XIV. Analyse einzelner Arbeitsleistungen

und ihre Entwicklung

[219] Wir beginnen mit einer Arbeiterin, deren Leistungen gänzlich den Charakter reiner Handarbeit an sich tragen: der »Andreherin«, welche in diesem Betriebe auch die Arbeiten des »Einlegens«, »Einziehens« und »Blattstechens«, also die ganze rein manuelle Vorbereitungsarbeit an der zur Verarbeitung bestimmten Kette zu vollziehen hat. Die für die Verdienstchance und Arbeitsökonomie in erster Linie wichtige Teilarbeit (die unter andern Verhältnissen, d.h. sowohl in größeren Betrieben wie mangels einer so hoch wie hier qualifizierten Arbeitskraft, unter mehrere Arbeiterinnen spezialisiert zu sein pflegen) ist das Andrehen, und es scheint, daß die Leistung in dieser, hauptsächlich aus unaufhörlich aufeinanderfolgenden, möglichst schnellen, drehenden Handgriffen an vorher mit ebenfalls größter Schnelligkeit richtig ausgesuchten Fäden bestehenden Arbeit in sehr hohem Maße von natürlicher Anlage (bestimmten Fingergeschicklichkeiten) abhängig ist, außerdem absolute Unempfindlichkeit gegen die unerhörte Eintönigkeit der 10 und mehrere Male in der Minute sich wiederholenden, absolut gleichen und dabei genaues Hinsehen erfordernden, hastigen Handbewegungen voraussetzt. Die an dern Arbeiten – deren relative Dauer und Schwierigkeit am einfachsten durch das Verhältnis der auf je 1000 Fäden berechneten Akkordsätze: Andrehen: Einlegen: Einziehen: Blattstechen = 100: 40: 140 (bzw. 174)98: 30 charakterisiert wird – geben an Eintönigkeit dem »Andrehen« wenig nach, doch dürfte die Leistung in ihnen nicht in gleichem Grade Funktion natürlicher Anlage sein wie dort. Die Stellung der Arbeiterin im Produktionsprozeß bringt es mit sich, daß das Maß ihrer Beschäftigung und auch die Art der Verteilung derselben unter jene vier Arbeiten, die ihr obliegen, permanent, je nachdem neue Ketten eingelegt werden, wechselt. Man gewinnt ein Bild davon wohl am besten durch die in Tabelle IV wiedergegebenen Zahlenreihen. Zu bemerken ist dazu: die Akkordsätze der Arbeiterin, die in jüngeren Jahren Handweberin war, dann aber Garten- und andere Arbeit tat und von der Beschäftigung im Garten des[219] Chefs in die Fabrik eintrat, anfangs den halben Tag dort, die andere Hälfte im Garten arbeitete und seit Februar 1907 voll im Akkord beschäftigt war, wurden – gemäß einer gleich anfangs ihr gemachten Ankündigung – von Juni 1907 an um 10% ermäßigt99. Wie es nach der Tabelle – Zeile 4 e – als wenigstens möglich erscheinen muß, reagierte die Arbeiterin darauf vor dem kritischen Monat mit niedriger, dann aber, nachdem trotzdem die Herabsetzung eingetreten war, mit so stark steigender Leistung, daß diese im Verdienst die Herabsetzung mehr als ausglich. Eine zweite ihr für die Zeit nach dem September 1907 angekündigte Herabsetzung um nochmals 10% (gegen welche die Arbeiterin vielleicht im September mit der in diesem Monat sinkenden Leistung – s. Zeile 4 e – reagierte), unterblieb, da inzwischen die gewerkschaftliche Bewegung zunahm und die Arbeiterin auch so hinlänglich rentabel war. Die niedrigeren Leistungen in den vier dunklen Monaten im Winter 1907-1908 (November bis Februar) erklären sich wohl, wie bei vielen andern Arbeitern, zum Teil aus der größeren Arbeitsmühe bei künstlichem Licht. Der starke Absturz im September 1908 erklärt sich daraus, daß die Depression und Betriebseinschränkung dieses Monats besonders intensiv gerade auf die Andreherin wirkt, deren Beschäftigungsgrad ja besonders eindeutig von der jeweiligen Inangriffnahme neuer Ketten, also vom Maß der Bestellungen abhängt: wie Zeile 2 ergibt, ist sie nur 15 Tage (von den 26 Arbeitstagen des Monats) im Akkord beschäftigt gewesen, hat also um das Doppelte mehr unter der Einschränkung gelitten, als die andern Arbeiter, indem sie nur bis zu 4 Tagen in der Woche Arbeit fand und namentlich die Beschäftigung beim »Einziehen« auf fast 1/5 sank. Ueberhaupt ist, auch in Zeiten der Vollbeschäftigung, für die Leistung der Arbeiterin, jedenfalls für ihre Leistung in einer ihrer vier Einzeltätigkeiten, durchaus der jeweilige Bedarf des Betriebes maßgebend. Wie Zeile 1 und 2 ergeben, ist in 11 von 19 Monaten die Zeit der Akkordarbeit von der überhaupt geleisteten Arbeitszeit verschieden, und die Zahlen in Zeile 5 zeigen, daß selbst bei Zusammenrechnung je eines ganzen Quartals die Zusammensetzung des Gesamtverdienstes aus den Verdiensten an den 4 Einzelarbeiten ohne Regel wechselt.


Tabelle IV. Entwicklung der Tagesakkordverdienste einer Arbeiterin bei reiner Handarbeit (März 1907 bis September 1908).⋼
Tabelle IV. Entwicklung der Tagesakkordverdienste einer Arbeiterin bei reiner Handarbeit (März 1907 bis September 1908).⋼

[220]

Natürlich könnte dabei auch ein verschiedenes Maß von Uebungszunahme in den verschiedenen einzelnen Arbeiten mitspielen. Aber die Zahlen in Zeile 4 a-d mit ihrem gänzlich regellosen Wechsel der Leistungen in je einer der Arbeiten zeigen, daß davon jedenfalls nichts für uns erkennbar sein würde. Was dagegen gerade angesichts dieses lediglich durch jeweilige Betriebsbedürfnisse bedingten starken Arbeitswechsels in hohem Maße interessiert, ist die aus Spalte 6 ersichtliche Tatsache eines Uebungsfortschritts um ein volles Drittel der Leistung des März 1907, welcher seinerseits bereits der zweite Monat der Beschäftigung der Arbeiterin war. Zugleich lehrt uns der Vergleich dieser klaren und eine stetige Entwicklung zeigenden Zahlen, welche sich bei Zusammenfassung dieser großen, 6 Monate umfassenden Periode ergeben, mit der Regellosigkeit der Zahlen, welche monatliche und selbst vierteljährliche Perioden100 ergeben, wieder, was schon früher mehrfach hervortrat, daß erst die Vergleichung großer Durchschnitte darüber entscheidet, ob man es bei Unterschieden der Leistung mit »Zufälligkeiten« oder mit Differenzen, die in Uebungs- oder Anlage-Unterschieden begründet sind, zu tun hat. Dem starken Uebungsfortschritt des Mädchens entspricht seine Eigenart: die Arbeiterin ist 42 Jahre alt und von so starkem Erwerbssinn, daß sie, als das Kostgeld, welches sie ihrer Familie gab, um 10 Pfg. unterboten wurde, von dieser fortzog. –

Wir wenden uns nun den Verdienstkurven einiger Maschinenweber zu.

Die Entwicklung der Verdienstzahlen eines der in Tabelle I aufgeführten einstühligen Webers (b) haben wir im wesentlichen schon oben bei Besprechung der Schwankungen analysiert. An der mäßig dichten, aber ziemlich breiten Sorte, die er bis zum 20. Dezember bearbeitete, hat er im ganzen gut verdient und im September (110%) und November (108,5%) Qualitätsprämien bezogen, während die Weihnachtszeit sinkende Leistung und, infolge Kettenwechsel und niedriger Anfangsleistung nach einwöchentlicher Unterbrechung, Zurückbleiben hinter dem Normalverdienst brachte. Anfang Januar, nach Uebergang zu einer[222] leichteren Sorte mit haltbarerem Material, schnellte sein Verdienst zu außerordentlicher Höhe empor (127%) infolge quantitativ sehr bedeutender Leistung. Doch bezog er trotzdem keine Prämien, scheint also infolge der schnellen Arbeit qualitativ nicht genügt zu haben: er ist ein Mann in mittleren Jahren, sehr kräftig, aber weder schnell noch besonders gewandt. Die Wochenleistungen101 an dieser neuen Sorte steigerten sich vom Dezember bis Mitte Januar von 65,6 zu 87,6-96,4-113,5%, dann erfolgte – wohl infolge der damaligen starken Kälte – ein Rückschlag auf 98,3, sodann ein Wiederansteigen auf 108,6 und Anfang Februar 110,9%, worauf Mitte Februar das Kettenende mit 88,6% folgt. Der Verdienst im Februar hält sich, weil die Leistungen am Kettenende der alten und am Anfang der damals beginnenden neuen Sorte niedriger waren, nur auf Normalhöhe (100,3%). Diese neue, schwerere Sorte, hat der Arbeiter dann in zwei Ketten bis in den Juni bearbeitet, mit folgenden aufeinander folgenden Wochenleistungen (stets: % des Durchschnittes seiner Leistung an dieser Kette): 89,6-96,4-96,5-99,2 (Mitte März), worauf eine längere Krankheit des Arbeiters folgte, und dann im April folgende Leistungen: 88,5-101,7-90,8-110,9 bis 105,3-111,7; dann (im Mai) nach Vornahme einer Aenderung am Stuhl: 92,8-111,1, 1-96,7 (Kettenende Anfang Juni). Monatlich erzielte der Arbeiter im März 101,7, im April 104,3, im Mai vor der Aenderung am Stuhl 116,7 der Februarleistung und sein Verdienst pro Tag hob sich infolgedessen von 100,3% im Februar auf 110% im April (der März ist im Verdienst nicht vergleichbar, da damals der Arbeiter anfangs unstet arbeitete, dann längere Zeit gar keine Arbeit tat). Die Leistung sinkt dann im Mai infolge der Stuhländerung und der entsprechenden Aenderung des Akkordes auf 90,6 der Februarleistung, und der Verdienst auf 89,5% des Normalverdienstes. Das Ansteigen vom Februar zum Mai wird vielleicht z. T. Folge der sich mit der Jahreszeit bessernden allgemeinen Arbeitsbedingungen sein. Daß aber auch der Uebungsfortschritt stark mitspielt, scheinen die Zahlen nach der Stuhländerung (Steigung der Wochenleistung von anfangs nur 92,8 auf 111,1%) zu zeigen. Der Juni ergibt mit 102,3% einen angesichts des Sortenwechsels leidlichen Verdienst:[223] auf die neue, besonders leichte und nur 121/2% schmälere Sorte hat sich der Arbeiter offenbar mit großem Eifer gestürzt und anfangs auch günstige Fortschritte erzielt. Dann aber erlahmte er sichtlich: die Wochenleistungen bewegen sich von 87,5% in den ersten Tagen zu 107,5-105,1-96,1-98,8-91,8% (Mitte Juli), dergestalt, daß der Arbeiter hier von einem jüngeren zweistühlig arbeitenden Vetter überholt wurde, wie dies früher102 erwähnt worden ist. Außer starker Trockenheit in der einen Juniwoche und der (übrigens relativ mäßigen) Julihitze spielte dabei neben der, wie erwähnt, nicht sehr großen Gewandtheit des Arbeiters auch – was zu den Bemerkungen im vorigen Aufsatz S. 145 hinzuzufügen ist – der Umstand eine Rolle, daß diese nur gelegentlich auf Bestellung hergestellte Sorte für den schweren großen Stuhl, den der Arbeiter bediente, schlecht paßte. Der Juliverdienst stellte sich demgemäß, da überdies der Uebergang zu einer neuen Sorte von gleicher Dichte wie die vom Februar bis Juni gearbeitete, dabei aber von beträchtlich größerer Breite, erfolgte, etwas unter normal (99,1). In dieser neuen Sorte hat dann aber der Arbeiter im August gut (114,6% der Norm) verdient und dabei auch zum erstenmal die von der Lohnkosten-Kalkulation als »Soll« zugrunde gelegte Norm erreicht (s. die Zahlen S. 205) und dabei auch qualitativ sich auf solcher Höhe gehalten, daß er zum erstenmal seit November wieder Prämien verdiente. – Sieht man von den beiden leichten Sorten (Januar/Februar und Juni/Juli) ab, so wird man sagen dürfen, daß der Arbeiter sich vor zunehmend schwierige Arbeit gestellt sah, daher – seiner langsamen Natur entsprechend – nur langsam sich in die jeweils neuen Aufgaben hineinfand, ihnen aber doch stetig zunehmend gerecht wurde. Es fällt ihm aber ganz offensichtlich leichter, die rein mechanische Mehrarbeit zu verrichten, welche grobe Sorten (mit häufigerer Neufüllung des Schützen und großen, die Körperkräfte und die Sicherheit des Auges in Anspruch nehmenden Breiteverhältnissen) verlangen, als Erfolge bei der Bedienung feiner und dabei brüchiger Sorten zu erzielen. Die Schwankungen in seinen Monatsverdiensten in Tabelle I erklären sich nach dem Vorstehenden teils aus unsteter Arbeit (Weihnachten), teils aus einer Unterbrechung durch Krankheit (März), teils aus besonderen Schwierigkeiten mit einer für den Stuhl nicht ganz geeigneten Sorte (Juni), im übrigen aber [224] durchweg aus Ketten- und Sortenwechsel oder Aenderungen am Stuhl. –

Ein anderer der in Tabelle I aufgeführten Arbeiter (g), etwas jüngerer (33 Jahre alter) Vetter des vorigen, vollzog nach dreimonatlichen überdurchschnittlich guten Leistungen auf zwei Stühlen des Modells II (ohne die Geschlechtszulage im August und Oktober fast die volle Norm) im November den Uebergang zum Modell I, auf dem er einstühlig arbeitete. Sein Einarbeiten in die neue Aufgabe vollzog sich, wie die Tabelle zeigt, nur stoßweise. In den Monaten November und Dezember ist die Leistung für einen an sich tüchtigen Weber, wie er es ist, außerordentlich niedrig, 33 bzw. 23% unter der Norm. Erst im Januar an einer groben Sorte mit sehr haltbarem Material begann er stark zu steigen, leistete mehr als das kalkulationsmäßige Soll und verdiente im nackten Akkord beträchtlich (18%) über den Durchschnitt. Indessen dieser starke Anlauf hielt in den nächsten Monaten zunächst nicht ganz vor: den höheren Leistungsansprüchen, die an die folgenden schmäleren, aber dichteren und um 25% in der Garnnummer und außerdem in der Garnqualität feineren Sorten (des gleichen Materials) gestellt wurden, vermochte er trotz herabgesetzter Tourenzahl nicht zu genügen, was sich in seinen unternormalen Akkordverdiensten bis Juni in der Tabelle ausdrückt. Erst mit dem Uebergang zu breiteren, mäßig dichten Sorten aus sehr feinem Garn besserten sich seine Leistungen, die vom Juni bis August noch ungleich waren, im Herbst beträchtlich und überschritten im Oktober und November das Kalkulations-Soll dieser, aus weit brüchigerem Material hergestellten, Waren. Die für die quantitativ bestimmbaren Verhältnisse von Sorten und Leistung seit Januar 1908 charakteristischen Zahlen sind die folgenden:


XIV. Analyse einzelner Arbeitsleistungen und ihre Entwicklung

Die Akkordverdienste und Leistungen in den 5 Sorten pro Monat, die letzteren in % der Durchschnittsleistung (und eingeklammert in % der Soll-Leistung), verlaufen bis dahin wie folgt:

XIV. Analyse einzelner Arbeitsleistungen und ihre Entwicklung

[225]

Im Monat September steigt die Leistung an Sorte 4 beträchtlich: es liegt die Annahme nicht fern, daß dieser Arbeiter durch die größere Ruhezeit infolge der Betriebseinschränkung (freier Samstag) besonders stark in der Leistungsfähigkeit und -willigkeit gesteigert wurde. Denn die Leistung in der 5. Sorte, mit der er im Oktober begann, steigerte sich im November nach Fortfall der Betriebseinschränkung nur auf 101,0% der Oktoberleistung, wofür allerdings die stets ungünstig einwirkende künstliche Beleuchtung mit verantwortlich sein mag, außerdem aber auch der Umstand, daß Garnfeinheit und Garnbleiche bei der 4. und 5. Sorte dieselben Verhältnisse aufweisen, mithin die 5. Sorte durch die 4. bereits vorgeübt war und wohl daher von Anfang an in der Leistung hoch einsetzte. Der im ganzen recht tüchtige Arbeiter zeigte bei den Sorten, die er bearbeitete, bezüglich seiner wochenweisen »Einarbeitungs«fortschritte folgendes Bild: Seine Leistungsziffern betragen in Wochendurchschnitten % der in der betreffenden Sorte geleisteten Durchschnitte:


XIV. Analyse einzelner Arbeitsleistungen und ihre Entwicklung

Man sieht, um wie viel undeutlicher die Erscheinungen des Uebungsfortschrittes (speziell bei Sorte 4 und 5) hier werden, als wenn man ganze Monate zusammenfaßt; insbesondere sind sie auch undeutlicher als bei dem vorigen Arbeiter (b). Die Schuld tragen bei den beiden letzten Sorten die schon erwähnten Verhältnisse, außerdem hat in der 7.-9. Woche der 4. Sorte der Arbeiter aus irgendeinem Grunde nur unstet gearbeitet; an dem Kollaps (auf 89,1) in der 6. Woche der 3. Sorte könnten[226] ungünstige hygrometrische Verhältnisse (Sinken des Sättigungsgrades an einem Tage bis auf 68%) Einfluß gehabt haben. Im übrigen zeigen die Durchschnitte der (allein vergleichbaren) ersten 6 Wochen trotz der scheinbar ganz willkürlichen Abweichungen im einzelnen doch einen immerhin leidlich rhythmisch aufgetreppten Fortschritt von 91,5% der Durchschnittsleistung an der Kette in der ersten Woche zu 94,7-97,3-97,1 bis 103,7-100,4% in den folgenden 5 Wochen oder von 93,1% in den ersten beiden zusammen zu 97,2% in der dritten und vierten und 102,0% in der fünften und sechsten. –

Es mag hiemit an Beispielen aus dem Gebiet des für die Beobachtung der einfachsten Komponenten der Leistung besonders günstigen einstühligen Webens genug sein, da das, worauf es ankommt, durch das Gesagte hinlänglich illustriert ist: die ganz überragende Bedeutung, welche die jeweils bearbeitete Sorte und vor allem der Sortenwechsel für die Bewegung der Leistungs- und Verdienstziffern hat. Es darf hinzugefügt werden, daß von den starken Schwankungen, welche die Akkordverdienstzahlen in Tabelle I zeigen, nach Abzug eines Bruchteiles von etwa 1/2, welcher durch rein persönliche (speziell: Krankheit und ähnliche) Störungen oder durch Einflüsse der Jahreszeit oder Witterung bedingt erscheinen, fast der ganze Rest auf Sortenwechsel zurückzuführen ist.

Darin drücken sich teils die mechanischen Bedingungen der Arbeit (Kettenanfang und Ende) aus, teils die Unterschiede der Eignung der Arbeiter für die einzelnen Sorten (namentlich: größere oder geringere Schnelligkeit der Reaktion und damit verbundene Unterschiede der geistigen »Beweglichkeit«, daneben aber selbstverständlich eine große Zahl anderer individueller Differenzen der qualitativen Arbeitsereignung), teils: die Notwendigkeit der »Einarbeitung« in jede neue Arbeitsaufgabe – und eine solche stellt ersichtlich jede neue Sorte oder Kette, nur in verschiedenem Maße – also: die Uebungsverhältnisse, teils endlich – und damit kommen wir auf ein in den früheren Ausführungen schon einmal berührtes Moment – die durch die Eigenart der Arbeitsbedingungen erzeugte (bewußte oder unbewußte) »Stimmungslage« der Arbeiter bei der Arbeit. Der Einfluß dieses Umstandes sei noch an einigen Beispielen illustriert.

Daß die Qualität des Garnmaterials und die Sorgfalt der Vorbereitung der Kette, insbesondere der Schlichtereiarbeit, auf die[227] Stimmungslage der Arbeiter von erheblichem Einfluß ist, bildet eine in der ganzen Weberei bekannte Erscheinung und zeigt sich sehr deutlich auch in den Antworten der Textilarbeiter auf die Frage des Levensteinschen Fragebogens nach der »Arbeitsfreude«. Zwar wird der Ausfall an Akkordverdienst bei schlechten oder schlecht geschlichteten Ketten wohl überall durch Spezialzulagen auszugleichen gesucht. Immer aber bleibt dabei – für die subjektive Empfindung des Arbeiters – die unvermeidlich arbiträre Bewilligung solcher Zulagen an sich, die Unsicherheit, ob sie ihm den bei tadellosem Material und gleich starker Anspannung möglichen Verdienst ersetzen werde (was, weil es sich nicht strikt beweisen läßt, begreiflicherweise subjektiv von ihm[228] fast stets bezweifelt wird) und die Tatsache der fortwährenden Störung und gesteigerten qualitativen Unannehmlichkeit der Arbeit bestehen und muß auf die innere Attitüde zur Arbeit zurückwirken. Wie nachhaltig eine solche Rückwirkung sein kann, auch nachdem ihre Ursache längst beseitigt ist, zeigt z.B. das Verhalten eines 30jährigen, seiner Begabung und Geübtheit nach sehr tüchtigen zweistühligen Webers, wie es die nachfolgenden Zahlen widerspiegeln (Tabelle V).


Tabelle V. Gesamt- und Stuhlverdienste eines zweistühligen Webers.⋼
Tabelle V. Gesamt- und Stuhlverdienste eines zweistühligen Webers.⋼

Die Zahlen ergeben bis zur zweiten Hälfte Mai einen ganz augenscheinlich sehr bedeutenden Anstieg der Leistungsfähigkeit. Zwar zeigt die große Mehrzahl von Perioden, in welche ein Sortenwechsel fällt, ein Sinken derselben, meist auf demjenigen Stuhl, auf[229] welchem der Wechsel stattfand, zuweilen – wenn der Arbeiter auf diesem Stuhl besondere Anstrengungen machte – auf dem andern. Und ebenso schwanken auch unabhängig vom Sortenwechsel die Leistungen erheblich: eine Folge der Berechnung der Akkordleistung nach dem abgelieferten Quantum, welche namentlich bei der Rechnung nach Halbmonatsperioden starke nur scheinbare Schwankungen der Leistung ergeben muß. Aber: das Steigen der Gesamtleistung ist ganz offensichtlich und um so zweifelloser ein Ausdruck für eine entsprechend gesteigerte generelle Qualifikation als Weber, als die Kombination der Akkordsätze deutlich die Ansprüche, die an den Arbeiter gestellt wurden, zeigt. Der tägliche Akkordverdienst ist im Durchschnitt des Monats April 1907 um nahezu 50% gegenüber dem Anfangsverdienst im Oktober 1906 gestiegen. Alsdann aber erfolgt ein jäher Absturz im Mai, nachdem 1. an dem einen der Stühle (b) eine ihrem Zweck nach die Arbeit erleichternde, daher mit Akkordherabsetzung verbundene Aenderung vorgenommen worden und 2. auf dem gleichen Stuhl eine neue Sorte in Arbeit gekommen war, deren Kette unerwartet schlechtes Material aufwies. Wie die Tabelle zeigt, erfolgte der Absturz – um 30-44% – auf beiden Stühlen. Von diesem Absturz hat sich nun die Leistung des Arbeiters nicht wieder erholt, obwohl vom Juni an, wie die Tabelle zeigt, durch Zuschläge zu den Akkorden, außerdem durch eine sonst nicht übliche spezielle Erhöhung der Einstühligkeitszulage, seinen Verdienstchancen nachgeholfen wurde, und obwohl er in der zweiten Hälfte Juli und im August mit tadellosen Ketten arbeitete und im September und Oktober eine mangelhafte Kette, wie die Tabelle zeigt, durch eine außergewöhnlich hohe Spezialakkordzulage vergütet wurde. Als vielmehr die Gewerkschaftsbewegung seit Juli 1907 lebendig wurde, begann er zu bremsen. Der weitere Verlauf ist (S. 158) schon er wähnt, – hier liegt für uns das Gewicht darauf, daß den ersten Anstoß zu jener oppositionellen Attitüde, welche sich späterhin in absichtlicher Obstruktion äußerte, ganz augenscheinlich die vielleicht zunächst nur halb bewußte Verstimmung durch das Verhalten des Materials einer »schlechten« Kette bildete, welche ihrerseits sinkende Leistung, sinkenden Verdienst und damit weitere Anlässe zur Verstimmung schuf.

Wenn bei diesem Arbeiter die zuerst durch schlechtes Garnmaterial hervorgerufene ungünstige Stimmungslage sehr schnell[230] in bewußte Opposition umschlug, so ist das nicht die Regel. Aber allerdings: die Wirkung jenes psychischen Habitus, welcher durch ein Verhalten des Materials oder der Maschinen erzeugt wird, das der Arbeiter, nach seiner Gewöhnung als ungewöhnlich und unerwartet hinderlich und lästig und daher gewissermaßen als eine spezifische »Tücke« desselben empfindet, erstreckt sich, zumal bei temperamentvollen Arbeitern, wohl immer erheblich über die objektive (das heißt hier: rein technische) Arbeitserschwerung hinaus. Man pflegt daher besonders »geduldige« Arbeiter mit der Bearbeitung solchen Materials zu betrauen. Wie stark aber der Abstand von der Normalleistung auch bei Arbeitern, welche gut veranlagt und gut geübt sind, bei fortgesetzter Zuteilung schwierigen Materials (trotz entsprechender Vergütung des Minderverdienstes) ist, und wie stark demgemäß ihre »Geduld« auf die Probe gestellt wird, zeigen u.a. folgende Zahlen, die einen, seiner großen Gewissenhaftigkeit und Geschicklichkeit wegen anhaltend in jener Art beschäftigten Arbeiter betreffen (Tabelle VI).


Tabelle VI. - *) Akkorderhöhung um (rund) 9%. Bei den Zahlen sub Nr. 3 für den 1.-15. V. (erste Spalte) ist, der Vergleichbarkeit wegen, der ab 6. V. gültige Akkordsatz zugrunde gelegt. °) Fette Zahlen = Kettenwechsel. Ob auch Sortenwechsel, ergibt der Vergleich der Akkorde außer in der zweiten Spalte, vgl. vorige Anmerkung). §) Natürlich nur unter sich vergleichbar.
Tabelle VI. - *) Akkorderhöhung um (rund) 9%. Bei den Zahlen sub Nr. 3 für den 1.-15. V. (erste Spalte) ist, der Vergleichbarkeit wegen, der ab 6. V. gültige Akkordsatz zugrunde gelegt. °) Fette Zahlen = Kettenwechsel. Ob auch Sortenwechsel, ergibt der Vergleich der Akkorde außer in der zweiten Spalte, vgl. vorige Anmerkung). §) Natürlich nur unter sich vergleichbar.

Tabelle VI.

[233]

Die obersten Reihen ergeben zunächst, daß dieser Arbeiter auf seinen beiden Stühlen103 in 17 Monaten 15 Kettenwechsel, darunter 9 Sortenwechsel, erlebte, und dabei – insofern die Akkorddifferenz ein annäherungsweiser Ausdruck der Schwierigkeitsdifferenzen ist – Schwankungen der Schwierigkeit der Arbeit um mehr als das 21/2fache. Unter den 16 Ketten der Arbeitszeit waren zum mindesten 3 ganz schlechte (teils des Materials, teils mangelhaften Schlichtens wegen) und noch mehrere andere waren, wie die Zahl der notierten Fehler trotz der notorischen Sorgfalt des Arbeiters zeigt, übernormal schwierig. Ueberdies hatte der Arbeiter eine ungewöhnlich feine Sorte (Stuhl b Dezember 1907) herzustellen, welche ganz abnorme Ansprüche stellte. Die Konsequenz alles dessen ist, daß der anfänglich kräftig in seinen Leistungen ansteigende Arbeiter, trotz seiner besondern Tüchtigkeit, einschließlich der gewährten Geschlechtszulage (20%) nur in 3 von den 17 Monaten das Normalsoll des Akkordverdienstes[231] überschreitet, meist aber bedeutend, und auch im Gesamtdurchschnitt (72,0%) um 8% unter dem Niveau zurückbleibt, welches für dieses Stuhlmodell zugrunde gelegt ist (80%) und in der Geschlechtszulage Ausdruck findet. Er bewegt sich im Durchschnitt der Quartale von 78,3% zu 77,3-73,3-71,0-80,0 bis 63,0%, also absteigend, abgesehen von dem Anstieg im vorletzten Quartal, der durch eine dem Material nach besonders günstige (d.h. besonders wenig zu Fadenbrüchen geneigte) Kettenqualität (der einzigen dieser Art in den ganzen Monatsserien) bedingt war. Das Sinken der Akkordverdienste in den letzten Monaten ist aus Sorten und Material nicht erklärbar, wäre auch durch die infolge Betriebseinschränkung längere wöchentliche Arbeitsunterbrechung höchstens im letzten Monat, – der aber gerade wieder ein mäßiges Steigen zeigt, – hypothetisch zu deuten. Es scheint, daß die große Zahl der Kettenwechsel und schlechten Ketten überhaupt, die der Arbeiter zu erleiden hatte, auf sein gewohntes »Arbeitstempo«, vielleicht auch (unbewußt) auf seine Arbeitsstimmung gedrückt hat; ob es der Fall war, dürfte sich der Feststellung entziehen. Jedenfalls zeigt auch dieser Fall ebenfalls den entscheidenden Einfluß des Materials und speziell der Sorten- und Kettenwechsel auf die Schwankungen der Leistungen. Regelmäßig findet – wie das erste der zuletzt erwähnten Beispiele zeigte – trotz der Notwendigkeit, in jede neue Sorte, Kette und sonstige Arbeitsbedingung sich »einzuarbeiten«, – doch ein »genereller« Uebungsfortschritt statt. Aber es scheint möglich, daß durch ein Uebermaß von Hemmung durch allzu ungünstige Bedingungen dieser Uebungsfortschritt reduziert wird, wie dies im zweiten Fall (vielleicht!) geschah.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 219-234.
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