Memorial/ Heinrich-Böll-Stiftung Klaus Bednarz (Vorwort), Ralf Fücks (Vorwort), Gesellschaft Memorial (Herausgeber), Heinrich-Böll-Stiftung (Herausgeber), Irina Scherbakowa (Vorwort), Grigori Schwedow (Vorwort), Susanne Scholl (Übersetzer), Anja Lutter

Zu wissen, dass du noch lebst

Zu wissen, dass du noch lebst
  • Verlag: Aufbau Tb
  • Erscheinungsdatum: 2006-04
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 265
  • ISBN: 3746670551
  • EAN: 9783746670553
  • Amazon.de Verkaufsrang: 408.307
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Beschreibung von buecher.de

Alltag in einem vergessenen Krieg
Geschichten vom Überleben im jahrzehntelangen absurden und grausamen Tschetschenien-Konflikt. Schüler schildern bewegende Schicksale von Müttern und Vätern, Kindern und Greisen. Sie lassen sich die Hoffnung auf Frieden und den Glauben an die Würde des Menschen nicht rauben.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Frodo fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Erschütternder Bericht aus dem Krisengebiet Tschetschenien

"Heimat, Haus, Straße, Familie und Freunde. Für viele meiner Altersgenossen, zumindest für die, die außerhalb unserer Republik leben, sind das ganz alltägliche Worte. Aber für mich und für Tausende meiner Mitbürger, die wir in Tschetschenien leben, haben sie eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ich habe den wahren Sinn dieser Worte begriffen und gelernt, das zu schätzen, ohne das man als Mensch nicht existiert und keine Zukunft hat - das, was einem nah und vertraut ist. Ich habe gelernt, besorgt auf die Uhr zu schauen, wenn sich meine Freunde oder Verwandten verspäten. Mich darüber zu freuen, dass meine Eltern, unsere Nachbarn, einfach alle Menschen, die hier in Tschetschenien leben und die nach all den Schrecken des Krieges, nach Zerstörung, Leid und Verlusten das Lachen nicht verlernt haben, immer noch Kinder aufziehen und an das Gute glauben..."

Mit diesen Worten beginnt der erste von insgesamt 21 Wettbewerbsbeiträgen zu dem von der russischen NGO und Menschenrechtsorganisation MEMORIAL ausgeschriebenem Wettbewerb "Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert." Die in diesem Band gesammelten Beiträge, die alle prämiert wurden, stammen von einer bestimmten und damit auch besonderen Gruppe Teilnehmer : von Schülern und Studenten aus Tschetschenien. Anschaulich, erschütternd und ohne Beschönigung berichten diese jungen Leute, in was für einem schrecklichen Umfeld sie aufwachsen, wie schlimm sich ihr Alltag gestaltet, oder welch ergreifende Schicksale ihre Familien erleiden mussten.

Man muss dazu sagen, dass sich Russland selbst heute noch im Bezug auf Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung der Kriegsgeschichte in etwa dort befindet, wo Deutschland zu Beginn der 60er Jahre stand. Staatliche Archive bleiben der Bevölkerung verschlossen, in den von der Regierung kontrollierten Medien sucht man vergebens nach Berichten oder Dokumentationen über Russlands Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg und unter Stalin, man spricht nicht gerne über diese Thematik und lässt sie dafür lieber in Vergessenheit geraten.

Die Organisation MEMORIAL, 1989 von dem berühmten Physiker Sacharow ins Leben gerufen, macht sich zur Aufgabe, dieser Ignoranz und Tabuisierung entgegen zu wirken. Neben der Suche nach Zeitzeugen, die ihre Dokumente und Gegenstände aus der Haft im Lager, aus dem Kriegsalltag oder aus der Gefangenschaft MEMORIAL überlassen, richtet sich MEMORIAL in einem jährlich stattfindenden Wettbewerb auch an die jungen Menschen in Russland, an Schüler und Studenten. Hält man sich vor Augen, dass die Wettbewerbsbeiträge ohne einen Zugang zu einem Archiv oder dergleichen geschrieben wurden und daher meist auf mündlichen Überlieferungen basieren, ist das Resultat wirklich bemerkenswert. Da in den letzten Jahren auch immer wieder Arbeiten aus Tschetschenien eintrafen, wurde beschlossen, diese Arbeiten gesammelt in einem Buch zu veröffentlichen.

Nach einleitenden Vorworten der Initiatoren des Wettbewerbs, darunter Irina Scherbakowa, Direktorin des Bildungsprogramms von MEMORIAL, die auch regelmäßig Deutschland besucht und Vorträge in den Unis erhält, zwei Karten des tschetschenischen Gebiets und einem historischen Überblick über die Geschichte Tschetscheniens werden in vier thematisch gegliederten Teilen die Arbeiten vorgestellt. Aussiedlung, Tod und Entführung von Freunden und Bekannten, Erfahrungen mit der Miliz, die so genannten "Säuberungen", Erschießungen, Erlebnisse aus den Bombenkellern, dem gewaltsamen Alltag in Grosny oder die Beziehungen zwischen jungen Tschetschenen und Russen sind Themen, mit denen sich die Teilnehmer des Wettbewerbs auf eine verblüffend offene und kritische Weise auseinander setzen. Aus fast allen Arbeiten ist auch ein Funken Hoffnung herauszulesen - Hoffnung über einen eventuellen Frieden in der fernen Zukunft, Hoffnung auf gegenseitige Annäherung.

Tschetschenien ist noch immer ein aktueller Brennpunkt und Krisenherd in der Weltpolitik, fast täglich finden irgendwo Gefechte statt. Durch die von den Geschehnissen der US-Streitkräfte im Irak und Iran dominierten Berichte in den Medien ist Tschetschenien in letzter Zeit sehr unter den Tisch gefallen. "Zu wissen, dass du noch lebst", ruft auf eine interessante Art und Weise diesen Konflikt wieder ins Gedächtnis und zeigt auch anhand 20 Fotos aus den Krisengebieten, wie es dort aussieht. Die gute Struktur, ein ausführlicher Anhang mit Erläuterungen und eine thematische Trennung erleichtern das Lesen. Ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, das zum Nachdenken anregt und den Krieg in Tschetschenien wieder ins Bewusstsein rückt. Empfehlenswert!

Zu wissen, dass du noch lebst



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