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Ein pakistanisches Liebespaar verschwindet. Die Brüder des Mannes werden kurz darauf verhaftet, und es kommt zum Prozess. Der Vorwurf: Mord aus religiösen Gründen. Diese Ereignisse erschüttern das Leben von Shamas, dem ältesten der Brüder, und seiner Frau Kaukab zutiefst. Beide scheinen verschollen zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen und vor allem zwei Religionen.
Laut Verlag wird hier „die heimliche Vorgeschichte des 11. September“ erzählt. Oder die des 7. August, als in London die Bomben explodierten? Liefert Aslam das Buch zum Anschlag? Vermag der aus Pakistan stammende 39-Jährige zu erklären, was britische Bürger seiner Generation zu Terroristen macht? Nun, es geht um religiös motivierte Gewalt, die in einem Ehrenmord gipfelt. Schauplatz ist das Einwandererviertel einer englischen Stadt, "Dasht-e-Tanhaii", Wüste der Einsamkeit, genannt. Dort leben Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, aber nie in England angekommen sind: Männer, die im Namen des Koran ihre Frauen schlagen; Mütter, denen ihre Kinder fremd werden; Kinder, die sich zwischen ihren Eltern und einem (weißen) Partner entscheiden müssen. Sie sind „halb Pakistani und ... halb Mensch“, fühlen sich wie Hunde, die zwar Fleisch kriegen, aber nicht bellen dürfen. Aus Opfern werden Täter und der Islam leistet Schützenhilfe. Die Religion ist Balsam auf die Wunden der Geschlagenen, gleichzeitig „streuen die heiligen Männer und Frauen auch noch Salz in diese Wunden“. Alle kommen zu Wort -- Gläubige, Frömmler, Zweifler, Ungläubige -- und zuweilen müssen die Figuren als Sprachrohre herhalten. Vereint sind die Extreme in einem alten Ehepaar und zu allererst ist das Buch ein großartiger Familienroman und mindestens ebenso poetisch wie politisch. Die Natur erscheint als Gegenentwurf zur bösen Menschenwelt -- naiv gedacht und sehr schön gemacht. Aslam ist ein Meister im Vergleichen (der Tritt auf die Eisschicht wie ein Messer, „das über Toast kratzt“), der uns sämtliche Sinne öffnet, nicht ohne den Bilder-Bogen immer wieder zu überspannen. Der Roman ist vieles zugleich: Innenschau einer Parallelgesellschaft, Geschichte eines Verbrechens, Chronik einer Familie. Er beschreibt Exotisches und allzu Vertrautes, sozusagen Muslime wie du und ich. Bis auf die Mörder, deren Tat aber eben auch als Beziehungsdrama gedeutet werden kann. Sind das Terroristen in spe? Schwerlich. Doch was Aslam schildert, ist schlimm und schön und wichtig genug. --Patrick Fischer
Gefangen in den eigenen ZwängenWer jemals selbst eine Zeile geschrieben hat, weiß, wie schwierig es ist, als Autor/Autorin nicht zu werten, sondern lediglich zu beobachten. Genau dies ist Nadeem Aslam in diesem verstörenden Roman über einen Ehrenmord in einer pakistianischen Gemeinde in England gelungen. Er lässt alle Figuren, von liberal bis radikal, zu Wort kommen. Bei Aslam erhält auch die radikalste Muslimin (Kaukab) ein menschliches, sogar berührendes Gesicht. Eindrücklich zeigt er, wie sie gefangen ist in den Zwängen, die sie sich selbst auferlegt; wie sie den Koran bis ins Detail befolgt und sich trotzdem die ewige Verachtung ihrer Kinder zuzieht. Aus ihrer Sicht macht sie alles richtig - und steht vor einem gescheiterten Leben. Aslam schafft es, diese Tragik durch den Blick von innen zu erhellen und verständlich zu machen - dabei spielt es keine Rolle, was man vom Islam hält. Die poetische Sprache steht den erschreckenden Ereignissen diametral gegenüber und passt trotzdem. Leider leidet der Roman an einem schrecklichen Metapher-Overkill. So schön sie auch sein mögen, Metaphern in jedem zweiten Satz sind stilistisch zuviel des Guten. Weiterer Minuspunkt: Ich hatte inständig gehofft, dass der Autor uns den klassischen Ausgang einer Liebschaft (zwischen Shamas und Suraya) erspart - vergebens. Ansonsten ein kluger Roman, hinter dem ganz offensichtlich viel sprachliche Feinarbeit (anscheinend 11 Jahre!) steckt.
Für und wider den IslamAslam lässt die Beteiligten das Für und Wider den Islam sowohl reflektieren als auch diskutieren und integriert dieses in die Geschichte mehrerer Familien um einen sog. „Ehrenmord" .„Maps For Lost Lovers"/"Atlas für verschollene Liebende" ist provokant und gleichzeitig einfühlsam geschrieben. Die verschiedenen Facetten des Islam waren für mich als Nicht-Muslime sehr interessant. Aslams Erzählweise hat mich zwar im Großen und Ganzen beeindruckt, erschien mir aber teilweise zu poetisch und zu beladen mit Metaphern. Das mag sicherlich daran liegen, dass ich aus einem anderen Kulturkreis als der Autor stamme und ich diese Art von „blumiger" Sprache nicht richtig zu würdigen weiss, hat aber auch dazu geführt, dass „Maps For Lost Lovers"/"Atlas für verschollene Liebende" für mich kein Fünf-Sterne-Buch ist.Fazit: Sehr lohnenswert, aber aufgrund der sprachlichen Gegebenheiten streckenweise etwas ermüdend. Daher auch „nur" vier Sterne.
Der Konflikt von Immigranten von innen heraus , aus dem System selbstGroßartig, wie Aslam den Konflikt pakistanischer Immigranten von innen heraus, aus dem System selbst darstellt. Der Leser spürt förmlich, wie die Figuren des Romans in der Fremde um Glauben und Identität ringen, wie Tradition und Moderne aufeinander prallen.
Viele Einzelschicksale sind gekonnt miteinander verknüpft, alles in einer wunderbar bildlichen Sprache und geschmückt mit schönen Metaphern. Ja, man versteht, dass Religion oft der einzige Halt ist, wenn man seine Heimat verloren hat. Eine Religion, die nicht hinterfragt werden darf, weil Allahs Gesetze unumstößlich sind.