Jones, Edward P.

Die bekannte Welt

Die bekannte Welt
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
  • Erscheinungsdatum: 2007-02-01
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 448
  • ISBN: 3423135360
  • EAN: 9783423135368
  • Amazon.de Verkaufsrang: 97.951
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Beschreibung von buecher.de

Henry Townsend gehört zu den Schwarzen, die es geschafft haben. Als junger Mann von seinem Vater freigekauft, ist er mit dreißig Jahren Besitzer einer eigenen Plantage mit dazugehörigen Sklaven. Ein Paradox, das nicht denkbar wäre ohne die tätige Unterstützung seines einstigen weißen Herrn, dem mächtigsten Mann in Manchester County, und dessen Preis, wie sich zeigt, er mit dem Leben bezahlen wird. Henry arrangiert sich schnell damit, nunmehr auf der Seite derjenigen zu stehen, für die sich der Wert eines Schwarzen lediglich in seiner Arbeitskraft bemisst, er genießt den Zuwachs an Ansehen, das ihm jeder weitere Sklave beschert. Doch als Schwarzer das Leben eines Weißen zu führen, kommt einem Fluch gleich, so scheint es. Am siebten Tag einer scheinbar harmlosen Krankheit stirbt er. Sein plötzlicher Tod stellt seine Witwe vor ungeheure Probleme, die in jenes Chaos münden, das den Anfang vom Ende der Sklaverei markiert.

Aus der Amazon.de-Redaktion

Am Abend, als sein Herr Henry Townsend stirbt, ändert sich zunächst nicht viel im Leben des Sklaven Moses. Ganz normal arbeitet er auch dann noch weiter, als seine Frau und die anderen bereits erschöpft und hungrig wieder in den Hütten sind. Nach 14 Stunden harter Arbeit befreit er sich schließlich aus dem Geschirr, das ihn mit dem Esel verbindet, nimmt eine Hand voll Erde in die Hand und schluckt sie herunter. Moses ist weit und breit der einzige Mann, der Erde isst -- anders als die Frauen, vor allem die Schwangeren, die sie "aus dem unerklärlichen Bedürfnis nach dem nährenden Etwas" verspeisen. Moses isst Erde, um die Stärken und Schwächen des Ackers zu prüfen. Und er isst sie, "weil ihn der Verzehr an das einzige band, das ihm in seiner kleinen Welt ebensoviel bedeutete wie das eigene Leben". Nun ist Henry Townsend tot, und im Dasein der Sklaven hat sich etwas verschoben. Dass Townsend wie sie ebenfalls ein Schwarzer war, der, von seinem Vater freigekauft, die Farm erwarb, hat ihre Existenz nicht viel einfacher gemacht. In vielen kleineren und größeren Geschichten erzählt der 54-jährige, ebenfalls farbige Lektor und Journalist Edward P. Jones aus Washington D.C. in seinem Romandebüt Die bekannte Welt aus der Retrospektive die Biografie Henry Townsends nach. Er verfolgt das Schicksal seiner Untergebenen, beleuchtet die Machtverhältnisse unter den weißen Farmern, berichtet von Entwurzelten und Bodenständigen -- und entwirft so ein faszinierendes Panorama aus einer Zeit, wo die Hautfarbe die Lebenslinie der Menschen bestimmte. Und aus einer Zeit, wo jeder, der ausbrach, einen hohen Preis zu zahlen hatte. Als Townsend stirbt, brechen Anarchie und Chaos aus auf seiner Farm. Erzähltechnisch ist in Die bekannte Welt davon nichts zu spüren. Denn Jones hält alle Fäden seines Plots souverän in seinen Händen. Episch breite, große, auf jeder Seite gelungene Literatur. --Stefan Kellerer

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von M. Schulte fanden 45 von 48 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Ex-Sklave macht Karriere - als Sklavenhalter ...

"Die bekannte Welt" ist ein Buch, das ich am Ende mit etwas gemischten Gefühlen zugeschlagen habe. Man spürt beim Lesen, dass unter der Oberfläche von Jones' Debütroman etwas Großartiges schlummert, aber es dringt nicht immer bis an die Oberfläche und ist nicht immer ganz leicht zu erfassen. Der Erzählfluss wird immer wieder für Rück- und Vorblenden unterbrochen, was in einigen Momenten etwas abgehackt wirkt und es dem Leser erschwert die Chronologie der Geschichte im Auge zu behalten. Jones' Stil wirkt einfach und nüchtern, hin und wieder funkelt in manchen Absätzen aber auch eine gewisse Poesie auf. Jones zeichnet ein lebhaftes Bild einer Epoche, in dem Platz für viele kritische und nachdenklich stimmende Zwischentöne ist. Allein die Tatsache, dass seine Hauptfigur Henry Townsend ein Schwarzer ist, der selbst Sklaven hält, zeigt schon, dass Jones (ebenfalls Afroamerikaner) durchaus auch zur Kritik an der eigenen Rasse fähig ist. Genau dies dürfte sicherlich einer der wichtigsten Aspekte sein, warum das Buch so viel diskutiert wird und mit dem Pulitzerpreis 2004 belohnt wurde. Jones widmet sich mit dem Thema "Schwarze Sklavenhalter" einem recht dunklen und unbekannten Kapitel der amerikanischen Geschichte.Gerade auch aufgrund der ausgereiften Figurenzeichnung liefert Jones' viel Stoff für eigene Gedanken. Jones erzählt sehr zurückhaltend und bringt trotz dieser sehr einfachen Art seine Figuren recht gut zur Geltung. Sie wachsen einem im Laufe des Romans durchaus ans Herz und wirken so durch und durch menschlich, dass man sie fast für echt halten möchte.Die Vielfalt der Figuren wirkt zunächst etwas unübersichtlich (kein Wunder, dass Jones sich für ein Namensverzeichnis entschieden hat), ist aber vielleicht auch gerade deswegen in der Lage ein so weitreichendes Bild der damaligen Zeit zu skizzieren. Nicht immer bis in den letzten Winkel fesselnd, aber dennoch ist "Die bekannte Welt" eine Geschichte, die man mit großem Interesse weiterverfolgt. Jones' Weitblick in erzählerischer Hinsicht und die Tiefe der Erzählung ganz allgemein, ermuntern zum stetigen Weiterlesen. Jones skizziert ein großangelegtes Gemälde einer ganzen Epoche, das vor allem wegen seiner Figuren im Gedächtnis bleiben dürfte.

Diese Rezension von Miezekatze fanden 12 von 13 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Vielschichtig, unbequem und mutig - ein Must-Read!

"Die bekannte Welt" malt ein außergewöhnliches, buntes Sittengemälde der Südstaaten 1840-1860, das sich mit dem Thema Sklaverei beschäftigt und dabei eine ungewöhnliche Perspektive einnimmt: Im zentralen Handlungsstrang baut sich der freigekaufte ex-Sklave Henry Townsend mit Hilfe seines ex-Herren selbst eine Plantage auf - inklusive eigener Sklaven!

Wie gut, dass "Die bekannte Welt" von einem Afro-Amerikaner geschrieben ist - einem weißen Autor hätte man hier Verdrehung der Tatsachen o.ä. unterstellt. Doch Jones hat akribisch die Geschichte von Manchester County in Virginia recherchiert und seinen Roman klug mit den historischen Ereignissen und Tatsachen verknüpft - und siehe da, schwarze Sklavenbesitzer waren häufiger als vermutet.

Jones geht mit Mut weit über Haileys Klassiker "Roots" hinaus und zeigt die Schattenseiten nicht nur der weißen, sondern auch der schwarzen Seele auf. So dreht sich "Die bekannte Welt" um das moralische Dilemma von den schwarzen und weißen Kollaborateuren und Profiteuren des Systems, und der Roman beleuchtet jede Spielart zwischen weiß/schwarz und Herr/Sklave. Dabei ist "Die bekannte Welt" bewundernswert differenziert und schafft es, sich Schwarzweiß-Malereien und platten Opfer-Täter-Dichotomien zu enthalten. Dass Jones sich mit Urteilen über seine Protagonisten zurückhalt, macht seinen Roman umso kraftvoller und eindringlicher. Jede der vielen Figuren ist vielschichtig, hat gute wie schlechte Seiten und kommt überzeugend dreidimensional rüber. Die Handlungsstränge sind komplex und dicht miteinander verwoben - die Akteure von Manchester County kommen auf jeder Sprosse der gesellschaftlichen Leiter lebendig rüber, und ihre Schicksale reißen mit, während gleichzeitig ein differenziertes Bild der Südstaatengesellschaft mit all ihrer Doppelmoral entsteht.

Ein kleiner Kritikpunkt: Der Roman ist bisweilen überkonstruiert, und er braucht lange, bis er den Spannungsbogen aufbaut und zu Hochspannung aufläuft. Bis dahin ist er dennoch nicht langweilig, denn Jones ist ein begnadeter Erzähler des Anekdotischen. Und die Geschichten sind außergewöhnlich und so noch nie erzählt worden! Was besonders beim Hörbuch auffällt, ist Jones' brillante Beherrschung des Dialogs und der Sprechweisen der einzelnen Schichten, was dem Roman weitere Kraft und Authentizität verleiht.

Als besonderer Tipp: Das ungekürzte Hörbuch wird im englischen Original brillant gelesen von Kevin Free, der wirklich jeden Dialekt perfekt hinbekommt vom weißen Plantagenbesitzer über den Nordstaatler über das schwarze freigelassene Bildungsbürgertum bis hin zum Sklaven auf den Feldern - das hebt das Buch noch in eine weitere Dimension! Unbedingte Kaufempfehlung.

Fazit: Muss man gelesen/gehört haben - 5 Sterne!

Diese Rezension von Distelkuss fanden 9 von 10 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Keine Dokumentation

Wer von diesem Buch eine Dokumentation der Sklaverei erwartet, geht mit falschen Erwartungen ans Lesen. Ein grandioser, ruhiger Schreibstil, der ohne großes Beifallhaschen durch die Schilderung menschlicher Schicksale - beider Seiten - fesselt, hat mich absolut überzeugt. Die zeitlichen Sprünge in der Handlung sind in meinen Augen teil dieses Zaubers und absolut gekonnt ausgeführt.

Diese Rezension von Jürgen G. fanden 7 von 8 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen An der Erzähltechnik gescheitert

Ich habe das Buch nach 100 Seiten weggelegt, teilweise aus Langeweile, teilweise aus Genervtheit und Erschöpfung. Es wurde ja schon in anderen Rezensionen beschrieben, dass der Autor eine komplizierte Erzähltechnik wählt. Viele Ereignisse vieler Personen sind ineinander verschachtelt und werden gar nicht linear, sondern in einer nicht völlig willkürlichen, aber doch schwer durchschaubaren Assoziation erzählt. Es kommen in einem Satz locker mal sechs - vorher z.t. noch nicht eingeführte - Personen und drei Zeitebenen, die sich über ein paar Jahrzehnte erstrecken. Und das nicht nur ab und zu, sondern dauern. So blieb mir noch nach 100 Seiten im unklaren, welche Geschichte eigentlich erzählt werden soll, weil ich keine fortlaufende erkennen konnte. Auch das Personenverzeichnis am Ende war nur bedingt hilfreich, denn erstens ist es in sich nicht ganz einfach, zweitens steht nicht jeder drinnen und drittens mag ich nicht dauernd blättern.

Man mag anmerken, dass ich einfach zu faul war, dieser Erzählstruktur zu folgen. Das ist richtig, aber beim privaten, entspannten Lesen fehlt mir dazu die Energie und auch die Motivation, wenn ich nicht das Gefühl habe, etwas großartiges vor mir zu haben.

Solche Romane - denn es gibt ja mehrere, die eine so hohe Zeitasynchronität wählen - lassen mich immer traurig zurück. Denn man merkt, dass der Autor eine schöne, ausdrucksstarke Sprache hat (trotz einiger misslungener Sprachbilder) und seine Figurenzeichnung ist zwar nicht sehr elaboriert und erhellend, aber kraftvoll und anrührend. Man würde ihm gerne (!) in seine Welt und seine Geschichte folgen. Aber er macht es einem soooooo schwer. Warum nur? Das ist sehr schade! Ich verstehe den Grund dafür nicht.

Also: Wer mit solchen Erzählweisen gut zurechtkommt, wird mit einem Roman in schöner Sprache belohnt, der einen emotionalen Zugang zu beschriebenen Welt ermöglicht. Für andere ist er eher nicht so geeignet.

Diese Rezension von brogdingnagg fanden 3 von 3 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen eindringliche empfehlung

zugegeben, wäre mir das buch nicht so eindringlich empfohlen worden, so hätte ich mich wahrscheinlich nicht aufraffen können, einen roman zur sklaverei im amerika des 19. jahrhunderts zu lesen, aber zum glück …

in „die bekannte welt“ erzählt edward p. jones von sklaven und von ehemaligen sklaven, die sich freikaufen konnten und selbst zu sklavenbesitzern wurden.

jones „assoziierende“ erzählweise macht einen ganz besonderen reiz des buches aus. der autor verwebt verschiedene erzählstränge miteinander, geht immer wieder mit einzelnen figuren bis zu deren verschwinden oder ende mit, nimmt liegengelassene fäden wieder auf, um aus anderer richtung wieder zu den hauptfiguren zurück zu kehren, schweift wieder ab, springt in der zeit nach vorne oder zurück. dabei ist all das hin und her für den leser leicht mit zu machen, die sprünge und verflechtungen sind keineswegs künstlich oder gar aufgesetzt sondern ergeben sich ganz selbstverständlich, die assoziationen laufen leichtfüßig hierhin und dahin und die geschichte weckt und befriedigt die neugier des lesers gleichermaßen.

das alles wird mit einer bewundernswerten sprachkunst erzählt, in ruhigem, unaufgeregtem, sicheren ton und fluss. die geschichte von moses und den anderen sklaven auf der plantage von henry townsend, welcher selbst ein sklave war, zieht den leser in ihren bann, die brutatlität die den sklaven entgegenschlägt wird ebenso spürbar, wie die aussichtslosigkeit in der sie leben, ohne dass all das allzu explizit beschrieben werden muss.

die empfehlung wird also ebenso eindringlich weitergegeben: unbedingt lesen! die bekannte welt von edward p. jones.

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