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Zehn Jahre nach Sokrates' Tod schrieb Platon dessen Verteidigungsrede nieder und etablierte damit einen Denker, wie ihn die Welt noch nicht kannte. Einen Dialektiker, der sich unwissend und einfältig stellte, um Wissen und Moral seiner Mitmenschen zu prüfen, und der sich in seiner Unbedingtheit weder gängigen Meinungen noch dem Druck der Masse beugte, mehr noch: der auch den eigenen Neigungen widerstand und sich ganz und gar der Wahrheit verpflichtete.
Anmerkungen zur Apologie des SokratesGleich zu Beginn nennt Sokrates drei Prinzipien, die es bei allem Tun zu beachten gelte, und die er selbst in seiner Verteidigungsrede beachten werde: die Wahrheit, die Gerechtigkeit, das Ziehmliche: die drei Sokratischen Siebe. Für Pädagogen sehr beachlich auch der Schlußaufruf an seine Richter bzgl. der Behandlung seiner Söhne, wenn sie Geld, Reichtum, Ehre etc. höher achten sollten als ihre unsterbliche Seele: Von Verwöhnen, Erziehungsurlaub, Resozialisierung ist da nicht die Rede, sondern von Strafe, Leid - Zufügen, Züchtigen, "so, wie ich das immer mit euch getan habe."
Nach dem Studium der Apologie muß Kriton, dann - mindestens die Rahmenpartie - Phaidon folgen.
"Mein Kriton, wir müssen dem Asklepios einen Hahn opfern." (Sokrates)..
"So hat denn der Gott auch mich der Stadt beigegeben als einen Mann, der nicht müde wird, euch zu wecken, [....], schlagt in eurem Ärger auf mich ein und verurteilt mich zum Tode, um dann euer weiteres Leben zu verschlafen."
Ein Orkan fegte über Sokrates. Siebzigjährig hatte er sich 500 Richtern zu stellen, angeklagt der Gotteslästerung (Asebie nach Anaxagoras), der Missachtung des Staatsgefüges und vor allem junge Männer gegen ihre Väter aufgewiegelt zu haben. Zu Recht sei er, ein böser Mensch, zum Schweigen zu verurteilen, sei es auch durch Tod, befanden Meletos, ein Dichter, Anytos, ein Politiker und Handwerker, Lykon, der Redner.
Diesen historischen Hintergrund greift Platon auf, um Sokrates, seinen Lehrer in drei Reden Position beziehen zu lassen. (1) Eine Vereidigungsrede (Apologie) gegen die Vorwürfe der Anklage, (2) eine Rede nach dem Schuldspruch und (3) eine Rede nach der Verhängung der Todesstrafe.
In (1) versucht Sokrates ohne rhetorische Raffinesse aufzuzeigen, das diese Verurteilung auf alten Vorurteilen beruht. Denn so wie das Orakel von Delphi ihm weissagte, niemand sei weiser als er, so musste er den Göttern folgend, die Bürger durch Fragen prüfen, glaubte er doch, dass sie alle weise seien. Diese Prüfung aber ergab, dass Schein und Sein unterschiedliche Attribute sind und so blieb letzter Schluss, dass keiner wirklich etwas weiß. Im Unterschied zu den Anderen und deren Einbildung erkennt Sokrates, dass er weiß, dass er nichts weiß. Und deutlich unterscheidet er zwischen dem Wissen der Fachleute, denn dieses ist unbestritten, sondern es geht um das finale Wissen vom dem Guten und der Wahrheit, welche die Sophisten glauben zu besitzen, Sokrates jedoch im Widerspruch zu ihnen sich von dieser Gruppe distanziert. Die Suche nach Wahrheit ist für Sokrates ein Gottesdienst und niemals eine Lästerung, ein von den Götten angewiesener Beruf und Todesfurcht könne ihn nicht veranlassen, diesen Posten zu verlassen.
Dass er die Jugend verderbe, führt Sokrates auf das Imitationsverhalten zurück. (Heute spricht J. Bauer über Spiegelneuronen, wenn er gleiches meint.) Diese Jugend macht nichts anderes, als sich dem Schein des Wissens der Älteren zuzuwenden. Und wie er auch in der Verführung der Jungen keine Absicht hege, so auch gegenüber der Polis, deren Gesetze er sehr wohl achte. Denn gerade weil er weiß, das er nicht weiß, sich also auch nicht einbilde, etwas zu wissen, weiß er am besten, was seine politische Pflicht ist, die ihn unbeirrbar bestimmt. Damit ist dieses Wissen zugleich seine Tugend.
Und er stelle fest, dass es von großem Schaden gerade für die Polis sei, wenn er seine Tätigkeit nicht mehr gewinnbringend für alle einbringen könne. Politisch könne er sich nicht beteiligen, wohl aber über die Gespräche. Denn folge er dem Rat des Dämons, zeige er zugleich seine eigene Kraftlosigkeit im Wissen um das, was gut für ihn selbst sei. Dieses göttliche Dämonium entspricht dem sokratischen Wissens des Nichtwissens. Diese erste Rede endet mit einem Schuldspruch mit knapper Mehrheit.
Die nun folgende (2) wird sich dem Strafmaß zuwenden. Ein Leben ohne Selbstprüfung sei nicht lebenswert, sagt er hier und folgert daraus, dass er auf sein höchstes Gut, der permanenten Reflexion, nicht verzichten könne. Auch seien die Gespräche unter Menschen dazu da, diese auf diesen Weg des Wissens zu bringen. Auch formulierte er seinen Gegenantrag der dauerhaften Beköstigung als Lohn dafür, da er nichts anderes tat, als Menschen dazu zu bewegen, ihrer selbst zu achten. Dieses komme schließlich der Polis zu Gute. Das Strafmaß wurde darauf hin festgelegt, die Todesstrafe.
Nun folgt in der dritten Rede (3) die Frage, was ist der Tod. Der Tod sei nun auch kein Übel, vor allem, weil das Dämonium während des Prozesses geschwiegen habe. Auch sei der Tod etwas Positives für ihn, wisse doch niemand außer den Göttern, ob er den besseren Weg gehe oder die Richter. Er zieht noch einmal die genaue Grenze zwischen dem, was dem Menschen zu wissen versagt ist und dem was er wissen kann. Letztendlich hat der Mensch die immerwährende Aufgabe, um diese Grenze zu wissen.
Sokrates geht, um zu sterben.
Platon zeichnet in der Apologie das Bild einer Persönlichkeit, unerschrocken und mit einer Liebe zur Weisheit (Philosophie). Sokrates verkörpert für ihn den immerwährenden Sucher nach der Wahrheit (ibid), dem Eros und dem Schönen (Phaidros), der Seele (Phaidon) oder dem Eros (Symposion). Er zeigt aber auch, dass es eben nicht um den Einzelnen geht, sondern dass in der Anklage gegen Sokrates, die Selbstanklage des Staates enthalten ist und das dieser der Heilung bedarf. Die Apologie zeigt deutlich, dass das Wissen des Guten nicht zu erreichen ist, es ist ein Streben aus der Erinnerung des einmal geschauten Göttlichen. In der späteren Politeia, den Gleichnissen, zeigt aber Platon ebenso deutlich, dass er niemals aufgeben wird, dieses Wissen um das Vollkommene zu finden. Cicero und Montaigne sehen in dieser sokratesschen Suche die Notwendigkeit einer Harmonisierung. Daher ist neben diesem Streben nach Weisheit durch Vernunft eine negative Kehrseite notwendig gegeben. Wenn man keinen Charakter hat muss man Methode haben, lesen wir bei Camus in: Der Fall
Diese Schrift ist nicht abzuschließen, ohne auf die Gegebenheiten der Zeit hinzuweisen. Die Macht der Tradition: "Überall, wo noch die Autorität zur guten Sitte gehört, wo man nicht begründet sondern befiehlt, ist ein Dialektiker ein Hanswurst," sagte Nietzsche (in Anl. an Cicero und Montaigne) und doch konnte diese abstoßende Figur einen der größten geistigen Siege erringen. Er faszinierte seine Welt, in dem er das bestehende Denken auf neue Ebenen führte, denen des hellenistischen Wettkampfes im Geiste. Er sah hinter die Fassaden das monstrum in animo, den Zerfall. Er, Sokrates, bemühte sich, den eigenen Instinkt, die Emotionalität zu bekämpfen, in dem er die Vernunft zum Tyrannen über sich machte. Die Harmonisierung des Gegensätzlichen blieb aus, so musste das Urteil vielleicht so fallen.
Was lehrt uns Sokrates? mag die letzte Frage des Lesers sein. Auch wenn 56% der 500 Richter ihn für schuldig sprechen, verlor er nie die Zuversicht in seiner zweiten und dritten Rede. Unser Glaube, Recht zu handeln, soll also nicht auf Billigung einer Mehrheit beruhen. Die Frage bleibt heute, ob das Vermeiden von Unbeliebtheit meinungsbildend ist oder sein darf? Ist das nicht auf Popularität achtende Streben nach Einsicht etwas Bewundernswertes? Weiterhin zeigt er deutlich, dass nicht die Zahl der Widersprechenden eine Rolle spielen darf, sondern nur die Güte der Gründe. Auch ist eine Ansicht, nachvollziehend und eloquent vorgetragen, nicht a priori richtig. Denn es sollte auch die reine Logik dahinter interessieren, die zu den Schlüssen geführt hat. Es geht Sokrates um Eindringlichkeit.
Sokrates fordert den wachen, intelligenten und selbstbestimmten Menschen, der selbstverständlich, die Gesetze achtend, sich selbst achtet. Nichts anderes forderte Kant 2000 Jahre später, in dem er den Kategorischen Imperativ zur allgemeinten Regel erklärt und das moralische Gesetz zum innersten Antrieb. SAPERE AUDE!
Und diese Aufforderung zum Selbst-Weiterdenken zur Vermeidung einer schlecht gebildeten Meinung (=Krankheit) gab Sokrates uns mit seinem allerletzten Satz vor seinem Tod im Phaidon, vielleicht als Metapher:
.............. "Mein Kriton, wir müssen dem Asklepios einen Hahn opfern."
Gute UnterhaltungIch war erstaunt, dass so alte Texte noch soviel Unterhaltung bringen können. Im Vergleich zu den aristotelischen Texten ist dieses Stück eine echte Wohltat. Das Buch ist Sokrates Verteidigungsrede in seinem Abesie-Prozess (Gotteslästerung). Die Fußnoten geben dem Hobby-Philosophen eine Menge Hintergrundwissen. Der Schreibstil an sich hat mich jedoch überrascht, weil die deutsche Übersetzung nicht zu kompliziert ist, was wir allerdings der Primärquelle verdanken. Hier und da hat Sokrates/Platon sogar etwas Humor hineingebracht, der das ganze etwas auffrischt.
Der absolute Klassiker.Die Apologie ist meines Erachtens der absolute Klassiker unter den philosophischen Werken. Natürlich werden hier keine Themen wie Metaphysik o.ä. behandelt; Es geht wohl eher um Ethik und Moral und die Tugend des Menschen. Jeder der dieses Buch gelesen hat, wird sicherlich den ein oder anderen Gedanken daran verschwenden, was das Gute eigentlich ist und wie man tugendhaft handelt. Auf jedenfall ein Bereicherung, die jeder auch in sein eigenes Leben einbeziehen kann. Dieses Werk war meine erste philosophische Lektüre, seitdem bin ich begeisterter Leser geworden und werfe immer mal wieder einen Blick in dieses gute Buch. Ein weiterer Vorteil man kann es an einem Wochenende durchlesen, was sehr selten ist für ein philosophisches Meisterwerk.
Wer nach der Wahrheit sucht, wird den Sohn Phainaretes lieben.Der Philosoph Sokrates hinterließ der Nachwelt nichts Schriftliches.
Alles, was man von ihm weiß, ist hauptsächlich Berichten der Philosophen Platon, Xenophon und Aristoteles zu entnehmen.
Der Grieche hat sich zu seinen Lebzeiten gerne über menschliche Dinge unterhalten. Er untersuchte im Gespräch, was gottlos , was schön, was schimpflich, was gerecht, was ungerecht und was feige sei. Ferner ermittelte er in seinen Dialogen immer wieder , wann man jemand besonnen und wann man jemanden tapfer nennen könne.
Wie sollte ein Staat , ein Staatsmann, eine Regierung und ein Regent beschaffen sein und was macht eine Person zu einem guten und edlen Menschen? Dies herauszufinden beschäftigte Sokrates.
Abermals und abermals stellte Sokrates seinen Gesprächspartnern Fragen, um diesen zur Geburt ihrer Ideen zu verhelfen.
Dabei fühlte der Philosoph sich durch eine innere Stimme geleitet, die in ihm war und ihn von unrechten Handlungen abhielt. Diese Stimme nannte er " daimonion" , das Gewissen , ( wörtlich: das Göttliche).
Sokrates glaubte, dass man Menschen nur über ihre wahre Tugend belehren müsse, um sie tugendhaft zu machen. Er verknüpfte den Gedanken der Tugend mit dem des Wissens und bezweckte durch seine Fragen Nichtwissen aufzudecken und die Menschen zu Selbstprüfung und Selbsteinkehr aufzurufen.
Dabei hatte sich der Philosoph nie an eine Menschenmenge, sondern immer nur an den Einzelnen gewandt.
Der vorliegende Text enthält die Verteidigungsrede ( Apologie) des Philosophen Sokrates, der seitens Meletos angeklagt wird in Athen andere Götter einführen zu wollen und durch seine Dialoge die Jugend verderbe. Gefordert wird die Todesstrafe.
Während der Gewaltherrschaft der Dreißig in Athen gibt es keinen Staatsanwalt, keinen beamteten Richter, keine Berufsverteidiger. Für Gerichtssachen sind Schwurgerichte zuständig. Der Ankläger legt den Juroren seine Anklage vor, begründet sie und tritt sie ab.
Daraufhin wird dem Beklagten die Chance der Gegenrede geboten, die allerdings zeitlich festgelegt ist. Im Rahmen einer geheimen Abstimmung entscheiden die Geschworenen über Schuld oder Unschuld des Beklagten. In einer weiteren Abstimmung wird im Falle eines Schuldspruchs das Strafmaß festgelegt.
Sokrates baut seine Apologie gemäß der von ihm entwickelten " Sokratischen Fragemethode" auf und hinterfragt die Lebenseinstellung seiner Kontrahenten. Er widerlegt durch seine Fragen überzeugend die Wahrhaftigkeit der Anklagepunkte und macht deutlich, dass er durch seinen Dienst an Gott, der Wahrheit ans Tageslicht verhelfe. Nicht grundlos habe er stets in tiefster Armut gelebt und sich stets allen öffentlichen Ämtern und Angelegenheiten entzogen, weil er bei seinen sittlichen Bemühungen nicht den Anschein von Käuflichkeit erwecken wolle.
Nachdem Sokrates folgerichtig nachgewiesen hat, dass die Vorwürfe der Anklageschrift des Meletos nicht haltbar sind, vermutet er , dass man ihn in Wahrheit wegen seiner vielen Anfeindungen zu Fall bringen möchte und begründet seine Vermutung stichhaltig.
Sokrates ist unbequem für die Mächtigen und damit gefährlich für die korrupte Gesellschaft in der er lebt, deshalb auch soll er nicht länger ihr Treiben stören.
So konstatiert der große Philosoph " Wenn ich jedoch sage, dies sei das größte Glück für einen Menschen, Tag für Tag über den sittlichen Wert Gespräche zu führen und über die anderen Dinge, über die ihr mich reden hört, indem ich mich selbst und andere einer Prüfung unterziehe und dass ein Leben ohne Prüfung für einen Menschen nicht lebenswert sei, dann werdet ihr meinen Reden noch weniger Glauben schenken. Es verhält sich zwar so, wie ich sage, ihr Männer; doch andere davon zu überzeugen ist nicht leicht." ( Apologie des Sokrates, S. 77)
Dreißig Stimmen fehlen für seinen Freispruch. Sokrates nimmt nicht das Recht in Anspruch die Stadt zu verlassen , sondern akzeptiert das Urteil. Er zieht den raschen Tod dem langsamen Verfall vor. Sokrates hat keine Furcht vor dem Tod, denn wie sollte er sich vor etwas fürchten, was er nicht kennt? Vor dem Urteil der Götter nach seinem Ableben ängstigt er sich ohnehin nicht, schließlich können diese ihn nicht mehr zum Tode verurteilen.
Sokrates ist überzeugt davon , dass der Tod das Beste für ihn ist, weil er dann endlich aller Mühsal enthoben sei.
Der Philosoph lässt sich seine Würde nicht nehmen. Durch seine Rede entlarvt er seine Ankläger und so geht er gelassen in den Tod als unerschütterliche, autonome Persönlichkeit.
Dieses Bild jedenfalls zeichnet Platon, dessen Schreiber das Gerichtsgeschehen Jahre später für die Ewigkeit festhält.
Ein beeindruckender Text.