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Auf den Schultern eines Riesen: Ryszard Kapuscinski reist mit dem ersten Reporter der Menschheitsgeschichte um die Welt. Schon immer war er von ihm fasziniert. Und bis heute ist er für ihn der Größte. Wann und wohin auch immer Ryszard Kapuscinski unterwegs war, Herodot war dabei. Dabei war es anfangs gar nicht so leicht, an ein Exemplar von dessen Historien zu kommen, denn in Polen gab es keine Übersetzung davon. Und als die fertig vorlag, durfte sie nicht gedruckt werden: Stalin lag im Sterben und das jahrtausendealte Buch erzählt mindestens ebenso viel vom Zerfall wie von der Schaffung riesiger Reiche, ebenso erschütternd vom Sturz der Mächtigen wie von ihrem Aufstieg. Erst 1954 kam der junge Ryszard Kapuscinski mit dem Buch in Berührung, und es erwies sich als Erleuchtung. Da war einer, von Neugier und Wissensdurst getrieben, aufgebrochen, die Grenzen der bekannten Welt auszuloten, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, oder sich wenigstens von Augenzeugen berichten zu lassen, was sich auf der Welt zugetragen hat. Herodot war kein Händler, Spion, Diplomat oder Tourist, sondern, wie später auch Ryszard Kapuscinski, Reporter, Anthropologe, Ethnograph und Schriftsteller.
Ryszard Kapuscinski erzählt, wie er mit Herodot nach Afrika, Asien und in Europa reist, was er an den Stellen findet, von denen einst der alte Grieche schrieb, welche Konflikte von heute ihre Wurzeln schon damals hatten und wie die Überlieferung menschlicher Geschichte funktioniert.
Gehört unter Artenschutz gestellt ...Von Herodot erzählt Ryszard Kapuscinski, beziehungsweise von Frau Professor Biezuiska-Malowist, die in Warschau an der Fakultät für Geschichte vor gänzlich unbelesenen und ungebildeten jungen Studentinnen und Studenten aus entlegenen Dörfern und kleinen Städten sich im Jahre 1951 abmühte, Interesse an einer kultivierten Form des Aufschreibens zu wecken. Für mich war das im altsprachlichen Gymnasium zu Arnsberg 1958 damals der Griechisch-Lehrer "Bimbo" Becker, der wie eine tägliche Meditationsübung Thukydides und Herodot, Tacitus und Vergil vorlegte und streng auf korrekte Übersetzung achtete. Später, beim Studium in Münster 1968, wirkten auf mich der Germanistik-Professor Ter-Nedden (mit seinem Seminar "Aufschreibung in Trient") und die Soziologie Dozentin Abu-Khalil (mit ihrem Seminar "Leitbilder des gegenwärtigen deutschen Familienlebens" - es war sehr interessant, dies aus indischer Perspektive in meinen kleinstädtischen Horizont hineingebeamt zu bekommen). Der Pole Ryszard Kapuscinski war trotz ihn umgebender kommunistischer Enge (man denke an die Leiden des Stanislaw Jerzy Lec oder an die aufstöhnenden Erinnerungen des Roman Polanski) - Kapuscinski war - vielleicht vergleichbar unserem Marcel Reich-Ranicki - offen und wissensdurstig und lernte damals viel Wichtigeres als nur Fakten: Er übernahm einen Stil des Aufnehmens, Wahrnehmens, Wiedergebens. Unser Talk-Show-King und Arabien- und Indochina-Kenner Peter Scholl-Latour fühlte sich von Tacitus beeindruckt, auch vom Tonfall des Montaigne. Ryszard Kapuscinski ist seine direkte polnische Entsprechung. Nein. Eigentlich nicht. Er jagt nicht wie ein Hans Dampf in allen Gassen von Talkshow zu Talkshow, von TV-Station zu TV-Station - er zieht die "My home is my castle-Atmosphäre" des konzentrierten, schriftstellerischen Aufbereitens der Medienhektik vor. "Wenn man die Menschen doch lehrte, WIE sie denken sollen, und nicht ewighin, WAS sie denken sollen!" hatte der am Zeitgenossen KANT sich orientierende Georg Christoph Lichtenberg einst notiert. Und erst recht in den Zeiten des Kulturkampfes zwischen den Kontinenten tut es einmal sehr gut, sich in die Zeilen eines Menschen zu vertiefen, der noch Ruhe und Lebensstil genug besaß, geduldig andere Kontinente zu bereisen und zu befragen - und anschließend ohne Theatralik das Begriffene nur optimal niederzuschreiben. Aus der Arbeit des Ryszard Kapuscinski ziehen wir nicht nur interessante Informationen - es sind auch Nachrichten aus einem Lebensstil, der unter Artenschutz gestellt werden müsste wie manch aussterbende Tierart.
Anleitung zur ReportageAls der polnische Reporter Ryszard Kapuscinski erstmals aufbrach, um "Grenzen zu überschreiten", gab ihm die Chefredakteurin des "Sztandar Mlodych" (Jugendfahne), in deren Auftrag er Ende der 50er Jahre aus Indien berichten sollte, ein Buch mit auf den Weg: HERODOT HISTORIEN. Fortan wurde das Buch wie die Zahnbürste zum fixen Reiseutensil. Er tauchte in eine ihm völlig fremde Welt ein und Herodot wurde zum Reiseführer. Es ging fürs Erste nicht darum, was geschildert wird, sondern wie man vorgeht um etwas, von dem man zunächst nichts weiss, zu erkunden und zu beschreiben. Herodot, der im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebte, half, denn er verfügte über die Voraussetzungen und bediente sich der Grundsätze, die für eine Reportage und für Geschichtsschreibung noch heute gelten: Neugier, Hinsehen- und -hören, Quellenwahl, Quellenprüfung, schliesslich dem eigenen Urteil vertrauen. Dazu benötigt man allerdings viel Zeit, die man heute, in der die Medien weitgehend zu reinen, quoten- und damit geldgenerierenden Unterhaltungs- und Belustigungsmaschinen verkommen, nicht mehr hat. Der Schnee von gestern schmilzt rasch. Kapuscinski , der selber in Zeiten journalistischen Durchfalls zum Fossil geworden ist, verwebt die eigenen Texte mit jenen Herodots und führt also das Verfahren vor. Er tut dies allerdings, indem er selber kritische Zwiesprache mit seinem alten Freund hält und versucht die Lücken, die Herodot hinterlässt, mit eigener Vorstellung aufzufüllen. Das geht oft soweit, dass Kapuscinski, der selbst oft genug in schwierige Situationen gerät, dann zum Buch greift, weil Herodots Geschichten ihn nicht mehr loslassen. Der Schweiss, vielleicht gar Angstschweiss, der ihm, in einer schäbigen, muffigen, feuchtheissen afrikanischen Unterkunft, erschöpft auf seiner Pritsche liegend, aus allen Poren dringt, tropft auf die zerlesenen Seiten seines zerfallenden Buches. Wir aber haben die Möglichkeit zu einer Neuausgabe von Herodots Texten zu greifen. Dieses Buch macht Lust hierzu.
FantastischDie ist eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Ryszard Kapuscinski gelingt etwas Unglaubliches: Er schreibt seine eigene Biographie, verwebt diese mit den Historien Herodots, der für Kapuscinski der erste Reiseberichterstatter der Geschichte ist, und ganz nebenbei werden ferne Länder und die wesentlichsten Konfliktherde des 20. Jahrhunderts nach dem 2. Weltkrieg in einer Weise beschrieben, die nur "literarisch" genannt werden kann. Unnachamlich die Beschreibung einer nächtlichen Fahrt im Sudan, locker und elegant alle anderen Schilderungen. Immer zur rechten Zeit brilliante Einschübe über Herodots Leben und Reisen. Martin Pollacks Übersetzung ist von unglaublicher Qualität. Ein weises Buch, ein Autor der sich selbst nicht zu wichtig nimmt und sich im Laufe seines Reporterlebens zu einem Literaten entwickelt hat. Dazu liest sich dieses Buch unglaublich leicht, spannend, kurzweilig, keine einzige Seite ist überflüssig oder zäh. Sehr zu empfehlen!!!!
Die Aufhebung der ZeitRichard Kapuscinski hat schon mit dem 'Fußballkrieg' bewiesen, daß er sich in Menschen und Situationen - hier unvergleichlich in Soldaten bei ihrem ersten Einsatz an der Front - hineindenken und dies hautnah schildern kann. In den 'Reisen mit Herodot' versetzt er uns zweieinhalb Jahrtausende zurück, bleibt aber gleichzeitig in der Gegenwart. Es gelingt ihm, die Zeit aufzuheben, Herodot als den Erfinder der Reportage in Bezug zu dem Reporter des 20. Jahrhunderts zu setzen und aufzuzeigen, wie Geschichte weiter fortwirkt und sich in der Gegenwart manifestiert, aber auch, wie Geschichte geschrieben wird: Tatsachen, subjektive Emfindungen und Mythen vermischen sich untrennbar und bilden das, was wir dann "Geschichte" nennen.
Wenn man dem Buch etwas vorwerfen kann, dann nur das, daß es ein kleines bißchen redundant ist. Man merkt ihm die Handschrift des Reporters an, der für Zeitungen schreibt und mit der Vergeßlichkeit der Leser rechnen muß. Aber das wird wieder wett gemacht durch den brillanten Erzählstil und die durch und durch ehrliche Grundhaltung des Autors.
Ein glänzendes und sehr empfehlenswertes Buch. Es wäre, gerade wegen seiner unterhaltsamen Art, eine gute Grundlage für den Geschichtsunterricht an Schulen.
Anrührend und intensivEin ganz und gar wunderbares Buch: Einer des besten Reporter weltweit beschreibt seine anhaltende faszination für Herodot - und tu das, indem er Geschichten aus seinem eigenen Reporterleben mit denen von Herodots Reisen zusammenwebt. Meisterhaft! Eines des besten Reise- und Welterklärungsbücher, die es gibt!
Adelung-1793: Reißen · Reisen · Heim reisen
Brockhaus-1837: Herodot · Reisen
Brockhaus-1911: Herodot · Reisen [2] · Reisen · Meine Tante, deine Tante
Meyers-1905: Reisen [1] · Reisen [2] · Reißen · Gullivers Reisen · Meine Tante, deine Tante
Pierer-1857: Reißen [2] · Sophiens Reisen · Reisen · Reißen [1]