Shepard, Lucius

Ein Handbuch amerikanischer Gebete

Ein Handbuch amerikanischer Gebete
  • Verlag: Edition Phantasia
  • Erscheinungsdatum: 2006-08
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 250
  • ISBN: 3937897194
  • EAN: 9783937897196
  • Amazon.de Verkaufsrang: 844.812
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Beschreibung von buecher.de

Als Wardlin Stuart bei einem Streit in einer Bar einen Mann erschlägt, wird er wegen Totschlags angeklagt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Während er diese Haftstrafe absitzt, geht eine seltsame Veränderung mit dem Mann vor. Er beginnt damit, Gebete niederzuschreiben, die an keinen bestimmten Gott gerichtet sind, und zu seinem großen Erstaunen muß er feststellen, daß diese Gebete tatsächlich in Erfüllung gehen. Es dauert nicht lange, da gilt Stuart als bedeutender Schamane und verläßt das Gefängnis als eine landesweite Berühmtheit. Doch dieser Ruhm bringt ihn in Konflikt mit einem fundamentalistischen christlichen Priester und währen die beiden ihren Kampf ausfechten, scheint es, als würde der Gott, zu dem Stuart betete, leibhaftig auf Erden wandeln.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Bernhard Horwatitsch fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Freud meets Faust

Lucius Shepard nahm sich in seinem Handbuch amerikanischer Gebete den Fauststoff vor. Dieser Stoff ist der wohl am meisten verbreitete literarische Stoff in Europa. Der Teufelspakt des Johann Faust hat seine Vorgänger in der Antike: Prometheus, Pygmalion kurz, Figuren, die sich gegen die Götter auflehnen. Shepards moderner Faust heißt Wardlin Stuart. Und dieser Stuart schreibt Gebete, mit deren Hilfe er die Geschicke der Menschen manipuliert. Dies macht ihn zu einer Berühmtheit. Aber in einer Welt des anything goes gibt es keine Götter mehr, die dem Treiben eines Wardlin Stuart Einhalt gebieten könnten. Ersatz für den Olymp (oder die Hölle) ist der Erfolg.

Lucius Shepard erzählt schnörkellos, verständlich, sprachlich eher konservativ, aber er schafft es, so zu erzählen, dass einem stets die Fallhöhe seines Protagonisten bewusst bleibt. Shepard erzählt vom Vanity fair des modernen Faust, eines naiven Faust, umgeben von einer ganzen Armada von Mephistopheles. Dem Helden des Romans entgleitet zunehmend die Kontrolle. Ist das Geschriebene wahrer, als das Erlebte? Ist das, woran wir uns zu erinnern glauben, ist das, von dem wir glauben das bin ich, nichts als eine willkürliche Rekonstruktion, ein halbwegs stimmiges Bild, nur entworfen, um nicht den Verstand zu verlieren?

Wenn Menschen auf Taten zurückblicken, für die sie sich schämen, und sagen, es müsse eine andere Person gewesen sein, die das alles getan hat, und sie hätten keine Ahnung, wer diese Person gewesen sei, dann wollen sie damit eigentlich sagen, auch wenn sie es vielleicht selbst gar nicht wissen, dass sie diese Person doch kennen und nicht wissen, wer sie jetzt sind. Dieser erste Satz des Icherzählers Wardlin Stuart deutet es an: Freud meets Faust. Selbstfindung wird zur Manipulation, man findet nicht sich selbst, man erfindet sich selbst.

Shepard hat einen gut erzählten Roman geschrieben, der den Finger auf die Wunde der modernen Welt legt, dieses Missverständnis, alles sei möglich. Und Shepard zeigt, was geschieht, wenn alles möglich wird: Man verliert seine Identität.

In Amerika ist Lucius Shepard bekannt, in Europa sollte er bekannter sein.

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