VI. Methodische Fragen

[109] Die methodischen Prinzipien Kraepelins und seiner Schüler stehen in scharfem Gegensatz gegen die Versuche, welche in den 90er Jahren in Deutschland vornehmlich – wenn auch nicht ausschließlich – von pädagogisch interessierter Seite, im Ausland, speziell in Frankreich und Amerika, von einer ganzen Reihe geistreicher Fachpsychologen, gemacht worden waren, um von den Maßmethoden des Laboratoriums aus den Weg zu Massenuntersuchungen zu finden.

In Frankreich und Amerika stand dabei das Interesse an demjenigen Problemkomplex im Vordergrund, welchen William Stern später »Differenzialpsychologie« getauft hat und den andre unter dem Namen »Ethologie«, »Charakterologie« usw. zum Objekt einer selbständigen Disziplin zu stempeln versucht hatten. Während auf dem Gebiet der Anthropologie die Bertillonsche anthropometrische Methode nach »signaletischen« physischen Merkmalen, d.h. nach Kombinationen von meßbaren Eigenschaften der Individuen sucht, von denen sich jede Einzelkombination mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechthin nur ein einziges Mal findet, will die Methode des sog. »mental tests« in letzter Instanz typische Kombinationen von individuellen psychischen Unterscheidungsmerkmalen entdecken, derart, daß man eine geringe Zahl von psychophysischen Stichproben an einem Individuum ziehen, damit seine Einordnung in einen bestimmten »Anschauungs«–, »Auffassungs«- und »Reaktions«-Typus usw. vornehmen[109] und daraus hinlänglich wahrscheinliche Schlüsse auf alle seine »wesentlichen« Qualitäten soll entnehmen können. Die hiermit aufgeworfenen sachlichen Probleme stellen wir vorerst noch zurück, und es sei nur schon hier bemerkt, daß in methodischer Hinsicht, mit ganz wenigen Ausnahmen, die deutschen Psychologen den hierhergehörigen Arbeiten von Binet, Henry u.a. mit absoluter Skepsis gegenüberstehen. Hier jedoch geht uns zunächst noch nicht das Problem der Messung der individuellen Differenzen der Personen, sondern das Problem der Massenmessung von Wirkungen differenter Arbeiten und Arbeitsbedingungen an.

Im Vordergrund stand auch hier in der Literatur, mit der sich die Kraepelinsche Schule auseinanderzusetzen hatte, das Problem der Ermüdung und ihrer Messung an Personenmassen. Griesbach in Deutschland, Vannod in Frankreich hatten mit Hilfe des »Aesthesiometers« den Einfluß von Arbeitsleistungen auf die Raumunterschiedsempfindlichkeit der Haut (den Schwellenwert der Merklichkeit des Abstandes zweier Zirkelspitzen voneinander) zu untersuchen begonnen. Sie glaubten in dem Maß der Abnahme derselben einen Maßstab für die Ermüdung durch Arbeiten bestimmter Art: Schul-, Kontorarbeiten, Maschinenweben und andere Maschinenarbeit zu besitzen. Kemsies suchte mit Hilfe des Mossoschen Ergographen den Einfluß von Schularbeiten verschiedener Art auf die physische Leistungsfähigkeit festzustellen, um so den »ergographischen Index« der einzelnen Schulfächer: ihren Ermüdungswert, zu ermitteln. Das Interesse der Pädagogen begann sich diesen Problemen, welche durch die »Ueberbürdungs«-Erörterungen der letzten Jahrzehnte in den Vordergrund der Diskussion gerückt waren, zuzuwenden: Arbeiten angesehener Pädagogen (Wagner-Darmstadt) suchten, gegenüber der rein psychophysischen Behandlung des Problems, die Bedeutung des Arbeitsinteresses der Schüler für die Ermüdung stärker zu betonen, die Frage, ob die Aufmerksamkeitsspannung oder umgekehrt der »Zwang zur Langeweile« das Ermüdendere sei und ähnliche Fragen gerieten erneut in Fluß usw.

Obwohl z.B. Griesbach seine Maßmethode noch auf dem internationalen Kongreß für Hygiene und Demographie in Berlin (1907) vertreten hat, dürfte die Kritik der Kraepelinschen Schule doch im ganzen und großen die anfänglich gehegten Hoffnungen zerstört haben. Nicht nur wird die Leistungsfähigkeit des Ergographen[110] als Maßmittel von der deutschen Kritik erheblich niedriger eingeschätzt, als von seinem Urheber8, und nicht nur wird ziemlich allgemein dem Aesthesiometer ein eindeutiger Wert als solchem nicht mehr eingeräumt9, sondern der Eindruck der außerordentlichen Kompliziertheit der Komponenten von Arbeitskurven und ihres Mit- und Gegeneinanderwirkens selbst, wie es Kraepelin zu analysieren versucht hatte, der Eindruck ferner davon: wie sorgsam die Isolierung gegen zahllose mögliche Störungen und Verfälschungen des Ergebnisses der Messung vorzunehmen war, um überhaupt brauchbare Zahlen zu erhalten, – solche Eindrücke mußten die Hoffnung, man werde nun bald mit einfach funktionierenden Instrumenten und Experimenten das Maß der Ermüdungswirkung konkreter Arbeiten auch nur für eine einzelne Schulklasse, vollends aber für einige tausend Arbeiter, »exakt« feststellen können, völlig schwinden lassen.

Kraepelin selbst, der immerhin gelegentlich auch seinerseits für die Beobachtung der Ermüdung an Schulkindern einen – hier nicht weiter interessierenden – Vorschlag gemacht hat, betrachtet gleichwohl die Chance, auf diesem oder auf einem der sonst bekannten Wege zu wirklich brauchbaren Resultaten zu kommen, mit der größten Skepsis. Seine eigentliche Ansicht ist zweifellos, daß die dauernde Unmöglichkeit, über die psychophysischen Bedingungen und Einwirkungen der Arbeit je nach ihrer Eigenart und je nach »typischen« Eigenarten des Arbeitenden Resultate durch irgendeine Art von Massenbeobachtungen zu gewinnen, schon heute feststehe. Unter »Massenbeobachtung« wäre dabei, um dies alsbald klarzustellen, jede Art der Untersuchung zu verstehen, deren Objekt Personen sind, deren Verhalten in bezug auf Schlaf, Ernährung, Alkoholgenuß, körperliche und geistige Beschäftigung und alle anderen, für die Kräfteökonomie des Nervensystems und der Muskeln belangreichen Lebensäußerungen nicht vom Beobachter reguliert und unter Kontrolle gehalten sind. Jedes Durchblättern der Arbeiten der Kraepelinschen Schule zeigt ja in der Tat, welche ungemeine Einwirkung die wechselnde »Tagesdisposition« des einzelnen auf den Ausschlag der Experimente[111] übt. Die Kraepelinschen und verwandten Untersuchungen erstreckten sich daher stets über Wochen, zuweilen über Monate, oft mit sehr einschneidender Lebensreglementierung für die Versuchspersonen, welche möglichst stets Persönlichkeiten mit wissenschaftlichem Selbstinteresse, jedenfalls – außer bei sehr einfachen (namentlich: Alkohol-)Versuchen – von beträchtlichem Bildungsniveau waren oder doch, als Beamte (und, zuweilen: Insassen) einer Klinik, der Untersuchung des Experimentators ständig unterstanden. Und selbst unter diesen Bedingungen erforderte es einen ganz außerordentlichen Aufwand an Scharfsinn und Gewissenhaftigkeit, um den Einfluß von »Zufälligkeiten« auszuschalten.

Die Zahl der an einer einzelnen kontinuierlichen Untersuchung beteiligten Personen war daher stets eine sehr kleine: 4 Personen dürfte eine mittlere, 8 schon eine beträchtliche Zahl darstellen. Wenn man dann ferner die raffinierte Kombination der Untersuchungsmethoden, die feinen Registrierapparate, die unerhörte Umsicht bei der Feststellung der oft mit den stärksten Vergrößerungsapparaten abgelesenen Registraturen derselben in Betracht zieht, so steht allerdings völlig fest: von hier führt kein Weg zur »Massenuntersuchung« in irgendeinem noch so begrenzten Sinn dieses Wortes.

Dabei darf nun überdies nicht verschwiegen werden, daß, trotz der allgemeinen Anerkennung von Kraepelins eminenter geistiger Leistung, doch ein gewisses Maß von Skepsis gegenüber manchen Unterlagen und Resultaten dieser Arbeiten unter den Fachmännern besteht, welches, wohl unter dem Einfluß des wohlbegründeten Respekts, den Kraepelin in der Oeffentlichkeit genießt, noch nicht in vollem Maße hervorgetreten ist. So erhebt sich z.B. die Frage: ob nicht doch die Eigenarten dieser stets so wenigen Versuchspersonen als »Zufälligkeiten« eine so bedeutende Rolle spielen können, daß der Wert der Beobachtungen dadurch gefährdet würde? Es ist nicht eigentlich die Kleinheit der Zahlen an sich, an die man damit denkt, sondern die Gefahr ihrer Auslese. Vor allem in einer Form könnte bei Zugrundelegung von solchen Beobachtungen an Einzelpersonen eine direkte Präokkupation der Resultate eintreten, die jeder, der ähnliche Rechnungen macht, an sich selbst beobachten kann: Der Untersuchende geht entweder mit einer bestimmten Hypothese über mögliche oder wahrscheinliche Ergebnisse an die Untersuchung[112] heran, oder aber es bildet sich ihm, nach einer Reihe von Beobachtungen, die gewisse »charakteristische« Züge gemeinsam zu haben, in anderen »charakteristisch« zu differieren scheinen, eine Vorstellung über die Art, wie diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erklären seien, und diese scheint sich dann vielleicht an einer Anzahl weiterer Beobachtungen zu bestätigen. Nun aber treten Fälle von Abweichungen auf. Regelmäßig wird er alsdann unwillkürlich die Frage so stellen: warum diese Abweichungen vom »normalen« Verhalten auftreten, also: Gründe für diese »abnorme« Abweichung ausfindig zu machen suchen – und finden, worauf ebenso unwillkürlich der »Fall« als singulär und für die Gesinnung von »typischen« Tatsachen ungeeignet beiseite gelassen wird. Ob nicht die Fälle, welche seiner Vorstellung von dem »normalen« Ablauf zugrunde liegen, ebenfalls singuläre Bedingungen (vielleicht sehr heterogener Art, aber, wie dies bei komplexen Erscheinungen und kleinen Beobachtungszahlen vorkommt, trotzdem in der gleichen Richtung wirkend) aufweisen, bleibt dann leicht ununtersucht, und so verfälscht sich durch fortwährende Ausscheidung »singulärer«, das heißt, von dem als normal vorausgesetzten Resultat abweichender, Objekte der Wert der Beobachtungen. Wenn diese spezifischen Gefahren jeder auf Einzeluntersuchungen beruhenden Behandlung solcher Probleme hier hervorgehoben wird, so soll damit natürlich nicht etwa behauptet werden, Kraepelin und seine Schüler seien jener Gefahr einer unbewußt vollzogenen »Auslese« der Versuchspersonen faktisch zum Opfer gefallen. Eine solche Behauptung, beweislos, von einem Laien gemacht, würde gegenüber der ungeheuren Arbeit, die in diesen Untersuchungen steckt, natürlich eine Leichtfertigkeit und Anmaßung darstellen. Es ist bis zum Gegenbeweis anzunehmen, daß nicht nur Kraepelin selbst, sondern auch seine geschulten Mitarbeiter sich jener Möglichkeit bewußt waren. Aber die Tatsache der unvermeidlichen Kleinheit der Zahlen der Versuchspersonen muß allerdings das – übrigens von Kraepelin selbst, nach mehrfachen Aeußerungen, offenbar durchaus geteilte, – Urteil nahelegen, daß die Resultate dieser Untersuchungen, soweit sie in allgemeinen »Theorien« ihren Niederschlag gefunden haben, wesentlich den heuristischen Wert einer bis zu einem gewissen, für jede Einzelbehauptung vielleicht verschiedenen Grade plausiblen Hypothese haben, und vor allem: daß ihr Wert nicht sowohl in der Erzielung[113] definitiv gesicherter, generell gültiger Lehrsätze, als in der Schaffung von Begriffen liegt, mit denen sich auf dem Gebiet der Untersuchung von allgemeinen psychophysischen Bedingungen der Arbeit operieren läßt. Dies gilt namentlich von Begriffen wie »Ermüdbarkeit«, »Uebungsfähigkeit«, »Uebungsfestigkeit«, »Uebungsrest«, ferner auch von den für kombinierte Leistungen so wichtigen Begriffen der »Störung«, »Ablenkbarkeit«, »Gewöhnung«, »Gewöhnungsfähigkeit«, und den Erörterungen über die möglichen Mittel der Anpassung mehrerer Leistungen des psychophysischen Apparats aneinander. Es gilt aber auch von denjenigen positiven Aufstellungen, welche durch die »vulgärpsychologische« Alltagserfahrung gestützt werden, oder nur »Sublimierungen« dieser letzteren sind, oder durch Verwendung »vulgärpsychologischer Erfahrungen« als heuristischen Mittels gewonnen sind, – und deren sind unter den in den früheren Abschnitten vorgetragenen Ergebnissen Kraepelins, wenn man sie daraufhin einmal näher ansieht, eine ungemein große Zahl. Vielleicht am wenigsten gilt, eben deshalb, das Gleiche für die Theorien, die Kraepelin seinem Ermüdungsbegriffe und überhaupt seiner ganzen Behandlung der kausalen Bedingtheit der Arbeitsleistung zugrundegelegt hat: die Hypothese von der gegenseitigen »Verdeckung« und »Ueberdeckung« der einzelnen Komponenten der Leistung, die durch seine Darstellungsweise sehr leicht suggerierte Vorstellung überhaupt: daß hier innerhalb des Muskel- und Nervenchemismus sozusagen verschiedene »Kräfte« miteinander »ringen«, bald die eine, bald die andere die Oberhand habe, könnte leicht eine Vorstellungsweise über die Art der kausalen Zurechnung suggerieren, gegen die auf anderen Gebieten mehrfach Widerspruch erhoben worden ist. Indessen diese mehr formellen, die Art der Formulierung treffenden – und übrigens m. E. logisch nicht durchschlagenden – Bedenken beiseite gelassen, stecken doch naturgemäß auch eine Anzahl sachlicher Schwierigkeiten in Kraepelins Theorie, wenn man sie mit der Vorstellungsweise vergleicht, die sonst unter den durch Wundt beeinflußten Experimentalpsychologen herrscht. Die Psychiatrie, und gerade diejenige Kraepelins, wird immer mehr oder minder dazu neigen, die somatischen Vorgänge als das »Reale«, die psychischen als zufällige »Erscheinungsweisen« anzusehen. Geschieht dies, so geraten eine Anzahl derjenigen »Komponenten« der Arbeitskurve, mit denen Kraepelin arbeitet, leicht in eine[114] etwas schiefe Position. Von Einzelheiten abgesehen sind es namentlich die Vorstellungen über die Wirkungsweise der »psychomotorischen Erregung«, der »Anregung« und des »Antriebes«, welche davon betroffen werden würden: die auf allen Gebieten der Psychophysik als letztes Problem immer wieder sich einstellende Frage: wie das unbezweifelbare Einwirken dieser, zu einem erheblichen Teile nur psychisch ableitbaren Faktoren mit einer streng physiologisch operierenden Theorie der Ermüdung und Uebung zu kombinieren seien, spielt hier hinein. Wenn die »Müdigkeit«, weil rein psychisch, für die objektive Leistungsfähigkeit – die doch ihrerseits wieder nur an Leistungen, nicht an ungreifbaren »Möglichkeiten« zu solchen meßbar ist – außer Betracht bleiben soll, so fragt es sich, ob nicht für jene anderen, so stark mit nur psychologisch verständlichen Elementen durchsetzten Tatbestände Aehnliches zu gelten hätte? Die Kraepelinsche Theorie führt für sich an, daß trotz starker »Müdigkeit« gleiche Leistungen beobachtet wurden, – sie muß andererseits leugnen, daß es Zustände »psychomotorischer Erregung« geben könne, die nicht nur »scheinbar« (d.h. der Gefühlslage nach), sondern auch wirklich – d.h. im Sinne von Stoffersatzvorgängen – »Erholung« bedeuten. Ob dies nun wirklich zutrifft, könnte wohl nur die Neuropathologie entscheiden, und wenigstens ihre Praxis scheint nicht selten mit ganz anderen Voraussetzungen zu arbeiten, wie mir von Nervenärzten, bestätigt wurde. Die Frage nach dem Einfluß des (nicht: ökonomisch, sondern: durch die Art der Arbeit bedingten) Arbeitsinteresses, überhaupt der (»ideogenen«) »Gefühlslage« auf den Ablauf der Ermüdungsvorgänge gehört natürlich ebenfalls und ganz besonders hierher und letztlich vielleicht die ganze rein »vegetativ-physiologische«10) Vorstellung von einer mit dem ersten Anbeginn der Leistung, als dem ersten Stoffumsatz, beginnenden »Ermüdung«, welche – weil durch »Anregung«, »Uebungszuwachs« usw. »verdeckt« – nicht in einer Verminderung der Leistung greifbar werden kann. Empirisch feststellbar ist aber (und wird doch wohl dauernd bleiben) nur das, was der Chemismus der Gewebe [115] leistet: »Ermüdung«, »Uebung«, »Gewöhnung«, »Anregung« usw. sind Begriffe, die letzten Endes eben doch durchaus nur von diesen Leistungen aus orientiert sein können, und dabei gewisse – vorerst in wichtigen Punkten noch sehr hypothetische – jeweilige chemische Zuständlichkeiten und Vorgänge als die Quelle jener Leistungen voraussetzen. Es fällt dabei aber offenbar nicht ganz leicht, mit wirklich rein chemischen Konstruktionen Ernst zu machen und dabei doch mit dem Apparat der »Ueberdeckungs«vorstellungen zu arbeiten.

Der Kraepelinsche »Ermüdungs«begriff und alles, was an ihm hängt, könnte so möglicherweise – denn wie soll ein Laie das beurteilen? – auf Schwierigkeiten stoßen, die gerade durch den Versuch, ihn streng physiologisch, genauer: biochemisch, zu fassen, infolge der Bedingungen, welche ein strenger Kausalbegriff auf diesem Gebiet stellen würde, entständen. Auf der anderen Seite ist namentlich die, wie erwähnt, so lebhaft bestrittene spezifisch Kraepelinsche Konstruktion einheitlicher Grundqualitäten der (psychophysischen) »Persönlichkeit« – z.B.: der »Ermüdbarkeit« als einer generellen Qualität – doch wohl eine Konsequenz ganz bestimmter biologischer Auffassungen, welche mit jener rein chemischen Orientierung vielleicht nicht ohne manche Schwierigkeiten harmonieren würden.

Letztlich würden alle solche Erörterungen wohl unvermeidlich das ewige Problem der theoretischen Grundfragen der »Psychophysik« (im Fechnerschen Sinn dieses nicht immer ganz eindeutig gebrauchten Wortes) aufrühren: gewisse Bestandteile der Kraepelinschen Theorie (Willensantrieb!) könnten – sehr gegen seine Absicht – letztlich doch auf den Gedanken »unbewußter« und doch nicht »physischer«, sondern »psychischer« Vorgänge führen und damit auf eine ganz andere Struktur der den Anschauungen über das Verhältnis vom Physischen zum Psychischen11 zugrundezulegenden Theorien, als sie der offizielle Wundtsche »Parallelismus« darstellt, dem die meisten Psychiater (wenigstens vermeintlich) anhängen.

Zum Glück für uns ist aber die Frage nach der theoretischen Substruktion der Kraepelinschen Begriffe für deren Verwertbarkeit zu unsern Zwecken von untergeordneter Bedeutung. Ob man sich den Auf- und Abstieg der Leistung durch Ermüdung, Uebung,[116] ihre Beeinflussung durch »Störung«, Unterbrechung, Uebungsrest und Uebungsverlust, psychomotorische Einflüsse u. dgl. letztlich besser in der Form eines Mit- und Gegeneinanderwirkens von Einzelkomponenten denkt, dergestalt, daß jede von ihnen irgendwelche ihr spezifischen psychophysischen Zuständlichkeiten hinterläßt, welche im Organismus irgendwie nebeneinander bestehen, oder ob man, wie etwaige Gegner müßten, »einfache« Stoffabbau- und Anbauvorgänge im Gewebe der Muskeln und in den Nervenzellen substruiert, die je nach der Inanspruchnahme des Organismus bald nach der einen, bald nach der andern Richtung beeinflußt werden und alsdann ihrerseits die Leistung beeinflussen, – das ist wenigstens für unsere praktischen Zwecke schließlich von sekundärer Bedeutung. Es genügt, wenn mit jenen praktisch wichtigen Begriffen richtige Beobachtungen zusammengefaßt sind, von denen wir annehmen dürfen, daß sie auf dem Gebiet der industriellen Arbeit möglicherweise, bei hinlänglich genauer Analyse, ebenfalls zu machen wären und wenn also z.B. »Uebungsrest« oder »Uebungsfestigkeit« oder »psychomotorische Erregung« oder »Uebungsverlust« als Bezeichnungen gelten dürfen, welche den Kausalzusammenhang zwischen dem Niveau, auf dem sich ein Arbeiter bei einer Leistung bestimmter Art bewegt, und bestimmten empirisch feststellbaren Tatsachen, die bei ihm vorliegen oder fehlen, adäquat wiedergeben. Das aber scheint nach den Beobachtungen des Alltags ebenso wie nach den sachlichen Ergebnissen der Experimente der Fall zu sein. Die an sich auch für unser Thema recht wichtige Frage, ob man eine generelle Qualität der »Ermüdbarkeit«, »Erholbarkeit«, »Anregbarkeit« usw. statuieren und also an einer einzelnen Leistung messen kann, dürfen wir vorläufig noch auf sich beruhen lassen und uns damit begnügen, wenn wahrscheinlich gemacht ist, daß solche als mehr oder minder konstante Eigenschaften mit Bezug auf konkrete Arten von Leistungen sich beobachten lassen, – was nach den Experimenten sowohl als der Alltagserfahrung kaum zweifelhaft sein kann. Vollends unabhängig von jeder »Theorie« erscheinen endlich die zahlreichen für uns so wichtigen Beobachtungen über die Art, wie Pausen, Kombinationen von Leistungen usw. wirken. Und auch die in der Darstellung, wie ich hoffe, mit hinlänglich deutlichem Vorbehalt wiedergegebenen Hypothesen über die Art, wie sich z.B. Leistungskombinationen[117] und ähnliche Vorgänge eigentlich psychophysisch vollziehen, über Leistungsverschiebung, motorische und sensorische Reaktionsweisen in ihrem Suppletivverhältnis zueinander, dürften für uns von recht erheblicher Fruchtbarkeit sein. Sie zeigen zum mindesten, auch dem, der sie ablehnt, wie wenig einfach die Vorgänge, mit denen wir in unseren Erörterungen über die Wirkungen der »Arbeitsteilung« stetig als mit bekannten Größen operieren, in Wahrheit zustandekommen.

Wenn wir aber mit dem Begriffsvorrat, den die Experimentalpsychologie geschaffen hat, im allgemeinen recht wohl auch für die Analyse der industriellen Erwerbsarbeit würden wirtschaften können, so fragt es sich, ob die Möglichkeit besteht, daß Beobachtungen dieser außerhalb des Laboratoriums sich vollziehenden »Alltagsarbeit« geliefert werden könnten, welche qualitativ ein irgendwie ähnliches Material für die exakte Bearbeitung darböten, wie die Laboratoriumsversuche. Es bedarf kaum des Hinweises, wie ungünstig die Chancen hier liegen. Von allem andern, schon oben über die Technik und die wissenschaftlichen Bedingungen der Laboratoriumsversuche Gesagten, ganz abgesehen, untersteht die Fabrikarbeit, so, wie sie sich im Alltagsleben vollzieht, stets einer Serie von ganz grobschlächtigen Bedingungen, welche dem Laboratorium fremd sind. So: 1. die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse und die Trinkgewohnheiten12 der Arbeiterschaft, unter Umständen die Art ihres Sexuallebens, ferner: ihre eventuelle Nebenbeschäftigung, – 2. der Umstand, daß normalerweise nur Geldinteresse, nicht ideales Eigeninteresse sie mit der Arbeit verknüpft, daß die Lebenslänglichkeit und die sonstigen Bedingungen der Fabrikarbeit sie nicht zu einer kontinuierlich gleich hohen, am wenigsten aber zu einer stetigen maximalen Anspannung veranlassen können, – während die Experimente der Psychologie sehr oft nur unter der Bedingung kontinuierlicher Maximal-Anspannung der Leistungsfähigkeit Resultate ergeben (da ja sonst die sichere Vergleichbarkeit fehlt) – 3. damit zusammenhängend:[118] die Einwirkung des Lohnsystems, welches auch bei gleichem Maße der Prämiierung quantitativ und qualitativ hoher Leistungen dennoch – wie noch zu erwähnen – ein ganz verschiedenes Verhalten der Arbeiter (auch der gleichen Arbeiter in verschiedenen Zeitabschnitten) zur Arbeit herbeiführen kann. Dazu tritt nun, daß bei weitem die Mehrzahl der industriellen Arbeitsleistungen in ihrem Ausschlag nicht nur an das jeweilige Funktionieren der Maschinen – das ließe sich wohl ausgleichen – und, unter Umständen, an Witterungsverhältnisse (die ebenfalls berücksichtigt werden könnten), sondern oft auch ziemlich stark an die keineswegs immer leicht in ihrem Einfluß abzuschätzende Qualität des Materials gebunden und daß sie, auch wo die Arbeitszerlegung sehr weit geht, doch meist auch weit komplexer und ganz andersartig sind, als die Leistungen, welche man der Laboratoriumsbeobachtung zugrundelegt. Arbeiten wie Setzen und Maschinenschreiben stehen diesen relativ nahe, – und an ihnen ist ja auch tatsächlich experimentiert worden – aber schon diejenige Kombination und (äußerst unstete) Abwechslung von Manipulationen, welche die »Bedienung eines Maschinenwebstuhles« ausmachen, recht weit. – Wie soll ferner eine direkte und nach Art des Laboratoriums »exakte« Beobachtung von Leistungen an den großen Arbeitsmaschinen stattfinden? Ein Plüschwebstuhl muß pro Tag für ca. 50 Mk., ein kleiner Taschentuchwebstuhl für ca. 15 Mk. Ware produzieren, um verzinst und amortisiert zu werden. Es ist doch natürlich schwer auszudenken, daß in einem Laboratorium etwa eine Anzahl solcher kostspieliger Maschinen aufgestellt und daran experimentiert werden könnte, und auch die Herstellung von – sozusagen – »Phantomen« zum Experimentieren wäre sicher eine sehr schwierige und ungemein kostspielige Sache. Eher wäre, an und für sich, es immerhin noch denkbar, daß, in Zeiten der Betriebseinschränkung wegen Krisen, ein Betrieb des Interesses halber einmal einige Maschinen gegen Entgelt zum Zweck von Experimenten – immerhin, wie obige Zahlen zeigen, auch dann recht teuren Experimenten – laufen ließe, wie er ja zum Anlernen und unter Umständen zu Kalkulationszwecken solche mit Verlust laufen lassen muß. Allein auch solche Eventualitäten liegen doch vorerst leider recht sehr »im weiten Feld«.

So scheint, von ganz besonders günstigen Zufällen abgesehen, für die große Ueberzahl der modernen industriellen Berufsarbeit[119] vorerst nicht abzusehen, auf welche Art sie einer experimentellen Untersuchung von ähnlicher Exaktheit, wie sie das Laboratorium verlangt, zugänglich werden soll. Stecken wir also unsere Ansprüche zunächst einmal niedriger und fragen: von welcher Seite und in welcher Art bisher Material zur Beurteilung der psychischen und psysischen Bedingungen und Wirkungen der industriellen Arbeit beschafft wurde.

Wir sehen dabei von den erst in den Anfängen begriffenen13 anthropologischen Arbeiten, welche unser Problem betreffen und, soweit Massenuntersuchungen in Betracht kommen, regelmäßig an Rekrutenmessungen anknüpfen, ab. Dies 1. weil sie für unsere Zwecke nur eine grobe – wennschon zweifellos eine sehr wichtige – Vorarbeit liefern, – 2. weil speziell die Rekrutenmessungen die Arbeiter durchweg in einem noch jugendlichen Alter, wo über ihre definitive Verwendung und Arbeitseignung noch nichts Endgültiges ausgemacht ist, erfassen, also wesentlich die Berufsneigung und daneben die vulgäre, traditionell bestimmte Einschätzung der Berufsqualifikation der Kinder für diesen oder jenen Beruf seitens der Eltern, die hier die »Auslese« vollziehen (weshalb sie natürlich für die alten traditionellen Handwerke das beste Material bringen). Dann bleibt uns die Auskunft des Arztes, speziell (in Deutschland) des Kassenarztes, über die Erfahrungen seiner Praxis, als mögliches Hilfsmittel übrig. Hier gibt es höchst schätzenswerte wissenschaftliche Arbeiten über den Einfluß der Fabrikarbeit, nicht dagegen (bisher): über die Bedingungen der Arbeitsleistung. Erstere können, kombiniert mit den freilich bis zur praktischen Unauffindbarkeit zerstreuten gelegentlichen Aeußerungen der Gewerbeaufsichtsbeamten, manche recht wichtige und lehrreiche Aufschlüsse geben14. Werfen wir auf die Gesichtspunkte[120] welche jene von Fachphysiologen und Aerzten gepflogenen Erörterungen bestimmten, einen kurzen Blick.

Die Erörterungen über die Bedeutung der Erwerbsarbeit innerhalb der Oekonomie der physischen und psychischen Lebensvorgänge haben naturgemäß an die direkt pathologischen Erscheinungen angeknüpft. Die Frage der Uebermüdung, also der vom ärztlichen Standpunkt aus »übermäßigen« Arbeit wurde diskutiert, nicht aber die Frage nach der Wirkung »normaler« Arbeit, d.h. einer nicht direkt hygienisch, im Sinne der Lebensverkürzung oder der, mit dem Durchschnitt verglichen, vorzeitigen Abnützung oder der Deformierung einzelner Organe »schädlichen«, Arbeit auf den Menschen und umgekehrt der Bedingungen, an die ihre Ableistung geknüpft ist. Für die Psychophysik der Arbeit enthalten trotzdem diese Untersuchungen vieles grundlegend wichtige: die abnehmende »Zweckmäßigkeit« der physiologischen Arbeitsökonomie im Ermüdungszustand (suppletorischer Eintritt anderer minder adaptierter Muskeln an Stelle der ermüdeten, zunehmende Inexaktheit der Innervation durch das übermüdete Zentralorgan; beides zweifellos Hauptgründe des geringen Uebungswertes der Ermüdungsarbeit), Inanspruchnahme des Herzens und Atemfrequenz als Zeichen des Ermüdungsgrades; Bedeutung des Maschinenlärms (dem Maß nach bestritten)15 und der durch die Maschinen bewirkten Erschütterungen auf die Ermüdung (schnellere Ermüdung in den oberen Stockwerken der Webereien und Spinnereien), sodann die ganze Schar der »Berufskrankheiten« und vor allem der nervösen[121] Störungen durch die industrielle Arbeit, – dies alles bietet ein in stetem Wachsen begriffenes Material, welches für die Zwecke der Ergründung der Eigenart der verschiedenen industriellen Arbeitsleistungen nach Wirkung und Bedingungen von größter Bedeutung ist. Dies namentlich auf dem Gebiet der nervösen Inanspruchnahme des Organismus durch die Arbeit. Denn es scheint, daß die große Mehrzahl derjenigen Aenderungen der Art der Arbeitsverrichtung, welche wir als »Intensivierung« der Arbeit bezeichnen, eine weit mehr als proportionale Zunahme der nervösen oft direkt auf Kosten der rein muskulären, in Kilogrammetern meßbaren äußeren »Bewegungs«leistung darstellt. Es ist gewiß auf das lebhafteste zu begrüßen, wenn man die rein muskuläre, in Bewegungen der äußeren Körperorgane sich äußernde Arbeitsleistung so in physikalische Teilleistungen zerlegt und mißt, wie dies Imbert und Mestre mit den Arbeitern am »Diable« (Getreidekarren) getan haben16. Aber in Imberts Rechnungen17 verrichtet der Laufbursche bei dreimal je drei Stunden Gehens 259500 kgm (Inanspruchnahme vornehmlich der großen Beinmuskeln) ein Kohlenschipper (Inanspruchnahme vornehmlich der großen Armmuskeln) in 8 Stunden nicht ganz 7500018, und dennoch war die Leistung des letzteren ungleich »intensivere« Arbeit, d.h. sie ist von ungleich größerem Ermüdungseffekt, nicht nur wegen des stärkeren Einschlags von »statischen« Elementen (darüber später) in der Arbeit, sondern wegen der stärkeren Inanspruchnahme des Nervensystems durch die stärkere kontinuierliche Einstellung auf eine Leistung von erheblicher Monotonie. Alle Untersuchungen stimmen darin überein, daß die »geistigen« Bedingungen der Arbeit, – das soll heißen: die Art der Inanspruchnahme des Zentralnervensystems, zunehmende Bedeutung für die hygienischen Wirkungen der Arbeit gewinnen. Einerseits das Maß der Inanspruchnahme und Anspannung der Aufmerksamkeit: den relativ größten Prozentsatz der[122] Neurastheniker aus Arbeiterkreisen stellen die »gelernten« Arbeiter19 (die freilich bei den Beobachtungen nicht immer leicht von Handwerksgesellen oder auch Meistern – bei denen ganz andere, ökonomische, Determinanten hineinspielen, – zu sondern sind). Dann aber, und wahrscheinlich in Verbindung damit: eben die Monotonie, derart, heißt das, daß die Kombination »geistiger Befähigung« mit dem Zwang monotoner Arbeit die entscheidende Schädlichkeit ist. Die Rolle, welche dieses spezifische Element der industriellen Arbeit spielt, ist ärztlich-exakt im Verhältnis zu der weittragenden Bedeutung des Problems erst sehr wenig untersucht20. Es scheint, daß, wie beim »Fabriklärm«, so erst recht hier zwischen der durch die Monotonie hervorgerufenen, dem Arbeiter zum Bewußtsein kommenden, Gefühlslage – die z.B. in Industrien mit ganz leichter, aber sehr monotoner Arbeit (Stanzen in den Korsett- und Knopffabriken, große Teile aller Textilindustrie), zuweilen zu starkem »unmotiviertem« Stellenwechsel (als Kompensation gewissermaßen) führt – von der dem Arbeiter unbewußt bleibenden, insbesondere nicht als Arbeitserschwerung und erst recht nicht als Gesundheitsgefährdung empfundenen Einwirkung der Monotonie zu scheiden ist21. Es ist 1. ziemlich allgemein angenommen, daß die angelsächsischen Völker Monotonie leichter ertragen als die romanischen, es wird 2. behauptet, daß Frauen sie leichter ertragen als Männer, es steht 3. für manche Industrie erfahrungsgemäß fest, daß ältere und verheiratete Arbeiter sie, im Gegensatz zu jüngeren, geradezu bevorzugen, – wenn damit entsprechend stetigerer Verdienst verbunden ist und weil ihnen nicht mehr so viel wie den jungen am Hinzulernen neuer Fertigkeiten, welche die Vielseitigkeit der Arbeitseignung und also die Chancen des Vorwärtskommens erweitern, liegt und liegen kann. »Psychophysische« und »rationale« Gründe sind hier schwer zu scheiden.

Schon dies Beispiel zeigt uns, daß hinter der Frage der »Wirkung« der Arbeits»monotonie« und der Attitüde der Arbeiter zu[123] ihr sich Knäuel von sehr verschiedenartiger Fragestellungen verbergen, die zu entwirren kaum die ersten Anfänge gemacht sind. Der Einfluß des Arbeitsrhythmus, wie ihn die Maschine erzeugt, vor allem: der Grad, in dem sie ihn erzeugt (in der Textilindustrie z.B. natürlich weit mehr als etwa in der Werkzeug- und Maschinenindustrie), gehört ja ebenfalls in diesen Zusammenhang der »Monotonie«-Frage, ist aber, nach dem früher über die Rhythmisierung Gesagten, auch an und für sich ein Gegenstand, der systematischer Untersuchung bedürftig wäre. Ob tatsächlich der außerordentliche Gegensatz in den Ermüdungssymptomen und in der Häufigkeit der Erkrankungen, speziell der nervösen und anämischen Erkrankungen, in den von Roth untersuchten Textilfabriken einerseits, einem Elektrizitätswerk andererseits, gänzlich auf die Unterschiede in der Abhängigkeit vom Tempo der Maschine zu schieben ist, kann vielleicht bezweifelt werden, – daß dieser Faktor sehr nachdrücklich und vielleicht tatsächlich entscheidend mitspricht, wohl kaum.

Indessen, so wichtig derartige Erörterungen – die, angesichts der anwachsenden »sozialhygienischen« Literatur hier noch weiter fortzuspinnen keinen Zweck hätte – für uns als Wegweiser zur Erkenntnis der Aetiologie der Ermüdung und anderer Einflüsse der industriellen Arbeit werden können, so werden wir doch für unser eigentliches Thema so lange durch sie nicht entscheidend gefördert, als nicht in systematischer Weise der Versuch gemacht wird, das Gebiet der pathologischen zu verlassen und die physischen und psychischen Einflüsse zu erfassen, welche die einzelnen Kategorien von Arbeitsprozessen auch und gerade da, wo sie keinerlei direkt als »Krankheit« in die Erscheinung tretende »Störungen« des Lebensprozesses zeitigen, auf die Arbeiter ausüben. Denn wir fragen: welche Bedingungen für die ökonomische Verwertbarkeit, die Rentabilität der Verwendung von Arbeitern in den einzelnen Industrien bestehen und in wieweit diese Bedingungen von Arbeiterschaften bestimmter ethnischer, kultureller, beruflicher, sozialer Provenienz erfüllt, nicht erfüllt oder in untereinander verschiedenem Maße erfüllt werden. Es ist klar, daß auch für diese Fragen die Pathologie höchst wichtige Fingerzeige geben könnte. Insbesondere die Neuropathologie, wenn sie sich in der Lage zeigen sollte, zu einer vergleichenden und differenziellen Neuropathologie der ethnischen,[124] kulturellen, beruflichen und sozialen Gruppen auszuwachsen22. Wir werden später zusehen, was davon bisher an Ansätzen vorhanden ist. Aber es ist klar, daß auch hier die Beobachtung von Differenzen der nervösen Morbidität, auch der nervösen Berufsmorbidität, nur die gröbsten Außenlinien und extreme Fälle erfassen wird. Die neurotische Disqualifikation der amerikanischen Neger für gewisse textilindustrielle Arbeiten ist für sie leicht greifbar; aber die ungleich feineren und dabei doch für die Rentabilität der Verwendung der betreffenden Arbeiter entscheidenden Differenzen, wie sie sich in europäischen Industriebetrieben zeigen, sind aus den Mitteln noch so vortrefflicher gewerblicher Krankheitsstatistiken23 allein, so wichtig diese auch für unsern Zweck sind, nicht erfaßbar. Der Kassenarzt könnte einer der wichtigsten Helfer für die Analyse der gewerblichen Arbeit in ihren physischen und psychischen Bedingungen und Wirkungen gerade erst dann werden, wenn er, über sein unmittelbares Berufsobjekt: den Kranken, hinausgehend, die verschiedenen Qualitäten eingehend, mit den Mitteln seiner Wissenschaft, analysierte, welche die einzelnen Arbeitsverrichtungen, die innerhalb seines potentiellen Patientenkreises von den Arbeitern verlangt werden, bei diesen als vorhanden voraussetzen und, im Wege der Auslese, an ihnen züchten, einerlei in welchem Maß bei diesen Auslese- und Anpassungsprozessen die eigentlich »pathologische« Entgleisung gestreift wird.

Eine systematische physiologische und experimentalpsychologische Untersuchung der industriellen Erwerbsarbeit darf zur Zeit vornehmlich von zwei Instituten erwartet werden: einmal hat der Direktor des Office du Travail, Herr A. Fontaine, in Frankreich ein Laboratorium für diesen Zweck geschaffen. Ferner ist an der Havard University unter H. Münsterbergs Leitung ein Institut für angewandte Psychologie im Entstehen begriffen, welches zweifellos auch diese Studien zu pflegen versuchen wird. Man wird jedes Urteil über die Chancen dieser Anstalten suspendieren, bis Resultate vorliegen, – aber die in Vorstehendem berührten Schwierigkeiten für die Erfassung der gewerblichen[125] Alltagsarbeit durch noch so sinnreiche Laboratoriumsversuche, wenn diese zugleich irgendwelchen exakten Wert haben wollen, bleiben natürlich auch für sie bestehen. In Deutschland wäre das einzige Laboratorium, welches schon jetzt Untersuchungen dieser Art leisten könnte, wohl das Kraepelinsche in München, dessen Leiter allen solchen Versuchen vermutlich mit großer Reserve, wenn nicht mit Skepsis, gegenüberstehen dürfte. Außerdem soll die Budapester Universität – wie man mir sagte – über möglicherweise geeignete Einrichtungen und Kräfte verfügen (was ich nicht kontrollieren kann).

Angesichts dieser gewiß nicht ermutigenden Sachlage fragt es sich nun, ob nicht wenigstens als Aushilfe irgendwelche andere Mittel in Betracht kommen können, um den Bedingungen und Wirkungen, – wir wollen hier zunächst einmal uns darauf beschränken, zu sagen: den Bedingungen – industrieller Arbeitseignung näher zu kommen. Da es neben den physiologischen, psychologischen und hygienischen die ökonomischen Disziplinen sind, welche sich mit dem Problem der Arbeit befassen, wenden wir uns naturgemäß an sie. Unter den sehr mannigfachen »Gesichtspunkten«, von denen aus die ökonomische Betrachtung sich mit der Arbeit befaßt, ist es nun offenbar der elementarste von allen: der privatwirtschaftliche Rentabilitätsstandpunkt, der hier in Betracht kommen wird, – deshalb, weil Rentabilitätsfragen rechnerische Fragen sind. Für das Problem der »Rentabilität« kommt die »Leistungsfähigkeit« eines Arbeiters ausschließlich in ganz demselben Sinn in Betracht, wie die Rentabilität irgendeiner Kohlensorte, eines Erzes oder sonstigen »Rohstoffes«, einer Kraftquelle oder einer Arbeitsmaschine bestimmter Art. Der Arbeiter ist hier im Prinzip schlechthin nichts als ein (möglicherweise!) rentables Produktionsmittel, mit dessen spezifischen Qualitäten und »Nücken« ebenso »gerechnet« werden muß, wie mit denjenigen irgendeines mechanischen Arbeitsmittels. Seine Qualitäten werden »kalkuliert«, sowohl auf Grund der bereits vorliegenden Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt der Frage: ist mit der gegebenen, auf Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit ruhenden effektiven Leistung einer gegebenen Arbeiterschaft ein bestimmter Grad der Ausnützung bestimmter Maschinen und Rohstoffe derart möglich gewesen, daß, bei gegebenen Lohn-, Rohstoff- und Verzinsungsunkosten, die durch die Marktlage gebotene Preisbemessung einen gewinnbringenden[126] Absatz gestattete? andererseits unter der Fragestellung: durch welche Mittel kann die Leistung, also sowohl die Leistungsfähigkeit als die Leistungswilligkeit, der Arbeiterschaft derart gesteigert werden, daß durch gesteigerte Ausnützung der Maschinen und Rohstoffe und die dadurch bewirkte Herabsetzung der Lohnkosten – nicht zu verwechseln mit: Herabsetzung des Lohnes, die auf einem andern, uns hier nicht interessierenden, Blatte steht – eine Preisbemessung der Produkte ermöglicht wird, welche einen gewinnbringenden (oder: noch gewinnbringenderen) Absatz gestattet? Das Mittel zur Steigerung der Leistungsfähigkeit und -willigkeit ist bekanntlich teils direkte Prämiierung der Leistungssteigerung durch ein geeignetes Lohnsystem: der einfachste Typus ist das nackte Akkordsystem, – teils »Auslese«, d.h. möglichste Abstoßung minder leistungsfähiger oder leistungswilliger Arbeiter. Die Möglichkeit der Anwendung des letzteren Mittels: die stets drohende Peitsche der »Arbeitslosigkeit«, trägt mindestens in gleichem Maße wie die im Akkordsystem gegebene direkte Abhängigkeit der Höhe des Erwerbes von der Leistung zu jener Entfaltung der Leistungsfähigkeit der Arbeiterschaft bei, welche wir in vielen Industrien, wenn auch ihrem Grade nach durchweg in ganz rohen und vielfach direkt auf falscher Grundlage beruhenden Zahlen berechnet, so doch als Tatsache unzweifelhaft, beobachten können.

Indessen interessiert uns zuerst die Frage: inwieweit die rechnerische Ermittlung des »Leistungswertes« der Arbeiter »exakt« genug ist, um mit ihren Ergebnissen wissenschaftlich etwas anfangen zu können. Das ist nun zunächst ein Problem, das für jede einzelne Industrie verschieden liegt. Mehr, als für die Zwecke der Rentabilitätsermittlung in Vor- und Nachkalkulation nötig ist und im Effekt rentabel zu sein verspricht, rechnet kein Betrieb. Und was dazu nötig ist, hängt ab: 1. von der relativen Bedeutung der Lohnkosten im Verhältnis zu den Gesamtkosten der Produkte der betreffenden Industrie, – 2. von dem Maß, in welchem die Leistungsfähigkeit der Arbeiter von Einfluß auf die Quantität und Qualität des Produktes ist, – 3. endlich von dem Maß an Mühe und Kosten, welche die technisch möglichen Arten der Kontrolle der Leistungsfähigkeit machen. Sowohl bei technisch ungewöhnlich hoher, die Arbeit völlig automatisierender Entwicklung der Arbeitsmaschinen (so für manche Arbeiten in Nähmaschinenfabriken) als bei völliger Abwesenheit[127] aller »Maschinen« im gewöhnlichen Sinn des Worts (Hochöfen) kann der Einfluß der Arbeiter auf das Produkt auf ein Minimum sinken; andererseits hindert das relative Zurücktreten der Lohnkosten innerhalb der Gesamtkosten (Weberei gegenüber der Spinnerei) keineswegs, daß der Einfluß der Arbeitsleistung auf die Qualität des Produktes ein sehr großer sein kann. Es sind bisher nur relativ enge Kreise der Gesamtindustrie, welche, wenn überhaupt rechnerische Abschätzungen der Arbeitsleistung regelmäßig vorgenommen werden, über die Feststellung ganz roher Durchschnittszahlen hinausgehen: etwa der durchschnittlichen täglichen Tonnenförderung der Belegschaft eines bestimmten Schachtes. Daß zwischen solchen Zahlen und den Maßmethoden, die wir in den Laboratorien der Experimentalpsychologen fanden, auch nicht die allerentfernteste Beziehung herzustellen ist, liegt auf der Hand. Aber eine ungeheure Kluft gähnt auch zwischen der »exaktesten«, in der Industrie heute vorkommenden Maßmethode und dem Experiment des Psychologen. Nehmen wir etwa die Maschinen, welche die Zahl der Stiche oder Schläge (Schusterei), oder die Zahl der Touren oder – in der Weberei – die Bewegungen des Schützen automatisch zählen, so geben sie zunächst nur die quantitative Seite der Maschinenleistung (und das heißt: des Maßes der Ausnützung der Maschine durch den Arbeiter) wieder. Nicht nur muß die Qualität des Produktes zum Zweck des Vergleichs noch nebenher festgestellt werden, und nicht nur kann diese letztere nun und nimmermehr im Laboratoriumssinne (wo nach Zahl der »Fehlreaktionen« usw. gemessen wird) »exakt«, sondern immer nur nach gewissen Durchschnitten (z.B. beim Weben unter Kombination von Zahl, Maß und Bedeutung der Webefehler) schätzungsweise festgestellt werden24, – sondern vor allen Dingen drückt sich in der Zahl der Schützenbewegungen und der Einreihung des Produktes in eine bestimmte Qualitätsklasse (z.B. etwa: I-III, wonach man bei Prämiensystemen die Zulassung zur Prämiierung bestimmt) keineswegs die Leistung des Arbeiters aus, sobald er – an der gleichen Maschine und zwar auch bei gleicher Tourenzahl und gleicher Einstellung aller ihrer einzelnen Teile – nacheinander entweder mit Rohmaterial verschiedener [128] Sorten, oder, bei gleicher Sorte, verschieden gut gearbeiteter Qualität zu schaffen hat. Wie außerordentlich stark das z.B. in der Weberei auf die Leistung einwirkt, soll später illustriert werden. Aber auch bei Voraussetzung der Gleichheit aller dieser Bedingungen enthält die mit Hilfe der automatischen Meßinstrumente, – die, im allgemeinen, eben doch immer noch das Maximum der »Exaktheit« darstellen, und, soweit es auf die von ihnen kontrollierten quantitativen Leistungen innerhalb einer Zeiteinheit (Tag, Stunde) ankommt, ja in der Tat »exakt« sind, – gemessene Leistung in sich die ganze Fülle jener früher erwähnten ganz grobschlächtigen Komponenten, welche das Laboratorium ausschaltet. Bei den Maschinen mit jenen Meßvorrichtungen ist es in das Belieben des Arbeiters gestellt und muß es in sein Belieben gestellt sein, die Maschine abzustellen oder sie stellen sich (z.B. bei Fadenbrüchen) automatisch ab und harren der Wiederinbetriebsetzung nach Zusammenknüpfung der Fäden: das quantitative Arbeitsergebnis, welches gemessen werden soll, ist bei ihnen von dem Zeitraum abhängig, in welchem die Maschine nicht gelaufen ist.

Der Grund aber, wegen dessen ein Arbeiter die Maschine abgestellt stehen läßt, langsamer beschickt oder – wo etwa auch dies in seine Hand gegeben ist – langsamer laufen läßt, kann ganz außerhalb des Arbeitsprozesses, den er an dieser Maschine vollzieht, liegen. Er kann, wenn er mehrere Webstühle bedient, den einen abstellen, weil er zeitweise durch Defekte oder Unordnung an einem anderen ausschließlich beschäftigt ist (ein sehr häufiger Fall). Er kann aber auch, wenn er nur einen bedient, diesen sowohl aus technischen Notwendigkeiten seiner Arbeit wie aus Bequemlichkeit, oder um gemächlich zu arbeiten, oder um Lohnherabsetzungen infolge zu hohen Verdienstes vorzubeugen, oder infolge Ermüdung wegen schlechter Tagesdisposition (die auf einer ganzen Anzahl verschiedener im Laboratorium stets sorgsam ausgeschalteter Gründe beruhen kann), häufiger abstellen, als er dies sonst oder als es ein anderer in gleicher Lage täte, ohne daß über diese Verhältnisse die nackte Zahl, die der Meßapparat zeigt, irgend etwas verriete. Immer also bedürfen diese Zahlen der Interpretation und es ist klar, daß diese an Schwierigkeit, wenn man wirklich die Einzelheiten exakt in ihrer Bedingtheit erfassen möchte, so kolossal über allem, was im Laboratorium an ähnlichen Deutungsaufgaben vorkommen kann, steht, daß sie[129] selbst bei alsbaldiger Untersuchung am gleichen Tage und bei bestem Willen zu erschöpfender Auskunft seitens des beteiligten Arbeiters, schwerlich zu Resultaten führen könnte, wie sie das Laboratorium – unsicher genug, wie wir sahen – zeitigt.

Steht es so mit der direkten »Messung« der Arbeitsleistungen, dann ist natürlich die fernere, praktisch sehr wichtige Möglichkeit, die Lohnbuchungen der Fabrikbetriebe, insbesondere die »nackten«, d.h. die unter Abzug aller etwaigen Prämien, Minimallöhne, Zuschläge und »Vergütungen« berechneten Akkordverdienste der Arbeiter, Zahlen also, welche nur den praktischen Endeffekt der Arbeit, absolut nicht dagegen die Art, wie dieser erzielt ist, angeben, zur Grundlage der Ermittlung ihrer Leistungsfähigkeit zu machen, vom Laboratoriumsstandpunkt aus noch ungleich unexakter und direkt entgegengesetzt allen psychophysischen Maßmethoden, welche ja zwar selbstredend von der »Leistung«, dem Effekt des Funktionierens des psychophysischen Apparates, ausgehen müssen, aber die Art, wie der psychophysische Apparat diese Leistung zustande gebracht hat, die Technik seines Funktionierens, zum Objekt ihrer Analyse machen (man erinnere sich der Ausführungen über die Leistungskombination). Da außerdem die Akkordverdienste stets nur für größere Perioden (mindestens eine, regelmäßig zwei Wochen) festgestellt werden, so ist bei ihnen natürlich nicht nur nicht von einer »Beobachtung«, sondern regelmäßig kaum von einer direkten »Anamnese« der näheren Gründe der Leistungsschwankungen zu sprechen: sie müssen günstigenfalls unter Beihilfe persönlicher, aber nie durch Eigenbeobachtung, sondern nur durch Sachkritik zu kontrollierender, Auskünfte erschlossen werden. Will man ferner die Leistung eines Arbeiters, der verschiedene Sorten Waren an einer oder verschiedenen Maschinen herstellt, in verschiedenen Zeitperioden oder gar – und dies ist ja in letzter Instanz die Aufgabe, um derentwillen alle diese Probleme aufgerollt werden – die Arbeitsleistung von Arbeitern verschiedener Provenienz (geographisch, ethnisch, beruflich, sozial, kulturell) für bestimmte Arten von Arbeiten miteinander vergleichen, so ist der »nackte« Akkordsatz im obigen Sinne gar nicht immer verwertbar. Bedient z.B. ein Arbeiter verschiedene Webstühle gleichzeitig, so bedeutet der zeitweilige Stillstand eines von ihnen (infolge[130] Einlegen neuer Ketten oder infolge Defektes) natürlich die Möglichkeit einer Steigerung der Leistung auf den nunmehr übriggebliebenen (wir werden noch untersuchen, in welchem Grade). Der »nackte« Akkordverdienst gäbe in diesem Falle kein richtiges Bild, andere, aber: – s.u. – auf Kalkulation der Betriebsleitung beruhende, Zahlen sind alsdann adäquater. Wechseln ferner die Arbeiter mit den Sorten, so steckt in ihrem »nackten« Akkordverdienste ebenfalls – wie noch zu erörtern sein wird – die Kalkulation des Verhältnisses der »Schwierigkeit« der Arbeit von verschiedenen Sorten durch die Betriebsleitung. Nur bei ganz besonders günstigen Fällen kontinuierlicher und gleichmäßiger Arbeit stoßen wir nicht auf dies, alle Probleme der Akkordbemessung in die scheinbar so »exakten« Zahlen hineintragende Element, dessen Eliminierung oft nur mit erheblichen Schwierigkeiten gelingt und dessen Nichtvorhandensein in den Akkordverdienstzahlen, wenn sie zu Vergleichungen benützt werden sollen, in jedem Falle vorab festzustellen ist.

Trotz aller dieser Vorbehalte sind die unter Rentabilitätsgesichtspunkten gesammelten Erfahrungen der industriellen Betriebe: die Akkordverdienste und die zu Kalkulationszwecken gemachten Berechnungen der »Nutzeffekte«, d.h. des Maßes der Maschinenausnutzung bei gegebenen Produktionsaufgaben durch gegebene Arbeiter die wertvollste von allen zur Verfügung stehenden Handhaben, um von der Seite unserer Methoden her an einer allmählichen Verengerung der Kluft, die uns heute von den Maßmethoden der Experimentalpsychologen trennt, zu arbeiten, – wenn man sie ohne unverständige Illusionen über das, was sie leisten können, gebraucht. Das was sie, wenn man günstige Vorbedingungen aufsucht, zu leisten vermögen, ist keineswegs unerheblich, und es sollen in folgendem einige, wesentlich die Methode betreffende, Bemerkungen darüber gemacht werden.

Bei dem Versuch, die Wandlungen in den Arbeitsleistungen, wie sie sich, sei es in den Akkordverdiensten, sei es in »exakt«, durch Meßautomaten festgestellten Ziffern ausdrücken, kausal zu ergründen, hat man sich gegenwärtig zu halten, daß hier mehrere Kategorien von, ineinander auf ihren gegenseitigen Grenzgebieten übergehenden, dennoch aber in der Art ihres »Gegebenseins« recht verschiedenen Komponenten zusammenspielen. Zunächst, auf der einen »Seite« rationale Erwägungen: wir werden wieder[131] und wieder auf die Tatsache stoßen, daß die Arbeiter ihre Leistung nach Maß und Art planvoll zu »materiellen« (d.h.: »Erwerbs«-)Zwecken regulieren, steigern oder herabsetzen oder, beim Nebeneinander mehrerer Leistungen (z.B. mehrerer Sorten mit verschiedenen Verdienstchancen auf mehreren Webstühlen) in der Art der Kombination ändern. Die »Maxime«, denen solche zweckvolle Regulierungen folgen, können wir durch »pragmatische« Deutung »erschließen«. Auf der anderen Seite verändert sich, quantitativ oder qualitativ, ihre Leistung durch Veränderungen im Funktionieren ihres psychophysischen Apparates, welche ihnen unter Umständen dem psychischen Effekt nach: Erleichterung oder Erschwerung der Leistung, nicht aber dem »dahinter stehenden« psychophysischen Hergang nach ins Bewußtsein tritt, sehr oft aber – ein Beispiel lieferten die Arbeiter der Zeiß-Werkstätten bei Einführung des Achtstundentages – ihnen als Tatsache überhaupt gänzlich verborgen bleibt und nur am Effekt: Leistungsänderung, sichtbar wird. Diese Komponenten können wir ihrer Ursächlichkeit nach mit Hilfe der sog. »äußeren« Erfahrung und als Spezialfälle der durch »Experiment« gewonnenen Regeln, zu »erklären« suchen. Sodann finden sich Komponenten, welche eine spezifische Mittelstellung (nicht: eine Mittelstellung überhaupt: – denn deren gibt es zahlreiche) einnehmen: das sind Vorgänge, bei denen »Stimmungslagen«, die als solche ins Bewußtsein treten, die Arbeitsleistung beeinflussen, ohne daß zugleich der Hergang dieser Beeinflussung, die Mehr-oder Minder- oder Andersleistung, als damit zusammenhängend bewußt »erlebt« würde; solche Vorgänge können wir »psychologisch« verständlich machen. Setzt der Arbeiter seine Leistung herab, um Akkorderhöhung zu erzielen, so ist das, was uns an dem Vorgang interessiert: die »Motive« der Leistungsherabsetzung, weil der Welt des »Gedanklichen« angehörend, unmittelbar »deutbar« und durch keine psychophysische, psychologische, physiologische, biochemische Erwägung in diesen, für uns entscheidenden Punkten (darauf kommt es an) der Ergänzung bedürftig. Auf Komplikationen mit eventuell »psychologisch« zu analysierenden Bedingungen stoßen wir – möglicher-, nicht notwendigerweise – erst wieder beim historischen Regressus auf die Motive, aus denen etwa gerade jetzt eine Akkorderhöhung verlangt wurde, auf psychophysische beim Progressus zu der[132] Frage, wie das bewußte Herabsetzen seiner Leistung z.B. den Uebungseffekt, die »psychomotorischen« Bedingungen seiner Arbeitsleistung usw. beeinflußt habe. Geht die Leistung des Arbeiters infolge von »Stimmungslagen«, – wie dies vorkommt, – »unbewußt« herab, so ist die »Ursache«, d.h. eben jene »Gefühlslage«, introspektiv »nachbildbar«, der Zusammenhang mit dem Effekt ist dagegen »beobachtbar« und aus der psychophysischen Erfahrung als Spezialfall einer Regel »erklärbar«, aber in den kausal interessierenden Punkten nicht immer introspektiv nachbildbar. Machen sich die »Uebungseinflüsse« in dem Maße der Leistung geltend, so ist der kausal interessierende Punkt, je nach dem Maß der Fortschritte der biochemischen Kenntnisse, als Spezialfall einer Erfahrungsregel dieser Wissenschaft begreiflich zu machen, introspektiv nachbildbar ist aber nicht die »Ursache«, sondern lediglich ein für uns nur nebensächlich interessanter, auch nur unter Umständen vielleicht eintretender, gefühlsmäßiger Effekt der gesteigerten Geübtheit. Zahlreiche Kombinationen, Komplikationen und Mittelstufen sind zwischen diesen drei Typen denkbar und empirisch vorhanden. Wir stellen dies Ineinandergewobensein derartig verschiedener, hier übrigens nur in einer ganz provisorischen, ganz und gar nicht wissenschaftlich korrekten Sprache formulierten, Arten von Komponenten hier nur als Tatsache fest: – sie komplizieren das Problem einer rein psychophysischen Behandlung der industriellen Arbeit nicht unerheblich.

Methodisch wichtig wird speziell die Frage sein, ob 1. möglichst umfassende kausale Analyse eines möglichsten Maximums einzelner Leistungs- oder Akkordverdienst-Kurven von Arbeitern, oder aber 2. die Gewinnung eines Materials von großen Durchschnitten aus möglichst vielem, wenn auch gröberem Zahlenmaterial, die Kenntnis von den Bedingungen der Arbeitsleistung sicherer fördert. Da die Ausführungen aller folgenden, namentlich aber der Schlußabschnitte dieser Erörterungen gerade auch zur Beantwortung dieser Frage das Ihrige beitragen möchten, so antizipiere ich hier nur provisorisch einige der mir z. Z. nicht zweifelhaften Sätze. Ich bin 1. überzeugt, daß mit bloßen Durchschnitten – etwa von Akkordverdienstzahlen oder Produktionsergebnissen möglichst großer, sei es auch noch so homogener Schichten einer Arbeiterschaft und der Feststellung von Unterschieden solcher Durchschnitte nach Gebieten,[133] Herkunft usw. – allein gar nichts oder so gut wie gar nichts gewonnen wäre. Wenn die Verhältnisse nicht ganz außergewöhnlich einfach liegen, ist es ein unentbehrliches Gebot, sich genau klarzumachen, wie die Akkordverdienste der Arbeiter im einzelnen zustande kommen, wenn man die Brauchbarkeit dieser Zahlen für die Ermittelung der Leistungsfähigkeit richtig einschätzen will. Es ist andererseits 2. der Satz unanfechtbar, daß schon einige Dutzend von selbst sorgsam ausgezogenen, dann von allen »Zufälligkeiten« gesäuberter und dann auf Höhe des Tagesakkordverdienstes, Schwankungen von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat – wo immer alles dies möglich ist – durchgerechneten und dann ferner selbst, unter steter Rücksprache mit den im Einzelfall besten Sachkennern, insbesondere den Betriebsleitern und, wo dies irgend tunlich ist (und es ist aus zahlreichen Gründen, unter denen der Widerstand der Betriebsleitungen keineswegs der wichtigste ist, leider nur sehr selten tunlich) auch den Arbeitern, kausal analysierten Leistungskurven unendlich lehrreicher ist, als die größte Massenstatistik, die mit fix und fertig übernommenen Durchschnittszahlen arbeitet. Aber allerdings haben auch die Durchschnittszahlen ihr gutes Recht. Sie können 3. allerdings nur wenn man sie hinlänglich nach Arbeiterkategorien und eventuell, nach Durchschnittsleistungen einzelner Arbeiter eines Betriebes differenziert, ausgezeichnete Wegweiser für die Auffindung dessen sein, was auffällig von dem, was man erwarten sollte, abweichend ist: die nach oben oder unten sich abhebenden Fälle sind diejenigen, welche der individuellen Untersuchung zunächst am meisten bedürftig sind. Und 4. nachdem man mit Hilfe von individuellen Einzeluntersuchungen das Verständnis für die Art, wie die Zahlen entstehen, gewonnen hat, wird man auch in der Lage sein, mit den rohen Durchschnittszahlen großer Massenfeststellungen ohne Gefahr ihrer oberflächlichen Ueberschätzung nützlich zu arbeiten: als Abschluß ist die »große Zahl« selbstredend unentbehrlich. Wer immer aber sich an solchen Untersuchungen auch in noch so bescheidenem Maße versucht hat, der muß 5. schließlich und vor allem auch sehen, in wie starkem Maße während der individuellen Untersuchung, als deren Kontrolle, die stete Orientierung an Durchschnitten erforderlich ist, um das gänzlich Singuläre vom generell Erheblichen zu scheiden. Die Einzeluntersuchung[134] hat den Durchschnitt, dieser die Einzeluntersuchung zu kontrollieren. Die Einzeluntersuchung hat daher, beim heutigen Stande der Probleme, vornehmlich »zahlenkritischen« Sinn und Wert.

In den folgenden Ausführungen soll nun nicht etwa der Versuch unternommen werden, sachliche Ergebnisse zu liefern, welche für die hier erörterten Probleme neue Aufschlüsse gäben. Es sind allerdings in diese Erörterungen eine ganze Anzahl von Rechnungen eingeflochten, welche ich auf Grund der mir von den Leitern eines industriellen Betriebes freundlichst zur Verfügung gestellten Lohnbücher und Beobachtungen über das Maß der Ausnützung von Maschinen gemacht habe25. Die Kleinheit des Zahlenmaterials allein schon schließt aber jeden Gedanken daran, daß damit etwas »bewiesen« werden könnte, aus. Die Zahlen haben illustrativen Zweck und sollen ausschließlich zeigen, daß und welche Wege es bei ausreichendem Zahlenmaterial geben würde, aus Zahlen dieser Art mehr herauszuholen, als sie auf den ersten Blick zu sagen scheinen. –

Einleitend soll in folgendem zunächst, ohne alle Gewähr einer (hier ganz irrelevanten) Vollständigkeit, festgestellt werden, was ungefähr heute schon über Schwankungen der Arbeitsleistungen und die wichtigsten der bereits bekannten äußeren und inneren Einflüsse, von denen sie bedingt erscheinen, festgestellt ist und was darüber zunächst weiter und wie es etwa festgestellt werden könnte, um dann erst einige reale Leistungskurven auf die Gründe, die sie bestimmt haben können, und natürlich auch auf die Lücken, die eine solche Untersuchung heute läßt, zu analysieren und methodische Schlüsse daraus zu ziehen. Dann[135] soll schließlich versucht werden, in Kürze auch der Frage näher zu treten, die letztlich im Hintergrunde aller dieser Erörterungen steht: welche Chancen der Versuch, auf ererbter Anlage, kulturelles, soziales und berufliches Milieu als Quellen der Leistungsdifferen zen von Arbeiterschaften zurückzugehen, heute haben kann26.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 109-136.
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