nun ist nicht jeder Vortragende ein Klaus Kinski oder Oskar Werner, aber diese Lesung ist zu keinem Zeitpunkt eine überzeugende Alternative zum selbst lesen.
Anschauliche Pathogenese oder Der Beginn der ModerneGeorg Büchner zeigt in seiner fragmentarisch überlieferten Novelle 'Lenz' den Ausbruch einer Krankheit - dies aber nicht in dokumentarischer Form, sondern anhand der poetisch gestalteten Wanderung seines Protagonisten Lenz durch die winterlich geprägte Landschaft der Vogesen. Der Leser wird Zeuge einer bedrückenden Pathogenese. Als Quelle dient Büchner ein Bericht des Pfarrers Oberlin, in der dieser den Aufenthalt des Sturm-und-Drang-Dichters J.M.R. Lenz im elsässischen Waldersbach im Januar des Jahres 1778 detailliert beschreibt. Büchner verdichtet die Ereignisse und eröffnet somit eine ganz eigene Welt. Mit jedem Schritt des Protagonisten Lenz dringt der Leser tiefer in dessen Seele ein - wir durchwandern eine Seelenlandschaft, eine Welt, wie sie von einer gefährdeten Natur wahrgenommen wird. Alles lebt, der hypersensible Wanderer spürt jede Regung der Natur, besser gesagt, er sieht seine Schwingungen in der Natur. Die Stille wird zum unerträglichen Lärm, alles ist träg, schwer, feucht und plump - und jede Beschreibung der Natur ist zugleich eine Beschreibung der Befindlichkeit Lenzens. In sogenannten Naturparallelismen evoziert der Dichter neben der greifbaren Welt einer unbehaglichen Gebirgslandschaft auch die innere Welt seines Wanderers. Und der Leser ahnt, dass hinter diesem Menschen "der Wahnsinn auf Rossen" herjagt. Die Episoden, die Büchner zumeist nur andeutet, sind oft eindringlicher als diejenigen eines Romanciers. Die Versuche der Selbstzerstörung, hinter denen der Versuch der Auflösung einer als unerträglich empfundenen Individuation steht, die Suizidversuche, der Versuch einer Totenheilung - all dies lässt den Leser dicht an die Seele dieser armseligen Kreatur rücken. Und schließlich ist die Frage der Theodizee in der Literatur kaum eindringlicher gestellt worden. Ein Werk, in das Büchner sein medizinisches Wissen eingebracht hat, zudem seine poetologischen Überzeugungen, vor allem aber eine unvergessliche Seelenwanderung und ein Werk, das den Beginn der Moderne markiert: und dies sowohl aufgrund seiner gedanklichen Tiefe als auch aufgrund seiner sprachlichen Dichte.
Manchmal möchte man gerne auf dem Kopf gehenGeorg Büchners kurze Erzählung „Lenz" ist ein sehr beeindruckendes Stück deutsche Prosa aus dem frühen 19. Jahrhundert.Als Vorlage für Büchners Erzählung diente ein Bericht des elsässischen Pfarrers Oberlin, der im späten 19. Jahrhundert in seinem kleinen Dorf in den Vogesen Besuch von einem jungen Dichter erhielt: Jakob Michael Reinhold Lenz, ein Vertreter des Sturm und Drang, befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Lebenskrise. Als Dichter konnte er materiell nicht existieren, als Pfarrer wollte er nicht arbeiten und zudem war er unglücklich in Goethes „abgelegte" elsässische Bekanntschaft Friederike („des Pfarrers Töchterlein") verliebt.
Diese Lebenskrise verdichtet sich bei Lenz zu einer psychischen Krise mit absonderlichen und auffälligen Verhaltensweisen (er badet nackt bei Minustemperaturen in einem Brunnen, er stürzt sich kopfüber aus einem Zimmer im ersten Stock, er versucht ein totes Mädchen wieder zum Leben zu erwecken, usw.). Oberlin verfasst eine sehr anschauliche Beschreibung dieser Verhaltensauffälligkeiten bei Lenz - als Büchner in seinem Straßburger Exil ca. 30 Jahre später dieser Bericht in die Hände fällt, arbeitet er ihn zu einer kurzen Erzählung um, in der Lenz' psychische Probleme sich in der Beschreibung der Landschaft bzw. der Natureindrücke widerspiegeln.
Lenz bedauert es „nicht auf dem Kopf gehen zu können", der `Wahnsinn jagt ihn auf Rossen` und wenn er sich von seinen Nervenkrisen beruhigt, dann erschlafft er und „lebt so hin" - ein Meisterwerk deutscher Sprache.
Brockhaus-1911: Buchner [2] · Büchner · Buchner · Lenz [3] · Lenz [2] · Lenz
DamenConvLex-1834: Lenz, Madame · Lenz, Auguste
Herder-1854: Büchner · Buchner · Lenz [3] · Lenz [2] · Lenz [1]
Meyers-1905: Büchner · Buchner · Lenz [2] · Lenz [1]
Pagel-1901: Buchner, Ernst · Buchner, Max · Buchner, Ludwig Andreas · Buchner, Hans Ernst August · Büchner, Ludwig
Pataky-1898: Büchner, Luise · Büchner, Louise
Pierer-1857: Büchner · Buchner · Lenz [3] · Lenz [2] · Lenz [1]
Schmidt-1902: Büchner, Johann Carl Friedrich · Buchner, Carl Christian