Hentig, Hartmut von

Bewährung

Bewährung
  • Verlag: Hanser
  • Erscheinungsdatum: 2006-08
  • Bindung: Gebundene Ausgabe
  • Seitenzahl: 112
  • ISBN: 3446207767
  • EAN: 9783446207769
  • Amazon.de Verkaufsrang: 149.038
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Beschreibung von buecher.de

Viele Jugendliche haben mit der Gesellschaft gebrochen. Hartmut von Hentigs Manifest macht mutige Vorschläge, wie diese soziale Erosion zu stoppen sei. Er bezweifelt, ob die Schule in der Mittelstufe überhaupt der geeignete Ort für Bildung und Erziehung ist. Die Schulzeit soll in dieser Phase unterbrochen werden, damit die Jugendlichen andere, praktische Erfahrungen sammeln können - in erster Linie die, gebraucht zu werden und sich zu bewähren. Überhaupt sollte der Schule ein soziales Jahr für alle folgen. Die Jugendunruhen in Frankreich haben gezeigt, was passieren kann, wenn sich eine ganze Generation überflüssig fühlt.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von hasenpupspapa fanden 18 von 18 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Ein revolutionärer Vorschlag eines unverbesserlichen Optimisten, der aber in unserem Land kaum Chancen auf Verwirklichung hat

Hartmut von Hentig ist einer der bekanntesten Pädagogen der Nachkriegszeit. Seine Bielefelder Laborschule ist bis heute ein Ort, wo richtungsweisende Reformen eingeleitet, erprobt und für andere Schulformen fruchtbar gemacht wurden und werden. Ähnlich wie seinlangjähriger Schüler Eberhard Bueb mit seinem Werk Lob der Disziplin" legt nun auch von Hentig sein bildungspolitisches Vermächtnis vor.

Mit seinem Buch Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein" legt er zwei revolutionäre Vorschläge vor und begründet sie. Zum einen will er in der Stufe der 13-15 -jährigen, also mitten in der schwierigen Phase der Pubertät, die Schüler an anderen Orten als der Schule Lerngelegenheiten finden lassen, die ihnen einen Sinn und ein Verständnis dafür gegen sollen, was Gemeinschaft ist, und warum es sich lohnt sich für sie zu engagieren und einzusetzen. Zum anderen plädiert er für ein für alle Menschen der Landes verbindliches soziales Jahr zwischen Schulabschluß und Beginn der beruflichen Tätigkeit. Beide Vorschläge begründet er ausführlich und grenzt sich auch ab von Begründungen, die von außen kommen und sich nicht an der Entwicklung der Persönlichkeit der jungen Menschen in unserem Land orientieren. Beispiel: eine externe Begründung für ein soziale Jahr wäre der Hinweis auf den zunehmenden Pflegebedarf für die ältere Generation. Solche Legitimationen lehnt von Hentig ab. Es geht ihm einzig und allein um die Wiederherstellung von so etwas wie Gemeinschaft, ein common sense, ohne den wohl seiner Meinung nach unsere Gesellschaft nicht wirklich auskommt, will sie nicht den von ihm, an die Bibel angelehnt, sogenannten Plagen" anheimfallen und von ihnen langsam aber sicher von innen heraus zerstört werden.

'Plagen' sind peinigende, verstörende, entmutigende Ereignisse; sie kommen meist in großer Zahl oder gestaffelt daher; sie hängen auf tückische Weise miteinander und mit früheren Segnungen zusammen; sie sind schwer einzeln zu bekämpfen und gar nicht alle zugleich."

Und von Hentig zählt sie auf:

-mangelnde Schulleistungen - durch internationale Vergleichsuntersuchungen plötzlich messbar und sichtbar gemacht;

-ungleiche Erfolgschancen von Jugendlichen in einem Bildungs- und Ausbildungssystem, das über vierzig Jahre lang ,reformiert' worden ist, ausdrücklich um dieser Ungerechtigkeit zu begegnen;

- die nachgewiesene Existenz einer erheblichen ,Risikogruppe' unter den Fünfzehnjährigen - Schüler, die nicht lesen können und die sich obendrein durch Schulunlust und Abwesenheit (Schwänzen), durch eine eigene Subkultur und schrille Selbstinszenierung gegen die ihnen zug4edahcten pädagogischen Wohltaten resistent machen;

- ein hohes (zunehmend bekanntes) Maß an Gewaltdelikten an Schule (und außerhalb) bis hinab ins Kindesalter; ein raffiniertes Mobbing unter Kindern und jungen Menschen, ein gnadenloses Ranking nach Statussymbolen;

- eine abnehmende Wachsamkeit der Jugendlichen gegenüber der Ansteckung durch AIDS, den Folgen des Rauchens, des Alkohol- und Drogenkonsums;

- das von jugendlichen Gangs selbst als ,happy slapping' bezeichnete brutale Verprügeln von Passanten als Zeitvertreib;

- die Verführung einer erheblichen Minderheit junger Menschen durch martiale Lebensformen - meist im Dienst von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit , Verachtung für Minderheiten, neofaschistische Ideen;

- die Bildung von ,Parallelkulturen' unter Immigranten, Widerstand gegen Ingeration, gegen ,Entmündigung' durch die Sprache des Gastlandes;

- eine frühe Vereinnahmung durch das Fernsehen, seine Dramatik, seine Permanenz, seine Unverbindlichkeit - mit der Folge, daß den jungen Menschen die großen gemeinsamen Geschichten unserer Kultur vorenthalten werden;

- ein ezessiver Hang zu Computerspielen, elektronischer Berauschung, ununterbrochene Beschallung: chatten, surfen, Handy-Dauerkommunikation und walkman, verbunden mit der zeitlichen Verdrängung von Realität;

- ein Mangel an physischer Arbeit und Bewegung, der zusammen mit falscher Ernährung zu Fettleibigkeit, Verkümmerung der Organe und Unglück im Kindes - und Jugendalter führt;

- die Ausbildungsunfähigkeit vieler Schulabsolventen;

- die Überforderung der Lehrer: durch größere Klassen, längere Arbeitszeit, vermehrte Konferenzen, Schulentwicklung, Qualitätsmanagement, Fortbildung und Selbstevaluation mit der Folge, dass weniger zeit und weniger Aufmerksamkeit für das einzelne Kind bleiben; die Lehrer ( und auch die Erzieher in den Kitas;d.R.) bilden die Berufsgruppe mit den deutlichsten Erschöpfungsmerkmalen (burn-out)

Neben diesen Plagen nennt von Hentig noch viele andere Widersprüche und Probleme unsere Bildungslandschaft, die im Endeffekt alle gutgemeinten Vorschläge und vor allem die individuellen Anstrengungen vieler engagierter Pädagogen und Erzieher ins Leere laufen lassen.

Es muß dringend etwas geschehen in unserem Land; Deutschland belegt in der EU den drittletzten Platz bei den Bildungsausgaben, gleichzeitig wird über PISA und die Folgen lamentiert. Die von Hentig angerissenen Probleme bilden einen Sprengsatz ungeheuerlichen Ausmasses, der durch kleine angebliche Reformen wie z. B. das beitragsfreie dritte Kindergartenjahr oder wie in Hessen die Unterrichtsgarantie plus" nur noch verschlimmbessert werden.

Von Hentigs Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer, aus diesem selbstgebauten Gefängnis auszubrechen. Ob seine Vorschläge verwirklicht werden ,ist sehr zu bezweifeln, zu stark sind in unserem Bildungssystem die Kräfte, die am Status Quo festhalten wollen. Doch es braucht solche radikale und lauten Stimmen in der Landschaft und in den Einrichtungen vor Ort, soll sich überhaupt irgendetwas bewegen.

Es braucht die unverbesserlichen Optimisten, die um unserer Kinder willen nicht aufgeben und den Glauben an eine bessere, weil gebildetere Gesellschaft nicht aufzugeben bereit sind.

Diese Rezension von M. F. fanden 10 von 11 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Hentigs Vermächtnis

Es ist kein "Rosengarten" - Hartmut von Hentigs pädagogisches Manifest. Eher ein aufrüttelndes Vermächtnis. Eine Herausforderung, die uns verpflichtet nachzudenken und - was noch schwerer wiegt - zu handeln.

Die Überlegungen und Vorschläge des wohl renommiertesten deutschen Pädagogen der Gegenwart haben weithin Beachtung gefunden: So empfiehlt Rüdiger Safranski im "Philosophischen Quartett" das Buch nachdrücklich zur Lektüre und unser Bundespräsident Horst Köhler hält Hentigs Gedanken für richtungsweisend.

Worum geht es? Angesichts der immer deutlicher zutage tretenden Kluft zwischen ausgegrenzten und sich ausgrenzenden Jugendlichen auf der einen wie Staat und Gesellschaft auf der anderen Seite, versucht Hartmut von Hentig eine Brücke zu schlagen. Ziel ist es, das wechselseitige Auf-einander-Angewiesensein wieder erfahrbar werden zu lassen, ein Bewusstsein für die Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Gemeinwesen zu eröffnen. Mehr noch: jungen Menschen Räume zur Verfügung zu stellen, in denen sie gebraucht werden, Aufgaben, an denen sie sich bewähren können und durch die sie wiederum Anerkennung finden.

Zwei konkrete Vorschläge stellt er zur Diskussion: die "Entschulung" der Mittelstufe der Schule sowie einen Dienst, den jeder Bürger, jede Bürgerin ein Jahr lang zwischen der Beendigung der schulischen Ausbildung und dem Berufsantritt leisten soll.

Es gilt, jungen Menschen "Erfahrungen mit praktischen Aufgaben in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft" zu ermöglichen, Momente der Bewährung: "Man braucht frühe ermutigende Erfahrungen mit dem, was das Gemeinwesen ausmacht, Aufgaben, die dir und mir gestellt sind und deren Erfüllung befriedigt, einen Anstoß zum Verlassen ausgetretener Bahnen..." (S. 13)

Ein Grundanliegen, das sich wie ein roter Faden durch Hentigs gesamtes Werk zieht und in den jetzt vorgestellten innovativen Projekten kulminiert. Aufgaben, die er zu seinem Bedauern selber nicht hat verwirklichen können, obwohl ihm die Bedeutung und Dringlichkeit immer bewusst war. (S. 14)

Erhellend seine Kritik an den bisherigen Versuchen oder besser Fehlversuchen, den administrativen Lösungsmodellen, idealistisch-moralisierenden Programmen, vermeintlichen "Entschulungsvarianten". Sie alle zeigen zugleich die Schwierigkeiten der Realisierung auf.

Wird sich die Vision Hentigs umsetzen, verwirklichen lassen? Als Gründer und langjähriger Leiter der "Bielefelder Laborschule" weiß er um die "Schmuddeligkeit der Praxis". Deshalb legt er zugleich einen differenzierten, variablen Stufenplan vor, berücksichtigt eine zehnjährige (!) Erprobungsphase. Ein Zeichen für die Ernsthaftigkeit und die Dimensionierung des ganzen Projekts.

Ohne auf die Begründung seiner konkreten Vorschläge im einzelnen einzugehen - seine Argumentation liest sich insgesamt wie ein Plädoyer für eine erlebnis- und handlungsorientierte Pädagogik. Ganz offensichtlich wird dies, wenn er auf Vorläufer, Anreger, Paten und verwandte Konzeptionen verweist, zum Beispiel auf die Kurzschulen von Kurt Hahn. "Diese Einrichtungen, die in England Outward-Bound-Schulen heißen, sind nicht nur eine Annäherung an die entschulte Mittelstufe, sie sind eine Variation dazu..." (S. 38)

Auch Jugendsegelschiffe wie die "Thor Heyerdahl" oder die "Undine" bieten Möglichkeiten, schulmäßiges Lernen durch herausfordernde Ernstsituationen und Erfahrungslernen zu ersetzen. "Aber das Unternehmen ist zu teuer und alle Großsegler Europas zusammen reichen nicht für die Mittelstufe deutscher Schulen aus." (S. 39) Wesentliche Impulse verdankt Hentig dem Projekt der First Street School von Paul und Susan Goodman, einer "wahrhaft entschulte(n) Schule". (S. 40) Es zeigt, wie in einer Großstadt eine "Lebensschule" mit relativ geringen Mitteln realisiert werden kann. Auch die Pfadfinder und die aus der Zeit des Wandervogels überlebenden Bünde sind "enge Verwandte im Geist": "Wären diese Bünde allen zugänglich und würden sie von allen genutzt, es brauchte vielleicht keine 'entschulte Mittelstufe'". (S. 42)

Erst durch die eigene Lektüre gewinnen Hentigs Gedanken über den hier skizzierten formalen Rahmen hinaus Substanz und Leben, erschließt sich ihr subtiler Gehalt, die Weite des Ansatzes, werden konkrete Erfahrungsräume in der "Natur", der "Industrie- und Produktionsgesellschaft", der "Verwaltungs- und Dienstleistungsgesellschaft" sichtbar, ebenso Aufgaben und Tätigkeiten in humanitären Einrichtungen, bei dem Erkunden der näheren gebauten und sozialen Umwelt und ihrer Pflege, mögliche "Patenschaften" aber auch eigene Erprobungsfelder wie "Kochen und Gastlichkeit", "Überleben in der Natur/im Wald", "Zirkus/Akrobatik"... ( S. 22-24)

Der Erlebnispädagogik öffnet Hentig durch seine Vorschläge neue Chancen und Räume der "Bewährung". Zugleich stellt er sie aber auf den Prüfstand. Erfüllen wird sie ihre Aufgabe nur, wenn sie neben der notwendigen und berechtigten Förderung individueller Kompetenzen/einzelner Gruppen stärker als bisher den Gesamtzusammenhang: das "Gemeinwohl" wie den "Menschen als Bürger und Bürgerin" berücksichtigt und ihnen die Erfahrung wechselseitiger Bedingtheit nicht vorenthält, sondern zu ermöglichen sucht. Das eine kann nicht ohne das andere gelingen.

Diese Rezension von Peter Raeggel fanden 4 von 5 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Die Summe eines Berufslebens

Hartmut von Hentig, der Nestor der Pädagogik, legt mit diesem Buch sein berufliches Vermächtnis und Testament vor.

Nochmals kommentiert er an vielen aktuellen Beispielen die Lage in der deutschen Pädagogik und Bildungslandschaft.

Wenn er vorschlägt, die Mittelstufe zu entschulen, dann plädiert er dafür, zwei Gruppen sich einander ersparen zu lassen, die oft nichts miteinander anfangen können. Pubertierende Jugendliche zwischen 13 und 15 einerseits und der Schulbetrieb wie wir ihn kennen andererseits. Die Schule ist oft der Ort, wo Kinder die Erfahrung machen, ungenügend und anders zu sein, irgendwelchen Anforderungen nicht zu entsprechen, was sich fortsetzt, bis ins beginnende Arbeitsleben hinein. Dagegen bietet von Hentig einen Ausflug ins praktische Leben an, die Erfahrung durch Mittun nützlich zu sein und Anerkennung zu erleben, in einer Gemeinschaft, die frustrierte Schüler so vorher nicht gekannt haben und erst durch diesen erlebnispädagogischen Ansatz wertschätzen können. Damit denkt Herr von Hentig über eine Enttheoretisierung,-intellektualisierung,und -akademisierung nach, die, meines Wissens, so noch niemand auf der Rechnung hat.

Der zweite Ansatz dazu, Sinn, Sein und Wert von Gemeinschaft, sowie einer Idee davon für junge Menschen erfahrbar zu machen, liegt für Herrn von Hentig in einem verpflichtenden sozialen Jahr für alle nach der Schulzeit und vor Eintritt in Studium oder Beruf. In den falschen Händen kann dieser Schuß auch nach hinten losgehen, und wir erleben die Arbeitslager der Nazis im neuen Gewand.

Kann nach hinten losgehen. Ich behaupte nicht, daß es so sein muß. Auf jeden Fall haben wir zwei sehr interessante Wege, deren Beschreiten sich lohnen würde. Die nützliche Erfahrung, gebraucht zu werden, eben nützlich zu sein, ist etwas, was jeder Mensch in der Schule immer wieder lernen sollte, ebenso wie den Erwerb grundlegender sozialer Kompetenzen. Erst danach kann auch das Geburtsdatum Napoleons dazukommen, oder meinetwegen die dritte binomische Formel.

Pädagogen wie Hartmut von Hentig haben ihr ganzes Berufsleben dafür gestanden.

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