Mühsam, Erich

Unpolitische Erinnerungen

Unpolitische Erinnerungen
  • Verlag: Directmedia Publishing
  • Erscheinungsdatum: 2007-07
  • Format: Broschiert
  • Umfang: 140
  • ISBN: 386640252X
  • EAN: 9783866402522
  • Amazon.de Verkaufsrang: 2.419.913
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von weiser111 fanden 12 von 12 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Mühelose Erinnerungen und mehr

Man kennt Erich Mühsam als Bürgerschreck, als Bohèmien, Intellektuellen; er starb als eines der ersten prominenten Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Der in der Wolle gefärbte Anarchist war 1919 Mitglied der Münchner Räterepublik, er verfasste witzige, provokative Gedichte und Couplets, und legte sich unermüdlich mit herrschenden Personen und Meinungen an... Eines seiner bekanntesten und witzigsten Gedichte, "War einmal ein Revoluzzer" dürfte zumindest dem Titel nach vielen ein Begriff sein, und den ein oder anderen Schüttelreim aus seiner Feder kennt man, ohne den Namen des Verfassers zu kennen.

Auf den ersten Blick ist es daher paradox: Das Buch von Erich Mühsam, das am häufigsten aufgelegt wurde, sind seine "Unpolitischen Erinnerungen" (auch bekannt unter dem Titel "Namen und Menschen"). Mühsam und unpolitisch? Ob d a s zusammengeht? -- Nun,ob diese "Unpolitischen Erinnerungen" tatsächlich unpolitisch sind, sollte der Leser selbst herausfinden.

Vor allem geht es in den "Unpolitischen Erinnerungen" aber um Mühsams Erinnerungen an die Bohème anfangs des 20. Jahrhunderts in Berlin, Paris, München, Wien und anderswo, und er schildert hier all ihre Protagonisten -- weltberühmte Schriftsteller und resolute Wirtinnen stehen hier gleichberechtigt nebeneinander, ohne einander auszustechen.

Wenn Mühsam keinen Respekt vor Titeln und Würdenträgern kannte, so heißt das jedoch nicht, dass er nicht großen Respekt vor den Menschen hatte, denen er hier die schönsten Denkmäler setzt. Schließlich kannte er sie alle, und wie! Frank Wedekind, Peter Hille, Fanny zu Reventlow, Joachim Ringelnatz, Peter Altenberg, Roda Roda, Karl Kraus, Egon Friedell, Edvard Munch, Else Lasker-Schüler und viele andere Künstler gehörten zu seinen Freunden. Seine Erinnerungen an diese Menschen und an die Bohème von ganz Europa lesen sich heute genauso unterhaltsam wie vor 80 Jahren: Warmherzige Porträts und schräge Anekdoten, die einem historische Personen, Künstlerszenen und Schauplätze auf wenigen Seiten oftmals näher bringen als vielhundertseitige Gelehrsamkeit. Bei aller Intimität und bei aller Liebe zum Skurrilen bleibt Mühsam aber stets diskret und verschont seine Leser mit Peinlichkeiten und Alkovenhistörchen.

In Buchform erschienen sind Mühsams "Unpolitische Erinnerungen" erstmals 1949, lange nach seiner Ermordung durch die Nazis; ursprünglich handelte es sich um eine Kolumne in der gutbürgerlichen "Vossischen Zeitung" aus den 1920er Jahren... Man schätzte also auch dort Mühsams überhaupt nicht mühsamen Stil, kannte bestimmt seine witzigen bis ätzenden Gedichte, Pamphlete und Essays -- man wusste, mit wem man sich einließ, und verlangte von einem der politischsten Schriftsteller Deutschlands "etwas Unpolitisches".

Mühsam konterte auf seine Weise -- schon der Titel der Kolumne war Programm, spielte er doch auf Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" an. Aber auch in den einzelnen Kapiteln nimmt er immer wieder die "politikfreie" Vorgabe aufs Korn -- etwa, wenn er über Gustav Landauer schreibt "Welche Wege mich dieser große Denker und Mensch geführt hat, [...] wieviel Grund ich habe, dem Freunde, der mein Lehrer war, dankbar zu sein, davon zu sprechen würde sofort in Gebiete führen, die hier nicht berührt werden sollen." Aber so deutlich wird er selten; meist blinkt "das Politische" ironisch zwischen allen Wort- und Zeilenabständen dieses wunderbaren Buches hervor, und Proselyten machen wollte Mühsam mit diesen Erinnerungen sowieso nicht.Man kann diese Erinnerungen der besonderen Art vielen Lesern ans Herz legen, und man kann sie unter vielen Gesichtspunkten lesen: Biographisches oder historisches Interesse wird ebenso befriedigt wie das Bedürfnis, intelligente Essays und Skizzen in geschliffenem Deutsch zu lesen.


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