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Zeitgemäße Erziehung Die Konstruktion pädagogischer Wirklichkeit I. Raum und Erziehung. Grundzüge einer pädagogischen Metaphorologie Metaphern als Mittel der Erkenntnis / Erziehung als Bewegung im Raum / Ein Panorama pädagogischer Metaphern / Die Raummetaphorik und der menschliche Körper / Der Raum und die Subjektivität II. Zeit und Subjektivität. Skizzen zu einer Psychologie des Werdens Von der Zeit der Wahrnehmung zur Wahrnehmung der Zeit / Die Entwicklung des Zeitbegriffs / Zeit als soziale Konstruktion / Die Zeit und der Mensch / Die Zeit als Metapher III. Evolution und Geist. Eine konstruktivistische Theorie des Wissens Die Evolution als selbstorganisierender Prozeß / Geist / Wissen als epistemische Konstruktion / Reflexivität IV. Kommunikation und Sprache. Eine Theorie des Verstehens Kommunikation als Übertragung / Kommunikation als symbolische Interaktion / Verstehen / Schriftliche Kommunikation V. Reziprozität und Anerkennung. Eine Theorie der pädagogischen Situation Der Unterricht als Sozialsystem / Die Komplexität des Unterrichts / Ein Drei-Ebenen-Modell des Unterrichts / Probleme der pädagogischen Theorie / Pädagogische Handlungskompetenz Literatur Namenregister Sachregister Die in der Erziehungswissenschaft vorherrschende Raummetaphorik führt zu heillosen Paradoxien. Aber nicht die Wirklichkeit ist paradox, sondern die Art und Weise, wie sich Pädagoginnen und Pädagogen die Erziehungswirklichkeit denken, erzeugt Paradoxien. Sie entstehen, weil eine zeitlich verfaßte Wirklichkeit in räumliche Kategorien gezwängt wird. Walter Herzog schlägt deshalb vor, das metaphorische Potential der Zeit als alternative Begründung der Pädagogik zu nutzen. Im Rahmen einer modalen Zeitauffassung lassen sich die zentralen Begriffe der Erziehungswissenschaft neu bestimmen. Die zeitliche Konstruktion pädagogischer Wirklichkeit erschließt der Disziplin die Dimension der Sozialität, dank deren im pädagogischen Alltag Formen reziproker Anerkennung als Medien der Sozialintegration in den Vordergrund rücken. Der Weg der Pädagogik zur Wissenschaft wird durch eine Metaphorik behindert, die das pädagogische Denken in eine fundamentale Paradoxie verwickelt. Im Lichte der dominierenden räumlichen Metaphern erscheint die Erziehung als überblickbare und kontrollierbare Bewegung im Raum. Damit kann nicht verständlich werden, wie sich durch erzieherisches Handeln Bildung befördern läßt. Der pädagogische Gegenstand oszilliert zwischen der theoretisch nicht einholbaren Behauptung, der Mensch werde durch Erziehung zu sich selber befreit, und der praktisch absurden Imagination seiner Unterwerfung durch eine unbegrenzte pädagogische Kausalität. Der Autor empfiehlt der Erziehungswissenschaft, die Paradoxie ihres Gegenstandsverständnisses durch einen Wechsel der Metaphorik aufzulösen, nämlich: anstelle des Raumes das metaphorische Potential der Zeit zu nutzen. Eine zeitlich gedachte Erziehung vermag die pädagogische Intuition nicht nur besser zu artikulieren, sondern auch angemessener zu theoretisieren. Wobei die Zeit als modale Zeit begriffen wird, das heißt als Gliederung der Zeiterfahrung durch die qualitativen Differenzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Damit zerbricht die Vorstellung einer linearen, quasi-räumlichen Einwirkung auf Bildungsprozesse. Die Zukunft ist nicht Teil einer pädagogischen Wirklichkeit, die als seiende auf uns zukommt. Vielmehr ist sie in der Zeit erzeugte Konstruktion von Wirklichkeit, die nicht nur anders ist als die Vergangenheit, sondern auch neu. Die Zeit ermöglicht ein alternatives Verständnis pädagogischer Wirklichkeit. Dies wird anhand zweier Grundkategorien der Erziehungswissenschaft, Wissen und Kommunikation, gezeigt. Als Brücke von der Analyse der Zeit zur Pädagogik des Wissens dient das Konzept der Evolution. Einheit der Evolutionstheorie ist der sich in seiner Umwelt mit dieser entwickelnde Organismus. Im Rahmen der Theorie autopoietischer Systeme ergibt sich eine Verbindung zum erkenntnistheoretischen Konstruktivismus. Wissen entsteht als subjektive Leistung eines Organismus, dessen Organisation und Kontextabhängigkeit den kognitiven Mechanismen Einschränkungen auferlegen. Die Wissensbildung beruht auf der Kopräsenz strukturell gekoppelter Systeme, die für einander Umwelt sind. Genausowenig wie das Wissen kann die Kommunikation als eine Vorgabe betrachtet werden, von der die Erziehung ausgehen könnte. Pädagogische Kommunikation ist weder Übertragung von Wissen, noch beruht sie auf Einfühlung oder Verstehen. Als Operateure ihres Bewußtseins vermögen Menschen weder andere noch sich selber unmittelbar zu verstehen. Kommunikation entsteht aus Kooperation. Da kognitive Systeme informationell geschlossen sind, emergieren Bedeutungen als subjektive Eigenleistungen. Pädagogische Kommunikation ist daher auf präkommunikative Formen der Interaktion verwiesen. Erzieher und Edukand vermögen sich zu verständigen, wenn ihre subjektiv konstruierten Bedeutungsfelder funktional übereinstimmen. Aus der Rekonstruktion der pädagogischen Grundbegriffe des Wissens und der Kommunikation ergibt sich die theoretische Notwendigkeit, Erziehung und Unterricht als soziale Situationen zu begreifen. Eine raumbezogene Theorie vermag diesen Anspruch nicht einzulösen. Erst die zeitliche Konstruktion pädagogischer Wirklichkeit erschließt der Erziehungswissenschaft die Dimension der Sozialität. Als Medium pädagogischer Sozialität wird die Reziprozität postuliert, die sich in verschiedenen Formen konkretisieren kann (Vertrauen, Anerkennung, Gespräch, Spiel etc.). Durch reziproke Beziehungen gewinnen die institutionell nur schwach gestützten pädagogischen Situationen Dauerhaftigkeit. Die Konstruktion von Erziehung und Unterricht als soziale Wirklichkeiten erlaubt es, die Paradoxien der herkömmlichen Pädagogik aufzulösen
Rezension �Zeitgemässe Erziehung� von Walter HerzogDer Buchinhalt ist umfassend und komplex, Herzogs Argumentation ausführlich, überzeugend, befreiend und äusserst anregend. Der Autor ist kritisch und hinterfragt landläufig verbreitete Auffassungen von Erziehung. Diese führt er auf entlarvende Weise mit seinen Wie-Fragen, welche einer zeitlichen Logik folgen (und damit Prozesse aufzudecken vermögen), ad absurdum. Gängige Annahmen entpuppen sich als Karikatur pädagogische Allmachtsphantasien und erscheinen damit in ihrer ganzen Absurdität als komisch.Ich kann Sie hiermit nur ermutigen, sich für dieses würdige Standardwerk einer zeitgemässen Erziehung Zeit zu nehmen, sich irritieren zu lassen, Verbindungen herzustellen und Neues entstehen zu lassen...
"Zeirgemässe Erziehung" von Walter HerzogDie genauere Betrachtung pädagogischer Metaphern verweist auf die Dominanz einer Erziehung, die als planbare, überblickbare und kontrollierbare Bewegung im Raum gedacht wird. Vorstellungen einer Erziehung als Führung, Formung, Prägung oder Begleitung von Wachstumsprozessen etc. dokumentieren dieses mechanistische Verständnis. Auch wenn die unbeherrschte Erwartung kausaler Kontrolle von der pädagogischen Theorie rhetorisch kaschiert wird, so kommt sie nicht umhin, ihren Gegenstand als paradox zu bezeichnen und mangelnde analytische Schärfe durch pädagogischen Eros zu vertuschen. Nach Herzog ist in Anlehnung an Luhmann jedoch nicht die Erziehungswirklichkeit paradox, sondern unsere Art, pädagogische Wirklichkeiten zu denken, erzeugt Paradoxien. Als Paradoxie der Erziehung nennt der Autor die Vorstellung, dass Erziehende bei den Edukanden Autonomie durch Heteronomie erzeugen wollen. Offenbar vermag die pädagogische Theorie den egalitären Charakter der reziproken Struktur der Beziehung von Erzieherin und Edukand nicht zu begreifen. Sobald wir jedoch von der Idee der Determinierbarkeit des Menschen abrücken und pädagogisches Handeln als modale Zeitgestalt anerkennen, relativiert sich die Paradoxie. Im modalen Zeitverständnis bezeichnet Gegenwart die Differenz von Vergangenheit und Zukunft. Die Zukunft kann nicht gesehen werden, als seiende, auf uns zukommende, auf deren Aktualisierung man warten kann. Die Zukunft ist laufend neu erzeugte Konstruktion.
Lernen, Entwicklung und Bildung sind demnach Prozesse, die in autopoietischen Systemen ablaufen und von aussen zwar angeregt, aber nicht determiniert werden können. Erziehung und Unterricht können daher immer nur Gelegenheiten bereitstellen; sie können nie Ursachen sein. Lernen erfolgt über kognitive Mutationen, deren Ergebnisse am Kriterium der Viabilität geprüft werden. Der Edukand erscheint im Kontext einer zeitgemässen Pädagogik als Akteur, der an der Gestaltung seiner Erziehung mitbeteiligt ist.
Wie vermutlich unschwer zu erkennen ist, bedient sich Herzog bei diesen Überlegungen der Evolutionstheorie, der Systemtheorie, dem Konstruktivismus und der modalen Zeitauffassung. Es gelingt ihm dadurch, Begriffe wie Subjektivität (als Zielkriterium neuzeitlicher Pädagogik) und die beiden Kernbegriffe pädagogischer Theorie Wissen und Kommunikation angemessen darzustellen und miteinander zu verbinden.
Diese Erkenntnisse verdichtet der Autor in seinem Mehr-Ebenen-Modell des Unterrichts. Er revidiert die pädagogische Theorie, indem er das evolutive und dynamische Verhältnis von Reziprozität und Komplementarität pädagogischer Situationen in ein komplexes Gefüge rekursiv vernetzter, variabel verschiebbarer Ebenen setzt. Es sind dies die Ebenen der Situation (Interaktion), des Systems (Kommunikation, Reziprozität), der Handlung (soziales und individuelles Handeln, Asymmetrie) und der Reflexion (über die System- und Handlungsebene). Erst durch die Zusammenschau der vier Ebenen kann verständlich werden, wie Erziehung möglich ist. Die Asymmetrie zwischen Erzieherin und Edukand hinsichtlich der Bildung ist unbestrittenes Merkmal pädagogischer Situationen. Auch wenn das Ziel erzieherischen und unterrichtlichen Handelns in der Aufhebung dieses Reife- und Kompetenzgefälles liegt, sind pädagogische Situationen nur solange wirklich, wie sie sich durch das Merkmal der Ungleichheit unterscheiden. Die Bereitschaft der Edukanden, sich der Zumutung der Belehrung und Selektion zu unterwerfen, lässt sich aber weder durch ein naturgegebenes, anthropologisch begründetes »Erziehungsbedürfnis«, noch durch die Nutzung von Machtmitteln erklären, über die der Erzieher auf der asymmetrischen Ebene verfügt. Hingegen stellt die Kultur des sozialen Austauschs egalitärer Beziehungen, resp. die reziproke Struktur der Systemebene, motivationale Ressourcen bereit, sich erziehen zu lassen. Herzog erläutert als abstrakte Formen der Reziprozität Vertrauen und Anerkennung und als konkrete Formen Gespräch und Spiel und macht damit noch einmal deutlich, dass reziproke Interaktionen zeitliche Phänomene sind, die sich der zweckrationalen Planung und Berechnung entziehen.
Im letzten Kapitel geht der Autor auf die Erziehungswirklichkeit des Unterrichts ein. Er beschreibt die Unterrichtssituation als äusserst vielschichtige soziale Situation, aufgrund der doppelt vorhandenen doppelten Kontingenz, der gleichzeitigen Multidimensionalität verschiedener Medien und der Mehrschichtigkeit kommunikativer Prozesse. Dazu kommen widersprüchliche Anforderungen an die Schule, welche die Komplexität des Unterrichts zusätzlich erhöhen. Herzog nennt als aussenbedingte Widersprüche u. a. pädagogische Antinomien (Qualifikation vs. Selektion), die uneinlösbare Forderung nach Chancengleichheit und den Lehrlernkurzschluss. Innere Widersprüche erfolgen aus dem Klassenprinzip. Entgegen den erhabenen Reden (Rhetorik des tiefen und gründlichen Verstehens) zeigt Erziehung wenig Sensibilität gegenüber dem Individuum. Die herkömmliche Didaktik verdichtet die Individuen zur virtuellen Masse (fiktive Normschülerin, Klasse als Kollektivsingular) und erzeugt damit die Illusion überschaubarer Verhältnisse. Die Inszenierung der schulischen Wirklichkeit als standardisierten Klassen- und Frontalunterricht unterschreitet jedoch die Komplexität der Unterrichtssituation sträflich und hintertreibt das Bewusstsein der systemischen Struktur der pädagogischen Situation. Herzog kritisiert, dass die von ihm dargestellten ubiquitären inneren und äusseren Widersprüche in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung kaum thematisiert und in der pädagogischen Literatur eher verschleiert, denn aufgedeckt werden.
Es stellt sich die Frage, wie Unterricht unter dermassen komplexen, unberechenbaren und undurchschaubaren Bedingungen überhaupt stattfinden kann. Der Autor konzentriert sich daher zum Schluss des Buches auf die Besonderheiten der pädagogischen Handlungskompetenz. Er warnt vor zu viel didaktischer Planung und vergleicht stattdessen die Lehrperson mit einem Improvisator. Ein permanentes Defizit an Wissen, die beschränkte Planbarkeit von Unterricht, das Erfordernis unmittelbarer Reaktionen auf Ereignisse und die ständige Präsenz von Widersprüchen erfordern ein hohes Mass an Fähigkeiten, mit offenen Situationen kreativ umzugehen. Intuition, Improvisationskompetenz, Urteilskraft, Fähigkeit sich mit Unvorhersehbarkeiten, Widersprüchen und Idiosynkrasien pädagogischer Situationen auseinanderzusetzen und insbesondere die Fähigkeit zur reflexiven Verarbeitung von Erfahrungen sind wohl die wichtigsten beruflichen Kompetenzen von Lehrkräften. Lehrpersonen kommen nicht umhin, intuitive, bildhafte und metaphorische Verbindungen zwischen ihren praktischen Unterrichtserfahrungen herzustellen, und diese im Rahmen einer transversalen Vernunft zu integrieren. Erfahrungsbildung heisst, von Fall zu Fall zu lernen, und ähnliche und typische Beispiele zu verketten. Die Lehrerinnen- und Lehrerbildung vermag nur Voraussetzungen zu schaffen, damit dieses situative Lernen stattfinden kann.Der Buchinhalt ist umfassend und komplex, Herzogs Argumentation ausführlich, überzeugend, befreiend und äusserst anregend. Der Autor ist kritisch und hinterfragt landläufig verbreitete Auffassungen von Erziehung. Diese führt er auf entlarvende Weise mit seinen Wie-Fragen, welche einer zeitlichen Logik folgen (und damit Prozesse aufzudecken vermögen), ad absurdum. Gängige Annahmen entpuppen sich als Karikatur pädagogische Allmachtsphantasien und erscheinen damit in ihrer ganzen Absurdität als komisch.Ich kann Sie hiermit nur ermutigen, sich für dieses würdige Standardwerk einer zeitgemässen Erziehung Zeit zu nehmen, sich irritieren zu lassen, Verbindungen herzustellen und Neues entstehen zu lassen...
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