Mersch, Peter

Hurra, wir werden Unterschicht!

Hurra, wir werden Unterschicht!
  • Verlag: Books on Demand Gmbh
  • Erscheinungsdatum: 2007-05
  • Bindung: Broschiert
  • Seitenzahl: 268
  • ISBN: 3833496347
  • EAN: 9783833496349
  • Amazon.de Verkaufsrang: 228.674
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Beschreibung von buecher.de

Seit einigen Jahren sind in den westlichen Industrienationen gesellschaftliche Veränderungen zu beobachten, die von einer Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und der Herausbildung einer neuen 'Unterschicht' geprägt sind. Als Ursache für diesen auch 'Brasilianisierung des Westens' genannten Prozess gilt allgemein die Globalisierung unter dem neoliberalen Paradigma des freien Marktes. Peter Mersch zeigt dagegen auf, dass diese Entwicklung in den jeweiligen Gesellschaften ganz entscheidend aus sich selbst heraus erfolgt. Seit der weiblichen Emanzipation und der sie begleitenden Individualisierung haben Frauen die freie Wahl zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten. In den Industrienationen ist aber die Wirtschaft marktwirtschaftlich organisiert, die gesellschaftliche Reproduktion dagegen sozialistisch, denn der Nutzen aus dem langjährigen Aufziehen von Kindern wird sozialisiert. Seitdem die Frauenbewegung die 'Mauer' des Patriarchats zu Fall gebracht hat, wandern insbesondere die qualifiziertesten Frauen in die profitablere Wirtschaft ab, wodurch es zu einer Vernachlässigung der gesellschaftlichen Reproduktion und damit zum Phänomen des demographischen Wandels kommt. Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden daran nur unwesentlich etwas ändern können. In modernen Gesellschaften setzt sozialer Erfolg meist Bildung voraus. Weil nun aber Frauen umso weniger Kinder in die Welt setzen, je gebildeter und beruflich engagierter sie sind, und sich meist Frauen und Männer mit ähnlichem Bildungsniveau zusammenfinden, können die Kompetenzen einer Generation nicht mehr ausreichend an die nächste weitergegeben werden. Die Folgen: Die Generationengerechtigkeit wird verletzt, und die Gesellschaften 'brasilianisieren' sukzessive in Richtung Entwicklungsland. Das Fazit des Autors ist: Die Emanzipation der Frauen macht eine Angleichung der Organisation von Wirtschaft und Nachwuchsarbeit zwingend erforderlich. Der Individualisierung auf Seiten der Frauen müssen nun die entsprechenden Institutionalisierungen folgen. Das Buch zeigt detailliert auf, was zu tun ist.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Volkmar Weiss fanden 56 von 60 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Sehr beachtenswert.

Eine derart verständlich und anschaulich geschriebene Einführung in die gesellschaftlichen Folgen der unterschiedlichen Kinderzahlen und der Kinderlosigkeit habe ich bisher noch gelesen! Für die etablierte Demographie und Familienpolitik ist der Verfasser ein krasser Außenseiter. Aber von welchem Kaliber, von welcher Einsicht und Weitsicht!

Irgendwann vor etwa 100 Jahren hat es einen Umschlag in den Kinderzahlen pro Sozialschicht gegeben. Zogen bis dahin die Wohlhabenden die größte Zahl von Kindern pro Ehe groß, war es später insbesondere die qualifizierte und gebildete Mittelschicht, die stets deutlich weniger Kinder hatte und hat, als die Unterschicht. Kann das für die gesellschaftliche Entwicklung auf lange Sicht ohne Folgen bleiben?

Wenn man der Auffassung ist, daß es völlig gleich sei, wo und von wem die Kinder geboren sind, wenn allen später die bestmöglichen Bildungsmöglichkeiten geboten werden, brauchen einem unterschiedliche Kinderzahlen der Sozialschichten nicht zu beunruhigen. Der Verfasser kommt aber zu dem für ihn zwingenden Schluß, daß eine Gesellschaft, in der gebildete Frauen nur sehr wenige Kinder in die Welt setzen und großziehen, sich von innen heraus allmählich selbst zersetzt. Als Ausweg empfiehlt er, wie schon in seinem Buch Die Familienmanagerin", einen Teil der gebildeten Frauen für die Aufzucht einer kopfstarken Kinderschar als Vollzeitbeschäftigung zu entlohnen.

So richtig die Einsichten des Verfassers auch sein mögen, haben sie eine Chance, in unserer Gesellschaft wahrgenommen oder gar umgesetzt zu werden? Man kann es nur hoffen. Oder besser: Kaufen Sie zwei Bücher und schenken Sie eines einem familienpolitisch engagierten Politiker.

Diese Rezension von B. Köster fanden 39 von 42 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Schockierend

Ein durch und durch schockierendes Buch. Der Autor behauptet, nicht die Globalisierung sei Schuld an der zunehmenden Verarmung, Hartz4 oder dem Entstehen einer neuen "Unterschicht", sondern das Nachwuchsverhalten der Bevölkerung. Und dafür legt er eine Unmenge an Belegen vor. Ich denke, der Nachweis ist ihm gelungen. Unsere sozialen Probleme werden also nicht durch globale Kräfte bewirkt, sondern wir sind es selbst. Hochinteressant sind seine evolutionstheoretischen Ausführungen, die ganz nebenbei eine hervorragende Einführung in die Thematik liefern. Eine seiner Kernaussagen ist: Bei einer falsch verstandenen rigorosen Anwendung der Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften handelt es sich um Sozialdarwinismus, bei der Hinnahme der Tatsache, dass sich die Kompetenzträger (und Erfolgreichen) aus der Nachwuchsarbeit heraushalten und diese in erster Linie sozial schwachen und bildungsfernen Schichten überlassen, handelt es sich um eine Verletzung des Prinzips der Generationengerechtigkeit. Denn gemäß diesem Prinzip müsste die Elterngeneration alles dafür tun, dass sich die nächste Generation ihre Bedürfnisse mindestens gleich gut erfüllen kann und dazu gehört es auch, dass sie ihre genotypischen Kompetenzen weitergibt. Dies tut sie aber zurzeit nicht. Schockierend auch seine Ausführungen zur Intelligenz: Intelligenz ist ganz wesentlich erblich bedingt und der IQ in den Industriestaaten ist seit einigen Jahren auf Talfahrt.

Die Ursache dafür sieht der Autor in einer falsch durchgeführten weiblichen Emanzipation. Das ist nichts Neues, denn das hat er schon in anderen Büchern formuliert: Unter der Gleichberechtigung der Geschlechter muss gemäß seiner Auffassung Familienarbeit mit eigenen Kindern professionalisierbar sein. Dazu empfiehlt er den Beruf der "Familienmanagerin". Interessant, dass er dies nun auch evolutionstheoretisch ableiten kann.

Geradezu rührend ist der Abschnitt "Warum Mutti doch die Beste ist". Darin geht er auf einen Artikel der ZEIT-Redakteurin Susanne Maier ein, worin diese behauptet, eine akademisch ausgebildete Mutti, die wegen der Kinder 10 Jahre zu Hause bleibt, stehe beim Staat mit 380.000 Euro in der Kreide. Der Autor zeigt anhand einer kleinen Rechnung: Das stimmt, aber nur wenn man die aktuelle Generation betrachtet. Wenn man die nächste Generation mitbetrachtet, dann rechnet sich Mutti mehr als jeder andere Erwerbstätige, insbesondere viel mehr als Kinderlose.

Ebenfalls schockierend das zweite Vorwort mit dem Titel "Warum Books on Demand?" Darin berichtet der Autor von seinem Versuch, eine gekürzte Version des Buches als Artikel in einer "renommierten gesellschaftswissenschaftlichen Zeitschrift" zu veröffentlichen. Er erhielt dazu zwei Gutachten, die er beide im vollen Wortlaut abdruckt. Also wenn Wissenschaft wirklich so läuft und diese Gutachten so geschrieben wurden, dann sind wissenschaftliche Resultate zumindest in dieser Disziplin keinen Pfifferling wert, das muss ich dann wohl auch einsehen.

Ich war erst geneigt, einen Punkt abzuziehen, denn das Buch hat mich traurig gemacht. Ich glaube nicht, dass irgendjemand versuchen wird, das Steuer noch herumzureißen. Es wird so weitergehen, vor allem mit dem Streit zwischen Über- und Rabenmüttern, um Krippen und der fehlenden Vereinbarkeit. Dann aber ist wohl das, was der Autor prognostiziert, unausweichlich. Aber dafür kann er nichts.

Diese Rezension von P-Laffers fanden 36 von 38 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion

Liest man die familien- und bevölkerungspolitischen Bücher des Verfassers der Reihe nach - und ich habe das getan - dann stellt man fest, daß hier scheibchenweise eine neue Theorie entsteht, die in diesem Buch nun "Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion" genannt wird.

Mersch hat in seinen Büchern immer deutlich gemacht, daß sich jedes Unternehmen in Produktion (da werden die Produkte hergestellt und verkauft) und Reproduktion (da werden die neuen Produkte bzw. Produktverbesserungen entwickelt) gliedert. Für Gesellschaften gelte das analog. Das wichtigste deutsche Produkt seien "menschliche Kompetenzen" bzw. Humankapital, wie es heute heißt. Vereinfacht ausgedrückt könnte man die Verkaufsstrategie eines Landes wie folgt beschreiben: "Liebe Unternehmen, kommt her nach Hamburg, Frankfurt oder Dresden, wir haben hier eine gut ausgebaute Infrastruktur, verlässliche Regelwerke und vor allem kompetente und zuverlässige Menschen, die gerne das tun wollen, was ihr von ihnen erwartet. Ihr braucht nicht nach Indien zu gehen, ihr findet alles hier."

Damit das funktionieren kann, muß ein Staat aber auch ausreichend in diese Kompetenzen investieren und dazu gehört viel mehr als Bildungsmaßnahmen. Das wird sehr überzeugend dargestellt.

Leider scheint das niemandem bewußt zu sein. Unser gesamtes Denken dreht sich nur um die Wirtschaft, das heißt die Produktion. Die Reproduktion bleibt in allen Überlegungen ausgeblendet, und so lange das der Fall ist, sind Frauen gemäß Mersch nicht emanzipiert, weil Reproduktion deren früheres Hauptfeld war, welches gemäß Mersch auch das eigentlich wichtigere Feld ist, wie er im Vergleich mit Unternehmen nachweisen kann, welches aber zunehmend an Wert verliert.

So würden in unserer Gesellschaft ständig Maßnahmen verabschiedet oder diskutiert, ohne jemals über die reproduktiven Konsequenzen nachzudenken. Der Blick sei stets nur auf die Wirtschaft gerichtet, welche Konsequenzen das alles für spätere Generationen haben kann, wird nicht bedacht. Beispielsweise haben seiner Meinung nach die berufsorientierte weibliche Emanzipation, die Frauenquote, das Zerrüttungsprinzip bei Scheidungen, die Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter etc. geradezu fatale Auswirkungen auf das generative Verhalten der Bevölkerung. Dies würde aber nie diskutiert.

Auf Seite 150 schreibt er beispielsweise:

"Unsere Gesellschaft hat sich die optimale Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Ziel gemacht. Ferner wird angestrebt, dass sich Väter und Mütter die Familienarbeit paritätisch teilen, damit beide Elternteile die gleichen beruflichen Chancen besitzen. Sieht man einmal von den spezifischen weiblichen Aufwänden im Rahmen der Schwangerschaft und vielleicht auch während der Stillphase ab, dann hat unsere Gesellschaft ganz offiziell vor, den seit mehreren Millionen Jahren zwischen den Geschlechtern bestehenden Unterschied bezüglich den durch sie zu erbringenden Elterninvestments zu nivellieren beziehungsweise ganz aufzuheben. Damit wären auch die oben beschriebenen unterschiedlichen und noch heute existierenden und in allen Kulturen nachweisbaren Geschlechterrollen beim Paarungsverhalten obsolet.

Dies wäre dann in der Tat eine Revolution ungeheuren Ausmaßes, in deren Lichte selbst die folgende Anmerkung Alice Schwarzers nur als stark untertreibend bezeichnet werden kann:

'Sicher, die viel geschmähte Neue Frauenbewegung hat im Westen eine wahre Kulturrevolution ausgelöst, die wohl bedeutendste soziale Revolution des 20. Jahrhunderts.'"

Mersch behauptet hier: Hier verfolgen Menschen ihre Interessen, ohne über ausreichendes Wissen zu verfügen und je bedacht zu haben, was sie da eigentlich lostreten und vor allem wo, uind welche verheerenden Auswirkungen das haben kann.

Die Konsequenzen wären längst spürbar: Neue Armut, Langzeitarbeitslosigkeit, Hartz IV, Bildungsmisere usw. sind für ihn logische Folgerungen dieser Versäumnisse. Mit anderen Worte: Die Ursachen dieser Probleme liegen nicht im Wirtschaftsgeschehen, sondern im Nachwuchsverhalten der Bevölkerung, sind also reproduktiver Art.

Die Thesen des Verfassers werden sehr genau belegt (mehr als 500 Quellenangaben!). Man kann nur hoffen, daß nicht erst weitere 30 Jahre vergehen müssen, bevor Wissenschaft und Politik die Triftigkeit seiner Argumentation begreifen. Wer das Buch ohne ideologische Scheuklappen liest, dürfte sofort begreifen, dass wir so nicht weitermachen können.

Diese Rezension von Gebhards fanden 22 von 24 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Hervorragend recherchiert und wichtig

Gemäß Humberto Maturana reagieren Lebewesen innerhalb ihrer Möglichkeiten auf ihre Umwelt, aber sie passen sich nicht wirklich daran an. Es war Charles Darwin, der herausfand, dass die fortlaufende Anpassung der Arten an ihren Lebensraum über die Fortpflanzung erfolgt.

Speziell in den Industrieländern leben wir Menschen aber heute nicht mehr in der Natur, sondern in erster Linie in einer von uns selbst geschaffenen technischen und sozialen Umgebung. Die Frage ist: Ist die fortlaufende Anpassung über die Fortpflanzung auch darin noch immer von Bedeutung?

Peter Mersch zeigt: Ja! Wesentliche, in modernen Gesellschaften nutzbare Erfolgsmerkmale wie zum Beispiel der Intelligenzquotient eines Menschen (er behauptet nicht, dass der IQ die "wahre" Intelligenz eines Menschen repräsentiere, sehr wohl aber ein Ausdruck für in modernen Gesellschaften nutzbare Basiskompetenzen sei) sind sehr stark genetisch bedingt und unterliegen damit der Evolution bzw. der Weiterentwicklung über die Fortpflanzung.

Treten in unserer Gesellschaft ungünstige Entwicklungen auf, dann sind sehr schnell zahlreiche Experten zur Stelle, die dies auf diese oder jene politische, technische, ökonomische oder soziale Veränderungen zurückführen wollen. Die Fortpflanzung (Mersch nennt sie: "gesellschaftliche Reproduktion") spielt in allen Überlegungen keine Rolle, dabei ist sie weiterhin ein Hauptmotor für Veränderungen, wie er überzeugend nachweisen kann. Wir sind also mit unserem gesellschaftlichen Verständnis noch in der Zeit vor Charles Darwin stecken geblieben.

Ein ganz hervorragend recherchiertes und sehr wichtiges Buch. Seine Kernaussage ist: Das aktuelle Fortpflanzungsverhalten der modernen Gesellschaften wird diese sukzessive ruinieren. Wirtschaftliche Maßnahmen werden dagegen ohne Wirkung bleiben, jedenfalls auf lange Sicht.

Diese Rezension von Lena Waider fanden 17 von 19 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Sehr stark

Seit Jahren wird darüber gestritten, ob der demografische Wandel eine Katastrophe oder eine Chance ist. Peter Mersch zeigt auf: Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind längst zu spüren, und zwar in Form von Verarmung, Brasilianisierung und gesellschaftlichen Kompetenz- und Kulturverlusten, die sich zum Teil sogar messen lassen. Unsere Gesellschaft leidet gemäß ihm also weniger unter den Folgen der Globalisierung, sondern die aktuellen sozialen Probleme werden primär auf reproduktive Weise (durch das Nachwuchsverhalten der Bevölkerung) erzeugt.

Als Ursache benennt er zum Teil auch gesellschaftspolitische Maßnahmen, die zwar aktuell ganz bestimmten Interessengruppen dienen, sich aber oft negativ auf das Gebärverhalten auswirken. Er fordert deshalb die Einführung einer Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion, da sonst die Gefahr bestünde, alle gesellschaftlichen Prozesse ausschließlich durch die Brille der Ökonomie zu betrachten, und das sei verkürzt.

Ich könnte noch ganz viel zu diesem hochinteressanten und wichtigen Buch sagen, aber das haben andere schon hinreichend getan.

Hurra, wir werden Unterschicht!



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