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Schopenhauer plädiert in seiner Schrift 'Über die Grundlagen der Moral' für einen deskriptiven und nicht für einen präskriptiven moralphilosophischen Ansatz. Trotz seiner Wertschätzung für Kant unterzieht er dessen Ethik einer eingehenden Kritik und ersetzt deren oberstes Prinzip, den kategorischen Imperativ, durch das Gefühl des Mitleids.
Ergreifend schönKennen wir Schopenhauer nur als Philosophen des Pessimismus? In diesem Werk geht es um die Manifestation der Menschenliebe, die in dem Basisgefühl des Mitleids mit dem Anderen die schmalste nur denkbare Grundlage einer jeglichen Ethik zu ergreifen sucht. Schopenhauers Achtung vor der Kantischen Philosophie hindert ihn nicht daran, den Kategorischen Imperativ in der Konfrontation mit den harten Bewährungsproben der Empirie ad acta zu legen um gleichzeitig danach zu fragen, was das Handeln des Menschen in der täglich erfahrbaren Wirklichkeit tatsächlich zu bestimmen vermag. Hier besteht nach Ansicht des großen Philosophen nur das Mitleid im Wettbewerb mit den beiden anderen essentiellen Triebfedern im Leben eines Menschen: Egoismus und Bosheit. Der Mensch muss lernen, seinen egozentrischen Willen mit der Fokussierung auf das eigene Leben zu kontrollieren und zu beherrschen, um durch die Einfühlung in den Anderen dessen Willen als dem eigenen gleichberechtigt und diesen zugleich begrenzend zu erfahren. Das Individuum lernt dabei, dass ethische Maximen - anders als bei Kant - nicht vorempirisch und geheimnisvoll in Gestalt moralischer Gesetze in den Menschen hineinverlegt wurden, sondern der harten Daseinswirklichkeit abgerungen werden müssen. Schopenhauers Ethik passt in unsere Zeit wie kaum eine andere, indem sie die ethisch-moralischen Kapazitäten des Menschen aus seiner diesseitigen, erfahrbaren Lebensrealität zu erschließen sucht.
Die Ethik des MitleidsArthur Schopenhauer ist bekannt für seinen nicht gerade zimperlichen Umgang mit seinen Philosophenkollegen. Immanuel Kant bildete eine Ausnahme: Dessen Werk schätzte Schopenhauer sehr. Das hielt ihn aber nicht davon ab, Kants Moralphilosophie Stück für Stück auseinanderzunehmen. Über die Grundlage der Moral beinhaltet ebendiese Auseinandersetzung mit Kants Ethik und dessen berühmter Formel des kategorischen Imperativs. Moralphilosophie, so Schopenhauer, soll dem Menschen nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Es hat keinen Sinn, den Menschen belehren zu wollen, denn dieser wird vor allem vom Egoismus gelenkt und ist damit immun gegen philosophische oder theologische Belehrungen. Statt mit erhobenem Zeigefinger den Moralapostel zu spielen, setzt Schopenhauer auf die Beobachtung und Beschreibung des menschlichen Verhaltens. Dabei findet er etwas in der menschlichen Natur, was einen kleinen Trostschimmer in sein pessimistisches Weltbild wirft: das Mitleid. Die Fähigkeit, das Leid anderer Menschen (oder auch Tiere) zu teilen, macht für Schopenhauer die wahre Grundlage der Moral aus.
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