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Einen Dichter einzuladen, eine Poetikvorlesung zu halten, ist etwa so sinnvoll, wie einen Kannibalen als Ernährungsberater zu engagieren. Am Ende nagt er an Ihren Knochen, in diesem Fall an den Resten Ihres geistigen Stützapparats', warnte Robert Menasse zu Beginn seiner Poetikvorlesungen im Frühjahr 2005 im legendären Adorno-Hörsaal, in dem 'schon lange nicht mehr so wortgewaltig gegen den Kapitalismus gewettert und zum Umsturz aufgerufen wurde', wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Das Publikum dankte es ihm mit 'donnerndem Applaus und stehenden Ovationen'.
Vom Zustand der Welt ist die Rede in seinen politischen Brandreden, die weder den globalen Kapitalismus noch die EU-Verfassung, weder den Krieg noch den Terror, weder den 11. September 2001 noch den 11. September 1973, weder Schröder noch Kissinger auslassen. Und die Poetik? Statt 'eine Poetik vorzutragen, habe ich einen Roman vorgetragen, einen bürgerlichen Rückentwicklungsroman', schließt Robert Menasse seine politische Poetik über die normative Kraft des Faktischen (die Gesellschaft) und die poetisch begründete Hinfälligkeit alles historischen Soseins.
Wir sind Gott!Schon der bis zum Schluss berstend volle Vorlesungssaal in der Frankfurter Uni dokumentierte das große Interesse an diesem "Aufklärer" alter Tradition.
Bis zum Ende der fünf Sitzungen wurde der Zuhörer immer wieder mit rhetorischen Ohrfeigen aus dem intellektuellen Wachkoma gerissen, bisweilen eingelullt, an der Nase herumgeführt und ob der eigenen Trägheit und Manipulierbarkeit beschämt.
Gemäß dem Tucholskyschen Verdikt, nichts sei schwieriger, als sich im offenen Widerspruch zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen "Nein", entwickelte Menasse eine hochaktuelle, provokante Wiederauferstehung der engagierten Literatur, auf der Folie, dass sich jede Literatur an dem Anspruch zu messen habe, was sie zur gesellschaftlichen Realität ihrer Zeit beizutragen hat. Fast geht es weniger um den im Titel hergestellten Bezug zu Schopenhauer, als vielmehr um bewusst "Unzeitgemäße Betrachtungen". Literatur- und Philosophiegeschichte wird gegen den Strich gebürstet und auf ihren politisch-sozialen Gehalt abgeklopft: am Ende steht plötzlich ein zerzauster Karl Marx mit seinem "Kapital" als bürgerlicher Bildungsroman, der die heutigen katastrophalen Zustände einer globalisierten Welt besser beschreibt, als was uns die Huntington oder Fukujama weiszumachen versuchen. Und so schließt Menasse, dass Politik nichts anderes heiße, als richtiges Handeln in der Polis, und Poetik nichts anderes, als Selbsterfindung.
Wir sind Schöpfer unserer Lebensrealität, wir sind nicht Papst, wir sind Gott!
Das Ganze, die Wahrheit und das GegenteilNichts ist so sicher wie das Gegenteil und genau dieses ist eine Notwendigkeit des Ganzen. Wahr ist das Ganze, sagte Hegel und Menasse schließt damit die Negation des Wirklichen konsequent ein. Nein, eigentlich mehr, denn mit dem Gegenteil einer nur scheinbar demokratischen Gesellschaft sieht er diese erst möglich. Aus dem Schlaf einer sich selbst abschaffenden Demokratie will er nur erwecken und schreibt seine eigenen terroristischen Gedanken, die dem Terror huldigen als die einzige Maßnahme, die alte Dialektik der dualen Welt vor 1989 wieder herzustellen. Synthesen sind eben nur aus der Sicht Hegels aus den Thesen von Pro und dem Anti möglich und genau das versucht RM in brillanter, konsequenter Weise zu vermitteln. Überspritzung der Gedanken kann nicht, nein! muss sein, um mit Hilfe kognitiver Dissonanzen selbstkritische Fragen zu stellen, die das eigene Selbst in einen neuen Horizont bringt, der bekanntlich immer der selbe bleibt, wenn der Standpunkt sich nicht ändert.
Globalisierung ist dann nicht nur eine Frage des Kapitals, welches um die Erde zieht, um vermehrt zum Besitzer zurückzukommen, (Revenue heißt es bekanntlich im amerikanischen) sondern muss auch in einer sozialen Struktur möglich sein, ohne den nationalen Status, gemeint ist, sich selbst zu verlieren.
Menasse schreibt über Literatur, vorgeblich, und verschwendet im wahrsten und besten Sinne die Menge seiner Gedanken an die Welt, die nun in einem Meer (Mehr) unendlich neuer Ideen Wege finden müssen, Marx und Hegel als Romanciers des 19. JH zu begreifen, die Vernunft eines Spinozas, Descartes oder Kant neu zu begreifen. Seine Ideen reiben sich an der Moral, die in und als letzte(r) Instanz so wirklich wird, dass sie den Dualismus, etwas zu schaffen, was anschließend aus selbigen Gründen abzuschaffen gilt, als Credo der modernen Welt geltend macht. Einen Krieg aus moralischen Gründen gegen Atombomben anzudrohen, die gegen die zivile Bevölkerung gerichtet sind, kann nur dem einfallen, der bisher als einziger dieses Drama aus moralischen und kriegsbeendenden Gründen vollzogen hat.
Menasses Welt scheint beliebig, weil sie im Denken alles erschaffen kann. Es gibt keinen Halt vor Nichts und Niemand, ob nun Gott, Papst oder das Kapital. Im Grunde sind alle gleich, solange man sie in Kategorien der Kritik, der Vernunft oder Dialektik packt. Oder ins Bild, welches in der sequentiellen Wiederholung zur Bildung wird, aber nur dann, wenn die Wiederholungsfrequenz selbst bestimmt bleibt. Das Fernsehen entmündigt durch Wiederholung, die Bilder z.B. des 9.11. sind mittlerweile Kopfbilder, die weit weg von eigenen Gedanken in die Abhängigkeit falscher Wiederholungen gelaufen sind. Zurück zur Selbstbestimmung, zum eigenen Bilde und zur Bildung, die frei und dem Mut des eigenen Gedanken verbunden ist. Nichts anderes wäre dann die Folge, als dass "die Dingwelt wieder mit Menschen besiedelt wäre".
Das Schöne an Menasse ist, dass er - um zu erschrecken - selbst vor Gewalt nicht zurückschreckt, die sich letzten Endes als pure Fiktion entpuppt. Auch wenn Schopenhauer Pate seines Buchtitels ist und RM die Welt von der Fiktion der Vorstellung und der Kraft des Willens in eine Realität revolutionärer Gedanken zurückholen möchte, scheint mir, dass Spinoza sein Vorbild ist, denn dieser sagte, "Nur wenn ich nicht alles tun darf, kann ich alles denken."
Lob an die unvoreingenommene Denkkunst eines Robert Menasse.
Erfrischend kritisch und höchst irritierendDer österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat 2005 die Frankfurter Poetik-Vorlesungen gehakten. Mit diesem unbeirrbaren Intellektuellen hatte man sich einen besonders kritischen Geist an den Main geholt. Und er hält in seinen Vorlesungen, was er verspricht. Er beschreibt, wie besonders nach dem 11. September 2001 nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa, der Geburtsstätte der Aufklärung,, alle Grund- und Menschenrechte plötzlich zur Debatte standen. Er kritisiert in scharfen Worten die Resignation und Zwangsläufigkeit, mit der auch von
„aufgeklärten“ Zeitgenossen die Phänomene der Globalisierung hingenommen oder gar gerechtfertigt werden.
Und er beschreibt den Anspruch an die Literatur und den Anspruch des Schriftstellers an seinen Leser:
„Jeden Einzelnen von Ihnen, der zunächst nichts anderes will als das, was der Held eines bürgerlichen Bildungsromans will, und der zunächst nichts anderes tut, als den Anspruch der Helden der klassischen bürgerlichen Bildungsromane auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten umzusetzen, nämlich: sich zu bilden und seinen vernünftigen Platz in der Gesellschaft zu suchen.
Würden nur zehn Prozent der Bevölkerung diesen Anspruch, der der bürgerlichen Gesellschaft als leeres Bildungsgut immanent ist, umzusetzen versuchen und würden sie nichts anderes tun, als das beim Wort zu nehmen, was Ihnen Wort für Wort ins Haus geliefert wird –es würde die bürgerliche Gesellschaft, in ihrer heutigen Verfaßtheit sprengen (...) Warum sind Sie nicht auf den Barrikaden und fordern die Verwirklichung des bloß dem Schein nach Verwirklichten: Demokratie. Würden Sie die Demokratie beim Wort nehmen – es würde alles zusammenbrechen, das können Sie mir glauben. Aber Sie tun es nicht. Davon muß ich in meiner Arbeit ausgehen. Was sagt das über unsere Lebensrealität aus ? Und, viel beschämender, was sagt das aus über uns, die angeblichen ‚Helden’ unserer Romane ?“
Menasse hat eine gnadenlose Polemik vorgelegt über unsere Gesellschaft und Zeit und so durchaus angeknüpft an die Tradition, die der Ort der Vorlesungen nahe legt: der Adorno-Hörsaal in der Frankfurter Universität.
Adelung-1793: Vorstellung, die · Wille, der
Brockhaus-1837: Wille [2] · Wille [1]
Eisler-1904: Kataleptische Vorstellung · Vorstellung (1) · Vorstellung (2) · Abstracte Vorstellung · Dominierende Vorstellung · Inhalt der Vorstellung · Wille zur Macht · Wille · Wille · Wille zum Leben
Herder-1854: Vorstellung · Wille [2] · Wille [1]
Kirchner-Michaelis-1907: Vorstellung · Wille
Mauthner-1923: Schopenhauer (Wille)
Meyers-1905: Menasse ben Israel · Vorstellung · Ich-Vorstellung · Wille [1] · Wille [2] · Widerrechtlicher Wille · Letzter Wille · Freier Wille
Pagel-1901: Wille, Valentin · Wille, Ludwig
Pataky-1898: Wille, Frau Anna · Wille, Emilie · Wille, Eliza
Pierer-1857: Zerstörung · Vorstellung · Wille [2] · Wille [3] · Freier Wille · Letzter Wille · Wille [1]