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Was ist passiert in der Nacht des 13. Dezember im Schlafzimmer des 'designierten Nachfolgers', dessen Leiche am folgenden Morgen mit einer Kugel im Herzen gefunden wird? Hat er sich selbst umgebracht, wie man zuerst annimmt, oder war es gar Mord, geplant im Kreis der höchsten Machthaber? Und was ist wahr an dem Gerücht, daß ein Tunnel verlaufe zwischen dem Haus des Nachfolgers und dem Anwesen des 'Führers'? In Der Nachfolger wendet sich Ismail Kadare dem dunkelsten Rätsel der neuesten Geschichte Albaniens zu, dem mysteriösen Tod des Zöglings von Diktator Enver Hoxha. Noch heute ein Vierteljahrhundert nach diesem Todesfall und mehr als fünfzehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Regimes liegt dieses Geheimnis im Dunkeln. Meisterhaft verleiht Ismail Kadare dem realen Ereignis eine universelle Dimension und stellt die Figur des Nachfolgers in eine Reihe mit den großen Archetypen der Weltliteratur wie Judas, Agamemnon, Brutus und Joseph K.
Die dunkle Seite der WeltIsmail Kadare Der Nachfolger Meridiane Amman
Für jeden Bewohner der westlichen Hemisphäre ist der Ostblock und insbesondere Albanien über lange Zeit eine dunkle, unbekannte Welt gewesen.
Ismail Kadare hat mit diesem Roman ein kleines Guckloch geöffnet, durch das man in eine ganz und gar fremde, Angst auslösende Welt Einblick nimmt.
Nach mit wenigen Sätzen skizzierter Geschichte Albaniens landen wir in der kommunistischen Welt, die in Albanien über die übliche Abschottung des Ostblocks hinaus auch von der übrigen kommunistischen Welt weitestgehend getrennt war.
Es geht in diesem Roman um einen großen Diktator im Land, der einen Nachfolger gekürt hat. Dieser musste natürlich linientreuer noch als jeder andere die jeweils herrschende Moral und Politik vertreten.
Als sich herausstellt, dass die Tochter des Nachfolgers mit dem Sohn eines intellektuellen und bürgerlichen Professors, auch noch eines Seismologen, verlobt ist, konnte das nur als äußerst anstößiger Affront gewertet werden.
Die Verlobung wurde umgehend gelöst und der Nachfolger wurde eines Nachts ermordet, --oder brachte er sich selber um?
Diese Frage bleibt geheimnisvoll.
Was bedeutete das alles für die Familie des Nachfolgers?
Eingebettet in den Plot eines Politthrillers und einer Liebesgeschichte geht es auch um die Frage: wie lebte es sich überhaupt in einem diktatorischen Regime östlicher Prägung?
Wie sollte man sich verhalten bei den laufend wechselnden Änderungen der politischen Richtung, einmal mehr nach China, dann wieder nach Russland hin orientiert? Wie hielt man die Gegensätze aus und wer musste jeweils dran glauben, wenn die richtige Position nicht beizeiten klar erkennbar war?
Die beängstigende Stille, mit der verfolgt und ausgestoßen wurde; die infame Methode, mit der man sich derer entledigte, die nicht mehr für würdig befunden wurden, zur illustren Gesellschaft dazu zu gehören, das wird in einem ausgefeilten und subtilen Erzählstil berichtet.
Schließlich werden fast mythologische Analogien bemüht: Abraham, der seinen Sohn opfert, Frauen oder Männer, die ihre Angehörigen verkauften um einer Ideologie oder um eines Gottes willen.
Es ist eine unheimliche, düstere und doch brennend bestechlich geschriebene Geschichte, die nahe an der Realität und fern einer aufgeklärten demokratischen Welt stattfindet.
Kadare ist selber in Albanien geboren und lebt heute in Tirana und Paris. Er ist ein Meistererzähler, der uns die räumlich und zeitlich sehr kurz zurückliegende archaische Vergangenheit seines Landes in einem spannenden Roman erzählt.
Ist die Geschichte wirklich passiert? Ist alles nur erfunden?
Der Leser darf gespannt bleiben!
Krimi, aber dann doch nicht...Eine Rezension über dieses Buch zu schreiben ist keine leichte Aufgabe. Erstens weiß man nicht, wie man es bezeichnen soll. Ist das ein Krimi? Für einen Krimi sind die Abgründe, die sich eröffnen zu schrill, zu schillernd, zu kaltblütig und erbarmungslos dargestellt.
Nach nur wenigen Seiten packt einen das Geschehnis. Wir sind der Geschichte ausgesetzt und fragen, wie bei einem Krimi, wer wohl der Mörder sei. Nur allzu bald merken wir, dass es eigentlich nicht so sehr darum geht. Es geht um Anderes! Aber das wird nicht ausgesprochen. Es schwingt unscheinbar in der klaren, nüchternen Sprache mit.
Eigentlich sind alle Beteiligten zum Teil Mörder und diese Schuld nagt an ihnen, zersetzt ihre Persönlichkeiten. Ihre Geschichten werden überschattet, ‚ersticken’ unter der Last des einen Hauptmotivs des Romans: dem Tod des Nachfolgers.
So verfolgen wir die Schicksale dieser Figuren, die ihre eigene Erinnerung erforschen, als hätten sie sie verloren. Und allmählich ahnen wir es. Es handelt sich nicht um die Figuren des Romans, nicht um die Figuren dieses ‚wahren Geschehnisses’, es handelt sich um das System, in dem sie sich verfangen haben, das die unaussprechlichsten Geheimnisse eines jeden zu kennen vermeint, und einen jeden nach winzigen Gesten verurteil, die diese Geheimnisse andeuten könnten…
Ja, es ist etwas makaber dieses Buch. Als Schattenspiel der Macht entsteht darin auch die Erotik, die sich entweder zwischen Kaminen und dem winterlichen Meer abspielt, oder dem Sarg des Vaters und geheimen Türen, zwischen den Gemächern des Königs und seines Nachfolgers. Türen, die zu öffnen eigentlich auch die Auflösung des Krimis bedeuten würde, aber wie gesagt das ist kein Krimi… ja, auch Literatur nicht!
Ich habe nur noch wenige Seiten zu lesen und werde in paar Minuten fertig sein, dachte ich vor dem Schluss. Doch plötzlich fand ich mich im All, in der Zeitlosigkeit den formelartigen und doch unfassbar nüchternen Worten des Nachfolgers lauschend. Was ist das nur?!
Spannung bei KadareBis heute ist Shakespeare das größte Vorbild Kadares. Der Roman „Der Nachfolger“ ist ein echter Kadare. Schwer legt man das Buch aus der Hand. Kadares literarischer Stil ist wie immer faszinierend, obwohl seine dunkle Lyrik dem Leser zusetzt. In seinem neuen Roman "Der Nachfolger" kehrt er die Handlung des "Macbeth" um: Nicht vom Königsmord wird hier erzählt, sondern vom Potentaten, der seinen designierten Nachfolger in einer Winternacht im Dezember 1981 umbringen lässt. Doch hat "der Führer", wie Kadare Enver Hoxha nennt, den Mord an Mehmet Sehu tatsächlich in Auftrag gegeben? Eine ganze Reihe von Personen kommt als Täter in Frage, darunter Frau und Kinder des Ermordeten, sein Architekt sowie der Nachfolger des Nachfolgers.
In dem Roman herrscht eine Stimmung der Ungewissheit und Unsicherheit auf sämtlichen Ebenen. Um kriminologische Aufklärung eines Verbrechens geht es dem Autor Ismail Kadare nicht. Dennoch ist der Roman von Anfang bis Ende extrem spannend. Das Labyrinth des Terrors in dem totalitären stalinistischen System Albaniens, die Atmosphäre aus mörderischer Bedrohung, Angst, Gerüchten, Lügen und willkürlichen Verhaftungen bildet Kadare meisterhaft ab. Jedoch trägt der Roman Kadares nicht dazu bei, die Vorgänge um den Tod Mehmet Sehus wirklich zu verstehen. Kadare schreibt vorzüglich über menschliche Verwirrung, reale Angst und paranoide Machtkämpfe. Kadare vermengt das tatsächliche Geschehen mit den Alpträumen der Figuren.
Ein tatsächliches Ereignis liegt dem Roman zu Grunde: 1981 wurde Mehmet Shehu, der langjährige Premierminister Albaniens und potentieller Nachfolger des kranken Partei- und Staatsführers Enver Hoxha, mit einer Pistole in der Hand erschossen aufgefunden. Offiziell hat Shehu Selbstmord begangen. Für die Selbstmordthese spricht, dass Mehmet Sehu einen Abschiedsbrief an die Partei und Staatsführung hinterließ. In dem Schreiben empfahl Sehu der „Partei der Arbeit Albaniens“ seinen Selbstmord als Unfall darzustellen. Dieser reale geschichtliche Fakt spielt in dem Roman allerdings keine Rolle. Dennoch glauben nicht wenige Albaner und internationale Beobachter bis heute an Mord und hielten Hoxha für den Drahtzieher. Kadares Buch ist eine Art Schlüsselroman zu diesen Vorgängen und als Fiktion aus dem Innenleben des Systems zugleich Teil "der alle Zeiten umschließenden menschlichen Erinnerung".
Die politische Schlagseite Kadares
Kadare versucht in dem Roman eines der größten Rätsel der jüngeren albanischen Geschichte (der Tod Mehmet Sehus) dem deutschen Lesepublikum nahezubringen. Dieser literarisch hochstehende Versuch hat allerdings schwerwiegende Mängel. In dem Roman wird die Verlobung der Tochter Mehmet Sehus mit einem Sohn aus einer „politisch nicht korrekten Familie“ als Ursache für die Tragödie benannt. Mehmet Sehu wurde wegen der Verlobung seiner Tochter angegriffen. Sehu mußte damals aufgrund eines Parteibeschlußes die Verlobung seiner Tochter rückgängig machen. Mehmet Sehu wurde attackiert weil er durch die Verlobung „den Klassenkampf abschwäche“ und dem „Liberalismus Tür und Tor öffne“. Auf diesen Fakt stürzt sich Kadare in dem Roman um generell den Klassenkampf und den Kommunismus zu verwerfen. Ein anderer begnadeter Literat mit politischem Spürsinn, der wie Kadare mit der Feder umzugehen verstünde, müßte zu völlig anderen politischen Schlußfolgerungen wie Kadare gelangen. Zuerst müsste die Frage gestellt werden, warum in Albanien dem „Leuchtfeuer des Sozialismus“ (Mao), Väter ihre Töchter verlobten und verheirateten. Normalerweise sind solche Praktiken Ausdruck patriarchaler Rückständigkeit, die nicht das geringste mit dem Sozialismus oder gar dem Kommunismus zu tun haben. In der Tat, belegen diese Tatsachen aus Albanien nur das reaktionäre Wesen des Stalinismus. Die Einmischung in das freie Liebesleben der Menschen hat nichts mit dem Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung gemein. Der Klassenkampf hat im Gegenteil die Funktion alle Verhältnisse radikal in Frage zu stellen,in denen der Mensch ein unterdrücktes, verlassenes und erniedrigtes Wesen ist. Realen und gerechtfertigten Klassenkampf gab es auch in Albanien gegen die feudale Unterdrückung und dem damit verbundenem Massenelend sowie gegen die faschistische Okkupation. Kadare präsentiert in seinem Roman nur die negativen Seiten des bürokratisch-stalinistischen Systems (literarisch faszinierend), um dabei sogleich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Kadare ignoriert vollständig, dass durch die Überwindung des alten Systems in Albanien entscheidende soziale und kulturelle Veränderungen einsetzten. Durch die geplante Wirtschaft unter Ausschluß einer Ausbeuterklasse konnte die Lebenserwartung der Menschen auf europäisches Niveau angehoben werden. Das Land wurde vom weit verbreiteten Analphabetismus befreit und 1970 war Albanien vollständig elektrifiziert. All diese Fakten kommen bei Kadare in dem Roman nicht vor. Dies könnte man ihm auch nicht vorwerfen, wenn er in dem Roman nicht immer wieder in die Vergangenheit abschweifen würde. An mehreren Stellen vermutet Kadare, dass sowohl Hoxha wie Sehu im „Kampf in den Bergen“ große Verbrechen begangen hätten. Es geht Kadare dabei nicht um einzelne konkrete Vorfälle, sondern er diskreditiert damit den antifaschistischen Befreiungskampf des albanischen Volkes. Er stellt den Kampf als eine besondere Charaktereigenschaft von Menschen mit eigener (nach Kadare) „negativen Identität“ dar. Kadare erzählt brillant etwas über die Paranoia im spätstalinistischem System Albaniens. Der Roman ist aus diesem Grund auch lesenswert. Die Beobachtungen von Kadare im Zusammenhang mit dem Tod von Mehmet Sehu sind interessant. Allerdings ist der Leser der nicht mit der Faktenlage vertraut ist geneigt, den düsteren Schilderungen Kadares einfach dem in Albanien nicht existierendem Sozialismus in die Schuhe zu schieben. Zur Aufklärung über die Ursachen des Todes von Mehmet Sehu trägt der Roman hingegen nichts bei. Er bietet allerdings Anlaß sich neuerlich mit dieser Tragödie auseinanderzusetzen. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass in dem Rechenschaftsbericht den Mehmet Sehu unmittelbar vor seinem Tod dem Parteitag der PAA erstattete, wesentlich weniger Schönfärberei über die Lage enthält, als der Rechenschaftsbericht Enver Hoxhas. Die in dem Buch Hoxhas „Die Titoisten“ aus dem Jahr 1982 vorgebrachten Argumente gegen Mehmet Sehu sind zu verwerfen. Hoxha erwähnt in dem Buch die „Verlobung als parteifeindlichen Akt“. Hoxha nennt ohne jeglichen Beleg zu bringen Mehmet Sehu einen „feindlichen Polyagenten“ der im Dienst der CIA, der UDBA, des KGB und des britischen Geheimdienstes gestanden habe. Dieser stalinistische Wahn geht sogar über die Fälschung in den Moskauer Prozessen der dreißiger Jahre hinaus. Stalin hatte zwar keine Dokumente für seine gefälschten Anklagen, aber immerhin das Geständnis der Angeklagten. Der Roman Kadares beschreibt vorzüglich einzelne Seiten des Stalinismus seine antikommunistischen Schlußfolgerungen sind jedoch verheerend.
Anmerkungen: Der Roman von Ismail Kadare ist seit Oktober 2006 auf dem deutschen Buchmarkt. Er erschien im Amman Verlag