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Die Gegenwarts-Neurobiologie bedeutet Herausforderung und Chance für die heutige Psychoanalyse. Intensives Reflektieren über uns selbst in einer Therapie - ein enger Verbund von Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Fühlen - verändert das Gehirn.
Der Theorieteil des Buches sichtet sehr kritisch zentrale psychoanalytische Modellvorstellungen unter neurobiologischen Aspekten und plädiert für einen integrativen Theorieansatz. Die Ergebnisse der Stress-, Trauma- und Kognitionsforschung begründen die große Bedeutung eines optimalen Aktivierungsniveaus im therapeutischen Geschehen. Aus der Theorie neuronaler Netzwerke folgt, dass dauerhafte Änderungen der psychischen Struktur nicht einfach und schnell zu erzielen sind.
Der Behandlungsteil schildert in bislang seltener Offenheit und Aufrichtigkeit die Übertragungsprozesse in einem Fall von sexueller Gewalt in der Familie. Die Patientin beschreibt parallel ihre Therapie aus eigener Sicht. Traumatherapeutische Interventionen werden in die Analyse einbezogen, deren Möglichkeiten werden diskutiert: Psychoanalytiker können Traumatherapie besonders kompetent und kreativ handhaben.
KLARTEXT!Menschen, die sich noch nicht entschieden haben, eine Psychoanalyse zu machen, sollten dieses Buch lesen! Die einen werden dieses Buch entsetzt, vielleicht angewidert zur Seite legen und sich gegen eine Therapie entscheiden. Die anderen werden erkennen, daß eine Analyse die mit Sicherheit lebensnaheste seelisch-praktische Erfahrung mit im besten Falle allen heilenden Folgen sein kann.
So sollte es zumindest sein.
Der Bedarf an Psychoanalyse ist hoch, jedoch haben viele Menschen Angst davor. Hauptängste sind, zum Therapeuten in eine (wie auch immmer geartete) Abhängigkeit zu geraten. Eine Angst ist die vor sexuellen Übergriffen. Ein Tabu-Thema. Von diesen unfähigen Therapeuten wird genügend in der Presse berichtet.
Was aber wirklich in einer soliden profunden z.T. mehrere Jahre dauernden Psychoanalyse geschieht, davon berichtet Dr.E.Gehde authentisch. Am Ende des Buches wird dem Leser bewußt, dass eine Heilung durch psychoanalytische Therapie nur durch eine langjährige Behandlung wirksam werden kann. Den vollständigen Zugang zu den seelischen Gründen des Analysanten findet der Therapeut oft erst nach einem mühsam stattfindenden Prozess der Vertrauensbildung.
Im ersten Teil des Buches werden diverse grundlegende psychoanalytische Theorien von Freud, Jung u.a. und insbesondere kleinianische Ansätze in die Kritik gebracht. Im zweiten Teil des Buches stellt Dr.E.Gehde an einem konkreten Fallbeispiel einer sexuell schwer traumatisierten Patientin die innere Arbeit des Analytikers insbesondere im Zusammenhang mit dem Übertragungsgeschehen in überraschender Aufrichtigkeit dar. Für den unvorbereiteten Leser tun sich im ersten Moment erschreckende Realitäten auf. Dr.E.Gehde hat allen Mut, eben von jenen menschlichen Reaktionen zu berichten, die mit der normalen realen Kommunikation im menschlichen Miteinander auftreten können. Damit wagt er es, die Psychoanalyse aus ihrem sterilen und damit geschützten Raum zu holen. Es wird klar, daß es nirgendwo geschützte Räume gibt - der Analysant kann seine Blockaden nur überwinden, wenn er die emotionalen Realitäten bedingungslos akzeptiert. Jedoch zeigt Dr.Gehde überzeugend, dass das Übertragungsgeschehen stets analytisches Werkzeug bleibt. Den Weg seiner emotionalen Erlebnisse und Verwicklungen im Übertragungsprozess schildert er offen und nachvollziehbar und mit z.T. Abstand haltendem Humor. Die Geschehnisse in der Übertragung bleiben für Dr.E.Gehde immer Elemente der Analyse, die es ihm ermöglichen, sich im therapeutischen Sinne so intensiv wie möglich auf seine Patienten einzulassen.
In der Analyse muß die Realität aller auftretenden emotionalen Facetten in voller Intensität nachvollzogen werden können. Die Grenze zur handelnden Realität hält ein gewissenhafter und verantwortungsbewußter Analytiker ein und signalisiert das auch dem Patienten. So besteht hier für den Patienten doch wieder die Chance des geschützten Raumes, seine unbewältigten seelischen Belange mit dem Analytiker offen zu behandeln.