Weber, Max

Politik als Beruf

Politik als Beruf
  • Erscheinungsdatum: 1991
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 67
  • ISBN: 3428071352
  • EAN: 9783428071357
  • Amazon.de Verkaufsrang: 1.323.916
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Mario Pf. fanden 6 von 8 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Ideale für Politiker

Max Webers 1919 als Redevorlage entstandenes Werk "Politik als Beruf" ist legendär und gehört im Zusammenhang mit Kritik an modernen Politikern immer wieder zu den meistzitierten Werken. Das Büchlein ist zugleich auch eines jener Werke vor denen man eigentlich ehrfürchtig zurückschrecken könnte, deren Mythos bis heute wirkt und Argumente formuliert hat, die der gegenwärtigen Praxis kaum noch ähnlich sind. Man darf nicht vergessen, der Vortrag stammt aus der Frühzeit mitteleuropäischer Demokratie, dem so genannten Revolutionswinter, als die Republik zwar ausgerufen, die Demokratie aber nicht von jedermann als wünschenswert empfunden wurde.

Unter Politik versteht man, so Weber (S. 5) "die Leitung oder die Beeinflussung der Leitung eines politischen Verbandes, heute also: eines Staates". Politik kann natürlich auch privat oder geschäftlich sein, wie Devisen- und Geschäftspolitik oder gar eines Partners der eine Beziehung zu dominieren versteht, als Beruf kann man diese allerdings nicht ausüben.

Ärgerlich für heutige Leser ist natürlich, dass Webers Vortrag je nach geschichtlichen Wissen, nicht für jedermann leicht zugänglich ist, vor allem weil der bekannte Nationalökonom sich in seinen Ausführungen sehr allgemein hält und die erste Hälfte des Werks zur geschichtlichen Exkursion nutzt, um die Entstehungsgeschichte der "Politiker" zu beleuchten. "Ich stelle für unsere Betrachtung nur das rein Begriffliche fest: daß der moderne Staat ein gestaltsmäßiger Herrschaftsverband ist, der innerhalb eines Gebietes die legitime physische Gewaltsamkeit als Mittel der Herrschaft zu monopolisieren mit Erfolg getrachtet hat und zu diesem Zweck die sachlichen Betriebsmittel in der Hand seiner Leiter vereinigt, die sämtlichen eigenberechtigten ständischen Funktionäre aber, die früher zu Eigenrecht darüber verfügten, enteignet und sich selbst in seiner höchsten Spitze an deren Stelle gesetzt hat." (S. 13) Für Weber sind Politiker dem höchsten Souverän untertan, war dieser früher der Kaiser, dessen Interessen es gegenüber den Ständen und Adel zu vertreten galt, so ist es heute das Volk.

Von daher ist Politik auch immer Interessensvertretung und erfordert von einem Politiker, dass dieser auch die nötige Zeit und Energie aufwenden kann, um das allerdings tun zu können muss er "vermögend oder in einer privaten Lebensstellung sein, welche ihm auskömmliche Einkünftige abwirft." (S. 17) Weber untersucht sehr genau, die verschiedenen Berufsstände auf ideale Politiker und kommt zu interessanten Schlüssen. Landwirte seien etwa nur saisonell als Politiker tauglich, Arbeiter und Angestellte nicht, weil sie um ihr Auskommen und die Arbeitsstelle fürchten müssten, ebenso wie Unternehmer, ganz im Dienste ihres Betriebes stehen sollten, um diesen zu behalten, auch Journalisten hätten womöglich mit einer inneren Lähmung, der geistigen Blockade zu kämpfen, es wären daher vor allem jene, die in keiner festen Beschäftigung stehen und frei über ein Vermögen verfügen, die für die Politik prädestiniert wären. Pensionisten, Studenten, allerdings keine Hausfrauen, zählt Weber zu am besten geeigneten Kandidaten, aber auch Juristen, denn "ohne ihn ist die Entstehung des absoluten Staates so wenig denkbar wie die Revolution" (S. 30) und Interessensvertretung ist sein Beruf, Routine in Sachen Rhetorik sein entscheidender Vorteil.

Doch was hat man von Politik. "Was vermag sie nun an inneren Freuden zu bieten, und welche persönlichen Vorbedingungen setzt sie bei dem voraus, der sich ihr zuwendet? Nun, sie gewährt zunächst: Machtgefühl. Selbst in den formell bescheidenen Stellungen vermag den Berufspolitiker das Bewusstsein von Einfluss auf Menschen, von Teilnahme an der Macht über sie, vor allem aber: das Gefühl, einen Nervenstrang historisch wichtigen Geschehens mit in Händen zu halten, über den Alltag hinauszuheben. Aber die Frage ist nun für ihn: durch welche Qualitäten kann er hoffen, dieser (sei es auch im Einzelfall noch so eng umschriebenen) Macht und also der Verantwortung, die sie auf ihn legt, gerecht zu werden? Damit betreten wir das Gebiet ethischer Fragen; denn dahin gehört die Frage: was für ein Mensch man sein muss, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen. Man kann sagen, dass drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft - Verantwortungsgefühl - Augenmaß. Leidenschaft im Sinn von Sachlichkeit: leidenschaftliche Hingabe an eine »Sache«, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist." (S. 61f) "Die »Stärke« einer politischen »Persönlichkeit« bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten.", (S. 63) so Max Weber.

Doch auch Ralf Dahrendorf, der das Nachwort zur Reclam-Ausgabe verfasst stellt Webers These zumindest zum Teil in Frage, denn es "macht schon etwas aus, ob "die Sache" die Freiheit ist oder die Rasse, Europa oder der eigene Stamm, soziale Gerechtigkeit oder wirtschaftliches Wachstum." (S. 94f) Rückblickend sind so manche von Webers Aussagen zwar sehr idealistisch, aber nach heutigen Wissen wenig realistisch. Dass etwa eine "kleinbürgerliche Abneigung gegen Führer", den Aufstieg eines Diktators unmöglich gemacht und Konsens erzwungen hätte, haben der Führerkult und seine Folgen dann doch widerlegt. Stattdessen sollte eine Auslese der Besten unter den Volksvertretern eine kompetente Regierungsmannschaft garantieren. Über Einfluss der Parteien, so genannte Parteisoldaten und Funktionäre, welche nie direkt gewählt, über die Hintertür der Parteilisten in ein Parlament gelangen können, verliert er kaum ein Wort. Es sind Grundlagen die Max Weber vermittelt hat, aber nur wenig davon wirkt fast ein Jahrhundert danach noch zeitgemäß, von zu vielem konnte der Autor noch nichts wissen, zu sehr wirken seine Worte heute nur noch wie Plattitüden.

"Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muss ein Führer und nicht nur das, sondern auch - in einem sehr schlichten Wortsinn - ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: »dennoch!« zu sagen vermag, nur der hat den »Beruf« zur Politik." (S. 82-83)

Die Gefahr für einen Politiker liegt in der Eitelkeit, welche sein Urteilsvermögen trüben kann, denn nach dem Weberschen Ideal, strebt ein verantwortungsvoller Politiker nach höheren Zielen als den eigenen Machterhalt oder auch den der Partei. Als die drei Legitimitätsgründe für Herrschaften/Regierungen benennt Weber jene durch Sitte, also traditionelle Herrschaft, wie durch einen Patriarchen, jene durch charismatische Herrschaft, wie durch Demagogen und politische Parteifahrer, aber auch durch Legalität, einer Satzung.

Fazit:

Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades ein Werk, um dessen Lektüre man nicht herumkommt, möchte man sich mit politischer Theorie befassen. Doch zugleich ist es auch ein Kind seiner Zeit, fast schon mehr zeitgeschichtliches Dokument, als ein heute noch praktischer Leitfaden. Vielmehr vermittelt Max Weber grundlegende Ideale, welche man jedoch auch als schwammig definiert bezeichnen kann, zu ihrer Verwirklichung gibt er keine Anleitung.

Diese Rezension von Geschichtsliebhaber fanden 4 von 5 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Hervorragende Einführung in die Staatenlehre

Max Webers "Politik als Beruf" ist, mit kaum achtzig Seiten, kurz und prägnant. Die Länge aber mag täuschen, denn innerhalb dieser achtzig Seiten entwickelt Weber zahlreiche Ideen, von denen viele heutzutage zum Allgemeingut geworden sind.

Die These, daß alle Herrschaftsansprüche in drei Typen - traditionell, charismatisch, legal - einzuteilen seien, ist hilfreich und wird auch z.B. in der Geschichtswissenschaft häufig verwendet. Ebenso ist es mit der Idee, daß ein Staat vor allem durch seinen Anspruch aufs Gewaltmonopol gekennzeichnet sei, und der Definition der Politik als den Versuch, die Machtverhältnisse zu beeinflussen. Webers Beschreibung der modernen, auf Parteiführer zugeschnittenen Demokratie als "plebiszitäre Diktatur" ist interessant und durchaus im Kern zutreffend, wenn er auch natürlich überspitzt - so klar verteilt sind die Machtverhältnisse innerhalb von Parteien selten.

Fünf Punkte also für diese klar dargestellten Ideen. Im Gegensatz zu manchen anderen fand ich auch Webers Stil relativ zugänglich: nur seine gelegentlichen Gedankensprünge stören. Dennoch muß Kritik geübt werden an dem letzten Abschnitt des Buches, in dem Weber sein Konzept der Gesinnungs- und Verantwortungsethik entwickelt. Hier muß ich anmerken, daß Weber allzu offensichtlich mit christlichen Ideen der Staatenlehre nicht vertraut ist; er scheint anzunehmen, daß Christentum und Politik sich gegenseitig ausschließen. Daß aber christliche Politiker durchaus ohne Gewissenskonflikte haben arbeiten können (man siehe Oliver Cromwell, William Gladstone), widerlegt Webers These doch wohl, ebenso wie die gesamte Geschichte der christlichen Staatenlehre, in der Zaudern vor der Politik durchaus die Ausnahme und nicht die Regel ist.

Ralf Dahrendorfs Nachwort ist durchaus gut; Dahrendorf vermeidet glücklicherweise die ja manchmal bei prominenten Autoren vorhandene Tendenz, über sich selbst anstatt ihr eigentliches Thema zu schreiben. Er erklärt und kommentiert; allein seine Kritik der Inhaltslosigkeit von Webers Politikbegriff ist mir unverständlich. Selbstverständlich ist für Weber der Inhalt der Politik wissenschaftlich zweitrangig; ihm geht es um eine grundsätzliche Untersuchung des Phänomens, nicht um konkrete politische Empfehlungen oder Werturteile.

Diese Rezension von Heino Bosselmann fanden 4 von 5 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Interessante und provokante politische Theorie!

Dies schmale Bändchen, als Schrift entstanden aus einem Vortrag vor bündischen Studenten, revidiert den eindimensionalen Demokratiebegriff angepasst korrekter Sozialkundelehrbücher. Als Broschüre wünschte man es auf den Plätzen unserer Legislativen verteilt, denn obwohl Ralf Dahrendorf ein entschärfendes Nachwort anhängt, steht Webers Politikbegriff eher in der Tradition von Machiavelli und offenbart eine Nähe zum späteren Carl Schmitt, als dass es ihm um liberale Bestimmungen ginge. Politik und Staat sind für ihn wesenhaft Gewalt und Macht, legitimiert durch die Autorität „traditionaler Herrschaft“, die „Gnadengabe persönlichen Charismas“ und den dezisionistisch anmutenden „Glauben an die Geltung legaler Satzung“. – Der wahrhafte Politiker ist Führer, Demagoge, Prophet und Feldherr. Weber beschreibt die Herausbildung des modernen Staates zwar als Ergebnis der Rationalität von Recht und Verwaltung; die Demokratie erscheint ihm aber gerade insofern nicht als sakrosankt, als dass sie Erneuerung und Inspiration erstickt im „Kuhhandel der Honoratioren“ und in der „unerhörten Langeweile“ der als „Zünfte von Stellenjägern“ verfassten Parlamentsparteien. Weber beschwört den „Ethos der Politik als Sache“ und fordert „Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.“ Der moderne Politiker überwindet die Barrieren, die ihm die „Beamtenintelligenz“ der saturierten Parlamentarier setzt und stellt sich ins Wagnis: „Es ist ja durchaus richtig, und alle gesellschaftliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre.“ Er bindet sich aber absolut an eine kritische Verantwortungsethik, gerade weil er „sich mit diabolischen Mächten einlässt, die in jeder Gewaltsamkeit lauern.“ – Wenn jeder, der mutig und kritisch sich vorwagt, den Etablierten als „Populist“ gilt, dann kann man Webers kleine Schrift durchaus als Verteidigung des Populismus lesen. Ralf Dahrendorf: "Dahinter steht ein Bild von Politik, das sich nicht leicht abweisen lässt, möglicherweise ein plausibleres Bild, als es die modischen Lehrbücher der Demokratie liefern."




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