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Eine Bilderbuchsituation: Der unbescholtene Ehemann geht ahnungslos seiner Arbeit im Kaufladen nach, die Frau empfängt einige Stockwerke darüber ihren Liebhaber, das Kind kommt zu früh aus der Schule zurück und erzählt dem Papa, dass die Mama gerade zu dem Mann im Bett »Mein Hengst!« gesagt hat. Es folgt, wer ahnte es nicht, eine Bluttat. Doch was sind die Vorzeichen einer solch unheilvollen Situation? Die Motten an der Wand? Der Kleiderständer? Das Blumenmuster der Tapete? Uwe Durst zieht seine Leser rasch und hinterlistig in eine aberwitzige Geschichte. Sie handelt von einem Rentner, einem Hausverwalter und einer Sekretärin. Kunstvoll sind ihre Leben miteinander verflochten, und selbst das schlichteste Detail erweist sich bald als unheilvolles Zeichen des schrecklichen Ganzen in einem beunruhigenden Universum, in dem einfach alles eine tiefere Bedeutung hat. Dursts Debüt gehört zu den Preziosen des suggestiven Erzählens und des fantastischen Weltentwurfs.
...während sie dem Gehilfen die drei Pforten ihres Leibes öffnete.Die hier erzählte Geschichte besteht aus den drei Erzählungen von Georg Heppler, Georg Schroth sowie Karin Poignard.
Die Leben der drei Protagonisten sind mannigfaltig miteinander verwoben.
Auf unterster Ebene leben Herr Heppler und Frau Poignard im selben Haus, in dem Herr Schroth als Hausverwalter tätig ist.
Auf der obersten Ebene haben alle drei eine ähnliche Vergangenheit. Sie enden alle in kleinbürgerlichen Verhältnissen, in denen keiner von ihnen wirklich glücklich ist, jedoch hat auch keiner von ihnen die Kraft wirklich auszubrechen.
Dieser letzte Punkt betrifft auch beschriebene Nebenfiguren, wie Frau Poignards spießigen Ehemann Karl oder die Familie des Lebensmittelhändlers Knef von der anderen Straßenseite.
Letztendlich sind es nur die beiden Frauen Poignard und Knef, die sich durch kleine Fluchten Inseln momentanen Glücks schaffen, indem sie sich ihren Liebhabern hingeben. Frau Poignard läßt sich gern von Herrn Schroth hart rannehmen, wenn der mal wieder eine seiner "Wohnungsbegehungen" machen muss, während Frau Knef sich fast jeden Vormittag mit dem jungen Gehilfen ihres Gatten vergnügt.
Wie schon in den Biographien der drei Protagonisten beschrieben ist dieser Zustand einer vorgegaukelten heilen Welt extrem instabil und endet -zumindestens für Frau Knef- auf grausame Weise.
Vom puren Inhalt her würde die Geschichte vermutlich nicht mal die hier vorliegende Novelle füllen, aber da Uwe Durst selbst ein promovierter Literaturwissenschaftler ist, spielt er viel mit Stil und Form. Dies macht den eigentlichen Reiz aus.
Die drei Protagonisten erzählen ihren Anteil in jeweils einem eigenen Kapitel. Diese weisen enorme Unterschiede in ihrer Länge auf: Georg Heppler (Kapitel 1 - 6 Seiten), Georg Schroth (Kapitel 2 - 40 Seiten) und Karin Poignard (Kapiel 3 - 70 Seiten).
Im ersten Kapitel, das eine Art Einleitung darstellt, werden alle relevanten Fakten und Metaphern - von denen sich einige als durchaus reale Dinge herausstellen, z.B. die Motten/Grauen Engel an der Wand - schon genannt. Das zweite Kapitel stellt die Brücke dar zwischen Wahnvorstellungen einerseits und der puren Realität anderseits. Im dritten Kapitel werden die Verhältnisse dann klarer, jedoch muss man berücksichtigen, dass aufgrund der Erzählperspektive alles subjektiv behaftet bleibt und damit nicht 100% vertrauenswürdig ist.
Ein immer wiederkehrendes Thema dieser Novelle ist auch Gott. Irgendwie fürchtet man die Bestrafung durch ihn, wenn man sich "versündigt", andererseits kann man machen was man will, denn man ist der omnipotenten, aber auch willkürlich handelnden, Entität sowieso hilflos ausgeliefert bzw. ist der Allmächtige auch selbst für die Sünden direkt verantwortlich zu machen.
Dies stellt jedenfalls Herr Poignard fest, während Frau Poignard sich beim lieben Gott persönlich beschwert, dass sie lieber ein guter Mensch geworden wäre, anstatt eine triebhafte Sünderin.
Die ganze Zeit über macht der Autor keinen Hehl daraus, in welchem Ereignis das Szenario gipfeln wird. Daraus kann also keine Spannung bezogen werden. Doch hier ist der Weg das Ziel. Die Darstellung des Umfeldes und die Lebensumstände der handelnden Personen ist gut gelungen und läßt einen immer weiter lesen. Eine kleine Überraschung ist am Ende dann doch noch eingebaut, wenn Durst zwei ähnliche, aber eigentlich voneinander unabhängige Vorgänge, synchron laufen läßt.
Sicher muss ein Literaturwissenschaftler nicht automatisch auch ein guter Schriftsteller sein, aber Uwe Durst ist hier sicher einen Schritt in die richtige Richtung gegangen. Man darf gespannt sein, ob da noch mehr nachkommt, als nur wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Freunden des Dramas sowie von ruhigen Schauerromanen gleichermaßen zu empfehlen.
PHANTASTISCHE PUZZLETEILCHEN - Uwe Durst bestätigt in seinem Roman "Die dunkle Herrlichkeit" des Voyeurismus"Was geht da vor?, fragte Poingard und nippte an seinem Zitronenlikör, den er mit ans Fenster genommen hatte." Was man zu sehen bekommt, ist ein Bild, das auch oft genug in Groschenromanen gezeichnet wird: Ein betrogener Ehemann erwischt seine Frau in flagranti und schreitet sogleich zur Bluttat. Was als Kern des Romans "Die dunkle Herrlichkeit" von Uwe Durst erscheint, ist also bereits ein alter Hut. Doch Durst spinnt rund um das Thema Ehebruch ein phantastisches Netz aus drei ineinander verwobenen Biografien, in denen sich das Leben, die Sexualität und die Ehe in ihren grotesken und hässlichsten Facetten zeigen.
Hausverwalter Schroth berichtet von seiner unglücklichen Kindheit als schüchterner Schüler, der unter dem Joch seiner Großmutter leidet, die ihm jeglichen Kontakt zu Mädchen verdirbt. Er spricht von Erlebnissen, die sein pessimistisches Wesen sowie seine verstörten Ansichten vom Leben und von Frauen verstärken und schließlich zu Bordellbesuchen führen. Rückwendend erzählt er beispielsweise von einem Film über Gottesanbeterinnen: "Schließlich hatte das Weibchen den Kopf verspeist und vertilgte in anmutiger Weise auch den restlichen Leib ihres Opfers. Der ganze Vorgang ließ nur die Schlussfolgerung zu, dass Gott vollkommen wahnsinnig war, Gott, der auch die Menschen - und die weiblichen Menschen - gemacht hat."
Der Glaube ist nur eines von zahlreichen Puzzleteilen, mit dem Durst die Biografien miteinander verbindet: Die unterdrückte Kindheit und Sexualität, das Abnorme und der Ekel gegenüber dem Lebensalltag sind weitere. Er lässt die drei Ich-Erzähler, die jeweils ein Kapitel beanspruchen, scheinbar unbedeutende Details und immer wiederkehrende Bilder einflechten. Dabei wechselt Durst, passend zu seinem dunklen Schreibstil, häufig zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Gemeinsamkeiten fallen zunehmend auf und lassen die Handlungsstränge immer stärker ineinander fließen, bis sie in der Katastrophe münden: dem Ehebruch und dem darauf folgenden Mord. Dass sich der Autor vorzugsweise mit fantasievollen und übernatürlichen Texten beschäftigt und auch mit entsprechenden "Theorien der phantastischen Literatur" promovierte, merkt man bereits nach wenigen Seiten, nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich. Durst schreibt von "Ungeheuern, die sich im Muster der Blumentapete versteckten" und den Falten in Herrn Knefs grüner Schürze, in denen sich Gesichter bilden, "aus deren listigem Blick ich auf ihr heimliches Einverständnis mit der Gattin des Händlers schloss, in die eben jetzt Knefs Gehilfe mit einem einzigen Stoß eingedrungen war."
Zweifelsohne ist Dursts "Die dunkle Herrlichkeit" ein gelungenes Debüt. Durch die intelligenten, teilweise absurden und überraschenden Verknüpfungen kreiert er aus einem banalen Thema eine phantastische Geschichte, die sich von der Masse an Beziehungsdramen abhebt. Und dabei von Groschenromanen so weit entfernt ist, wie die Romantik von unserer Zeit. Dabei greift er auf ein weiteres, simples Element zurück: Voyeurismus. Dieses Gefühl entsteht durch die immer tieferen und intimeren Einblicke in das Leben der Protagonisten, die dem Leser gewährt werden. Doch selbst in Zeiten von "Big Brother" scheint dieses Phänomen noch nichts von seinem Reiz verloren zu haben.
Das seltsamste Buch, das ich je gelesen habe.Bizarr, unheimlich, rätselhaft, sehr, sehr eigenwillig, so könnte man das Buch beschreiben. Nichts, wirklich nichts ist so, wie es zunächst erscheint, und kein Detail ist harmlos.