IX. Zwischen größeren Zeiträumen

[153] Ueber die Schwankungen der Leistungen je nach den Jahreszeiten liegen mancherlei Behauptungen, aber kaum irgendwelches exakte Material vor. Die allgemeine Tatsache, daß in Betrieben mit starker Hitzeentwicklung (speziell in der Eisengießindustrie, Glasbläserei usw.) die Sommerleistung ebenso zurücksteht, wie dies in der Textil-, namentlich der Leinentextilindustrie bei Trockenheit, insbesondere also – da dann die richtige Temperierung und Wassersättigung der Binnenluft am schwierigsten ist – bei trockener Hitze im Sommer der Fall ist, steht fest. Die Ansicht, daß in gut geheizten und ventilierten Fabrikräumen im Winter überhaupt weit besser gearbeitet werde als im Sommer, ist darüber hinaus auch bei Fabriken sehr vieler Branchen, bei welchen nicht – wie in der Textilindustrie – direkte Einflüsse auf das Rohmaterial mitspielen, verbreitet und dürfte oft, aber keineswegs immer zutreffen. Z.B. in Gewerben, bei denen die Leistung des Auges eine starke Rolle spielt, drückt in den dunklen Monaten die künstliche Beleuchtung nicht selten auf den Effekt (so in der Stahlfederindustrie, wo teilweise aus diesem Grunde der Achtstundentag eingeführt wurde). Die Verhältnisse bedürften auch hierin für jede einzelne Industrie gesonderter Betrachtung.

Sehr sorgfältig müßte aber bei dem Versuch einer Feststellung von Schwankungen zwischen den einzelnen Jahreszeiten und Monaten, überhaupt zwischen größeren Zeiträumen, die Wirkung der allgemeinen geschäftlichen Konjunkturen und des davon abhängigen Beschäftigungsgrades der Betriebe beachtet werden, die eine Beobachtung des Einflusses der Jahreszeit, rein als solcher, auf die Arbeitsleistung sehr erschweren, da ihre Konjunkturschwankungen stets sich auch in Schwankungen des Maßes der Ausnützung der Arbeitskräfte äußern. Teils direkt so, daß der Betrieb »bremst«, d.h. das Höchstquantum der fertigzustellenden Produkte »kontingentiert«. Dies geschieht, wenn die Einschränkung der Arbeitszeit in Depressionszeiten nicht die erwünschte Verringerung der Produktion herbeiführt, sondern – wie dies in zahlreichen mir bekannten Fällen geschah – durch gesteigerte Intensität der Arbeit von der (im Akkord beschäftigten) Arbeiterschaft wettgemacht wird, während gleichzeitig die Qualität der Arbeit infolge des zu hastigen Arbeitens sinkt. Teils[153] wirkt die Konjunkturschwankung indirekt: bei schlechter Konjunktur, wo jeder Abnehmer ein weiteres Sinken der Preise erwartet, pflegen die Aufträge im Durchschnitt einerseits weit kleinere Posten zu umfassen, andererseits erst im letzen Moment dringlichsten Bedarfs, also: mit kürzerer Liefe rungsfrist, gegeben zu werden: – so in typischer Weise in der Textilindustrie, – und andererseits pflegen in solchen Zeiten die Betriebe auch Aufträge, die sonst außerhalb ihres regulären Tätigkeitskreises liegen, zu übernehmen – so z.B. in großen Teilen der Maschinenindustrie, bei der jede Depression die Tendenz hat, die Spezialisierung herabzudrücken. Wo ferner die Fabriken direkt mit den Detaillisten verkehren und daher – weil der einzelne Detaillist naturgemäß sein ganzes Sortiment möglichst von einem oder wenigen Lieferanten zu beziehen verlangt, um seine Korrespondenz und Kalkulation zu vereinfachen – zu größerer Vielseitigkeit ihrer Produktion genötigt sind, als beim Verkehr mit dem Engrossortimenter, dessen Dazwischentreten ja (so in England) der einzelnen Fabrik es erst ermöglicht, sich auf die Herstellung einer Spezialität zu beschränken, – da steigert sich die Buntscheckigkeit der Produktion in Krisenzeiten, mindestens relativ zur Größe der Aufträge, noch weiter. M. a. W.: die Depressionen wirken in all diesen Fällen einerseits im Sinn der Rückbildung zu geringerer Spezialisierung, andererseits erzeugen sie unstete und dabei hastige Arbeit. Sie drücken so teils auf die Quantität (durch häufigen Wechsel der Beschäftigungsart der einzelnen Arbeiter), teils auf die Qualität der Arbeitsleistungen und also auch: der Akkordverdienste. Auf der anderen Seite ist in zahlreichen Fertigfabrikat-Industrien der Arbeiter in der Möglichkeit, seine Leistungen und Verdienstchancen zu verbessern, an gleichmäßige und gute Qualität des von ihm verarbeiteten Rohmaterials bzw. Halbfabrikats gebunden. Im Falle von Hochkonjunkturen aber, wo z.B. die Spinnereien sich vor Aufträgen seitens der Webereien nicht zu lassen wissen und in der Lage sind, die Bedingungen, unter denen sie Garn hergeben, zu diktieren, zwingen sie den letzteren – und ebenso jeder im Produktionsprozeß vorangehende Produzent den nachfolgenden – die Abnahme von Ware auf, die in normalen Zeiten nie abgenommen werden würde. Die Konsequenz davon – so beispielsweise in ganz typischer Weise die Garnqualitätsverschlechterung – fällt, vereint mit der hastigen Arbeit der Hochkonjunktur, wiederum zum erheblichen Teil[154] auch auf die Leistung (und damit: den Akkordverdienst) der Arbeiter der weiterverarbeitenden Industrie zurück. Dies bildet in Hochkonjunkturen einen wirksamen Streikanreiz und später, in den ersten Zeiten der Depression, wo das in der Hochkonjunktur notgedrungen abgenommene schlechte Material verarbeitet werden muß, den Grund von weiteren Minderverdiensten. Die beliebte Vorstellung, daß »der Unternehmer das Risiko des Betriebes trage«, ist auch im streng ökonomischen Sinne durchaus unrichtig: nicht nur macht sein Konkurs auch die Arbeiter brotlos, sondern jeder Fehler, den er bei der Beschaffung der Arbeitsmaschinen und Rohmaterialien begeht, fällt in seinen Konsequenzen ebenso auch auf die Arbeiter zurück, wie die Art und das mehr oder minder gute Funktionieren des Absatzapparates. Alle diese mit hineinspielenden Momente erschweren die Feststellung, inwieweit zwischen längeren Zeiträumen sich, sei es klimatisch, sei es physiologisch bedingt, Schwankungen der Arbeitsleistungen vollziehen, für viele Industrien ungemein. Exaktes Material liegt darüber nicht vor, auf einige hierhergehörige Fragen kommen wir später zurück. –

Wie die ökonomischen, so wirken auch die sozialen Konjunkturen in denjenigen Industrien, welche den Arbeitern die Beeinflussung des Produktionsergebnisses gestatten, auf die Leistung. Daß die »Gesinnung« der Arbeiterschaft und insbesondere ihre jeweiligen Beziehungen zum Unternehmer die Leistung beeinflussen, wird, freilich ohne exakten Nachweis, sehr bestimmt berichtet39. Die Klagen ferner über das »Bremsen« der Arbeiter sind an sich alt, aber sie haben sich im Lauf des letzten Jahrzehntes unzweifelhaft gesteigert, wie es scheint, ziemlich genau parallel: 1. der zunehmenden Rationalisierung der Lohnsysteme zwecks planmäßiger Steigerung der Leistung, und 2. wohl auch der, zufolge der stets verbesserten Organisation der Arbeitgeber, wenigstens in vielen Industrien zunehmenden Ungunst der Streikchancen. Wenn in den Klagen der Unternehmer die Gewerkschaften, vor allem die freien Gewerkschaften, für das Umsichgreifen des »Bremsens«, das heißt: der bewußten Einschränkung der Arbeitsleistung seitens des Arbeiters, verantwortlich gemacht werden, so ist diese Betrachtungsweise, soviel sich heute urteilen läßt,[155] wahrscheinlich eine viel zu äußerliche. Das »Bremsen«, nicht nur das unwillkürliche, stimmungsmäßige, sondern das bewußte und absichtsvolle, findet sich auch beim Fehlen aller gewerkschaftlichen Organisation überall da, wo irgendwelches Maß von Solidaritätsgefühl in einer Arbeiterschaft oder doch einem hinlänglich bedeutenden Teil ihrer existiert. Es ist vielfach, ganz allgemein gesprochen, die Form, in der eine Arbeiterschaft, bewußt und hartnäckig, aber wortlos, mit dem Unternehmer um den Kaufpreis für ihre Leistung feilscht und ringt. Es kann sowohl die Erzwingung höherer Akkordsätze, wie, bei gleichbleibenden Akkordsätzen, die Erhaltung des traditionellen Tempos der Arbeit zum Zweck haben, wie endlich der Ausdruck einer ihrer Provenienz nach mehr oder minder deutlich bewußten allgemeinen Mißstimmung sein. Wo es das Mittel der »Akkordpolitik« der Arbeiterschaft ist, stellt es die unvermeidliche Reaktion dar auf die ebenso unvermeidliche Akkordpolitik des Unternehmers, deren Folge die Arbeiterschaft kontinuierlich am eigenen Leibe spürt. Eine deutsche Leinenweberei von mittlerer Vielseitigkeit der Produktion stellt (wenn man die Dinge wie den Flächeninhalt der Taschentücher und die Art und Breite ihrer Säume als »Sorten«unterschiede einrechnet), oft 3 – 400 verschiedene Sorten von Waren her, und wenn auch ein erheblicher Teil jener Unterschiede für Art und Maß der Inanspruchnahme der Arbeiter und also auch für die Bemessung des Lohnes irrelevant ist, so muß sie doch immerhin, unter Berücksichtigung der Unterschiede in der technischen Ausrüstung ihrer Webstühle (z.B. des Grades, in welchem durch mechanische Vorrichtungen zum Abstellen bei Fadenbrüchen und zum Wiederfinden der gerissenen Fäden die Aufmerksamkeit entlastet und Zeit gespart wird), der Unterschiede der Gewebe nach Zusammensetzung (Leinen, Halbleinen, Feinheit der Garne), Breite und Dichtigkeit (Zahl der Schüsse auf den Zentimeter) usw. im ganzen über 200 verschiedene Akkordsätze »richtig« kalkulieren. Derart, heißt das, kalkulieren, daß der bei mittlerer Anstrengung mögliche Arbeitsverdienst bei den einzelnen Sorten keine allzu augenfälligen Unterschiede aufweist, gegen welche die betreffende Klasse von Arbeitern – also etwa: die Weber – sehr bald mit dem Verlangen nach Erhöhung auch aller übrigen Akkordsätze reagieren würde. Die Kalkulation der Akkordsätze kann aber – wenn man sie nicht einfach aus den Tabellen der Konkurrenten abschreiben will (und[156] kann) – naturgemäß nur erfolgen, wenn ungefähr übersehbar ist, was der Durchschnitt der betreffenden Arbeiterschaft zur Zeit in den einzelnen Sorten zu leisten vermag bzw. nach hinlänglicher Uebung künftig zu leisten vermögen wird.

Die Zeiten, in welchen erstmalig eine Serie von Akkordsätzen für bestimmte Leistungen zu kalkulieren begonnen wird, namentlich also bei Einführung zahlreicher neuer Sorten, sind daher meist kritische Zeiten, sobald die Arbeiterschaft bemerkt, was die Uhr geschlagen hat. Auch ohne alle gewerkschaftliche Organisation pflegt alsdann, bei hinlänglich entwickelter Solidarität, systematisch »gebremst« zu werden, um die Festsetzung höchstmöglicher Akkordsätze durchzusetzen. Gelingt es, so schnellt die Leistung – so in höchst bezeichnender Weise bei den Mädchen der Näherei des oben erwähnten Betriebes – alsbald in die Höhe: der Unternehmer ist dann, wenn er eine generelle Erhöhung des Lohnniveaus hintanhalten will, genötigt, das, für seine eigenen Interessen immer bedenkliche, weil Streik oder doch erneutes Bremsen, oder aber eine für die Leistung (s.u.) und Arbeiterrekrutierung ungünstige Mißstimmung erregende, Mittel der Akkordherabsetzung anzuwenden. Handelt es sich nur um einzelne neue Sorten, dann ist es natürlich leichter, anfänglich »zu günstig« für den Arbeiter kalkulierte Akkorde durch gelegentliches Umlegen der Sorte auf einen anderen Stuhl mit entsprechend veränderten Sätzen zu drücken. Jenes »akkordpolitische« Bremsen, d.h. dasjenige, welches überhaupt den Zweck der Einwirkung auf die Akkordfestsetzung (und nicht rein traditionalistische oder ökonomisch irrationale) Ursachen hat, verläuft, wenn es von breiteren Arbeiterschichten solidarisch durchgeführt wird, ähnlich wie der Streik (dessen Surrogat es ja oft genug ist) dann verlaufen würde, wenn es keine »Arbeitswilligen« gäbe: es fragt sich, wer länger warten kann. Im Gegensatz zum Streik erfordert es keinen Apparat einer förmlichen Organisation und keine Kassen, die Arbeiter setzen sich nicht gänzlich aus dem Brot, sondern schränken ihren Verdienst nur ein, und ihre taktische Lage ist dabei auch insofern im Verhältnis zum Streik günstiger, als der Gegner keineswegs immer in der Lage ist, dem einzelnen nachzuweisen, daß und wie stark er tatsächlich »gebremst« hat: und eine formell ganz grundlose Entlassung eines nicht notorisch leistungsunfähigen Arbeiters wegen angeblichen »Bremsens« würde, wo die Arbeiterschaft[157] nicht gänzlich machtlos ist, eine Belastung mit einem nicht gern getragenen Odium für den Unternehmer bedeuten. Ansteigende Konjunkturen, und vor allem: Erweiterung der Produktionsrichtung des Betriebes sind die spezifischen Indikationen für das Bremsen. Der Kreis von Arbeitern, den es im Einzelfall ergreift, und dementsprechend seine Tragweite, kann verschieden groß sein. Ebenso natürlich der Erfolg. Mit Zunahme der Macht der Arbeitgeberverbände wird es, auf Kosten des aussichtsloser werdenden Streiks, wohl an Boden gewinnen. Seine heutige Frequenz wird sicherlich von seiten der Unternehmer oft stark übertrieben. Immerhin darf man sie auch nicht unterschätzen. Ein hervorragend leistungsfähiger Arbeiter der mehrfach zitierten Weberei, Vertrauensmann einer Gewerkschaft, führte in einer Zeit, wo von der Arbeiterschaft der Abschluß eines Tarifvertrages angestrebt wurde, nicht nur nach Angabe der betreffenden Meister, sondern auch nach Ausweis seiner (späterhin noch eingehender zu analysierenden) Leistungskurve, das Bremsen während eines Zeitraums von etwa 7 Monaten (Juni bis Januar) systematisch durch, dergestalt, daß seine Leistung hinter dem, was er, gemessen an der Entwicklung seiner Qualitäten in den 9 vorangegangenen Monaten, bei voller Anspannung hätte leisten können, um reichlich 15%, sein Lohnverdienst gegen den für ihn bequem möglichen um reichlich 10% zurückblieb40. Da die[158] Solidarität der Arbeiterschaft bei dem schließlich von ihm herbeigeführten offenen Bruch versagte, war dies »Bremsen« vergeblich gewesen. Die spätere Analyse der Leistungskurve jenes Arbeiters wird zeigen, wie schwierig bei dem Hineinspielen zahlreicher anderer Momente die einigermaßen sichere Bemessung des Einflusses des Bremsens selbst beim Einzelnen ist. Und das gilt natürlich auch und erst recht für eine Mehrheit von Arbeitern. Im vorliegenden Fall zeigt der monatliche Durchschnitt der Tages-Akkordleistung der meisten während der betreffenden Zeit kontinuierlich und gleichartig beschäftigten Arbeiter in den Spätherbst- und Wintermonaten 1907/08 – d.h. während der Zeit der lebhaftesten Agitation – eine auffällige Baisse, und zwar sowohl bei den männlichen als bei den weiblichen Webern im ganzen, ferner sowohl bei den breitstühligen Webern wie bei den Taschentuchweberinnen je besonders. Mängel des in der Zwangslage der Hochkonjunktur den Spinnern abgenommenen Materials und, in einem noch höheren Grade, die Einführung bzw. vermehrte Produktion neuer Sorten, haben entscheidend mitgewirkt (darüber später), erklären aber vielleicht nicht ganz, daß die in reinem Akkord berechnete Tagesleistung, welche im Durchschnitt der Zeit vom August 1907 bis August 1908 bei den Webern auf 85,0%, bei den Weberinnen auf 71,0% und im September bei den Webern auf 85,6, bei den Weberinnen auf 76,6% des als Soll-Normale des Verdienstes der Männer geltenden Satzes41 gestiegen war, dann aber die Neigung zum Sinken zeigt, im Februar – nach der Entlassung jenes Arbeiters – auf dem Tiefpunkt: 79,6 bzw. 64,0% anlangte, um im März auf 83,0 bzw. 74,0% zu steigen, im April einen Höhepunkt42 von 91,6 bzw. 78,0% zu erreichen und von da aus dann sich wieder dem alten Durchschnitt zu nähern. Die meteorologischen Verhältnisse pflegen, wie schon bemerkt, in der Weberei wesentlich im Sommer, wo[159] die Erhaltung der Binnenluft der Räume auf dem nötigen Feuchtigkeitsgehalt Schwierigkeiten macht, in fühlbarer Weise mitzuspielen, weit weniger oder fast gar nicht im Winter. Im Februar 1908 könnte freilich die starke Kälte bei teilweise beträchtlichen Wegen zur Fabrik die Handgelenkigkeit herabgesetzt haben, aber noch der ebenfalls sehr kalte Januar stand auf 85,0 bzw. 66,3%, also, namentlich bei den Männern, ganz wesentlich höher. Die – von der Fabrikleitung für einen Teil des Winters als wahrscheinlich betrachtete – Beeinflussung der Leistung durch die sozialpolitische Konjunktur darf also wenigstens als möglich und plausibel, wenn auch nicht als streng erweislich, gelten.

Da diese Erörterungen die Frage des Zusammenhangs des politisch-sozialen, sagen wir: des »weltanschauungsmäßigen« Gesamthabitus der Arbeiterschaft mit ihrer Leistung nun einmal gestreift haben, mag hier noch einen Augenblick bei der Frage des Zusammenhangs jener Momente mit der Rentabilität der Arbeiter verweilt werden. Hinlänglich unbefangene Unternehmer pflegen bei der Frage nach der Qualität der sozialdemokratischen Gewerkschaftler als Arbeiter mit großer Regelmäßigkeit, in unter sich sehr verschiedenen Industrien, einzuräumen: daß sie, ihrer Leistungsfähigkeit nach, normalerweise an der Spitze aller Arbeiter marschieren (natürlich nicht: jeder sozialistische Gewerkschaftler als solcher: das wäre Unsinn, sondern: der »Typus« der vom Gewerkschaftstandpunkt aus »gesinnungstüchtigsten« von ihnen). So z.B. selbst in der so gewerkschaftsfeindlichen rheinisch-westfälischen Eisenindustrie, wie auch Jeidels bezeugt. Im Fall des vorliegenden Betriebes trifft dies, im wesentlichen, gleichfalls zu. Die sämtlichen männlichen Arbeiter, die von der Betriebsleitung als besonders »stramme Gewerkschaftler« bezeichnet wurden, zeigen Rekordleistungen, die absolut besten Arbeiter des Betriebes finden sich, so viel ich sehen konnte, mit nur einer Ausnahme unter ihnen. Nicht nur war der erwähnte, im Konflikt ausgetretene Arbeiter vielleicht der leistungsfähigste des Betriebes, sondern sowohl bei den breitstühligen wie bei den schmalstühligen Webern stehen Gewerkschaftler mit ihrer Leistung unbestritten an der Spitze und stark über dem Durchschnitt.

Wieder ein anderes Bild zeigen die weiblichen Arbeiter. Bei ihnen scheinen die Arbeiterinnen, welche dem Kreise pietistischer Konventikel entstammen, qualitativ besonders hervorzutreten.[160] Es ist wohl unmöglich ein Zufall, daß die beiden Arbeiterinnen welche es in den beiden Abteilungen der Säumerei (Glatt-und Hohlsäumerei) zu Meisterinnen gebracht haben – darunter eine, obwohl43 sie nach Herkunft und Wohnsitz vom platten Lande kommt –, jenen religiösen Kreisen angehörten, – daß ferner die beiden Taschentuchweberinnen, für welche das gleiche zutrifft, z.B. in der Zeit vom August 1907 bis August 1908 mit 98,0 bzw. mit 99,6% reinem Akkordwert44 ihrer durchschnittlichen Tagesleistung, gegenüber 71% (s. o.) bei den übrigen in dieser Zeit kontinuierlich beschäftigten Weberinnen, um 38 bzw. 39% des Durchschnitts konkurrenzlos über ihm standen45, – und daß endlich in der verantwortlichen und schwer kontrollierbaren Schlichterei ebenfalls pietistische Arbeitskräfte figurieren. Das Meiden der Tanzböden und ähnlicher vom »Pietismus« verpönter Vergnügungen, die Folgen der »protestantischen Askese« m. a. W. und des durch sie erzeugten innerlichen Verhaltens zur »gottgewollten« Berufsarbeit, sprechen sich in solchen Erscheinungen deutlich aus. Und ebenso tritt der alte, im religiösen Sinn des Wortes, »individualistische« und zugleich patriarchale, im ganzen spezifisch »arbeitswillige« Zug der religiösen Stimmung in der Feindschaft aller dieser Kreise gegen alles Gewerkschaftlertum hervor. In derartigen Anschauungen und Gewohnheiten erzogene Arbeitskräfte sind natürlich für den Unternehmer äußerst rentabel[161] und vom Standpunkt seines Interesses aus ist der charakteristische Umstand, daß bei den männlichen Arbeitern diese Macht der Kirchlichkeit durchweg im Absterben begriffen ist, äußerst bedauernswert, obwohl ausdrücklich mitgeteilt wurde, daß gerade die tüchtigste jener »pietistischen« Arbeiterinnen durch ein ungewöhnlich schroffes – aber eben durchaus »individualistisch« sich äußerndes – Rechtsgefühl und eine hartnäckige Vertretung ihrer Ansprüche auffalle. Man wird sehr sorgsam zu untersuchen haben, inwieweit derartige Erscheinungen heute noch generelle Geltung haben, – daß sie als Residuen der Vergangenheit in den größeren Zusammenhang hineingehören, in welchem ich diese Dinge an anderer Stelle zu analysieren versucht habe und also immerhin in gewissem Maße für die in der Frühepoche des gewerblichen Kapitalismus wirksam gewesenen Kräfte charakteristisch sind, ist mir sehr glaubhaft46.

Während für diese »pietistischen« Kreise es als in ziemlich erheblichem Grade wahrscheinlich gelten darf, daß die Erziehung in einer bestimmten »Weltanschauung« in starkem Maße an der Entwicklung der Arbeitsleistung beteiligt – wenn auch natürlich nicht das ganz allein Ausschlaggebende – ist, kann natürlich für die Parallelerscheinung auf Seite der Männer: die hohe Qualität sozialdemokratischer Gewerkschaftler – falls sie einigermaßen generell besteht – nicht einfach das gleiche gelten. Daß ihrer Anlage nach spezifisch geweckte und gewandte, ihrer Rentabilität als »Produktionsmittel« sich bewußte Arbeiter[162] Gewerkschaftler und, unter modernen Verhältnissen, der Mehrheit nach Sozialdemokraten werden, ist sehr plausibel, während es der sehr genauen Analyse bedürfte, ob sozialistische Erziehung oder spätere Einführung in die Gedankenwelt des Sozialismus, der ein Religionssurrogat, wennschon auf Grundlage einer polar entgegengesetzten Gesinnung, sein will, etwa auch schlummernde Qualitäten, die der Arbeitsleistung zugute kommen, zu wecken geeignet sein könnte. Das ist jedenfalls äußerst problematisch und führte hier, wo diesen Problemen nur mit Miniaturbildern nachgegangen werden könnte, zu weit; wir kehren lieber zu Betrachtungen zurück, für welche der Weg zu einer exakteren Behandlung mit unsren Mitteln gangbarer erscheint.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 153-163.
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