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Joe Lee ist erst vierundzwanzig. Er wäre einer von uns, wenn er nicht die Behandlung gekriegt hätte, die für uns zu spät entwickelt wurde. 'Habt ihr schon gehört?', sagt er. 'Jetzt arbeiten sie an einer Autismus-Behandlung. Bei Ratten funktioniert es anscheinend, jetzt probieren sie's bei Primaten. Ich wette es wird nicht mehr lange dauern, dann seid ihr genauso normal wie ich.'
Dieser Roman ist die ungewöhnliche Reise in die Seele eines Autisten. Wir sehen die Welt durch seine Augen und begreifen, dass unsere Weltsicht auch nur eine Möglichkeit unter anderen ist. Der Held des Buches kann seinen Autismus 'heilen' lassen und seine Persönlichkeit damit völlig verändern. Aber soll er das wirklich tun?
Authentisch und feinfühlig erzähltLou Arrendal stellt viele Fragen, ungewöhnliche Fragen, über die die meisten Menschen nicht nachdenken würden. Was ist die Geschwindigkeit des Dunkels? Ist es schneller als Licht? Lou sucht überall nach Mustern, Ordnungen und Systemen. Sie beruhigen ihn und machen ihn glücklich. Er liebt Musik. Die Welt der Gefühle und der menschlichen Beziehungen hingegen wirkt verwirrend und manchmal ängstigend auf ihn. Er versucht sich der Normalität anzunähern und stößt doch immer wieder an Grenzen.
Lou Arrendale ist Autist. Er arbeitet in einem geschützten Bereich einer großen Firma und entwickelt Programme. Als er einen neuen Chef bekommt, will dieser die Sonderregelungen die für die Gruppe autistischer Menschen notwendig sind, nicht weiter finanzieren. Stattdessen drängt er sie zu einer neuen Behandlungsform. Durch einen Umbau des Gehirns soll der Autismus geheilt werden. Doch die Behandlungsmethode ist experimentell, noch nicht an Menschen erprobt, der Ausgang ist ungewiss. Die neue Möglichkeit führt zu einer Auseinandersetzung mit den Fragen: Was heißt es, normal zu sein? Was macht den Kern einer Person aus? Wenn der Autismus nicht mehr ist, wie ist man dann? Und will man so sein?
Die Autorin, die selbst Mutter eines autistischen Sohnes, lässt Lou Arrendale seine eigene Geschichte erzählen. Authentisch und feinfühlig nimmt sie den Leser mit in eine andere Welt des Erlebens, die am Ende gar nicht mehr so fremd erscheint. Sie erzählt langsam, manchmal bedächtig, wie es den Gedankengängen des jungen Mannes entspricht und hält dabei doch die Spannung. Ihr Protagonist wird vertraut, der Leser lebt mit ihm und sieht die Welt immer mehr mit seinen Augen.
Das Buch wurde in 12 Sprachen übersetzt und mit dem Nebula Award ausgezeichnet.
Ungewöhnliche EinblickeLou Arrendale ist Autist aber keinesfalls lebensuntüchtig. Seine Eltern haben ihm die bestmöglichen Therapien in jungen Jahren zukommen lassen, die ihm ein eigenständiges Leben ermöglichen. Trotzdem unterscheidet Lou immer zwischen seinesgleichen und "normalen" Menschen. Der Wunsch "normal" zu werden wird immer stärker und schließlich willigt Lou ein, eine Hirnoperation zur Behebung seines Defekts durchführen zu lassen, auch wenn der Behandlungserfolg keineswegs sicher ist.
Das Buch eröffnete mir eine neue Sichtweise in Bezug auf autistische Menschen. Viele vermeintliche Schwächen von Lou wie Ordnungsliebe, Angst vor neuen Herausforderungen, geordnete Zeitabläufe sind durchaus auch bei "normalen" Menschen zu finden. Oft habe ich mich gefragt, welche Verhaltensweisen eigentlich normal sind und warum man Menschen wie Lou wenig Chancen zur Entfaltung bietet. Durch das ständige Hinterfragen seiner Situation, seiner Verhaltensweisen, seiner abweichenden Wahrnehmungs- und Kommunikationsformen und dem Streben nach den Erfahrungen und Gefühlen der "Normalen" ermöglicht es Lou dem Leser, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen.
Ein Buch, dass mich fasziniert hat.
Beeindruckend: Innenansichten eines AutistenWerke, in denen geisteskranke Menschen im Mittelpunkt stehen sind nicht gerade selten; man denke nur an die Filme "Rain Man" und "Einer flog über das Kukucksnest". Auch das Stilmittel des Inneren Monologs ist in der Literatur nicht selten. Ad hoc fällt mir Arthur Schnitzlers Erzählung "Leutnant Gustl" ein. Eine Kombination aus beidem, d.h. den Inneren Monolog eines Menschen, der nicht "normal" ist wieder zu geben, war mir bisher nicht bekannt. Es ist schon ausserdordentlich schwierig, sich in den Kopf einer fremden Person zu versetzen. Um wieviel schwieriger muss es sein, wenn es sich bei dieser Person um einen Geistesgestörten handelt. Wobei sich dann sofort die Frage aufdrängt, ist die Hauptperson des Romans von Elizabeth Dunkel tatsächlich geistesgestört ? Er ist krank, autistisch veranlagt, ohne Frage. Aber je mehr man in seinen Geisteswelt vordringt, desto vertrauter wird sie und die Frage liegt nahe, sind geistige Gesundheit und Krankheit nicht nur graduelle Unterschiede ? Ab welchen Verhaltensauffälligkeiten ist ein Mensch als "krank" zu definieren ? Oder umgekehrt: was ist noch gesund ? Lou - die Hauptperson des Buches - stellt sich und dem Leser immer wieder genau diese Frage. Eine allgemein gültige Antwort darf und kann man aus dem Buch natürlich nicht erwarten. Ich glaube aber, wenn man es mit Sinn und Verstand liest, wird man für die Problematik sensibler.
Übrigens wird das Buch in den Buchhandlungen unter Sience Fiction rubriziert. Das ist richtig, wenn man bedenkt, dass es in - wenn auch naher - Zukunft spielt, und einiges zur Zeit noch nicht realisiert ist. Aber die - technischen und sozialen - Visionen von Elizabeth Moon sind durchaus realistisch. Vieles davon werden wir wohl noch erleben. Trotzdem ist das Buch nicht nur und ausschließlich SF-Fans zu empfehlen. Diese werden, zumal wenn sie auf der momentanen Welle der Space Operas mitreiten, eher enttäuscht sein. Empfehlenswert ist es für jeden, der sich selber schon mal gefragt hat, ob er oder seine Mitmenschen tatsächlich völlig "normal" sind und was eigentlich "Normalität" bedeutet.
Noch ein Wort zum Stil und zur Übersetzung: beides scheint mir überaus gut gelungen (wenngleich ich zugeben muss, dass ich nicht das Original kenne). Moon schreibt - in der vorliegenden - Übersetzung außerordentlich flüssig, ja vielleicht ein wenig gefällig. Aber das hat mich nicht gestört. Im Gegenteil, ich fand es angenehm, weil man sich dann ganz dem Fluss der Erzählung hingeben kann.
Fazit: ein bemerkenswertes Buch, dem ich viele interessierte Leser wünsche.
Blumen für Algernon"Die Geschwindigkeit des Dunkels" erzählt eine sehr bewegende Geschichte über den "nicht normalen" Lou Arrendale, der eigentlich zunächst zufrieden mit seinem Leben als Autist erscheint (welches sehr feinfühlig und mit viel Liebe beschrieben wird), der aber immer mehr von dem Gedanken angezogen wird, über seinen bisherigen Horizont hinaus zu blicken, einen Weg jenseits der Einschränkungen des Autismus zu wagen, aber sich doch bewusst wird, dass ein Leben ohne ihn ein anderes sein wird, dem vieles fehlen wird, das vorher bedeutend war. Wie sich Lou entscheidet bleibt bis kurz vor dem Ende des Buches offen. Die Entwicklung, die er aber in der relativ kurzen Zeit, in der die Geschichte spielt, durchläuft ist so lebensnah und wirklich, dass wir uns oft gar nicht bewusst sind, wie wenig wir eigentlich über das Leben von autistischen Menschen wissen. Gerade die im Stil innerer Monologe geschriebenen Hauptteile des Romans lassen uns tief in eine uns fremde aber doch irgendwie vertraute Welt und Lebensweise blicken.
"Die Geschwindigkeit des Dunkels" ist ein ruhiger und unhektischer Roman, der uns inne halten lässt, und uns Gelegenheit gibt, über uns und das Leben nachzudenken. Ich möchte ihn vergleichen mit dem Buch von Daniel Keyes "Blumen für Algernon", erschienen bei Klett-Kotta, dem er in nichts nachsteht. Wer die Geschichte des Charlie Gordon gelesen und geliebt hat, der wird von Lou Arrendale ebenso fasziniert sein.
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