Debatterede zu den Verhandlungen über

die Produktivität der Volkswirtschaft

auf der Tagung des Vereins

für Sozialpolitik.

[416] In dem Begriff des »Volkswohlstandes« steckt offensichtlich alle Ethik der Welt, die es gibt. Man operiert nun, um das auszuschalten, mit dem Gedanken, daß »Volkswohlstand« identisch sei mit einem möglichst großen Einkommen aller einzelnen Teilhaber einer Wirtschaftsgruppe. Demgegenüber möchte ich Sie doch im Anschluß an Sombarts schönes Buch hinweisen auf die römische Kampagna. Sie ist im Besitz einer Handvoll riesig reicher Grundbesitzer. Diesen stehen gegenüber eine Handvoll riesig reicher Pächter. Ihnen gegenüber stehen – mit etwas Uebertreibung – einige Händevoll Hirten, die mit Leichtigkeit von diesen Geldmächten so bezahlt werden könnten, daß sie nicht zu stehlen und zu hungern brauchten, daß auch sie »zufrieden« wären. Diese dünne Menschengruppe, welche diese »Wüste« bevölkert, könnte bei diesem Zustand ein[416] Maß von privatwirtschaftlichem Wohlstand haben, welches allen von ihr selbst gestellten Anforderungen entspricht. Wenn Sie, meine Herren, sich nun aber auf einen Bewertungsstandpunkt, welcher Art er immer sei, stellen wollen, der sich nicht absolut mit dem egoistischen Interesse dieser paar Leute, mit deren rein privatwirtschaftlichen Rentabilitätsinteressen deckt, dann frage ich Sie: Sind Sie mit diesem Zustand zufrieden, entspricht er Ihrem »Produktivitäts«-Ideal angesichts des Umstandes, daß – von anderen Gesichtspunkten zu schweigen – auf diesen gewaltigen Ländereien Massen von Bauern Platz hätten mit Geldeinkommen, deren Summen außerordentlich viel größer sein könnten, als die Summe der Einkommen, die jetzt aus jener Wüste kommen? Kritisiert man aber den heutigen Zustand von irgendwelchen derartigen Gesichtspunkten aus, so ist sofort ein anderer als der uns hier entwickelte Begriff von »Wohlstand« vorausgesetzt. Ich glaube also, auch in demjenigen Begriff von Volkswohlstand, welchen Herr Kollege Liefmann eben hier entwickelt hat, steckt ganz dasselbe darin, was wir ablehnen, nur mit ein bißchen anderen Worten, wie sich gerade an jenem Beispiel, an der Vernichtung der Korinthen und des Reises demonstrieren ließe. Den Unternehmern, sagt Liefmann, sei klar geworden, daß sie ihr Kapital und ihre Arbeitskraft entsprechend einschränken müßten, damit ihr privates Einkommen sich in angemessenen Grenzen halte. Ja schön, aber die Vernichtung des Reises war doch eine Schädigung bestimmter, zweifelsohne vorhandener Interessen derjenigen Volksschichten nämlich, welche sehr glücklich gewesen wären, wenn sie die Korinthen oder den Reis möglichst billig zum Essen bekommen hätten und deren privater »Wohlstand« durch die Vernichtung geschädigt wurde. Es sind ausschließlich Unternehmerinteressen, die hier zugrunde gelegt wurden.

Ich bin mit Professor Sombart einig, das Hineinmengen eines Seinsollens in wissenschaftliche Fragen ist eine Sache des Teufels, die der Verein für Sozialpolitik allerdings recht oft in ausgiebiger Weise besorgt hat.

Damit komme ich zu dem eigentlichen Problem. Gewiß, es ist wahr, eine empirische Wissenschaft gibt es nicht anders als auf dem Boden des Seins, und sie besagt nichts über das Sollen. Freilich möchte ich – das wird Sombart sicherlich selbst zugeben – damit nicht gesagt haben, es könne gar keine wissenschaftliche Diskussion geben, welche das Gebiet des Seinsollens berührt. Es fragt sich nur, in welchem Sinne. Zunächst: Ich kann jemandem, der mir mit einem bestimmten Werturteil entgegentritt, sagen: mein Lieber, du irrst dich ja über das, was du selbst eigentlich willst. Sieh: ich nehme dein Werturteil und zergliedere es dir dialektisch, mit den Mitteln der Logik, um es auf seine letzten Axiome zurückzuführen, um dir zu zeigen, daß darin die und die »letzten« möglichen Werturteile stecken, die du gar nicht gesehen hast, die vielleicht sich untereinander gar nicht oder nicht ohne Kompromisse vertragen und zwischen denen du also wählen mußt. Das ist nicht empirische,[417] aber logische Gedankenarbeit. Nun aber kann ich ferner sagen: wenn du gemäß diesem bestimmten, wirklich eindeutigen Werturteil im Interesse eines bestimmten Sollens handeln willst, dann mußt du, nach wissenschaftlicher Erfahrung, die und die Mittel anwenden, um deinen, jenem Wertaxiom entsprechenden, Zweck zu erreichen. Passen diese Mittel dir nicht, so mußt du wählen zwischen Mitteln und Zweck. Und endlich kann ich ihm sagen: du mußt bedenken, daß du, nach wissenschaftlicher Erfahrung, mit den für die Realisierung deines Werturteils unentbehrlichen Mitteln noch andere, unbeabsichtigte Nebenerfolge erzielst. Sind dir diese Nebenerfolge auch erwünscht; ja oder nein? Bis an die Grenze dieses »Ja« oder »Nein« kann die Wissenschaft den Mann führen – denn alles, was diesseits liegt, sind Fragen, auf welche eine empirische Disziplin oder aber: die Logik, Auskunft geben kann – also rein wissenschaftliche Fragen. Dieses »Ja« oder »Nein« selbst aber ist keine Frage der Wissenschaft mehr, sondern eine solche des Gewissens oder des subjektiven Geschmacks – jedenfalls eine solche, deren Beantwortung in einer anderen Ebene des Geistes liegt. Es ist deshalb allerdings nicht schon an sich eine Sache absoluten Unsinns, wenn man auch in einem wissenschaftlichen Verein über praktische Fragen diskutiert – sofern man sich nur darüber klar ist, daß man sich letztlich dabei nur fragen kann: welche Mittel und welche Nebenerfolge müssen in Kauf genommen werden, wenn nach diesem oder wenn nach jenem anderen Grundsatz gehandelt wird – das sind Fragen der empirischen Wissenschaft –, und ferner: was für letzte Positionen stecken in den sich bekämpfenden Werturteilen – das ist eine logische, also ebenfalls jedem theoretisch denkenden Menschen aufzwingbare wissenschaftliche Erörterung. Der Sündenfall beginnt erst bei der Vermengung dieser rein empirischen oder rein logischen Gedankenreihen mit subjektiven praktischen Werturteilen. Darüber wird Sombart mit mir einig sein, denke ich.

Nun ist uns heute ein Begriff vorgeführt worden, der in dieser Hinsicht zu den allerschlimmsten zählt, die es gibt, und anstatt diesen Begriff in den Orkus zu werfen, wohin er gehörte, hat man versucht, ihn zu retten. Gewiß, es wurde sehr schön zu analysieren versucht, um welche Fülle von ganz differenten »Problemen« es sich bei dem Begriff der volkswirtschaftlichen Produktivität, mit dem sich heute jeder Demagoge schmückt, handelte. Das Ende aber war, daß man doch wieder auf »Durchschnittsurteile« herauskam, welche als Maßstäbe zu gelten hätten. In dieser Form ist selbst von einem so ungewöhnlich systematisch veranlagten Kopf, wie unser verehrter Kollege von Philippovich es ist, ja selbst, wenn auch nur in einer leisen Anspielung von einem reinen Theoretiker, wie Herrn von Wieser, dieser Begriff dann doch schließlich akzeptiert worden. Da muß ich allerdings sagen, da kann ich nicht mitmachen. Hoffentlich kann niemand das auf die Dauer mitmachen, und ich bedaure eigentlich, daß eine theoretische Frage hier in dieser Art diskutiert wird. Welche[418] Widersprüche! Da steht so außerordentlich richtig in dem vorzüglichen, durchsichtigen und klaren, schriftlichen Referat von Herrn von Philippovich: »Wir haben kein einheitliches Werturteil.« Kaum aber ist dies gesagt, so taucht doch wieder die »Produktivität« auf und es heißt nun: es bilden sich überall »Durchschnittsurteile« über das, was geschehen soll. Ja – eben diese Durchschnittsurteile zu kritisieren und zu zeigen, was dahinter für Probleme stecken, das wäre doch die Aufgabe der Wissenschaft und nichts anderes. Der Grund, weshalb ich so außerordentlich scharf bei jeder Gelegenheit, mit einer gewissen Pedanterie meinetwegen, mich wende gegen die Verquickung des Seinsollens mit dem Seienden, ist nicht der, daß ich die Fragen des Sollens unterschätze, sondern gerade umgekehrt: weil ich es nicht ertragen kann, wenn Probleme von weltbewegender Bedeutung, von größter ideeller Tragweite, in gewissem Sinne höchste Probleme, die eine Menschenbrust bewegen können, hier in eine technisch-ökonomische »Produktivitäts–«Frage verwandelt und zu einem Gegenstand der Diskussion einer Fachdisziplin, wie es die Nationalökonomie ist, gemacht werden. Fragen wir uns, warum immer wieder gegen jene so einfachen Grundsätze gesündigt wird, speziell auch von Mitgliedern unseres Vereins: In der historischen Situation, in der der Verein für Sozialpolitik als eine praktische, und nicht als eine wissenschaftliche Vereinigung ins Leben trat, da verstand es sich für ihn, der eine kleine Kampfpartei gegenüber mächtigen Gegnern war, von selbst, daß er vor allen Dingen mit der Zerstörung von allerhand Interessentengerede, welches sich als Wissenschaft gebärdete, zu beginnen hatte. Er stieß dabei auf das Vorurteil wissenschaftlicher Kreise: daß eine Wissenschaft, die sich mit dem Streben nach Geldverdienst als causa movens des sozialen Lebens zu befassen hat, deshalb auch jenes Streben als einzigen Maßstab der Bewertung von Menschen oder Dingen oder Vorgängen zu betrachten habe. Im Kampf gegen diese Vermengung von Wissenschaft und Werturteil aber widerfuhr es unseren Lehrmeistern, daß sie ganz dieselbe Sünde, nur mit anderen Vorzeichen, begingen. Um die Alleingültigkeit jenes Wertmaßstabes zu entkräften, suchten sie neben dem individuellen Streben nach Geldverdienst andere Ursachen im Handeln der Menschen als wirtschaftlich relevant zu er weisen – natürlich mit vollem Recht! –, aber: mit dem Ergebnis, daß nun wissenschaftliche Untersuchung und Werturteil erst recht in engster Umschlingung verquickt blieben, auch jetzt durch Feststellung von Tatsachen und ihren Zusammenhängen Urteile über das Sein sollende zu stützen versucht wurden. Es war eine außerordentlich erklärliche Sünde, eine »läßliche«, fast unvermeidliche, von uns allen und erst recht von allen unseren Gegnern immer wieder begangene Sünde. Wenn nun aber aus dieser häufigen Gelegenheitssünde eine Denkgewohnheit und gar eine Tugend gemacht worden ist, so müssen wir dagegen protestieren, zumal wir manche unangenehmen Konsequenzen wieder und wiedergesehen haben. Immer wieder geschah es, daß man geglaubt[419] hat, ein Mensch sei deshalb wissenschaftlich erledigt, weil er unsere ethischen Urteile nicht teilt. Das ist unmöglich, das können wir bei allem Respekt für die Generation, die die großen Kämpfe der Vergangenheit geführt hat und deren Epigonen wir heute sind, und ohne deren mächtigen Unterbau unsere Arbeiten gar nicht möglich wären, nicht mitmachen. Das ist der Punkt, wo wir den Versuch machen müssen, auf einen anderen Boden zu kommen, und ich stimme mit Professor Sombart vollkommen darin überein, daß wir sowohl der Wissenschaft wie auch gerade dem praktischen Wollen nur einen Dienst erweisen, wenn wir beides reinlich scheiden. Und wenn wir mit einem gewissen Bedauern feststellen müssen, daß heute eine stärkere Differenzierung der Werturteile auch in unserer Mitte eingetreten ist als früher, so gebietet uns die Ehrlichkeit, das offen zu konstatieren. Wir kennen keine wissenschaftlich beweisbaren Ideale. Gewiß: die Arbeit ist nun härter, sie aus der eigenen Brust holen zu sollen in einer Zeit ohnehin subjektivistischer Kultur. Allein wir haben eben überhaupt kein Schlaraffenland und keine gepflasterte Straße dahin zu versprechen, weder im Diesseits noch im Jenseits, weder im Denken noch im Handeln; und es ist das Stigma unserer Menschenwürde, daß der Friede unserer Seele nicht so groß sein kann als der Friede desjenigen, der von solchem Schlaraffenland träumt.


Ich habe nochmals ums Wort gebeten, um einige Bemerkungen zu dem zu machen, was Herr Dr. Goldscheid gesagt hat. – Er hat zwei Fälle aufzuzeigen gesucht, in denen Wertprobleme in der empirischen Wissenschaft drinlägen. Bezüglich des einen Falles gebe ich zu, daß das zutrifft – ich beanspruche sogar für mich, daß ich seit Jahren das gleiche gesagt habe. Die Frage, welche Probleme wir uns stellen sollen, für was wir uns also interessieren sollen, was wissenswert sei, ist eine Wertfrage und kann nur von subjektiven Wertungen aus entschieden werden. Aber selbstredend hat das nichts zu schaffen mit der Frage, ob wir die Probleme, für die wir uns interessieren, so zu behandeln haben, daß wir von der wissenschaftlichen Erörterung alle und jede Beurteilung – als in einer anderen Ebene des Geistes liegend – fernhalten. Darum allein handelt es sich. – Etwas anders steht es mit dem zweiten Punkt, den er erörterte. Er hat der Nationalökonomie empfohlen, doch, was allseitig anerkannt sei, auch ihrerseits anzuerkennen und also die anerkannteste von allen Wissenschaften, die Naturwissenschaft, als Wegweiser zu nehmen, und zwar gerade auch für das Sein sollende. Nun, ich gestehe zunächst, was bisher an solchen angeblich »naturwissenschaftlich« begründeten Wegweisern vorliegt, ist m. E. keinen Schuß Pulver wert. Ich darf mir erlauben, dabei auch anzuknüpfen an eine Bemerkung des Herrn Kollegen Zwiedineck, der mich erinnert an die neueste Form der zu allen Zeiten so verbreitet gewesenen Liebhaberei, aus naturwissenschaftlichen Entdeckungen, heutzutage aus den Gesetzen[420] der Energieumwandlung, aus der Entropielehre, aus dem steten Streben der freien Energie, sich in ruhende zu verwandeln, Urteile über das Sollen abzuleiten. Es ist sogar versucht worden, von diesem Standpunkt aus zu beurteilen, womit sich die Malerei zu beschäftigen habe u. dgl. m. Ich bin der Meinung, daß ein echter Naturforscher von einem wahren Schauder erfaßt werden müßte, wenn ihm zugemutet wird, derartig praktische Werturteile in seine Arbeit hineinzutragen oder als deren Resultat auszugeben. Gerade von der Naturwissenschaft hofften wir bei dem Gedanken: Umkehr und Einkehr zu halten bei uns, Unterstützung zu finden, statt daß sie unsere schlimmsten Sünden zu überbieten für ihre Aufgabe ansieht.

Da ich nun aber einmal an diese technologisch orientierten »Ideale« angeknüpft habe, so möchte ich gern noch einiges mehr Positive zu unserem heutigen Problem der Brauchbarkeit des Produktivitätsbegriffs für unsere Disziplin sagen. – Wo hat dieser Begriff eigentlich heute im praktischen Wirtschaftsleben seinen Sitz? In der privaten Buchführung unserer kapitalistischen Betriebe. Da wird unterschieden zwischen »produktiven« Ausgaben und zwischen »unproduktiven«, und zu diesen letzteren wird z.B. bei einer besonders häufigen Art der Kalkulation alles gerechnet, was nicht als Lohnkosten eines Akkordarbeiters, der an einer Maschine steht und bestimmte Arbeit verrichtet, verrechnet werden kann. Alle anderen sog. »unproduktiven« Ausgaben, zu denen neben den Kosten der Betriebskraft, der Werkstätte und Werkzeuge auch alle Löhne und Gehälter für Hilfsarbeit, für Meister, für die Kontoristen und die sämtlichen Bureaus des Betriebs und für die Betriebsleitung selbst, also: auch alle Kosten der eigentlichen Unternehmerleitung selbst, gehören – man glaubt sich zuweilen in eine marxistische Welt versetzt, wenn man diese Art von Berechnung zu lesen bekommt –, werden als Zuschläge zu den »produktiven« Löhnen verrechnet. – Es wird also nur die körperliche Arbeit bestimmter Arbeiter als »produktiv« bezeichnet und rechnerisch behandelt. Warum? Weil nur so die Kosten mit jenem relativen – wie Herr Kollege Herkner sehr richtig hervorgehoben hat: ziemlich bescheidenen – Maximum von Exaktheit überhaupt berechenbar werden, die im Interesse des Betriebs erstrebt wird. Wenn wir nun einen »Produktivitäts«begriff von hier aus überhaupt übernehmen wollen in unsere Art von Betrachtung, dann hätte er seine Stelle eben auch da zu finden, wo in der Privatwirtschaft mit solchen Posten gerechnet wird. Wir hätten etwa zu erwägen: ist es möglich und nützlich, in irgendeiner Weise auch bei unseren Betrachtungen in der Zurechnung der Kosten mit »Lohnzuschlägen« zu operieren, also etwa ein bestimmtes Produktionsgebiet mit der darauf in einer bestimmten Produktionsrichtung arbeitenden Bevölkerung als eine Einheit zu behandeln und nun zu fragen: was müßte dem Lohn eines Arbeiters als durch die geographischen, politischen und ähnliche Bedingungen des Standortes entstehende »Unkosten« zugeschlagen werden, um die Selbstkosten zu erhalten? Wie setzt sich dieser Zuschlag zusammen? Wie hoch ist er im Vergleich[421] damit an anderen Standorten? Ob der Versuch einer solchen Rechnung heute irgendeinen wissenschaftlich erheblichen Zweck hätte, möchte ich hier ganz dahingestellt sein lassen. Wenn man aber mit einem »Produktivitätsbegriff« operieren will, so gehört er hierher: in die Lehre von den »volkswirtschaftlichen Unkosten«, genau an dieselbe Stelle also, wo er in der Privatwirtschaft steht, und nicht in eine Lehre von dem politischen oder sozialen »Werte« der Klassen oder in die Wertung der »Bedeutung« irgendeines konkreten Erwerbszweigs für die Interessen der »Allgemeinheit« oder in was weiß ich alles für nicht hierher gehörige Fragen.

Damit ein »Produktivitäts«begriff von der Art, wie er im Gegensatz dazu hier vorgetragen wurde, wirklich brauchbar sei, müßte gefordert werden, daß in irgendeinem Sinn, wenigstens dem Prinzip nach, die ihm zugrunde liegende Relation zwischen Aufwand und Ertrag empirisch eindeutig, für jeden Betrachter gleichmäßig, berechenbar oder doch abschätzbar, wie gesagt: »Dem Prinzip nach«. Als in diesem Sinne »im Prinzip« berechenbar haben wir auf dem Boden der Wirtschaft nur drei Beziehungen, bei denen die Verwendung eines Produktivitätsbegriffs der heute hier erörterten Art in Frage steht. Erstens: wenn wir uns auf rein physikalischen Boden stellen, so können wir bei einem bestimmten Produktionsvorgang fragen: welche Energiemengen sind damit umgesetzt, und in welchem »Güteverhältnis« steht die erzielte Energie, die chemische Energie eines produzierten Nahrungsmittels z.B. zu dem Aufwand von Energien – wohlgemerkt: bezahlten und unbezahlten Energien, die dabei verbraucht worden sind? Das ist nun für uns nur eine theoretische Spielerei. Wenn jemand sie machen will, wenn z.B. Ostwald und seine Anhänger sie machen, so lassen wir ihnen das Vergnügen. Erstaunliche Unkenntnis verrät es nur, wenn sie glauben, hinter den Preisen des Alltagslebens verbergen sich diese energetischen Beziehungen, und das, was man technischen Fortschritt nennt, wäre einfach identisch mit der Verbesserung des »Güteverhältnisses«, der Relation der verbrauchten zu der erzielten Energiemenge. Erinnern sie sich nur daran, daß ja gerade der menschliche Muskel eine natürliche Maschine darstellt, deren »Güteverhältnis« von schlechterdings keiner künstlichen Maschine erreicht wird, eine Maschine, die 40% von den ihr zugeführten Stoffen zu verwerten vermag, und Sie werden geradezu sagen müssen: jeder technische Fortschritt, der den menschlichen Muskel durch eine künstliche Maschine ersetzt, ist, in rein physikalischem Sinne, eine Verschlechterung des energetischen Güteverhältnisses.

Nun kommt die zweite Relation, eine ökonomische: die Beziehung nämlich zwischen der Menge der unter gegebenen geographischen, sozialen, technischen und anderen Bedingungen aufgewendeten menschlichen »Arbeit« zu einer Produktenmenge, die »erzeugt« wird. Man wird zwar sagen: das sei eine rein technologische Beziehung. Aber in Wirklichkeit ist die Technologie ja nichts weiter als eine nach bestimmten Fragestellungen gewendete Oekonomik;[422] denn auch jeder Techniker fragt letztlich: was kostet die Sache? Diese Relation kehrt in vielen für uns wichtigen Fragestellungen wieder, z.B.: was leistet eine bestimmte Gruppe von Arbeitern, wenn ich sie ein und dieselbe Arbeit verrichten lasse unter dem heißen Himmel Afrikas oder am Nordpol oder unter unserem Klima. Aber ihr Vergleichbarkeitswert ist ersichtlich ein geringer: Schon die Frage, die Kollege Sombart angeschnitten hat: »dieselbe« Menge Arbeit, wenn ich einzelne arbeiten lasse, jeden Arbeiter also, nach dem Smithschen Beispiel, Stecknadeln von A bis Z herstellen lasse, oder wenn ich sie nun arbeitsteilig zusammennehme – schon da fehlt die Vergleichbarkeit des Teilarbeiters mit dem Vollarbeiter, weil ihre Arbeit nicht mehr »dieselbe« ist: Es ist eine andere physische und erst recht psychische Leistung, Vollarbeiter zu sein, als Teilarbeiter, und wir müssen uns hüten, zu glauben, daß beides quantitativ wirklich exakt in Beziehung zu setzen sei.

Endlich letztlich: die Rentabilität. Die kann man aus den Büchern des Unternehmers »messen«, aber auch mit einem Vorbehalt. Ich stimme mit Herrn Herkner überein, daß jede Rentabilitätsberechnung an Exaktheit so ziemlich alles zu wünschen übrig läßt; es sind zuweilen recht hohe und willkürliche »Prinzipien«, nach denen zur Berechnung der Selbstkosten bald auf Löhne und Material, bald auf die Löhne allein 30-40 oder 100% draufgeschlagen werden. – Was man neuerdings uns an »Unexaktheit« in unseren volkswirtschaftlichen Arbeiten vorwirft, das kann sich daneben immer noch sehen lassen. Und vor allem: diese Buchführungen und Bilanzen sind »objektiv« ja nur insofern, als sie Produkte des Ausgleichs bestimmter Interessen sind, auch beim Einzelunternehmer. Wer will einen »objektiven«, allgemeingültigen Maßstab für »Abschreibungen« und derartiges geben?

Immerhin: in diesen Fällen ist die »Berechenbarkeit« wenigstens »im Prinzip« vorhanden. Dagegen bei den, auch wenn sie »Durchschnittsurteile« sind, dennoch stets rein subjektiven Ansichten über das sittlich Erlaubte oder das dem »Allgemeinwohl Dienliche« ist sie es eben gerade im Prinzip nicht. – Zum Schluß, da ich soeben Herrn Kollegen Herkner zitierte, noch eine Bemerkung: Durchaus nicht nur die Grubenarbeiter, sondern z.B. auch die Textilarbeiter empfinden mit steigendem Alter den Druck der Arbeit schwerer. Und ferner finden wir, wenn wir die Arbeiter, welche in der von Herrn Herkner erwähnten Erhebung befragt wurden, nach Lohnklassen einteilen und durchrechnen, oft das für den Sozialpolitiker, der die Beförderung des Menschenglücks als letzten Maßstab nimmt, niederschmetternde Resultat: daß jede steigende Lohnklasse einen geringeren Prozentsatz von Arbeitern, die mit ihrer Berufsarbeit zufrieden sind, aufweist. In der Textilarbeiterschaft kann, wenn ich mich nicht irre, dieser Prozentsatz je nach dem Gebiet der Provenienz, einfach auf Null sinken. Mir schien der Eindruck Herkners über das Maß der vorhandenen »Arbeitsfreude« und deren Chancen zu optimistisch.[423]


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 416-424.
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