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Oskar Blum ist altklug und naseweis, hochbegabt und phantasievoll. Eine kleine Nervensäge, die schon mit neun Jahren eine Visitenkarte vorweist, auf der sie sich als Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler ausweist. Vor allem aber ist Oskar todtraurig und tief verstört. Auch noch zwei Jahre nachdem sein Vater beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kam. Nun will er herausfinden, warum Eli Blum, der ein Juweliergeschäft hatte, sich ausgerechnet an diesem Tag dort aufhielt. Mit seinem Tamburin zieht Oskar durch New York und gerät in aberwitzige Abenteuer.
Oskar Schell ist „Erfinder, Goldschmied, Amateur-Entomologe, Frankophiler, Veganer, Origamist, Computer-Spezialist, Sammler“ und noch vieles mehr. So jedenfalls steht es auf seiner Visitenkarte, die allerdings zwei seiner größten Talente verschweigt. Denn Oskar ist ein Kind, ein neunjähriges Kind, um genau zu sein. Und Oskar ist traurig, grenzenlos traurig. Bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 hat er seinen Vater verloren. Letzteres spornt ihn an, sich auf die Suche zu machen. Ersteres schenkt den Lesern von Jonathan Safran Foers Roman Extrem laut und unglaublich nah einen der interessantesten, klügsten, spektakulärsten und bezauberndsten Ich-Erzähler der letzten Zeit. Beim Durchwühlen des Nachlasses seines Vaters findet Oskar einen Schlüssel. Fortan jagt er durch ein merkwürdig fremdes, fast surreal wirkendes New York auf der Suche nach der Tür, zu welcher der Schlüssel passen könnte. Anlass für Foer, seinen Helden mit skurrilen und bisweilen seltsam märchenhaft wirkenden Gestalten und deren Biografien zu konfrontieren. Und mit seinem eigenen Großvater, der wegen der Pressemeldungen vom Terroranschlag und der Mitteilung vom Tod des Sohnes plötzlich in der Wohnung der Großmutter steht -- und der durch sein bloßes Dasein den Kampf der Kulturen mit einem Krieg aus vergangenen Zeiten in Beziehung setzt: zur Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg nämlich, dessen Grauen Foer leider weniger hell wie den Rest seiner Geschichte erstrahlen lässt. Tatsächlich bleiben die Passagen über die Zerstörung Deutschlands seltsam farblos, ganz im Gegensatz zum Rest. In Extrem laut und unglaublich nah verfolgt Foer dieselbe Erzählstrategie, die schon seinen Debütroman Alles ist erleuchtet bestimmte. Hier wie dort macht sich der Ich-Erzähler auf die Reise in die Vergangenheit, auf der Suche nach seinen Vorfahren (und damit seinen Wurzeln). Und hier wie dort macht er eine zweite Handlung auf, die den Leser tief hineinführt in die Vergangenheit. Was schon in Alles ist erleuchtet gelang, geht auch in i>Extrem laut und unglaublich nah wieder blendend auf, trotz kleiner Schwächen und einiger etwas allzu kitschig geratener Sequenzen. Deshalb: unbedingt lesen! --Isa Gerck
Ein extrem guter und für sein jugendliches Alter unglaublich souveräner Erzähler ist dieser Jonathan Safran Foer. Das bewies er mit seinem genial Debütroman Alles ist erleuchtet, einer tragikomischen Spurensuche nach Familienwurzeln in der Ukraine, die lebenssprühenden Humor mit der Schicksalsschwere des Holocaust zu verquicken vermochte. Auch in seinem zweiten Roman versucht sich der Shootingstar der amerikanischen Literatur an einer Gratwanderung ähnlicher Schwierigkeit. Extrem laut und unglaublich nah erzählt die Geschichte einer zweifachen Vater-Sohn-Tragödie. Da ist zum einen der Großvater, ein Maler, der vom 2. Weltkrieg traumatisiert nach Amerika kommt. Er hat in der Bombardierung Dresdens seine Verlobte verloren und spricht seither kein Wort mehr. In New York trifft er deren Schwester und heiratet sie. Als sie ein Kind von ihm erwartet, verschwindet er, schreibt aber über Jahrzehnte Briefe an seinen nie gekannten Sohn, die er aber nicht abschickt. Dieser Sohn, Thomas Schell, stirbt im zusammenstürzenden World Trade Center und hinterlässt ein neunjähriges Kind, Oskar, der Ich-Erzähler des Romans. Mit überbordender Fantasie versucht Oskar mit dem Tod des Vaters fertig zu werden. Und er irrt durch New York auf der Suche nach dem Schloss für den Schlüssel, den er im Arbeitszimmer seines Vaters gefunden hat. Der Roman prunkt mit hinreißenden Passagen, dann wieder versinkt die Geschichte in einem Tümpel aus Sentimentalität und Gefühlskitsch. Mit geringerem als Großkatastrophen gibt sich Safran Foer anscheinend nicht ab -- neben Dresdner Bombensturm und Terroranschlag baut er auch noch die Atombombe von Hiroshima ein. Was mag da im nächsten Roman noch kommen? Mit Alles ist erleuchtet kann sein zweiter Roman jedenfalls nicht ganz mithalten. Weniger wäre mehr gewesen. Bei der Interpretation Alexander Khuons verhält es sich umgekehrt. Stimme und Darbietung des Jungschauspielers: unauffällig. Was bei diesem überbordenden Text aber eher wohltuend wirkt. --Christian Stahl Spieldauer: ca. 451 Minuten, 6 CDs, gekürzte Lesung
Extrem schwierig und unglaublich leicht zugleichDies ist ein Roman über den Verlust. Als der kleine Oskar Schell seinen Vater verliert, ist er gerade neun Jahre alt. Zu Beginn des neuen Romans von Jonathan Safran Foer wird geschildert, wie Oskars Vater seinen Sohn zu Bett bringt – am Abend des 10. September 2001. Am nächsten Morgen wird der Vater zur Arbeit ins World-Trade-Center fahren und nicht wiederkehren. Die kurze Szene zwischen Vater und Sohn reicht aus, um dem Leser die Schwere dieses Verlustes deutlich zu machen. Ihr Verhältnis ist geprägt von Liebe und Zuneigung, aber auch von Witz, Neugierde und Spieltrieb. Der Vater ersinnt für den überaus wissbegierigen und etwas altklugen Oskar Rätsel und Aufgaben, die sie als Wiederentdeckungsexpedition bezeichnen, und Oskar verfolgt die ausgelegte Fährte, bis er das Rätsel gelöst hat – über Wochen, wenn es sein muss. Es ist ein ideales Verhältnis zwischen Vater und Sohn, soviel wird bereits auf diesen wenigen Seiten deutlich. Der Rest des Romans handelt von dem Verlust und Oskars Strategien, die Leere zu verarbeiten, die durch den Tod des Vaters in sein Leben gerissen worden ist.
Jonathan Safran Foer ist 1977 geboren, er ist 28 Jahre alt, und 9/11 ist ein sehr großes Thema für einen so jungen Mann. Für einen ehrgeizigen Autor ist es jedoch zugleich eine Herausforderung. Foer nimmt die Herausforderung an und macht dabei nichts falsch.
Ins Zentrum seines Romans stellt er Bilder, die sich uns allen eingebrannt haben. Bilder, die an Schrecken nicht zu überbieten sind und die wir unauslöschlich gespeichert haben. So kreist der Roman um eine zentrale Szene, deren Vorstellung seit dem 11. September 2001 zum kollektiven Repertoire des Schreckens gehört: Der Vater ist in einem der oberen Stockwerke des World-Trade-Centers gefangen und ruft zu Hause an – um sich zu verabschieden. Dies ist eine Szene, die unsere Vorstellungskraft sprengt. Der Tod kommt, wenn er mitten im Leben kommt, entweder überraschend, oder aber langsam. Er kommt nicht mit einem verzögerten Schlag, der es uns erlaubt, noch einmal im Vollbesitz unserer Kräfte von allen Lieben Abschied zu nehmen und ein paar letzte Worte zu sagen. Diese Erfahrung hat uns 9/11 beschert.
Als der Vater zu Hause anruft, ist niemand daheim. Viermal spricht er aufs Band, bevor der kleine Oskar, frühzeitig aus dem Kindergarten entlassen, nach Hause kommt. Beim fünften Mal sitzt sein Sohn vor dem Telefonapparat. Er hat bereits die vier Nachrichten gehört und ist unfähig, den Hörer von der Gabel zu nehmen. Wiederholt fragt der Vater, ob jemand daheim sei – dann bricht das Gespräch ab.
Wer nun glaubt, die weitere Handlung sei eine tiefenpsychologische Verarbeitung dieser Schlüsselszene, der irrt. Es entspinnt sich eine überaus abstruse Geschichte, die an Einfallsreichtum, Witz und Charme seinesgleichen sucht. Unfähig, den plötzlichen Tod des Vaters zu verarbeiten, tut Oskar, was er immer tut: Er löst ein Rätsel. Nur handelt es sich diesmal um ein Rätsel, in dem es um die Leere des Daseins selber geht. Oskar findet einen Schlüssel des Vaters und sieht hierin eine Botschaft. Er entdeckt außerdem die Existenz eines ominösen Mr. Black, der seinen Vater gekannt haben soll, findet heraus, wie viele Mr. Blacks es in ganz New York geben soll – es sind 216 – und macht sich auf die Suche nach demjenigen, dem der Schlüssel gehört.
Die folgende Odyssee, bei denen Oskar nicht nur auf höchst unwahrscheinliche Charaktere trifft, sondern auch seinen ihm unbekannten Großvater findet, wird von zwei weiteren Erzählsträngen begleitet, wie man das schon aus Foers Debütroman „Alles ist erleuchtet“ gewohnt ist. Die eine Nebenhandlung erzählt das Leben der Großeltern, in dessen Zentrum die Bombadierung Dresdens steht, die andere dreht sich um den Atombombenabwurf auf Hiroshima.
Hat man soweit die Handlung zusammengefasst, muss man feststellen, dass man so gut wie nichts von dem Buch gesagt hat, denn Foers Roman hat eine Eigenschaft, die sich inhaltlich kaum beschreiben lässt: es strotzt vor Bildern, graphischen Spielerreihen, Seiten mit nur einem Wort, mit nur einer Zeile, leeren Seiten, Seiten auf denen Unterstreichungen vorgenommen sind, Seiten, in denen der Text ineinander läuft, Zahlencodes über mehrere Seiten, ein echtes Daumenkino und so weiter und so fort.
Dieser Explosion der Zeichen auf der darstellenden Seite entspricht inhaltlich der ungeheure Einfallsreichtum und Witz, den der Autor in seinem Text an den Tag legt. Der unverbrauchte Blick des neunjährigen Oskar legt in seiner Vorurteilslosigkeit und seiner prinzipiellen Flexibilität die Absurditäten der Erwachsenenwelt bloß. Daher ist die Lektüre von „Extrem laut und unglaublich nah“ auch eine erfrischende Reise in die Gedankenwelt der Kindheit, mithin auch der eigenen. Zugleich aber bleibt das eigentliche Thema des Buches, die Erfahrung des Verlustes, immer spürbar und selten gelingt es einem Autor so sensibel zwischen Leichtigkeit und Trauer zu schweben. So beschreibt Foers Roman den Verlust als eine grundsätzliche menschliche Erfahrung, die immer auch vom Verlust der Kindheit handelt. Der Ort, an dem die Welt noch in Ordnung war. Thomas Reuter
Tief bewegend und spannend bis zur letzten SeiteNachdem ich vor 2 Jahren Jonathan Safran Foers großartiges Debüt „Alles ist erleuchtet" gelesen hatte, konnte ich den Erscheinungstermin vom englischen Original von „Extrem laut und unglaublich nah" kaum erwarten. Noch auf dem Nachhauseweg durchblätterte ich vorsichtig die Seiten. Als erstes sprang mir das Daumenkino auf den letzten Seiten ins Auge, dann ein Bild von einem Türschloss, dann noch eins und plötzlich eine Seite auf der überhaupt nichts stand. Auf manchen Seiten waren Worte rot markiert und andere durchgestrichen. Bei jedem wiederholten Durchblättern fand ich etwas neues. Auf den ersten Blick schien jedoch nichts Sinn machen. Erst beim Lesen setzen sich all diese Elemente nach und nach wie ein Mosaik zusammen. Und plötzlich machte alles Sinn. Jedes Foto, jeder Satz, selbst die Leere auf dem Papier. Die Geschichte von Oscar Schell und seiner Familie ist auch wie bereits in „Alles ist erleuchtet" erneut in drei sich abwechselnde Handlungsstränge unterteilt.
Wir erleben den 9 jährigen Oscar, der versucht den sinnlosen Tod seines Vaters in den Anschlägen vom 11. September zu verarbeiten. Als er eines Tages in dessen Nachlass einen geheimnisvollen Schlüssel findet, macht er sich auf die abenteuerliche Suche nach dem passenden Schloss. Dabei trifft er in den 5 Bezirken New Yorks auf die unterschiedlichsten Menschen und Schicksale. Eingewebt in diese Handlung sind immer wieder Briefe von Oscars Großeltern, deutsche Immigranten, die nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert sind. Sein Großvater, der durch die Kriegstraumata stumm geworden ist und die Familie kurz vor der Geburt von Oscars Vater verlässt, schreibt diesem jeden Tag seines Lebens einen Brief ohne sie jedoch abschicken zu können. Oscars Großmutter, die sich von nun an allein um die Familie kümmert, schreibt Oscar ihre Lebensgeschichte mit all ihren Träumen und Sehnsüchten auf. .Mit „Extrem laut & unglaublich nah" ist Jonathan Safran Foer ein literarisches Meisterwerk gelungen. Sensibel führt er uns an die Schicksale seiner Figuren und zeigt auf unsentimentale Art und Weise deren Tragik. Er hat die wundervolle Gabe Menschen in ihrem tiefsten Inneren zu berühren und es ist mir vollkommen unbegreiflich, dass er hierzulande nicht mehr Bekanntheit genießt. Für mich ist Jonathan Safran Foer der neue Stern am Literaturhimmel. Ästhetisch, traurig und zuweilen auch urkomisch. Ein brillantes Buch, das man so schnell nicht vergessen wird und das ich jedem nur empfehlen kann!Da soll noch einer sagen, die junge Literaturkunst sei tot...Wem es möglich ist, empfehle ich übrigens dieses Buch im Original zu lesen, da es schwierig ist Foers Stil ins Deutsche zu übertragen. Die hier dargebotenen Textauszüge von „Extrem laut und unglaublich nah" hätten in meinen Augen an manchen Stellen besser übersetzt werden können.
Erstklassiges Buch, drittklassig übersetzt ...Habe vor kurzem das Buch im englischen original gelesen und war begeistert. Also wollte ich einige Ausgaben verschenken und bin in eine Buchhandlung. Ergebnis niederschmetternd: der Übersetzer hat dieses brillante Buch erstklassig verhunzt. Wo die Sprache im Original der eines neunjährigen Genies angemessen ist, entspricht sie im deutschen eher dem langweiligen Geseier eines ZEIT-Litertaurkritikers oder schlimmer, des typisch deutschen Oberlehrers. Beispoiel gefällig: »Wie wäre es, wenn die Tülle beim Austreten des Wasserdampfs wie ein Mund auf- und zuklappte und hübsche Melodien pfiffe, Shakespeare aufsagte oder einfach mit mir ablachte? Ich könnte auch einen Teekessel erfinden, ..." heißt im Englischen einfach ""What if the spout opened and closed when the steam came out, so it would be a mouth ...". Geht also ganz einfach, gelle?
Also, wer ein bisschen Englisch kann sollte das Buch einfach im Original lesen, gibt's auch hier auf Amazon oder auf Amazon.com. Alle anderen müssen leider leiden.
Event-Buch der ExtraklasseWahrscheinlich habe ich in meinem Leben mehr Bücher gelesen, als manche Menschen sich die Schuhe zugemacht haben. Vielleicht habe ich sogar mehr Bücher gelesen, als es Regentropfen bei einem stürmischen Gewitter gibt. Aber dennoch muss ich nun, fast sprachlos, zugeben, dass ich noch nie ein Buch wie dieses gelesen habe.
Schon nach den ersten 50 Seiten habe ich mich gefragt 'Was bitteschön ist das für ein Buch????' Auf dem Cover steht 'Roman'. Aber.... ist es das? Es ist kein Liebesroman, obwohl Liebe in ihm steckt. Es ist kein Thriller, obwohl es spannend ist und neugierig macht. Es ist keine Tragödie, obwohl es traurig macht. Es ist kein Rätsel-Buch, obwohl Fragen gestellt und Antworten gegeben werden. Es ist kein Comedy-Buch, obwohl es zum lachen bringt. Und es ist kein Buch aus dem Gefrierschrank, obwohl man eine Gänsehaut bekommt.
Irgendwann bin ich dann zu dem Entschluss gekommen, dass dieses Buch für mich ein 'EVENT-BUCH DER EXTRAKLASSE' ist. Es ist nicht nur einfach ein Buch, in welchem sich vollgeschriebene Seiten befinden. Dieses Buch wurde schon nach den ersten Seiten mit echtem Leben gefüllt. Der Autor hat nicht nur geschrieben, sondern mich tatsächlich in die Welt des kleinen Oskar hineingerissen. Was er mit Worten geschrieben hat, hat er mit Fotos, Bildern und Zeichen unterstrichen. Jede Seite, die ich umblätterte, gebar in mir den Gedanken 'Was wird mich erwarten?' und teilweise fühlte ich mich wie das Kind, welches kurz vor Weihnachten heimlich in die Schränke der Eltern geschaut hat, um dort die Neugier aufgrund der Weihnachtsgeschenke zu befriedigen.
Das erste Buch des Autors (Alles ist erleuchtet) kenne ich bisher nicht, werde es mir aber in den nächsten Tagen kaufen. Ich kann den Schreibstil kaum in Worte fassen. Der kleine Oskar hat seinen Vater bei dem unglaublichsten Terror-Anschlag, den die Welt kennt, im World Trade Center verloren. Als er einen Schlüssel findet, den sein Vater anscheinend versteckt hatte, macht er sich auf die Suche nach dem passenden Schloss und erlebt dabei die irrsinnigsten Geschichten.
Wortgewandt läßt Jonathan Safran Foer uns teilhaben an Oskars Suche, aber auch an dem Leben seiner Eltern und seiner Großeltern. Zu keiner Zeit wurde das Buch langweilig. Es hat mich nachdenklich gemacht, berührt, gefesselt und ich hatte wirklich das Gefühl, ich würde Seite an Seite mit Oskar durch New York laufen.
Obwohl diese Rezension recht lang geworden ist, muss ich unterstreichen, dass mich das Buch auf seine Art sprachlos gemacht hat. Es ist toll! Es ist 'extrem laut und unglaublich nah', aber genauso auch 'extrem leise und unglaublich weit entfernt'. Etwas nie da gewesenes hat mich mehr gefesselt, als ich je geglaubt hätte.
Keine Blechtrommel im Gepäck11. September 2001: Welt verhülle Dein Antlitz und weine! Seit diesem Tag ist nichts mehr so, wie es war. Wie aber das Unfassbare verständlich machen? Unmittelbar nach den Terroranschlägen auf New York City und Washington haben zahlreiche Intellektuelle gegen ihr Entsetzen angeschrieben. In dem Essayband „Dienstag, 11. September 2001" (Rowohlt Verlag, 2001) sind Texte von mehr als 20 Autoren und Autorinnen versammelt. So beinhaltet dieses Buch u.a. Beiträge von Paul Auster, Louis Begley, Ralph Giordano, Susan Sontag, Ulrich Wickert. Der Essayband ein bedeutsamer Versuch, das Grauen auch mittels der Literatur zu bewältigen. Drei Jahre später dann eine Frechheit: Frankreichs Enfant terrible Frédéric Beigbeder nahm sich in seinem Roman „Windows on the World" (Ullstein Verlag, 2004) der Terroranschläge auf das World Trade Center literarisch an. Der durch den Skandalroman „39,90" zu Glorie gekommene Bestseller-Autor inszenierte in erster Linie dabei nur sich selbst. Was wollte man auch von einem Schreiberling erwarten, der von sich selbst behauptet, nur wegen des Geldes und des Ruhms zu schreiben? Dass Beigbeder den Terroranschlag aber vorrangig als Plattform für seine sexuellen Fantasien missbrauchte, ist abscheulich. Dieser Roman hat mich verärgert, nachgerade erbost.Jetzt hat auch der durch den Roman „Alles ist erleuchtet" (Kiepenheuer & Witsch, 2003) über Nacht bekannt gewordene Autor Jonathan Safran Foer die Terrorattacken in New York als Thema für sich entdeckt. In seinem Roman „Extrem laut und unglaublich nah" verfolgt der 27jährige Foer dabei einen interessanten Ansatz: Wie hätte er als kleiner Junge auf den 11. September 2001 reagiert? Und so erzählt Foer, der überrascht ist von der schnellen „Bewältigung" des Anschlags und feststellt, dass wir „emotional damit noch lange nicht fertig sind", seine Geschichte aus der Perspektive eines neunjährigen Jungen. Aber lässt sich aus einer selbst geschaffenen Distanz tatsächlich befreiter vom 11.09.01 berichten? Vielleicht hält es Jonathan Safran Foer wie Don DeLillo: „Der Schriftsteller will verstehen, was uns dieser Tag angetan hat". Egal wie und womit. Nur den mittlerweile abgenutzten Fernsehbildern mahnende Texte entgegen zu setzen, ist schon wichtig. Doch wie die Sprachlosigkeit ob 09/11 in Worte fassen?Jonathan Safran Foer versucht es so: Thomas Schell stirbt am 11. September 2001 im „Windows on the world", dem Cafe im obersten Stockwerk des World Trade Centers. Kurz vor seinem Tod probiert er noch, seine Familie telefonisch zu erreichen. Es meldet sich nur der Anrufbeantworter. Thomas Schell hinterlässt Nachrichten wie diese: "Ist jemand zuhause? Hallo. Hier ist Dad. Wenn Ihr da seid, nehmt bitte ab. Hört zu, hier ist irgendetwas passiert. Mir geht es gut. Wir sollen bleiben, wo wir sind und auf die Feuerwehr warten. Wird schon gut gehen, bestimmt." Ein paar Minuten später ist er tot. Sein neunjähriger Sohn Oskar leidet unendlich unter dem Verlust des geliebten Vaters. Er sucht nach Antworten. In den Unterlagen seines Vaters findet er einen geheimnisvollen Umschlag mit der Aufschrift „Black" und einem Schlüssel darin. Zu welchem Schloss passt der Schlüssel? Oskar forscht nach. Denn er hat das Gefühl, seinen Vater erst dann richtig zu lieben, wenn er dieses Rätsel gelöst hat. In New York gibt es 472 Menschen namens Black. Sie haben 216 verschiedene Adressen. Oskar lässt sich davon nicht abschrecken. Er begibt sich auf Wanderschaft. Dabei gerät er in aberwitzige Abenteuer und lernt ungewöhnliche Menschen kennen. Daneben verbindet Foer' Oskars Geschichte mit der seiner deutschen Großeltern, die nach der Bombardierung von Dresden im II. Weltkrieg nach New York geflüchtet sind. Die Briefe der Großmutter an Oskar bilden im Roman das Gegengewicht zur Erzählung des Jungen.Jonathan Safran Foer hat in seinem neuen Roman nicht nur den Angriff auf das World Trade Center verarbeitet. Ihm ging es um mehr. Und so ist „Extrem laut und unglaublich nah" auch eine Geschichte über die grundsätzliche Beschädigung menschlichen Lebens. Dass Foer dabei verschiedene Geschichten miteinander addiert hat, will nicht unbedingt einleuchten. Oder sind diese störenden, mitunter auch ärgerlichen Montagen nur dem intellektuellen Anspruch des Autors geschuldet? Weder die abrupten Berichte über den Atombombenabwurf auf Hirsohima, noch die Texte über die Zerbombung Dresdens im II. Weltkrieg, Oskars Großeltern haben diesen Feuersturm überlebt, wollen sich sinnvoll in die literarische Komposition des Romans einfügen. Hannah Pilarczyk ging in ihrer Rezension in „Die Tageszeitung" (27.08.05) noch weiter, indem sie notierte: „Der "brutale Reigen" der Gewalt, in dem diese drei historischen Ereignisse ungeachtet ihrer kontextuellen Einbettung gleichgeschaltet werden - als "Chiffre für Leid" -, ist geradezu "bedenklich" und sogar "obszön"."Die Odyssee des kleinen Oskars hingegen ist wundervoll geschrieben. Wir fiebern mit. Und wünschen Oskar viel Glück. Er hat es nicht leicht. Nur bei Günter Grass durfte ein Oskar gegen die Wut im Bauch noch mit wildem Blechtrommelspiel ankämpfen. Bei Foer bleibt nicht einmal mehr das. Am Ende muss sich „sein" Oskar anders trösten: er verwandelt ein Daumenkino über den Sprung eines Menschen von einem der Türme des World Trade Centers in eine Auferstehung. Er montiert die Fotos rückwärts. Und alles ist wieder so, wie es einmal war.