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In seinem glanzvollen Essay widmet sich Karl Schlögel dem Phänomen der neuen Völkerwanderung, die erst unlängst mit dem Flüchtlingsdrama in Marokko und den Unruhen in den Vororten der französischen Städte wieder ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist. Schlögel erinnert an die Umsiedlungen, an die Vertreibungen und Säuberungswellen im Europa des 20. Jahrhunderts und skizziert die mit den Migrationsströmen verbundenen Gefahren. Gleichwohl entwirft er alles andere als ein Schreckensszenario. Sein Hörbuch ist im Gegenteil ein Loblied auf den modernen Nomaden, den »global citizen«, ohne den eine globale Welt nicht mehr auskommen kann.
Guter Überblick über das Thema Migration, dem es an Aktualität mangeltDas Thema Migration hat derzeit Konjunktur. Ob es beim kürzlich anberaumten Integrationsgipfel in Berlin fällt oder bei der Berichterstattung über die spanischen Exklaven in Ceuta und Melilla. Migration beschäftigt die Menschheit des 21. Jahrhunderts.
Der an Frankfurter Europa-Universität Viadrina lehrende Historiker Karl Schlögel thematisiert in seinem knapp 150 Seiten umfassenden Buch die Migration, ihre Entstehung und ihre globale Dimension. Wird im Hinblick auf die Flüchtlingsströme aus Ostafrika gen „Festung Europa“ zumeist negativ und wenig vorurteilsfrei berichtet, versucht Schlögel in „Planet der Nomaden“ mit den herkömmlichen Ressentiments und Mythen aufzuräumen, in dem er auf die Relevanz von Migration verweist.
Laut Schlögel sei der global player des Kapitals ohne den global citizen nicht vorstellbar. Ohne stetigen Migrationsfluss, so Schlögel, keine Globalisierung. Der Autor appelliert jedoch nicht nur für ein integrationspolitisches laisser-faire und offene Grenzen, sondern eben auch für abgegrenzte Räume, Territorien, die sich jedoch öffnen müssten, wenn es die Begebenheiten erfordern würden (und das nicht nur bei Flüchtlingen).
Der Migrationsstrom gen Europa ließe laut Schlögel auch deshalb nach, weil mit dem schwachen Wirtschaftswachstum und der steigenden Arbeitslosigkeit der alte Kontinent an „Sex-Appeal“ eingebüßt hätte. Gerade dies, so der Autor, sei die Chance für Europa aus der verstärkten Migration – vornehmlich aus dem afrikanischen Kontinent – neue Kraft zu schöpfen.
Schlögels Theorien sind souverän und griffig formuliert, seine Betrachtungen präzise. Unmut erzeugt dabei nur der letzte Teil des Buches, der sich in semantischen Nuancen und Definitionsdeklinationen verliert. Auch der aktuelle Bezug, den auf dem Klappentext aufgeführten Unruhen in den Pariser Vororten, den Banlieus, wird fast zur Gänze ausgeblendet.
Ein Ärgernis, dass man wohl auf das Faktum zurückführen kann, dass Schlögels Essay bereits vor sechs Jahren kostenlos von der schweizerischen Vontobel-Stiftung publiziert wurde.
Das ändert zwar nichts an der hohen Qualität der Publikation, lässt denn Leser jedoch im Unklaren darüber, warum er für ein sechs Jahre altes Essay 16 € bezahlen soll und dabei noch nicht mal aktuelle Bezüge wieder findet.