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Tatkraft durch LesefutterMein Anspruch bei diesem Titel: ich erwarte, dass experimentell ausprobiert wird, was bei den gelesenen Autoren, gesehenen Künstlern, gehörten Zeitgenossen der Weißen Rose Leute intellektuell mitzunehmen war, so dass man es heute selber so mitnehmen kann. Ein übertriebener Anspruch und er widerspricht manchem wissenschaftlichen Objektivitätsideal.
In kleinen Ansätzen wird das Hörbuch dem gerecht, soweit das eben in einer Hörbuchproduktion von 150 min möglich ist.
Zwei Beispiele: Die Sprache der Flugblätter ähnelt der apokalyptischen Sprache Theodor Haeckers, den die Weiße Rose Mitglieder sowohl gelesen hatten als auch persönlich kannten. Die endzeitliche Stimmung beider Texte ist mir fremd. Zugang zu Haecker kann man über zwei entgegengesetzte Charakterzüge gewinnen: seine satirische Ader einerseits und den intensiven Eindruck, den seine Persönlichkeit bei seinen geheimen Dichterlesungen erzeugt hat. Beide Wege beschreitet dieses Hörbuch.
Mein zweites Beispiel: Faszinierend ist Beschreibung der Versandt-Buchhandlung Rieck in Aulendorf (Nähe Bodensee), die erst zur Nazizeit aufmachte (und noch heute existiert). Der Gründer dieser Buchhandlung ist ein Mensch, der genau weiß, was er will, und dies dann einfach nach Plan tut. Dass Schriftsteller so sind ist viel leichter verständlich, aber so sind auch gewerbetreibende Leute. Aber auch Leute wie Rieck gab und gibt es heute, sie und viele andere stillen den Hunger nach Lesefutter, nach Alternativen zur bestehenden Kultur, nach Inspiration zur Tat.
Die biographische Einführungen hätte ich nicht gebraucht, aber sie tun wohl einen guten Dienst für jemand, der auch wissen will, wer es war, der aus dem geschilderten Umfeld zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus angestachelt wurde.
Harter Geist und weiches Herz - Das intellektuelle Umfeld der Weißen RoseMir ist kürzlich eine CD „zugeflogen“, die ich heute vorstellen möchte, da sie bemerkenswert ist. Das Hörbuch „Harter Geist und weiches Herz - Das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose“ aus dem Verlag „auditorium maximum.
Nicht schon wieder höre ich den einen oder anderen sagen. Es mag stimmen, dass es sehr viele Publikationen über die „Weiße Rose“ gibt. Allein Amazon hat 117 Einträge darüber. Was soll diese CD noch anderes bringen, als den x-ten Aufguss? Irgendwie dachte ich auch ein bisschen so, war aber andererseits auch neugierig, was mir diese zwei CD’s bringen werden. Es ist eine wunderbare Entdeckung, die mir bereitet worden ist.
Ich höre Hörbücher eigentlich immer im Bett, weil ich da besser einschlafen kann. Bei dieser Dokumentation funktionierte der Mechanismus nicht. Einschlafen war nicht, so spannend und fesselnd wurde gelesen. Neue Aspekte eröffneten sich mir. Ich wusste z.B. nicht, dass der Zusammenschluss der „Weißen Rose“ so viele Menschen umfasste. Aber beginnen wir am Anfang. Die CD beginnt mit einem Gutachten über Flugblätter der „Weißen Rose“. Es wird festgestellt, dass diese auf einem intellektuellen und sprachlichen hohem Niveau verfasst worden sind. Der Gutachter dachte, sie wären von einer Person entworfen worden. Damit beginnt diese Dokumentation. Wie in einem Film wird man in das Geschehen hineingezogen. Ich habe gelernt, dass die „Weiße Rose“ zu allererst ein Kreis von Studenten war, die sich mit Literatur befasst haben, ein Lesekreis mit seinem Mittelpunkt in München. Außer Hans und Sophie Scholl – die ja die bekanntesten sind – gab es noch viele Freunde, die diesen Lesezirkel bildeten. Die meisten, der zweite Weltkrieg war im vollen Gange, studierten mit Hans Scholl in einer Studentenkompanie Medizin. Ich habe dabei gelernt, dass es solche Studenten gab. Freunde und Schwestern dieser Studenten gesellten sich zu diesem Kreis. Sie befassten sich mit schöner Literatur, Philosophie und Theologie. Dabei war es in dieser Zeit sehr schwierig an gute Literatur zu kommen. Verlage, Drucker waren vom faschistischen Staat gleichgeschaltet worden und von den Autoren wurde nur der veröffentlicht, der den Nationalsozialisten genehm war. Also typische Merkmale einer Diktatur, die in mir Erinnerungen an die Literaturauffassung der DDR hervorholten. Zurück zu Hans und Sophie Scholl. Beide waren tief im christlichen Glauben verankert und befassten sich dadurch oft mit Glaubensfragen verbunden mit ethischen Fragen. Sie kamen an einen Punkt, der die Gruppe darüber diskutieren ließ, ob nicht Widerstand angebracht sei und ob das mit dem christlichen Glauben vereinbar war. An Hand christlicher Schriften bejahten sie in vielen Diskussionen diese Frage und die „Weiße Rose“ war im Sommer 1942 geboren. Im Münchner Hauptbahnhof wurden z.B. 2000 Flugblätter verteilt, weitere wurden per Post nach Stuttgart, Augsburg, Frankfurt, Linz, Wien und Salzburg verschickt. Ich dachte auch, dass die „Weiße Rose“ eine Organisation war. Sie war aber „nur“ eine lose Vereinigung von Menschen, die gegen den Faschismus auftraten, aber unterschiedliche Anschauungen hatte. Schon im Februar 1943 war der Widerstand der „Weißen Rose“ beendet. 6 Mitglieder wurden zum Tode verurteilt, 10 zu Zuchthaus oder Gefängnis.
Zwischen den einzelnen Briefen und Dokumenten bietet die CD Nachdenkpausen mit klassischer Musik, was sehr angenehm ist. Besonders lebendig und farbenfroh fand ich, dass unterschiedliche Sprecher und Sprecherinnen eingesetzt werden. Dadurch erhält die Dokumentation eine besondere Tiefe und Nachhaltigkeit. Ich glaube, dass das ein Markenzeichen dieses Verlages ist, da ich mir schon ein neues Hörbuch gekauft habe, welches Aristoteles mit verschiedenen Erzählstimmen interpretiert. Was ich mir ein bisschen besser vorgestellt hätte, ist der Einstand in die Dokumentation. Vielleicht hätte es gepasst, mit einer dissonanten Musik zu beginnen und nicht gleich ins Geschehen einzusteigen.
Was bringt uns heutigen dieses Hörbuch. Wir werden aufgefordert, im Sinne der Toten, uns dafür einzusetzen, dass wir nie wieder in einer Diktatur leben müssen und wir werden angeregt, unsere Stimme gegen Missstände zu erheben.
Gelungene DarstellungMuss man Augustinus gelesen haben, Bernanos, Kierkegaard oder Theodor Haecker gar? Sind ihre ethisch-theoretischen Ansichten zu Themen wie der Welt des Seins und zur göttlichen Gnade wichtig für uns, spielen ihre religiös-philosophischen Gedanken zur dialektischen Theologie oder zum Existenzialismus irgendeine Rolle für unser Wohlergehen? Das mag jeder für sich selbst entschieden. Für die Mitglieder der Weißen Rose stellte sich diese Frage freilich nicht; für sie hatten diese Denker fast so etwas wie lebensnotwendige Bedeutung, sind ihre Bücher es doch gewesen, an denen sie während der Nazizeit ihren Geist schulen konnten.
Der Kreis um Alexander Schmorell und Hans Scholl hat in der Tat sehr viel gelesen, hat ständig sich zu bilden gesucht, hat miteinander diskutiert, konferiert und philosophiert. Bestens dargelegt wird dieser Aspekt in Barbara Ellermeiers Hörbuch "Harter Geist und weiches Herz. Das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose", das der Verlag auditorium maximum jetzt auf den Markt gebracht hat. Wir hören dort also von Augustinus (13. November 354 bis 28. August 430), der für Sophie Scholl, wie bekannt, während ihrer Zeit im Reichsarbeitsdienstlager Krauchenwies zur unentbehrlichen Nachtlektüre wurde. Freilich erschließt sich dem heutigen Hörer nach wie vor nicht so ganz, aus welchem Antrieb heraus eine damals 20-Jährige so intensiv mit derart tief gehenden Fragen der Religion sich zu beschäftigen suchte. Dieses religiöse Erwachen ist für einen aufgeklärten Menschen von heute, für den Gott, wenn überhaupt, ganz weit weg zu sein scheint, nur sehr schwer zu begreifen. Eins wenigstens ist klar: Es kam Sophie Scholl sicher entgegen, dass Augustinus sich nicht so recht einer bestimmten Konfession zuordnen lässt. Wenn sie auch auf der Suche nach einem christlichen Gott war, so war sie dennoch nicht bereit, eine konfessionelle Bindung einzugehen.
Bedeutender für den Kreis der Weißen Rose war jedoch die Begegnung mit katholischen Autoren wie Theodor Haecker oder Carl Muth. Dass diese Intellektuellen den Freundeskreis der Weißen Rose maßgeblich beeinflusst haben, steht außer Frage. Doch wie groß war dieser Einfluss in Bezug auf den eigentlichen Widerstand? Der dürfte eher gering ausfallen, zumal die ersten vier Flugblätter zum Zeitpunkt der allseits sehr geschätzten Leseabende längst geschrieben und verteilt waren. So fehlt in diesem Hörbuch leider ein Aspekt, der in der Literatur ohnehin zu kurz kommt: Der Einfluss Thomas Manns und der Feindsender auf die Weiße Rose. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Arbeit Dr. Armin Zieglers "Thomas Mann und die Weiße Rose", die im Februar dieses Jahres im Crailsheimer Baierverlag erschienen ist.
Ohne Zweifel aber ist das Hörbuch ein äußerst gelungener Beitrag zur Weißen Rose. Wie oft wird schon versucht, den Kreis so weit zu ziehen, dass er von der Versandbuchhandlung Rieck in Aulendorf bis hin zu Gerhard Feuerle reicht, der außer in einer Darstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand kaum einmal erwähnt wird? Die Autorin hat hier sehr akribisch gearbeitet. Zudem hat sie dankenswerterweise darauf verzichtet, zu viel Augenmerk auf die letzten Tage zu legen. Dies haben andere schon zur Genüge getan. Hingewiesen sei zum Schluss auch auf das 28-seitige Beiheft, das teilweise wenig bekannte Bilder enthält und deshalb einen Blick auf jeden Fall lohnt.
Wer über das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose mehr wissen will, dem sei das Hörbuch "Harter Geist und weiches Herz" ans Herz gelegt. Es stellt die geistig-kulturelle Welt, in der sich der Freundeskreis bewegte, sehr überzeugend dar. Eine bessere Einführung in diesen speziellen Themenkomplex ist derzeit wohl kaum erhältlich.