X. Geschlecht, Alter, Familienstand usw. in ihrem Einfluß auf die Arbeitsleistung

[163] Für die Arbeitseignung nach dem Geschlecht liegen eigentlich exakte Untersuchungen vorerst kaum vor. Es käme selbstverständlich darauf an, nur solche Industrien zu behandeln, bei denen wirkliche Konkurrenz der Geschlechter in Betracht kommt. Dazu gehören u.a. breite Gebiete der Textilindustrie. In der Leinenweberei ist der Vorrang des Mannes auf dem breiten Stuhl (für Bettücher u. dgl.) zweifellos: weder in der alten Hausindustrie noch heute dürfte die Verwendung von Frauen dafür in Frage kommen. An den Taschentuchstühlen andererseits scheint mir die Frau entschieden begünstigt. Der einzige Mann, der in dem mir bekannten (schon mehrfach zitierten) westfälischen Betriebe ausschließlich mit Taschentuchweben beschäftigt war – zugleich der einzige auswärtige, und zwar sächsische, Arbeiter des Betriebes –, blieb, obwohl ein geübter Weber im besten Mannesalter (30 bis 31 Jahre alt), mit seiner (nach Abzug aller Zuschläge auf 69,3% der Norma (s. o.) zu berechnenden) Jahresdurchschnittsleistung hinter der Durchschnittsleistung (71,6%) aller während der gleichen Zeit kontinuierlich beschäftigten Taschentuchweberinnen, einschließlich der wenigstgeübten ganz jungen Mädchen, merklich zurück und erreicht knapp 70% der Leistung der besten Taschentuchweberinnen (98,0 und 99,6% bei zwei »pietistischen« Arbeiterinnen, s. o.). Auf den Stühlen für schmales Leinen scheint Männer- und Frauenarbeit miteinander zu konkurrieren, so zwar, daß tüchtige Arbeiterinnen mindestens die gleiche Leistung aufweisen, wie die tüchtigen Männer. Selbstverständlich kommt es dabei auch[163] auf die Sorten an. Bei einer ziemlich dichten Battistsorte z.B., bei welcher auf demselben Stuhl und an derselben Kette ein Mann auf ein durch Heirat ausscheidendes Mädchen folgte, stellten sich die Leistungen des Mannes, im Stundendurchschnitt nach der Zahl der Schüsse gemessen, auf nur 87,3% derjenigen des Mädchens, bei besserer Qualitätsleistung47 des letzteren; wobei zu bemerken ist, daß beide zweistühlig webten, die daneben auf dem anderen Stuhl laufende Sorte bei beiden in Breite, Dichte und Garnsorte gleich war, daß das Mädchen zu den durch Körperkraft und Konzentrationsfähigkeit tüchtigsten Weberinnen, der Mann nur zu den mittelmäßigen Arbeitern gehörte, das Mädchen jedoch unmittelbar vor der Hochzeit stand48. Nur bei sehr gewissenhaften und gleichmäßigen, dabei nicht zu massig gebauten und gewandten schmalstühligen Webern erreicht die männliche Leistung diejenige auch tüchtiger Arbeiterinnen annähernd und übersteigt sie gelegentlich. Der, soviel ersichtlich, tüchtigste männliche Arbeiter dieser Art (Gewerkschaftler) hatte in den 9 Monaten von September 1907 bis Mai 1908 eine Durchschnittstagesleistung im reinen Akkordwerte von 93,6%, das eben erwähnte sehr tüchtige Mädchen eine solche von nur 80,6% der Norm, also um 13,9% der Mannesleistung weniger [wobei wiederum der Einfluß ihrer bevorstehenden Heirat in Betracht kommt49].[164]

Bereits in der Handweberei war die Bedeutung der Frauen und Töchter im Taschentuchweben und wohl meist auch in der Herstellung schmaler Leinen nicht gering, schon weil sie auch im Sommer in höherem Maße dabei bleiben konnten, während der Mann, wenn er Bauer war, wesentlich nur im Winter sich an den Webstuhl setzte. Nicht selten mieteten die Bauern Mädchen (bis zu 9) zum Weben für den Verleger. Bei den Zieglern war das Verhältnis insofern ähnlich als auch hier der Mann nur im Winter am Webstuhl saß. Der geschlossene Betrieb würde, an sich, seinen Arbeitsbedarf nicht nur für Taschentücher, sondern auch für schmales Leinen wohl ganz mit weiblichen Händen bestreiten können, und nur die ungenügende Zahl von Mädchen, die zur Fabrikarbeit bereit wären und ihre größere Unstetigkeit (Heirat!) nötigt zur Heranziehung von Männern, die kostspieliger ist. Denn die geringeren Verdienstchancen der Männer am schmalen Stuhl und ihr Verlangen, doch unter allen Umständen mehr verdienen zu können als die Mädchen, nötigen, abgesehen davon, daß der garantierte Minimallohn der Männer höher ist als derjenige der Mädchen, überdies zur Gewährung von »Geschlechtszulagen« für die am schmalen Stuhl beschäftigten Arbeiter in Höhe von beträchtlich mehr als 1/5 ihres reinen Akkordverdienstes. Und während mit Einschluß dieser Geschlechtszulage die Tagesverdienste der Männer natürlich diejenigen der am schmalen Stuhle beschäftigten Mädchen und auch den Durchschnitt aller Weberinnen überhaupt übersteigen, übersteigen auch so nur die Tagesverdienste der tüchtigsten von ihnen die reinen, ohne Zulage verdienten Tageseinnahmen der tüchtigsten Taschentuchweberinnen, während diese ihrerseits bedeutend über dem Durchschnitt der Tagesverdienste der männlichen schmalstühligen Weber mit Einschluß jener Zulagen stehen.

Die Gründe, aus welchen in diesem Betrieb der männliche Weber – genauer: der Weber mit dem Optimum dessen, was diese (westfälische) Landeseigenart an Qualitäten bietet – sich am vollsten am breiten Webstuhl, das (westfälische) Mädchen sich am besten an den kleinen Taschentücherstühlen (bei voller Angelerntheit: 4 pro Weberin) als Arbeitskraft auslebt50,[165] würden 1. der eingehendsten technischen Analyse der Eigenart der Arbeitsmaschinen bedürfen, die ich hier ganz beiseite lasse, da die vorstehenden, wie alle folgenden Ausführungen dieses Aufsatzes ja nur methodisch-illustrativen Zwecken dienen, nicht aber eine sachlich erschöpfende Monographie darstellen sollen; – 2. würden diese, hier ja nur für einen einzelnen Betrieb festgestellten Tatsachen vor ihrer Verallgemeinerung natürlich der Verifizierung an den Verhältnissen anderer Betriebe bedürfen und es würde sich dann zu zeigen haben, ob sich z.B. der Weber des schlesisch-sächsischen Gebirgsrandes mit seiner ganz anderen Vergangenheit (der schlesische Handwebstuhl wich in den Anforderungen, die er stellte, beträchtlich von den westfälischen ab51, seinen ganz abweichenden Ernährungsgewohnheiten und[166] – was zum Teil damit, zum Teil vielleicht mit Unterschieden der ererbten Qualitäten zusammenhängt – seiner sicherlich erheblich abweichenden Konstitution ähnlich oder ob er sich und eventuell: wiefern er sich abweichend verhält.

Daß, wie früher gesagt, der einzige männliche Weber, der ständig an Taschentuchstühlen beschäftigt ist, zugleich der einzige nicht aus der Umgegend, sondern aus dem Osten (Kgr. Sachsen) rekrutierte Arbeiter des oft genannten Betriebes ist, kann ein Zufall sein, ist es aber vielleicht doch nicht.

Wenn bei Zusammenrechnung der Akkordverdienste (ohne Geschlechtszuschlag) aller männlichen Weber jenes Betriebes einerseits, aller seiner Weberinnen anderseits für August 1907 bis ebenda 1908, soweit sie kontinuierlich während dieser Zeit beschäftigt waren, die letzteren um rund 17% hinter den ersteren zurückbleiben, so ist dafür zu einem Teil die Einrechnung der höheren Einstühligkeitszulage und Extrazulage bei schlechten Ketten bei den Männern, zu einem weiteren Teil die entsprechend höhere Kalkulation der Löhne für die schwerere Arbeit an den ausschließlich von Männern bedienten breiten Stühlen und endlich die zum Teil sehr große Jugendlichkeit der Mädchen verantwortlich. Die geübtesten Taschentuchweberinnen stehen erheblich über dem Durchschnitt der sämtlichen Männer und übertrafen auch die Durchschnittsleistung der breitstühligen Weber in dieser Zeit (94,3%) um 3,6 – 5,4% derselben.

Die Frage, wie das Alter der Arbeiter ihre Leistung beeinflusse, liegt aus bekannten Gründen für jede einzelne Industrie verschieden, noch weit verschiedener als die bekanntlich so stark differierende Lebenserwartung der Arbeiter der einzelnen Berufe. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben, für die einzelnen Industrien, innerhalb ihrer die einzelnen Arbeiterkategorien und für diese wieder nach den einzelnen ethnischen, sozialen und Berufs-Provenienzen festzustellen: wie schnell oder langsam sie ein solches Maß von Leistungsfähigkeit erlangen, daß ihre Verwendung als Vollarbeiter rentabel wird52, wann sie den Höhepunkt ihrer[167] Leistung erreichen, wie lange sie sich auf dieser Höhe behaupten und wann ihre Leistungsfähigkeit so weit sinkt, daß sie nicht mehr als Vollarbeiter, oder schließlich überhaupt nicht mehr für die[168] betreffende Arbeitsart verwertbar sind. Daß ein Arbeiter den Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit aus Gründen des Alters erreicht oder überschritten hat, macht sich zunächst vielleicht generell in ähnlicher Weise erkennbar, wie die Annäherung an das Uebungsmaximum es tut: Abnahme des Tempos des Uebungsfortschrittes. Ob wirklich, könnte nur eine gründliche Prüfung von zahlreichen und dabei untereinander hinlänglich vergleichbaren Fällen dartun. Denn die von mir durchgerechneten Fälle, welche jene Vermutung (aber eben nur als gänzlich provisorische[169] Vermutung) begründen, genügen, ganz abgesehen von ihrer geringen Zahl, auch dem Tatbestand nach, diesen Ansprüchen nicht. Z.B. würde dem Anschein nach gut brauchbar sein eine Vergleichung der beiden weiter oben als Illustration für das Maß der Leistungsschwankungen von Tag zu Tag gebrauchten Leistungskurven zweier Vettern, die in denselben Wochen dieselbe Sorte webten. Die beiden Arbeiter sind um annähernd 10 Jahre im Alter auseinander. In der Tat zeigen sie Unterschiede, die sehr wohl durch die Altersdifferenz mit bedingt sein könnten. – Stellen wir zunächst die Wochendurchschnitte der Tagesleistungen jedes Arbeiters – bei jedem von beiden nach Prozenten seiner Durchschnittsleistung berechnet, – untereinander, so zeigt sich folgendes Bild:


a)b)

(37jährig):(28jährig):

87,5–

107,5103,3

105,197,1

96,190,8

98,9103,5

91,8111,1


Auch die Leistung der jüngeren kollabiert also unter dem (früher bereits erwähnten) Einfluß ungünstiger Feuchtigkeitsverhältnisse, ähnlich wie diejenige des älteren Arbeiters, aber sie steigt, wie schon diese Zahlen zeigen, alsdann wesentlich rapider an, so stark, daß sich für die Verhältnisse der beiden Leistungen untereinander, wenn man die Leistung des einstühlig arbeitenden Webers a = 100 setzt und damit die des zweistühlig arbeitenden b vergleicht, folgendes Prozentverhältnis von b: a für die einzelnen Wochen, während deren beide entziffert sind, ergibt:

76,1 73,5 74,7 82,7 97,3

Die Zahlenreihe zeigt, daß der jüngere Weber (b) zwar etwas (2. Woche) schneller, aber (3. Woche) weniger stark kollabiert ist als der ältere, und daß er, obwohl er doch neben der von beiden gewebten Sorte noch einen zweiten Webstuhl (mit einer allerdings, wie fast stets, leidlich glatt laufenden Halbleinensorte) zu bedienen hatte, dennoch zuletzt den Wochendurchschnitt von a fast erreicht hatte. Ist dies nun – ganz oder teilweise – Folge der Altersdifferenz? Der jüngere der beiden Arbeiter zeigt, wie aus den bei früherer Gelegenheit angeführten Zahlen über die Tagesschwankungen hervorgeht, ein viel größeres Schwanken der Tagesleistungen als der ältere: das absolut höchste und niedrigste Leistungsniveau eines Tages standen bei ihm um 50% weiter auseinander, als bei diesem, die höchste Schwankung[170] zwischen zwei aufeinander folgenden Tagen um rund 18 – 20%, der Durchschnitt aller Schwankungen von einem Tag zum andern um über 40%. Er erscheint also »labiler« (ermüdungsfähiger), andererseits zeigt er sich »übungsfähiger« als der ältere Arbeiter, der sein Vetter ist. Die Betriebsleitung betrachtet auf Grund der mit ihm gemachten Erfahrungen seine für die Arbeitseignung relevanten Qualitäten, insbesondere die Schnelligkeit des Reagierens und die Lernfähigkeit als individuelle Eigentümlichkeit, und ist der Ansicht, daß sie ihn auch gegenüber als jüngerem (33 jährigen) Bruder auszeichnen. Nehmen wir nun aber eine Leistungskurve dieses Bruders (c) bei einstühliger Arbeit an einer ziemlich lockeren Halbleinensorte vom 21. 2. bis 31. 3. 1908, so zeigt sich folgendes Bild der Wochenleistungen (in % seines Durchschnitts): 88,0. 91,9. 88,3. 99,5. 104,2. 107,8. 114,7, – also, mit einem Rückschlag in der dritten Woche, stetiger Uebungsfortschritt. Dabei sind jedoch die Schwankungen auch bei ihm sehr bedeutende: Der Unterschied zwischen der Höchst- und Mindest-Tagesleistung der Periode ist 76,4 (66,7) % der niedrigsten, 55 (50) % der Durchschnittsleistung, der größte Unterschied zweier direkt aufeinander folgenden Tage 59 (33,6) % der niedrigeren, 42 (31,7) % der Durchschnittsleistung (die Zahlen in Klammern bezeichnen die nächsthöchsten Differenzen und sind beigefügt, weil die absolute Mindestleistung vielleicht durch einen nicht registrierten, weil in seinen Folgen nicht besonders weittragenden »Schützenschlag« bedingt war). Die durchschnittliche Schwankung zwischen je zwei Arbeitstagen beträgt 13,5%, also nur 1/2% weniger als bei dem jüngeren Vetter, obwohl Halbleinenqualitäten relativ glatt zu laufen pflegen und die Jahreszeit günstig war.

Nehmen wir dazu schließlich noch die Leistung eines mit diesen 3 Arbeitern nicht verwandten, als weit weniger geschickt und brauchbar als sie gelten den Webers d dazu, der (40 Jahre alt) a um 2 Jahre an Alter übertrifft und im Mai, Juni und Anfang Juli 1908 eine schmale Leinensorte mittlerer Dichtigkeit neben Halbleinen verarbeitete, so zeigt sich folgendes Bild: Wochenleistungen in % seines Durchschnitts: 96,6. 89,5. 95,3. 106,0. 106,4. 106,4. 92,6. 110,8. 99,3. 101,0. 103,0.

Man findet auch hier eine große Langsamkeit des Ansteigens der Leistung, wenn auch, anders als bei a, ausgeprägtes Steigen. Stellt man die Wochen untereinander, in denen[171] diese beiden Arbeiter gleichzeitig gearbeitet haben, so ergibt sich:


a)d)

87,5106,4

107,5106,4

105,192,6

96,1110,8

98,999,3

91,8101,0


Da ist keinerlei Parallelismus zu finden. In der meteorologisch ungünstigen (4.) Woche erreicht d seinen Höhepunkt, während a sinkt. Und wenn man auf die Tage dieser kritischen Woche zurückgeht, zeigt sich folgendes:


Hygrometerstand:a)d)

76113,1115,6

7789,3115,1

7089,3122,6

6476,7102,8

75109,198,8

769,93109,3


Bei d trat also ein Rückgang ebenfalls ein, seine Wirkung zeigt sich erst nach dem ungünstigsten Tage in vollem Maße, während er bei b schneller als bei a und erst recht als bei d eintrat. Die zahlreichen möglicherweise mitspielenden Zufälle hindern hier vorerst die Deutung. – Der Durchschnitt der Abweichungen von einem Tag zum anderen ist bei d mit 11,4% der Durchschnittsleistungen schwächer als sowohl bei b, wie bei a's jüngerem Bruder c, dagegen, wohl infolge der Doppelstühligkeit, stärker als bei a (81/2%); die Differenz des Maximums und Minimums beträgt 66,7% der niedrigsten und 47,9% der Durchschnittsleistung, die höchste Differenz von einem Tage zum andern 56,5% der niedrigeren und 41,5% der Durchschnittsleistung. Das sind nur wenig niedrigere Maximalschwankungen als bei b (dem jüngsten [28jährigen] Arbeiter: s. früher) und auch als bei c (a's jüngerem, 33jährigen Bruder), dagegen erheblich höhere als bei dem 37jährigen a: die Zweistühligkeit ist hier wohl das störende Element. Durch den Einfluß dieses Umstandes wird dies Beispiel überhaupt derartig stark entwertet, daß es eben nur als ein »Beispiel« für einen bereits anderweit, durch zahlreiche gleichartige und unverdächtige Fälle als typisch erwiesenen Sachverhalt brauchbar wäre. Indes andere, diesen Fällen auch in bezug auf die geringere »Uebungsfähigkeit« (d.h. die geringere Fähigkeit des Sich-Einarbeitens in neue Sorten, welche schon gegen das 40. Lebensjahr einzutreten scheint) nicht unähnliche Beispiele, die ich anführen könnte, sind aus wiederum anderen Gründen – stets: weil noch andere Momente, die den Sachverhalt erklären könnten, vorliegen – nicht unbedingt schlüssig. Vorerst muß es dahingestellt bleiben, inwieweit bei[172] den Unterschieden, die in diesem Fall hervortreten, die Altersdifferenz mitspricht. Soweit dies etwa der Fall sein sollte, würde der geringere Uebungszuwachs bei den beiden alten Arbeitern (a und d) wohl am ehesten darauf zu schieben sein53. Indes nur eine Beobachtung genügend großer Zahlen von sorgsam auf ihre Schlüssigkeit durchgerechneten Fällen, und dann – wo dies möglich ist – die Kontrolle an Durchschnittslöhnen großer Betriebe könnten uns hier über unsichere Vermutungen hinausführen. Die älteren Jahrgänge der Arbeiter des Zeiß-Werkes haben s.Z. die durch den Achtstundentag gebotene Arbeitsintensivierung überraschend gut geleistet, besser, als die Mehrzahl der jüngeren Jahrgänge (Intensitätssteigerung in den ersten 4 Wochen nach Einführung des Achtstundentages: bei den über 40jährigen Arbeitern = 100: 117,4, höher nur bei den jüngsten Jahrgängen, 22 – 25 Jahre: 100: 117,9, bei den anderen je 5 Jahrgänge von 25 – 40 Jahren zusammenfassenden Gruppen: 100: 116,7 bzw. 114,9 bzw. 115,8)54. In der Leinenweberei scheint recht oft bald nach und zuweilen vor dem 40. Lebensjahr die erforderliche Schärfe des Auges nachzulassen.

Hier kam es ja nicht darauf an, Resultate zu erzielen, sondern: an einem für die Gewinnung von solchen wenig geeigneten Beispiele zu zeigen, wie sie etwa gewonnen werden könnten. Auf Einzelheiten der sonstigen Probleme, die mit der Wiedergabe der obigen Zahlen ja nur angerührt wurden, ist später zurückzukommen.

Was endlich den Einfluß des Familienstandes betrifft, so verfüge ich darüber nicht über Material. Bekannt ist, daß namentlich die Abneigung der Arbeiter gegen die Gleichförmigkeit der Arbeit, wenn diese nur sicheres Einkommen bringt, im allgemeinen und sehr begreiflicherweise entschieden abnimmt, wenn sie erst einmal Familienväter sind. Möglich auch, daß die Monotonie dann von ihnen »psychophysisch« leichter ertragen wird, da der Einfluß des Alkohols, generell wenigstens, zurückzutreten pflegt55. Exakte Untersuchungen über alle diese[173] Verhältnisse liegen nicht vor. Beachtenswert, aber auch der umfassenden Nachprüfung bedürftig sind die Ausführungen von H. Bille-Top56, wonach bei den Verehelichten der Akkordverdienst um durchschnittlich etwa ein Jahrfünft länger als bei den Ledigen (bei diesen bis zum 30., bei den Verheirateten bis zum 35. Jahre) steigen resp. auf der Höhe bleiben soll. Das alsdann beginnende Sinken soll bei den Ledigen um ein volles Jahrzehnt früher (mit dem Jahrfünft vom 40. zum 45. Jahre) einen sprunghaften Absturz zeigen, als bei den Verehelichten [50. – 55. Jahr]57. Lässigere Arbeit und frühere Erschlaffung sollen die häufige Folge zu lange – d.h. wohl über das Jahrfünft vom 25. – 30. Lebensjahr hinaus – dauernder Ehelosigkeit sein. (Es versteht sich dabei, daß »Ehelosigkeit« in der Arbeiterschaft, zumal einer Stadt wie Kopenhagen mit dem Weltrekord der Ungebundenheit, nicht das Entfernteste mit sexueller Frugalität zu schaffen hat: im Gegenteil, entscheidend für die »Leistungsfähigkeit« ist – die generelle Richtigkeit der Beobachtung vorausgesetzt –, die relative »Ordnung« der Lebensführung durch die Ehe, nichts anderes.)

Da über die im allgemeinen genügend bekannte Wirkung des Alkohols auf die Leistungsfähigkeit zu der unermeßlichen Literatur hier Neues ebenso wenig hinzuzufügen ist58, wie dem, was über den Einfluß der Wohnungsverhältnisse und der Länge des Weges zur Arbeit schon oft gesagt ist, und da das, wie ich glaube, keineswegs irrelevante Sexualleben der Arbeiter in seinen Zusammenhängen mit der Arbeitsleistung noch gar nicht erforscht ist59, so brechen wir hier die Erörterung der einzelnen, die Gestaltung der Leistungskurven generell beeinflussenden Momente ab.[174]


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 163-175.
Lizenz:

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon