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Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode: Die Lebensläufe dieser beiden deutschen Dichter haben Christa Wolf 1977 angeregt, ein fiktives Treffen der beiden zu arrangieren. -Das war-, schreibt sie, -in einer Zeit, da ich mich selbst veranlaßt sah, die Voraussetzungen von Scheitern zu untersuchen, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der Literatur.
Nicht mehr als ein fiktives Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann, beide Literaten, ist hier das Thema. Doch diese gedankliche Auseinandersetzung, die Christa Wolf - weltweit geschätzte Autorin - in ihrer 1979 erschienenen Erzählung so genial inszeniert hat, beeindruckt tief. Mit Karoline von Günderrode, eine Freundin der Brentanos, und Heinrich von Kleist lässt sie zwei tragische Figuren, zwei Außenseiter aufeinandertreffen. Das Gefühl, Versager zu sein, anders zu sein, verbindet sie. Beide werden später den Freitod wählen. "Kein Ort. Nirgends" zeichnet ein zeitloses Porträt zweier Repräsentanten einer Generation, die sich verloren fühlen. In der restaurativen Gesellschaft sind die Ideale der französischen Revolution verraten, und der Traum vom freien Leben und Schreiben hat sich - zumindest für die beiden Protagonisten - nicht erfüllt. Die Günderrode und Kleist begegnen sich 1804 bei einer Teegesellschaft in Winkel am Rhein. Als zwei verwandte Seelen ziehen sich unweigerlich an, erkennen sich als an der Welt und an sich selbst Leidende. Ihre Vision vom authentischen Leben hat sich unwiderruflich zerschlagen. Der Wechsel zwischen Gedanken und Fragen, die sich im Kopf abspielen, und tatsächlich Gesprochenem, vor dem Hintergrund der oberflächlichen Salonkonversation kommt in dieser exzellenten Hörspielbearbeitung beinahe noch besser zum Tragen als in der literarischen Vorlage. Barbara Freier und Markus Boysen vollbringen hier sprecherische Meisterleistungen. Mit ihren Stimmen werden die Wunden der Depression, das schmerzhafte Anders-Sein so plastisch, dass man Mühe hat, nicht selbst in den Abgrund gerissen zu werden. Die letzten Worte: "Wir wissen, was kommt." vergisst man nicht. Absolut passend auch das Streichquartett C-Dur 956 von Franz Schubert! Hörspiel, Spieldauer: 81 Minuten, 2 CD. Mit Booklet. -- culture.text
Verwandschaft im SchmerzIn "Kein Ort. Nirgend" schildert Christa Wolf in gewohnt virtuoser Weise eine fiktive Begegnung zwischen zwei großen Verzweifelten der Literaturgeschichte, Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode.
Dass dieser Roman allein seiner stilistischen Schönheit wegen die Lektüre wert ist, sei vorangestellt, doch darüber hinaus gelingt es der Autorin auf beispiellose Weise, eine Stimmung einzufangen, ein Gefühl der Verzweiflung und der Traurigkeit, das zuerst jede der beiden Personen auf individuelle und isolierende Weise zu charakterisieren scheint und dann im Verlauf des Textes immer mehr eine tiefe Nähe, ja, eine Seelenverwandschaft heraufbeschwört, die mehr als nur anrührt, die so verbindend, so bedeutend für die Protagonisten ist, dass sie sich niemals in Erfüllung und Glück auflösen kann, sondern nur durch den Schmerz der Unmöglichkeit in ihrer ganzen Schönheit erhalten wird.
"Kein Ort. Nirgends" ist keine leichte Lektüre, es ist nicht erheiternd und noch nicht einmal im Ansatz bietet es dem Leser die Möglichkeit, zu hoffen, dass das Schicksal jenen beiden Einsamen jemals Glück zubilligen könnte. Doch es ist von einer zauberisch anmutenden Schönheit, von einer Poesie wie man sie bei Prosatexten nur selten findet und es entführt den Leser in eine magische Welt, in der die Erkenntnis eines gemeinsam empfundenen Schmerzes mehr bedeutet und weit schöner ist als jede Aussicht auf Erfüllung.
Anpassung und SelbstverwirklichungEin Buch, in das man sich hineinlesen muss, weil nicht von Anfang an klar ist, was Gedanken sind, und was wirklich gesagt wird. Dialoge, die sich im Kopf zu Monologen ausweiten. Ein Gespräch zwischen Menschen, die es nicht gewohnt sind, sich auf diese Art zu offenbaren. Wenn man etwas über die Zeit weiss, kann man das Buch in einem größeren Kontext fassen. Aber auch wenn man das nicht tut, bleibt die persönliche Art der Bekenntnisse nahegehend, ganz zeitlos. Weil die Frage zeitlos ist: Der Widerspruch zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung. Bei zwei Charakteren, die so auf das Absolute zielen wie Günderode und Kleist, entsteht daraus eine Art von Leiden, das untröstlich ist. Sie wissen, dass sie den Preis zahlen werden für ihre Unbedingtheit, und sie wissen auch, dass sie es nicht ändern können. Dass sie mit offenen Augen dem Untergang entgegensteuern, macht ihre Tragik aus, dass es für sie keinen Ort gibt, wo ihre Träume, ihre Utopien Platz fänden, dass es vielleicht nur irgendwann eine Zeit geben wird, in der zu Bedeutung gelangt, was sie gedacht haben. Zu spät für sie, die zwischen die Zeiten gefallen, die verloren gegangen sind. Eine Art von Trauer, die eine Saite in mir berührt hat, die immer noch nachklingt. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Eine fiktive Begegnung der literarischen Art"Kein Ort, nirgends" von Christa Wolf wurde mir eigentlich als Schullektüre sozusagen "aufgezwungen". Man liest ja im Prinzip schon aus Protest die Bücher aus dem Unterricht nicht wirklich gerne. Bei ersten lesen hatten sich auch alle meine Befürchtungen bestätigt. Es geht um eine fiktive Begegnung zwischen Karoline von Günderrode und Heinrich Kleist, die sich beide zeitlebens von ihrer Umwelt unverstanden fühlten und mit Selbstmordgedanken spielten, die sie dann schlußendlich auch umsetzten. Neben diesem offensichtlich schwer deprimierenden Thema ist das Buch auch noch in einem etwas seltsamen Stil geschrieben. Sätze hängen so in der Luft, kurze abgehackte Gedankenfetzen, die anscheinend aus Gedanken herausgerissen worden sind stehen im Raum. Aber beim weiterlesen habe ich entdeckt, dass dieses Buch sehr viele interessante Aspekte über das Leben ans ich behandelt und die Art und Weise, wie Menschen damit umgehen, wenn sich ihre Gedankenwelt anderen Menschen verschließt. Man sollte dieses Buch allerdings nicht lesen, wenn sich leicht deprimiert fühlt, denn dann sind dies Gedanken der beiden Protagonisten bestimmt kaum zu ertragen. Mich hat "Kein Ort, nirgends" jedenfalls sehr persönlich angesprochen und ich würde es sehr als Lektüre empfehlen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Im Hause Brentanos: Gesellschaftliches Leben und ihr Tod.Kein Ort. Nirgends gibt den Raum vor. Ein Zusammentreffen das nie zustande kam: wie das der Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist: Nirgends und doch überall vollzieht es sich. Christa Wolf zeichnet in diesem Buch die Fäden nach, die das Verständnis zweier Menschen beziehungsweise das Selbstverständnis eines Jeden im Kontext der Anderen binden. Auf unfaßbare leichte Weise schwebt der Leser zwischen den Hauptpersonen im Kreise des Gastgebers Mertens und der geladenen bekannten Namen. Ein einfühlsames, skurriles aber nur allzu gut bekanntes Treffen von Blicken, von Gedanken, von Worten, von Haut und des Todes: die realen Schicksale der Inszenierten vollenden dieses Bild der Gesellschaftserfahrung. Interesse und Gleichgültigkeit reiben sich in diesem Geschehen und entfalten eine tiefgreifende wie entlarvende Szenerie. Was der Leser in den Kleist eingegebenen Gedanken lesen kann: Verhältnis - besser Nichtverhältnis - eines Subjektes zu seiner Umgebung, seiner verzerrten Spiegelung. Dieses Sujet bildet den Kern des finalen Dialoges der Günderrode und Kleist. So, daß das scheinbar unerhebliche Treffen in einer Liebe des Unverständnisses zweier Verstehender gipfelt. Nicht nur in der Außenwelt dieser Beiden, die in sich selbst verästelt scheinen, macht der Ursprung seiner Saat zu schaffen: "Die Welt tut, was ihr am leichtesten fällt: Sie schweigt." Dieses Verhängnis zu Erfahren und in seiner Zerfransung zu Verfolgen macht in diesem Buch den Leser zum Bluthund der eigenen Existenz. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Mein Dichterort. Wo?Christa Wolfs fiktive Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode stellen im Werk der Autorin eine einmalige Auseinandersetzung über das Selbstverständnis des Dichters in seiner Zeit dar. Auch wenn die feministische Bewegung seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert beginnend bei Bettina von Arnim Karoline von Günderrode "nur" als die erste, der Romantik verwurzelte Protagonistin der Frauenselbstbehauptung und -befreiung in einer patriarchal zementierten Gesellschaft ansah, so scheint mir vermittelt durch dieses Buch die Günderrode noch viel mehr zu sein: Sie verkörpert auch in diesem Buch die Sehnsucht des Menschen nach einem in emotionaler Nähe zur eigenen Identität (die Vergangenheit in der Gegenwart) gegründeten Leben in Verknüpfung mit den das Eigensein entwickelnden und ansteigenden Zielen (Zukunft); also gegen das Nichts und das Leere moderner Individualität, gegen eine vom Selbst entfremdeten Lebenswirklichkeit. Hierin stehen sich Kleist und Günderrode sehr nahe, auch wenn die Verzweiflung am Dasein, am eigenen Dichtersein, die beide treibt, sehr unterschiedlich sein mögen.
Christa Wolfs Auseinandersetzung mit Kleist und Günderrode in diesem Buch, damit mit Leben und Tod, Identität und Zukunft ist in ihrer poetisch-philosophischen Tiefe und Ausrichtung noch heute unüberholt. Es ist ein wichtiges Werk der feministischen Literatur - aber nicht nur dieser. Im ganzen ein großes Buch einer Autorin, die mit dem Fall der Mauer und der Auflösung der DDR selbst unter starken Beschuss und in große Kritik geriet, ihrem Selbstverständnis in nachgetragener Liebe neu nachforschen musste.
Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend; 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.
Adelung-1793: Nirgends · Ort, der · Kein
Brockhaus-1911: Ort · Geometrischer Ort · Astronomischer Ort
Herder-1854: Ort [2] · Ort [1]
Lueger-1904: Ort · Geometrischer Ort
Meyers-1905: Ort [4] · Ort [3] · Ort [2] · Ort [5] · Wahrer Ort eines Himmelskörpers · Scheinbarer Ort · Ort. · Ort [1] · Geometrischer Ort · Astronomischer Ort · Apparenter Ort · Mittlerer Ort · Habe hat kein Geleit · Kein Mensch muß müssen · Blutige Hand nimmt kein Erbe
Pierer-1857: Physikalischer Ort · Ort [4] · Ort [3] · Wahrer Ort · Swawer Ort · Scheinbarer Ort · Geocentrischer Ort · Gebrochener Ort · Astronomischer Ort · Ort [2] · Ort [1] · Optischer Ort