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In seinen Liebesromanen nimmt der berühmte Satiriker Kurt Tucholsky eine Art Auszeit von den politischen Kämpfen der Weimarer Republik. Zwar fehlt auch die Zeitkritik nicht. Immer aber bleibt alles wunderbar leichtund fast märchenhaft. Mit ihrer Lebensfreude und entspannten Erotik verkörpern die Liebespaare, die Tucholsky auf ihren sommerlichen Urlaubsreisen begleitet, eine Art Gegenwelt zum deutsch-nationalen Spießertum und wirken aus heutiger Sicht wie die ersten Vertreter der Toskana-Fraktion oder der bourgeoisen Berliner Bohème.
Zwei Idyllen auf Zeit kurz vor der KatastropheDie beiden bekanntesten Erzählungen oder Sommergeschichten, oder was auch immer, von Kurt Tucholsky in einem Band. Jedes Mal verreist ein verliebtes Paar, jedesmal lassen sie einen dummen Alltag zurück, auch wenn sie von Anfang an wissen, dass der in unerbittlicher Geduld auf ihre Rückkehr wartet. Beide Male landen sie in einer höchst realen Märchenwelt, einer "Idylle auf Zeit" eben.
Und doch merkt man unterm Lesen: Die Sommergeschichte "Rheinsberg" schrieb Tucholsky 1912. Da konnte auch er sich noch nicht vorstellen, was binnen weniger Jahre hereinbrechen sollte. Entsprechend unbeschwert lässt sich der wilhelminischen Sittenstrenge auch eine lange Nase drehen. Die Idylle auf Zeit anno 1931 in "Schloss Gripsholm" wirkt im ersten Moment ähnlich unbeschwert, lässt sich sogar noch ausgelassener an. Und dennoch ziehen hier Wolken am Horizont auf, und zwar keine, die man dem Wetter ankreiden könnte. Schon unter diesem Aspekt ist die Zusammenstellung reizvoll; tiefergehende literaturwissenschaftliche Betrachtungen soll anstellen, wer will.
Das "Rheinsberg"-Abenteuer beginnt mit gezielt vergessenem Reiseführer in der Kleinbahn: Keine ambitionierte Bildungsreise, sondern der unbeschwerte Ausflug eines Studentenpärchens mitten hinein in eine unzeitgemäße Idylle. Die Kleinbahn steht da "wie aus Holz gefügt, steif und verspielt"; man pfeift auf die Wirklichkeit und reist ins ironisch blinzelnde Märchenland, wenigstens für drei Tage. Ein souveränes Spiel mit dem doppelten Boden, das auch vor der Sprache nicht Halt macht: Der romantische Mond darf nächtens durch die Bäume gespenstern, und dass das Liebespärchen sich hier seine Wirklichkeit inszeniert, lässt schon der Erzähler durchblicken, wenn er in den laufenden Text richtiggehende Regieanweisungen einfügt in die Dialoge.
Merke: So liebenswürdig kann Preußen anno 1912 sein, wenn man es liebenswürdig haben will!
Wolfgang und Claire sind alles andere als repräsentativ für die studierende Jugend ihrer Zeit, schlitzohrig nehmen sie allzu Sittenstrenges mit unschuldigem Blick auf die Schippe, demonstrativ verliebt sind sie und dem standesgemäßen Anschmachten von ferne abhold wie nur was. Nicht umsonst endet ihr Ausflug mit unbeschwertem nächtlichem Walzertanzen auf der Wiese. Dass die Erzählung abrupt, fast schon brutal in zwei lakonisch kurzen Absätzen aufhört -- sie "kehrten zurück und packten ein, fuhren in den rumpligen Hotelwagen zur Bahn, bestiegen in Löwenberg den Zug"... und landen wieder in ihrem Berliner Alltag -- das ändert nichts daran, dass der Ausflug ins Märchenland doch Wirklichkeit war. Genau das ist das Schöne an dieser Erzählung.
"Rheinsberg" liest sich als freundlicher Gegenentwurf zum wilhelminischen steifen Kragen, und der erzählte Wolfgang bringt's auf den Punkt: "Draußen ist es totenstill, der Mond scheint, und hier drinnen spielen sie ein Scheinleben. Und wir kommen hinzu, wissen nichts von den Voraussetzungen des ersten Akts und bleiben ernst." Eigentlich kommentiert er eine wunderbar hingestolperte Szene im Provinztheater, amüsiert durchs Fenster beobachtet, aber gemeint ist die Existenz der beiden im Hier und Jetzt. Es ist ein Spiel, inszeniert exklusiv nur für die beiden Verliebten, und die wissen's und genießen die Vorstellung.
"Rheinsberg" ist eine entschlossen verspielte Absage an alle Verbissenheit des Daseins, und zwar nicht nur an die des preußischen Daseins. Das wird schonmal genüsslich aufs Korn genommen, etwa bei der Begegnung mit einer bierernst reformerisch gesonnenen Studentin, die in all ihrer Bekehrungswut nicht merkt, wie lächerlich ihr Gehabe eigentlich ist... die beiden Studenten kriegen das zum Glück sofort spitz, und ihnen sei Dank auch der Leser.
"Schloss Gripsholm" wirkt ambitionierter. Dem Witz hat das freilich nur wenig geschadet, auch wenn er gelegentlich etwas zu vordergründig daherkommt. Aber keine Sorge: Wem der Sinn nach enervierender Problemhuberei steht, sollte sich andere Literatur suchen.
Der Erzähler Peter reist zusammen mit seiner Freundin Lydia für den Sommer nach Schweden und bezieht eine freundliche kleine Ferienwohnung in einem Nebentrakt von Schloss Gripsholm. Die beiden genießen unbeschwerte Tage, gewürzt mit pointierten Frotzeleien und klugen Überlegungen, und mit am witzigsten sind die Unterhaltungen mit den mehr oder minder Missingsch-durchsetzten Wortwechseln.
Freunde kommen zu Besuch, es kommt sogar zu einem erotischen Zwischenspiel ohne anschließende Eifersüchteleien oder sonstige Nachwirkungen (Nur der Autor Tucholsky krankt hier gelegentlich an lexikalischem Spreizfuß). Und außerdem wird ein Kind aus einem bedrückend düsteren Kinderheim gerettet. Die perfekte Sommergeschichte über perfekte Ferien. Eine leichtfüßige Idylle auf Zeit, in die es nicht hineinregnet und die doch nicht kitschig ist -- dafür sorgt Tucholskys lakonischer Witz, ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Aber Tucholsky wäre nicht Tucholsky, wenn er nicht auch hier, mitten hinein in die perfekte Sommergeschichte, seine treffsichere Kritik an der ganz bestimmt nicht perfekten Gegenwart außerhalb der Sommeridylle auf Zeit einfließen ließe: Nicht von ungefähr ist die verbiesterte Herrscherin über die Kinderheim-Kinder eine Deutsche, wahrlich eine Mäzenatin von Denunziation und Misstrauen. Schließlich flicht ein so versierter Autor wie Tucholsky das Kinderheim-Intermezzo nicht in die Idylle ein, um Seiten zu schinden.
Tucholsky erweist sich auch in der Idylle mit beschränkter Haftung (so hätte das vielleicht ein anderer großer Zeitgenosse genannt) als scharfer Beobachter: Der Zauber fremder Ortsnamen, "geladen mit alter Sehnsucht und bepackt mit tausend Gedankenverbindungen", doppelt so schön wie die Wirklichkeit der dahintersteckenden Orte. Die sich abzeichnende Uniformität der Städte in allen Ländern. Der regionale Eigensinn des Ländlichen mit seiner "Käfersammlung von Leuten, die alle nur einmal vorkommen". An Passagen dieser Art lässt sich die tiefe Melancholie erkennen, die auch während der sorglosen Ferientage nicht ganz verschwinden will. Schließlich hat das Pärchen die Kümmernisse "in der Gepäckaufbewahrungsstelle abgegeben" -- und von dort werden sie sie am Ende auch unverändert wieder abholen.
Unterschwellig spürt man den Unterton gleich, aber auf die Schliche kommt man dem Autor erst nach und nach. Der eigentliche Zauber dieser zeitlos scheinenden Sommergeschichte besteht nämlich gerade in ihrer von vornherein feststehenden Vergänglichkeit.
Die jährliche Wiederlese-Prüfung haben beide Sommergeschichten mit Bravour bestanden, wie nicht anders erwartet vom wohlwollenden Prüfer. "Schloss Gripsholm" beeindruckt zwar im ersten Moment mehr -- jetzt, nach dem Wiederlesen, bin ich mir nicht mehr so sicher. Wenn "Rheinsberg" aller Verbissenheit eine lange Nase dreht, dann tut sie das mit einer Grandezza, die "Schloss Gripsholm" ein wenig abgeht... Nicht an jedem Katastrophen-Vorabend kann man die Idylle auf Zeit so unbeschwert genießen; das wäre nun wirklich zu viel verlangt.
Wundervoll und entzückend!SCHLOSS GRIPSHOLM:
Das Büchlein ist das Hübscheste, was Tucholsky geschrieben hat.
So eine wunderbare Geschichte - für die Zeit der Entstehung sogar ein wenig "frivol".
Sprachlich sowieso brillant - nicht umsonst werden noch heute einige wunderbare Sätze immer wieder zitiert, z. B.: "mit der Seele baumeln"....
RHEINSBERG:
Eine ganz entzückende Liebesgeschichte (übrigens hinreißend verfilmt mit Cornelia Froboess und Christian Wolff)!
Daß der große politische Schriftsteller Tucholsky etwas so Hübsches geschrieben hat, ist ein großes Geschenk.
Und kein bißchen altbacken, heute immer noch aktuell!
Unbedingt lesen!
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