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Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte ist Tucholskys erstesund wahrscheinlich bekanntestes Buch. Es wurde 1912 veröffentlicht, und seitdem haben nach ihm Generationen vom Blatt geliebt. Das Geheimnis dieser Wirkung hat Tucholsky wahrscheinlich selbst verraten, als er einem Kritiker schrieb, es sei ihm darauf angekommen den Gleichgewichtspunkt von Selbstbewahrung und Selbsthingabe zu finden. Die Sommergeschichte Schloß Gripsholm, erschienen 1931, wurde ein großer Erfolg. Darin mieten sich Peter und Lydia in einem Anbau von Schloss Gripsholm ein. Sie verleben heiter verliebte Tage, mokieren sich über konservative Touristen und lassen die Seele baumeln. Die eingestreuten Reflexionen über das Wesen der Liebe oder die Unmöglichkeit, einer Urlaubsidylle Dauer zu geben, verleihen dem Roman melancholische Züge.
Der erotische, selbstbewusste Umgang miteinander, ihr unkonventionelles Auftreten und die vergnüglichen Angriffe auf das kleinbürgerliche Denken und den Nationalismus - das ist der Stoff dieses so erfolgreichen kleinen Büchleins, das seit seinem Erscheinen im Jahr 1912 zu einem Klassiker der Verliebten avancierte. Über allem schwebt die Lebensfreude und herrliche Leichtigkeit der beiden verliebten Großstädter Wolfgang und Claire, die für drei ganze Tage dem Alltag auf Schloss Rheinsberg entfliehen. Wie sie diese Tage genießen, wie sie über die Sehnsucht der Bürger spotten, nicht eine Minute Langeweile aufziehen sehen, faszinierte Generationen von Verliebten. Aber ihr Geplauder ist auch ein vieldeutiges Spiel um Glück, Sehnsucht und Erfüllung. Wohlwissend, dass Liebe nicht ein Leben lang so unbeschwert sein kann, lautet Wolfgangs Credo: "Glücklich sein, aber nie zufrieden." Ulrike Krumbiegel spricht die Wortverdrehungen, die Haltung eines kleinen Kindes, sie kopiert Tiere als wäre ihr die Rolle der immer vor Einfällen sprudelnden Claire auf den Leib geschrieben. Gunter Schoß als Wölfchen fasziniert mit seinem Wechsel von väterlich-ironischen und frechen Passagen als idealer Dialogpartner. Die Stimme Kurt Böwes schließlich führt ruhig und weise erzählend durch diese erfrischende Inszenierung von Wortwitz, Rollenspiel und verrückten Plaudereien. Hörspiel mit Musik, Spieldauer: 58 Minuten, 1 CD. Mit Booklet. Produktion: Rundfunk der DDR 1985. -- culture.text
Liebe in Zeiten des schnellen LebensKurt Tucholskys „Rheinsberg" ist wahrscheinlich der Inbegriff des romantischen Romans: Claire und Wolfgang verlassen für drei Tage das tobende Berlin, um sich ein wenig im Umland zu erholen. Angekommen in Rheinsberg, bemerken sie, wie alles viel langsamer läuft als in Berlin. Hier tobt nichts so wie in der Großstadt. Sie haben viel Zeit für sich, ihren Neckereien nachzugehen und ganz für sich selbst da zu sein, bevor sie dann zurück ins heimatliche Berlin reisen.
Die Geschichte an sich ist eher unspektakulär, manch einer würde sagen langweilig. Hier beweist sich wirklich, daß das Hörbuch von seinen Sprechern lebt: Denn Ulrike Krumbiegel als ewig kindliche, verspielte und kecke Claire und Gunter Schoß als Wolfgang, der sich an der jüngeren Frau und ihren Spielereien erfreut, ergeben ein wirklich wunderbares Paar. Und da geschieht es schon ein Mal, daß man auf die eine oder andere Stimmimitation von Claire laut loslacht. Amüsant zu beonachten ist auch, wie die beiden völlig in ihrer Liebe aufgehen. Wenn z.B. Lissy Aachner auftaucht und ihnen von den großen Forschungsdurchbrüchen ihrer Zeit erzählt, berührt sie das weniger als gemeinsam durch die Nacht zu ziehen und bei anderen Leuten ins Fenster zu schauen. Sie scheinen nur für sich selbst da zu sein. Und das genügt ihnen ganz und gar.
Das ganze Hörspiel bekommt vor allem durch den Erzähler Kurt Böwe etwas märchenhaftes, etwas unwirkliches. Und gerade dieses Unwirkliche ist vielleicht das Besondere an der ganzen Geschichte. Diese Unwirklichkeit beweißt vielleicht, daß die Liebe in Zeiten der Schnellebigkeit, wie das Berlin im frühen 20. Jahrhundert, keine Beständigkeit hat. Das es Dinge gibt, die wesentlich wichtiger sind für die Menschen. Und das es Ausnahmen gibt, wie Claire und Wolfgang, die scheinbar sich selbst am Wichtigsten sind. Ein wirklich sehr schön gelungenes Hörspiel und großartige Hommage an die Liebe.
Schlitzohrige Idylle auf ZeitDas Abenteuer beginnt erst in dem Moment, als Claire und Wolfgang den D-Zug verlassen und in der Kleinbahn die letzten Kilometer zurücklegen. Den Reiseführer hat Wolfgang im D-Zug "vergessen", und dieser Geniestreich seines Unterbewussten ist bezeichnend für die ganze Geschichte: Es geht nicht um eine ambitionierte Bildungsreise ins geschichts- und bedeutungsschwangere Rheinsberg, sondern um den unbeschwerten Ausflug eines Studentenpärchens mitten hinein in eine unzeitgemäße Idylle. Bezeichnenderweise müssen sie beim Umsteigen in Löwenberg durch einen Tunnel, und die Kleinbahn, die sie erwartet, steht da "wie aus Holz gefügt, steif und verspielt". Anders gesagt: Man pfeift auf die Wirklichkeit und reist ins ironisch blinzelnde Märchenland, wenigstens für drei Tage. Ein souveränes Spiel mit dem doppelten Boden, das auch vor der Sprache nicht Halt macht: Der romantische Mond darf nächtens durch die Bäume gespenstern, und dass das Liebespärchen sich hier seine Wirklichkeit inszeniert, lässt schon der Erzähler durchblicken, wenn er in den laufenden Text richtiggehende Regieanweisungen einfügt in die Dialoge.
Merke: So liebenswürdig kann Preußen anno 1912 sein, wenn man es liebenswürdig haben will!
Wolfgang und Claire sind alles andere als repräsentativ für die studierende Jugend ihrer Zeit, schlitzohrig nehmen sie allzu Sittenstrenges mit unschuldigem Blick auf die Schippe, demonstrativ verliebt sind sie und dem standesgemäßen Anschmachten von ferne abhold wie nur was (1912 tat man "so etwas" nicht!) -- sie genießen die Gegenwart, und nicht umsonst endet ihr Ausflug ausgiebig mit unbeschwertem nächtlichem Walzertanzen auf der Wiese. Dass die Erzählung abrupt, fast schon brutal in zwei lakonisch kurzen Absätzen aufhört -- sie "kehrten zurück und packten ein, fuhren in den rumpligen Hotelwagen zur Bahn, bestiegen in Löwenberg den Zug"... und landen wieder in ihrem Berliner Alltag -- das ändert nichts daran, dass der Ausflug ins Märchenland doch Wirklichkeit war. Genau das ist das Schöne an dieser Erzählung, und genau deswegen liest man sie heute noch genauso gern wie ihre ersten Leser vor knapp 100 Jahren.
"Rheinsberg" ist tatsächlich ein freundlicher Gegenentwurf zum wilhelminischen Zeitgeist, und Wolfgang bringt's auf den Punkt, wenn er feststellt: "Draußen ist es totenstill, der Mond scheint, und hier drinnen spielen sie ein Scheinleben. Und wir kommen hinzu, wissen nichts von den Voraussetzungen des ersten Akts und bleiben ernst." Eigentlich kommentiert er eine wunderbar laienhafte Szene im Provinztheater, die die beiden durchs Fenster amüsiert beobachten, aber gemeint ist die Existenz der beiden im Hier und Jetzt. Es ist ein Spiel, inszeniert exklusiv nur für die beiden Verliebten, und die wissen's und genießen die Vorstellung.
"Rheinsberg" ist eine entschlossen verspielte Absage an alle Verbissenheit des Daseins, und zwar nicht nur an die des preußischen Daseins. Das wird schonmal genüsslich aufs Korn genommen, etwa bei der Begegnung mit einer bierernst reformerisch gesonnenen Studentin Aachner, die in all ihrer Bekehrungswut nicht merkt, wie lächerlich ihr Gehabe eigentlich ist... die beiden Studenten kriegen das zum Glück sofort spitz, und ihnen sei Dank auch der Leser.
Nicht zum ersten Mal ist auch hier die wohlfeilste Ausgabe von "Reclam" wegen der editorischen Sorgfalt zugleich auch die empfehlenswerte: Selbstverständlich folgt sie bis auf wenige begründete (und im Anhang aufgelistete) Ausnahmen der Erstausgabe, aber was viel wichtiger ist: Der Anmerkungsapparat ist vom Feinsten und alles andere als banal. Zwar muss man das alles nicht wissen, was die Herausgeberin Ute Maack hier erläutert, aber es hilft, sich all das Gelesene besser illustriert vorzustellen. Und wer hat schon eine dermaßen enzyklopädische Allgemeinbildung, dass er jede Anspielung sofort verstanden hätte? -- Ich jedenfalls nicht.
Nicht minder aufschlussreich ist auch das Nachwort der Herausgeberin, in dem sie nicht nur auf die biographischen und außerbiographischen Hintergründe der Erzählung eingeht, sondern auch auf die Raffinesse, mit der Tucholsky diese scheinbar einfache Erzählung gestrickt hat. Nicht uninteressant ist auch die Passage über die Wirkungsgeschichte von "Rheinsberg".
Liebesgeschichte ohne KitschEine reizende Liebesgeschichte eines Pärchens das ein Wochenende auf dem Lande verbringt. Dort passiert nichts was man nicht von einem frisch verliebten Pärchen erwartet. Tucholsky beobachtet genau und schreibt so frisch, ohne jeden Kitsch und mit einem Spritzer Ironie, dass es ein wahrer Genuß ist.
Entzückend!Eine ganz entzückende Liebesgeschichte (übrigens hinreißend verfilmt mit Cornelia Froboess und Christian Wolff)!
Daß der große politische Schriftsteller Tucholsky etwas so Hübsches geschrieben hat, ist ein großes Geschenk.
Und kein bißchen altbacken, heute immer noch aktuell!
Unbedingt lesen!
Nette, leichte, klitzekurze SommerkomödieNette, leichte, klitzekurze Sommerkomödie, die jedoch durch suboptimale Sprachspiele nervt; da tischt Tucholsky in Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte weit bessere Sprachkaspereien auf. Die schwül erotischen Anspielungen wirken auf Dauer drückend. Auch hier gewinnt "Gripsholm".
Zur Reclam-Ausgabe:
Die "editorische Notiz" nennt gegenüber der Erstausgabe korrigierte Druckfehler. Man staunt, wie schlampig das Original erschien. Angesichts des sprachverspielten und respektlosen Texts frage ich mich jedoch, ob "Wirtshauspuplikum" tatsächlich einen Tippfehler dokumentiert.
Viereinhalb Seiten "Anmerkungen" erklären Fremdwörter und historische Anspielungen. Freilich hätte ich die Anmerkungen gern direkt unterm Text gehabt. Außerdem gibt es ein munteres Gedicht Tucholskys über sein "Rheinsberg".
Die drei Seiten Nachbemerkungen von Wiglaf Droste könnten auch "Tucholsky und die Frauen" heißen. Es geht aber vor allem um Else Weil, das lebende Vorbild der "Rheinsberg"-Hauptakteurin "Claire". Wer durch die "Rheinsberg"-Geschichte vielleicht in erhitzte Sommerstimmung geriet, wird hier durch die historischen Tatsachen wieder ernüchtert.
Die 1967er-Verfilmung Rheinsberg mit Cornelia Froboess und Christian Wolff lässt einiges weg (Wortspiele, Ruderausflug, schwüle Andeutungen), erfindet andererseits längere Episoden (das Kennenlernen in Berlin) dazu. Im Vergleich zur Tucholsky-Verfilmung Schloss Gripsholm erheitert der "Rheinsberg"-Film aber durchaus, vor allem wegen der weniger dümmlichen Cornelia Froboess.
Brockhaus-1911: Gripsholm · Rheinsberg · Schloß
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