XVI. Weitere Fragen und Arbeitsaufgaben

[242] Was die vorstehenden Auseinandersetzungen nebenher wohl auch ergeben haben dürften, ist die negative Tatsache: daß uns von einer »exakten« Behandlung der »letzten« Fragen: inwieweit »ererbte« Dispositionen einerseits, Einflüsse des Lebensschicksals andrerseits auf die Eignung zur Industriearbeit von Einfluß sein können, selbst dann noch eine weite Kluft trennen würde, wenn die klaffenden Lücken, welche in der vorstehenden Skizze zwischen »exakter« psychophysischer Beobachtung und unsern Beobachtungsmitteln sich zeigten, geschlossen wären, wenn wir uns also ein laboratoriumsartiges Maß von Genauigkeit in der Erfassung dieser Daten erreicht denken. Denn dann begänne erst jenes Problem für dessen Inangriffnahme wir uns nun nach dem, was uns die entsprechenden Fachdisziplinen an Mitteln zur Verfügung stellen, umsehen müßten. Da würde sich dann zeigen, daß die biologisch orientierte Erörterung der Vererbungsfragen heute noch in keiner Weise so weit gediehen ist, das für unsere Zwecke damit etwas Erhebliches an neuen Einsichten zu gewinnen wäre.

Vor allem ist schon der bei den Soziologen häufige Mißbrauch, alle (hypothetischen) Determinanten der konkreten Qualität eines[242] Individuums glatt unter »Anlage« und »Milieu« aufzuteilen, für die Förderung der Arbeit äußerst wenig vorteilhaft. Nehmen wir zunächst den »Milieu«-Begriff, so ist er offenbar gänzlich nichtssagend, wenn man ihn nicht beschränkt auf ganz bestimmt zu bezeichnende 1. konstante, 2. innerhalb gegebener geographischer, beruflicher oder sozialer Kreise universell verbreitete, 3. und deshalb auf das ihnen zugehörige Individuum einwirkende Zuständlichkeiten, also: auf einen deutlich definierbaren Ausschnitt aus der Gesamtheit von Lebensbedingungen und wahrscheinlichen Lebensschicksalen, in die ein Individuum oder irgendeine Gattung von solchen eintritt. Wenn dies nicht geschieht, würde man jenen, lediglich den Schein einer Erklärung erweckenden, Begriff am besten gänzlich meiden. – Mit dem Begriff der »Anlage« steht es anders, aber für unsre Zwecke dennoch ähnlich bedenklich. Jede wie immer geartete Vererbungstheorie arbeitet selbstverständlich mit ihm (oder mit gleichwertigen Begriffen). Aber für unsere Bedürfnisse würde, längst ehe irgendeine der so lebhaft umstrittenen Fragen nach dem materialen Umfang der Vererbbarkeit (Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften) und nach der Quelle der zum Gegenstand der »Auslese« werdenden Variationen (»Zufall«, »mnemische« Engramme oder irgendwelche spezifischen »regulativen« Qualitäten der belebten Materie) überhaupt nur auftauchen – bereits die weit praktischere Frage entstehen: was denn nach den gegebenen Erfahrungen eigentlich das Objekt einer durch Vererbung erweckten »Anlage« ausmachen könne? Körpermaße und -Maßrelationen, alle möglichen anderen somatischen Verhältnisse, z.B. auch einschließlich (wie es nach neueren Versuchen scheint) der Lagerung der Hirnwindungen unzweifelhaft, – aber wie steht es mit der Art und dem Grade der erblichen Bestimmtheit von psychischen, für die Arbeitseignung relevanten Qualitäten? Und ferner speziell: auch für den Inhalt der Willensbestimmtheit des handelnden (arbeitenden) Individuums? Ein Irgendwie von Einfluß der Vererbung ist ja selbstredend auch hier ganz außer Frage. Aber uns interessiert hier nicht in erster Linie seine Existenz und auch nicht sein Grad: – letzteres eine Frage, auf welche, wie man sich vor allen Dingen klarzumachen hat, eine generelle Antwort gar nicht möglich ist, sondern nur eine solche für Gruppen von »Fällen«. Und auch nicht die Frage: mit welchen Darstellungsmitteln[243] man etwa Vererbungsschemata aufstellen sollte, welche die Wahrscheinlichkeit des Wiederauftauchens bestimmter intellektueller, dichterischer oder anderer Begabungskonstellationen innerhalb gegebener »Fortpflanzungsgemeinschaften« theoretisch veranschaulichen könnten. Sondern uns interessiert allein: was denn eigentlich an den Einzelvorgängen des psychischen Lebens als erblich determiniert angesehen werden darf. Ernstlich gestellt hat sich dieses Problem im wesentlichen nur die Psychiatrie. Obwohl nun bekanntlich die Frage, inwieweit die »normalen« und die »pathogenen« psychischen Vorgänge methodisch in Parallele gestellt werden dürfen, noch immer höchst bestritten ist, kann doch das hier gemeinte Problem ganz zweckmäßig an pathologischen Fällen veranschaulicht und vor allem: der Sinn der Fragestellung daran verdeutlicht werden.

Daß die besondere individuelle Art der Verknüpfung bestimmter Gedankengänge, wie sie etwa den Inhalt der »Weltanschauung« eines Individuums ausmacht, oder daß wenigstens die in der Denkeigenart etwa eines Schriftstellers sich aussprechende besondere Weise der Gedankenverknüpfung durch »Vererbung« überkommen, also ebenso übertragbar sei, ist von Psychiatern als »knabenhafter Denkfehler« bezeichnet worden. Andererseits ist trotz alledem von psychiatrischer Seite ein Fall, in welchem eine zweifellos »Kranke« konsequent nach – von ihr selbständig und leidlich klar als »Lebensanschauung« formulierten – »Stirnerschen Prinzipien« handelte, zum Anlaß einer historischen Untersuchung darüber gemacht worden, ob nicht etwa Stirner selbst, der ganz »normal« handelte, dem gleichen »Krankheitstypus« (im klinischen Sinne!) zugerechnet werden müsse (Archiv für Psychiatrie 36, 1902). Vererbbar soll (ebenfalls nach Ansicht von Psychiatern) »selbstverständlich« nur die »Form« der psychischen Hergänge sein, die »Inhalte« werden »erworben«. Was ist nun aber in diesem Fall unter »Form« und was unter »Inhalt« verstanden, angesichts der Vieldeutigkeit dieser Worte? Ein Beispiel zur Verdeutlichung: In Berlin wurde 1905 der Fall einer jungen, in glücklichster Ehe lebenden scheinbar vollkommen »normalen«, weder leidenschaftlichen noch melancholischen, noch in der Stimmung labilen Frau vorgestellt, welche, ohne daß der geringste Anlaß zu ermitteln wäre, am hellen Tage mitten aus heiterem Leben sich in die Küche begab und, rechtzeitig zum klaren Bewußtsein[244] kommend, sich selbst bei dem Versuch, sich den Hals abzuschneiden, überraschte. Da zwei Aszendenten durch Selbstmord geendet hatten, – woran sie jedoch ihres Wissens in keiner Weise gedacht zu haben erklärte – würde der Laie von einem »ererbten Trieb zum Selbstmord« reden. Die Fachleute111 aber lehnen diese Auffassung durchweg ab und sind der, durch Erfahrungen wohlbegründeten, Ansicht, daß nur von einer Disposition zu einer spezifischen Art von akuter zeitweiliger Bewußtseinsstörung (»Dämmerzustand«) die Rede sein könne, daß dagegen über die Frage: was im Verlauf dieser psychopathischen Stimmung etwa für Handlungen vorgenommen wer den (ob Selbstmord oder ob etwa Gewalttaten, sexuelle z.B., oder sonstige, gegen andre gerichtete, Handlungen, ob überhaupt ein aktiv sich äußerndes Gebaren), durch jene »Disposition« durchaus nichts entschieden sei: das hänge von Umständen ab, die sich im einzelnen Falle meist, und generell jedenfalls, der Berechnung entziehen. Die Krankheitskategorie »Dämmerzustand« stellt hier die »Form«, die konkrete Eigenart des Handelns, den »Inhalt« dar. Man wird nun auf den Gedanken kommen, dieser Scheidung von »Form« und »Inhalt« gegenüber etwa zu sagen: daß in einem »Dämmerzustand« doch vielleicht immerhin nicht jedes ganz beliebige Gebaren gleichmäßig wahrscheinlich sei, daß vielmehr ein bestimmter Ausschnitt aus allem überhaupt möglichen Sichverhalten, insbesondere bestimmte Handlungsweisen, darunter: der Selbstmord, dadurch, vielleicht in sehr verschiedenem Grade, begünstigt werden, dieser pathologischen »Form« also mehr oder minder als »Inhalt« »adäquat« seien, im Gegensatz zu (nicht etwa: allen, aber: vielen) anderen »psychopathischen« Zuständen und zum »Normalzustand«. Dann wäre der Gegensatz von (in Gestalt einer »Disposition«) ererbter »Form« und von realisiertem »Inhalt« kein absoluter. Die Chance, daß irgendeine unter die Gattung »Dämmerzustand« fallende Zuständlichkeit eintritt, hätte ein durch die »ererbte Anlage« gegebenes, im Einzelfall selbstredend gänzlich ungreifbares, Wahrscheinlichkeitssegment, während für den wirklichen Eintritt oder Nichteintritt teils die Mitwirkung andrer ererbter Dispositionen, teils vielleicht auch, unbekannt: wie und welche, »Lebensschicksale« bestimmend sein könnten. Innerhalb[245] dieses Wahrscheinlichkeitssegments würde die Chance, daß eine bestimmte Art von Handlungen ausgeführt wird, je ihr, praktisch natürlich ebenfalls sicher nie ganz faßbares und seinerseits wiederum teils erblich, teils akzidentiell bestimmtes Wahrscheinlichkeitssegment haben. Indessen diese Auffassung wird von den Psychiatern um deswillen nicht akzeptiert, weil die in einem »Dämmerzustande« vorkommenden Handlungen tatsächlich, so viel bekannt, von jeder denkbaren Art seien und alle im Normalzustand vorkommenden mitumfaßten, von denen sie sich nur durch das Abbrechen der im wachen Bewußtsein verlaufenden Motivationsverknüpfung unterscheiden. Das ist eine für uns sehr wenig tröstliche Auskunft. Und kaum tröstlicher scheint es für uns überhaupt in der Psychopathologie auszusehen, wenn wir sie auf die Beziehungen zwischen (klinischer) Krankheits»form« und pathogenem Vorstellungs- und Willens»inhalt« durchmustern. So ist es, namentlich aus Kraepelins Darstellungen, wohl auch dem sachlich interessierten Laien bekannt, daß der psychiatrische Kliniker z.B. den »Inhalt« der Wahnvorstellungen eines endogen Kranken (namentlich, aber übrigens durchaus nicht nur eines solchen) als gänzlich uncharakteristisch für den konkreten Typus der Krankheit behandelt, daß ferner überhaupt eine ganz unübersehbare Fülle von psychischen Symptomen, welche dem Laien als höchst »wichtig« ins Auge fallen, und nach denen er die Krankheiten klassifizieren würde, vor der Erfahrung des Klinikers jegliche Bedeutung für Diagnose und Prognose verlieren. Ganz heterogene, d.h. in diesem Falle: durch somatische Gehirnvorgänge von nach Erscheinung und Verlauf gänzlich verschiedener Art bedingte, Erkrankungen können in breitestem Umfang gleiche psychische Symptome produzieren und die »gleiche« (d.h. somatisch gleichartig bedingte) Krankheit kann sich in einer sehr bedeutenden Mannigfaltigkeit von anscheinend einander direkt widersprechenden psychischen Symptomen äußern. Es erfolgt aber überdies die Vererbung der Disposition zu »geistigen« Erkrankungen, soweit darüber bereits feststehende Erfahrungen vorliegen, bekanntlich zum großen Teile, genauer: zu einem für die verschiedenen Arten von Krankheiten verschieden großen, im ganzen aber anscheinend überwiegenden Teile – »ungleichartig«, d.h. es kann in der Mehrheit der Fälle nur eine in bezug auf das Krankheitsbild, welches schließlich realisiert wird,[246] undeutliche und unbestimmte Disposition wirklich als »vererbt« gelten. Auch der Versuch des Nachweises, daß »affektive« und »intellektuelle« Störungen sich in der Vererbung ausschlössen, scheint gescheitert, ganz abgesehen von der Prinzipienfrage der Grenzlinien beider Arten. Und in welchem prozentualen Umfang eine Realisation der ererbten Disposition zur Krankheit – ein »Manifest«werden derselben – selbst bei einer, nach der Zahl der Erkrankungen gerechnet, sehr starken Belastung der Aszendenz, wirklich stattfindet, darüber schwanken die Zahlen der Statistik (soweit man von einer solchen schon sprechen kann) ebenfalls sehr bedeutend.

Die Fachleute erklären, mit der Feststellung bestimmter Regelmäßigkeiten in bezug auf Vererbungschancen nach Grad und Richtung vorerst notgedrungen immer vorsichtiger geworden zu sein. Manche auffallenden Erscheinungen bei den nordamerikanischen Negern: der Ausbruch gewisser, als »erblich« geltender, Geisteskrankheiten bei ihnen auf der einen Seite, ihre, wie es scheint, trotz aller noch immer bestehenden Differenzen, immerhin stetig zunehmende Angleichung an die dort im übrigen herrschenden Zustände, nach der Emanzipation andrerseits lassen die Bedeutung rein gesellschaftlicher Bedingungen als unvermutet stark erscheinen und drücken dadurch auch den Wert der bisher noch in den Anfängen stehenden Untersuchungen über die quantitativen und qualitativen Unterschiede der psychischen Morbidität der »Rassen« und Volksstämme112 als geeigneten Materials für die Analyse ererbter psychischer Differenzen ebenfalls mit herab. Dies um so mehr, als die wenigen vorliegenden, allerdings methodisch noch äußerst primitiven, Untersuchungen über die (normale!) Differenzialpsychologie verschiedener Generationen (der gleichen Kulturschicht) einer gegebenen Bevölkerung der Gegenwart, soweit sie überhaupt charakteristische Unterschiede vermuten lassen, ätiologisch in die gleiche Richtung weisen, wie die in den psychiatrischen Kliniken beobachteten »Stammesdifferenzen«: auf den Einfluß des allgemeinen Kulturstandes. Da ferner hirnanatomische Bilder von wirklich durchweg »normaler« (d.h. in[247] Wahrheit: »idealer«) Reinheit von allen Abweichungen auch bei »Gesunden« gar nicht übermäßig häufig zu sein und jedenfalls sehr beträchtliche Deformationen mit ganz normalem Funktionieren des Gehirns verträglich scheinen und da überhaupt keine Zelländerung allein als solche als für eine Psychose »spezifisch« gelten soll, während andrerseits gerade für manche der am stärksten und (nach den früheren Annahmen wenigstens) am gleichartigsten vererblichen »geistigen« Erkrankungen keinerlei Deformationen im Gehirn nachweisbar sind113, so begreift es sich, wenn von psychiatrischer Seite geradezu gesagt wurde: es grenze beinahe an Hohn, wenn man von Erblichkeitsgesetzen spreche114, – zumal die »Belastungs«-zahlen der Massenstatistik vor kurzem noch zwischen 4% und 90% schwankten.

Ganz so desparat, wie man bei Lektüre derartiger Aeußerungen glauben könnte, stehen die Dinge in Wahrheit nun wohl nicht. Zunehmende Sorgfalt der Aufnahme und Untersuchung ergeben überall zunehmende Erblichkeitszahlen115, und selbstverständlich gibt es auch eine bedeutende Anzahl sehr bestimmter psychologischer Merkmale für die einzelnen Kategorien von Krankheiten, darunter auch zahlreiche »inhaltlich« bestimmte (schon z.B. ein Merkmal wie: »Sinnlosigkeit« einer Reaktion, ist ein »inhaltliches«, mag es noch so »generell« und negativ sein). Allerdings: bei den eigentlich sog. »organischen« Psychosen, insbesondere den Verblödungspsychosen (Paralyse, dementia praecox) schließt die spezifisch feste Umrissenheit des Krankheitsbildes und die Irrationalität aller psychischen Begleiterscheinungen eigentliche Uebergangsstufen zum »normalen« Zustand (der hier nur als partieller »Defekt« bei Stillstand oder – bei Paralyse – Ausheilung[248] existiert) und damit alle Vergleichbarkeit mit ihm aus. Anders freilich auf dem großen Gebiet der nicht »organischen«116 degenerativen Erkrankungen: zunächst also der Hysterie und der verwandten Neuropathien.

Ueber das Maß des Hineinspielens von ererbten Dispositionen in diese Erscheinungen herrscht aber die größte Unsicherheit. Namentlich war bei dem ersten Auftreten der Freudschen Theorien, welche akzidentielle Momente fast zur alleinigen Krankheitsquelle zu stempeln schienen, der Streit überaus heftig entbrannt: er scheint jetzt, mit zunehmendem Verblassen der Thesen Freuds, im wesentlichen auch hier (in dem uns allein interessierenden Punkt) sich dahin zu schlichten: daß eine, im Einzelfall niemals näher nach Art und Maß greifbare, »Disposition« mindestens regelmäßige, aber nach Freud: nicht ausnahmslose, »Bedingung«, konkrete Erlebnisse aber »Ursache« der betreffenden Krankheitserscheinungen seien, welche Freud nach der Art des Erlebnisses, durch die jede einzelne Form verursacht werde, zu klassifizieren gesucht hat. Da nun feststeht, daß diese Erlebnisse keineswegs immer die Folge der Hysterisierung bzw. neurotischen Erkrankung zeitigen, so bestände generell nur ein »Adäquanz«verhältnis zwischen jenen Lebensschicksalen und dem entstehenden – mehr oder minder deutlich entwickelten – Abnormitätstypus. Und es bleibt der Anteil der Vererbung in allen diesen Fällen vorerst ein gänzlich vieldeutiger: – dabei aber handelt es sich hier um Abnormitäten von außerordentlicher Verbreitung und großer auch kulturgeschichtlicher Tragweite. Was möglich scheint, ist einerseits (wie schon angedeutet, cf. Anm. S. 245) die Feststellung von ethnischen Differenzen der Hysterisierbarkeit: dabei würde es sich wenigstens wahrscheinlich um Vererbungseinflüsse handeln. Auf der anderen Seite ist – ohne daß der Laie irgendwie beurteilen könnte, mit welchem endgültigen Erfolg – in geistreicher Weise der Versuch gemacht worden, gesellschaftliche Schichten in dieser Hinsicht zu scheiden, und man wird sagen dürfen, daß hier vielleicht ein erhebliches[249] Arbeitsfeld für die Gewinnung pathologischer psychischer Alltagstypen gegeben ist, – aber, soweit dies gelingt, ersichtlich auf der ätiologischen Basis des »Kultur«- (bzw. Unkultur-)Einflusses und nicht der »Vererbung«.

Schließlich gibt es einige andere charakteristische und in hohem Grade »endogene« (ererbte) degenerative Psychosen, welche diese selbe Eigenschaft: auch in den alltäglichen Lebenserscheinungen, in stark abgeblaßter Form, sich sehr oft zu finden, aufweisen. Es sind namentlich die einfachen und die zirkulären manischen und melancholischen Zustände, von denen aus der Weg zu zahlreichen innerhalb der (konventionellen) Breite des »Gesunden« liegenden alltags-pathologischen Unterschieden der persönlichen »Eigentümlichkeiten« völlig offen liegt. Aber auch in diesen Fällen scheint, wie bei der Hysterie und den Neuropathien, Gleichartigkeit der Vererbung nicht streng gewährleistet.

Jene generellen Klassifikationen endlich, welche der Psychopathologie zur Kennzeichnung von Differenzen der »Persönlichkeit« für ihre Zwecke genügen, reichen an Differenziertheit entfernt nicht an jene Unterscheidung von »Grundqualitäten« heran, welche, wie wir sahen, Kraepelin für seine arbeitspsychologischen Untersuchungen gemacht hat. Auf diese aber kommt es für die »Arbeitseignung« an, und es fragt sich nur das eine: ob sie bereits so sehr in »letzte« Einzelkomponenten zerlegt sind, daß die Frage nach ihrer erblichen oder akzidentiellen Provenienz, bzw. nach dem Grade, in welchem Erblichkeit und Lebensschicksal auf ihre Entwicklung wirken, bereits gestellt werden darf. Eine solche »Zerlegung« in »letzte« Einheiten wird dann für uns die Form der Fragestellung annehmen müssen: inwieweit »Adäquanz«beziehungen zwischen dem Besitz jener einfachsten und rein formalen Eigenschaften und den stets sehr konkreten Anforderungen der gewerblichen Arbeit bestehen. Aber es muß vorsichtshalber auch noch vor der Annahme gewarnt werden: daß, weil allerdings als »vererblich« im biologischen Sinne nur »formale« Dispositionen gelten können, deshalb auch umgekehrt alle Qualitäten, welche uns spezifisch »formal« oder »einfach« erscheinen, auch spezifisch »vererblich« seien. Nicht die Richtung, in der wir zerlegen und generalisieren, sondern nur die Erfahrung kann darüber entscheiden, welche psychophysischen Qualitäten im Sinne der spezifischen Vererbbarkeit »einfach« und »formal« sind.

[250] Im ganzen ist die unter uns Laien sehr weit verbreitete Ansicht: daß die Psychopathologie die Gelegenheit gewähre, die »charkterologischen« und sonstigen Unterschiede der »Veranlagung« besonders »rein«, weil in besonders ausgeprägter Steigerung ihrer Eigenart, zu beobachten und für ihre Erblichkeit von da aus Licht zu gewinnen, nur in großer Beschränkung richtig. Wenn sie etwas lehren kann, so ist es die Mahnung: nicht allzu voreilig komplizierte und spezifische Qualitäten als im biologischen Sinne »ererbt« abzustempeln und auch mit der Annahme der (im biologischen Sinne) »erblichen« Uebertragung »erworbener« psychischer oder psychophysischer, die Arbeitseignung bestimmender, Qualitäten möglichst vorsichtig zu sein117. Die Uebertragung elterlicher Eigenarten auf die Kinder durch »Tradition« (im Gegensatz zur biologischen Vererbung) erfolgt ja nicht immer durch bewußte Tradierung, – sondern ebenso durch unbewußte Nachahmung von frühester Jugend an. Und von der Annahme einer (im biologischen Sinn) »erblichen« Anpassung an bestimmte konkrete Arbeitsweisen kann, nach dem was heute an Material vorliegt, vorerst keine Rede sein. Andere Momente spielen so stark auslesend und anpassend hinein, daß jede Aussonderung des »Vererbungs«faktors z. Z. noch absolut problematisch erscheint. Daß erworbene krankhafte »Nervosität« und überhaupt Nervenqualitäten der Mutter in der Schwangerschaftszeit das Nervensystem des Kindes tief beeinflussen können, ist an sich sehr plausibel. Wie es aber sonst mit der Uebertragung erworbener Nervenqualitäten auf die Kinder steht, ist – so gern man annehmen möchte, daß diese erworbenen somatischen Qualitäten den Keim stärker als alle anderen äußeren Einflüsse beeinflussen können – vorerst unbekannt. Um Nervenqualitäten aber handelt es sich heute, zumal bei der »gelernten« Arbeiterschaft, für die Arbeitseignung in hervorragendem Maße.

Das eine aber können wir aus dem über die Psychopathologie Gesagten jedenfalls entnehmen: daß für unsere Bedürfnisse vorerst der Streit der Vererbungstheorien gänzlich außer Sichtweite bleiben muß und auf keine Weise in die Erörterungen,[251] um die es sich hier handelt, hineingetragen werden darf. Wenn im Einzelfall die Tatsache, daß bestimmte, für die Arbeitseignung relevante Qualitäten mit Wahrscheinlichkeit als ererbt anzusehen sind, einmal wirklich durch Zusammenarbeit unserer Erhebungsmittel mit den Ergebnissen der biologischen und psychologischen Begriffsbildung festgestellt werden könnte, so wäre dies ein in jedem Falle wichtiges Ergebnis, – aber es ist sehr gleichgültig, ob man es nach Lamarck, Darwin, Weismann, Semon oder nach wem sonst immer »erklären« kann: es wird sich wohl meist – da es sich stets nur um einige Generationen handelt – bereit zeigen, sich jeder dieser Erklärungsformen irgendwie zu fügen. Damit ist nicht gesagt, daß es nicht recht nützlich wäre, die wesentlichen Grundzüge dieser Theorien wenigstens überhaupt zu kennen: in ihrem Widerstreit miteinander können auch sie eine Warnung darbieten, die »Vererbung« nicht in Bausch und Bogen als etwas Einfaches, Problemloses anzusehen und nicht allzuschnell mit der Verwendung dieses Begriffs bei der Hand zu sein. Bis Fälle (im biologischen Sinn) erblicher Angepaßtheit einer Bevölkerung oder eines Arbeiterstammes an spezifische Arbeitsarten, wenn solche sich überhaupt nachweisen lassen werden, einmal ziffernmäßig und zweifelsfrei festgestellt sind, – mag man dabei das Maß der Spezialisierung noch so bescheiden ansetzen, – werden noch Jahrzehnte vergehen. Die heutige Aufgabe ist die sorgsame Durchforschung eines möglichsten Maximums von großen, möglichst gleichbleibende und rechnungsmäßig faßbare Arbeit verrichtenden, Gruppen von Arbeitern in den verschiedenen Industrien daraufhin: ob und wie Unterschiede der geographischen, kulturellen, sozialen, beruflichen Provenienz mit Unterschieden der spezifischen Leistungsfähigkeiten oder mit quantitativen Unterschieden der gleichen Leistungsfähigkeit parallel gehen oder nicht. Ehe hier nicht ein gewisses Minimum wirklich sicherer, kausal deutbarer charakteristischer Zahlen vorliegt – und das wird Zeit erfordern – kann weiteres nicht erreicht werden. Nochmals: es wäre ohne alle Frage jeder Nachweis, daß Lebensschicksale und »Milieu« (im strengen Wortsinn), insbesondere: Art der Berufsarbeit der Eltern oder Voreltern von Arbeitern, auf deren Arbeitseignung einen greifbaren Einfluß – und welchen? – im Sinne wirklicher »Vererbung« (im biologischen Sinn), d.h. der Erzeugung einer bestimmten,[252] für die Arbeitseignung relevanten und gleichartigen Differenzialqualität der folgenden Generation gehabt haben, von der allergrößten, für einzelne Fragen unserer Disziplin vielleicht grundlegenden, Tragweite. Aber – entgegen der vielfach bei den Soziologen herrschenden Ansicht – wäre es von sehr geringem Belang für unsere Zwecke: welche der verschiedenen, sich zur Verfügung stellenden Vererbungstheorien die Tatsachen am adäquatesten erklären könnte. Für unsere Zwecke wäre nur ein Resultat von Erheblichkeit wie z.B.: daß, wenn in einer gegebenen Bevölkerungsgruppe eine Generation eine Berufsübung bestimmter Art durchgemacht hat, die folgende Generation eine Differenzialqualifikation der Größe x für diese Berufsarbeit zu besitzen pflegt.

Ich habe an anderer Stelle118 versucht, im Sinne dieser Reserve gegenüber Fragestellungen, die wir unsererseits nicht beantworten können, einige Anregungen für die vom Verein für Sozialpolitik unternommene Enquete über Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie zu geben und höre mit Vergnügen, daß das Institut Solvay in Brüssel unter der Leitung von Prof. Waxweiler eine ähnliche Erhebung zu veranstalten beabsichtigt119. Man darf sich nur keine Illusionen[253] über zwei Punkte machen: 1. darüber, daß eine wirklich die Sache fördernde Arbeit auf diesem Gebiete keine Leistung[254] einiger Monate ist, – 2. daß die ersten wirklichen Resultate erst dann zu erwarten sind, wenn Dutzende solcher Arbeiten vorliegen.[255]


Fußnoten

1 Uebersicht: Kraepelin selbst hat seine Auffassung 1. in der von ihm verfaßten Einleitung zu dem fünfbändigen Sammelwerk: »Psychologische Arbeiten, herausgegeben von E. Kraepelin«, 2. in der Festschrift für Wundt (Philosophische Studien XIX S. 475: auch als Heft separat: »Die Arbeitskurve«, 1902), 3. im Archiv für die gesamte Psychologie Bd. I niedergelegt. Wesentlich auf seinen Forschungen beruhen die betreffenden Abschnitte in den bekannten Werken von Wundt, Ebbinghaus u.a. Für die Leistungen des Muskels sind die einschlägigen Abschnitte in den physiologischen Kompendienwerken von Munk, Thierfelder, und für die Bewegungslehre namentlich R. Du Bois Reymond (Spezielle Muskelphysiologie und Bewegungslehre 1903, S. 210 ff.) zu benützen (vgl. auch in Rankes bekanntem Werke: Der Mensch, Bd. I, S. 476 ff., Bd. II. S. 163 ff.). Es ist das Verdienst des hübsch geschriebenen Aufsatzes von Derson (im 10. Bande der Zeitschrift f. Sozialwissenschaft), den Versuch systematischer Verwertung physiologischer Kenntnisse für sozialtheoretische Zwecke zuerst gemacht zu haben, so skeptisch man vielem, was er sagt, gegenüberstehen mag. – Die nachstehende Kompilation ist, wie im Text gesagt, im wesentli chen eine zusammenfassende Besprechung der in dem genannten fünfbändigen Sammelwerk von Kraepelin herausgegebenen, im psychologischen Laboratorium der Heidelberger Irrenklinik ausgeführten Arbeiten seiner Schüler, kombiniert mit einiger anderer Literatur. Die schon in diesem Teile des Referats mit herangezogene differentialpsychologische und psycho-pathologische Literatur, namentlich auch diejenige zur Vererbungsfrage, wird besser zu dem zweiten Aufsatz angeführt. Hier sei nur zu den einzelnen Abschnitten des Textes noch auf folgende Arbeiten speziell hingewiesen: Ermüdung und Erholung: Mosso, Die Ermüdung, deutsch von Glinzer. Dazu Ph. L. Bolton, Kraepelins Arbeiten IV, S. 175 f. (speziell über die Methodik, auf welche im zweiten Aufsatz zurückzukommen ist). Ferner (für die Nachwirkungen geistiger und körperlicher Arbeit): Bettmann, Kraepelins Arbeiten I, S. 182; Miesemer, das. IV, S. 375 ff. Trèves, Le travail, la fatigue et l'effort. L'année psychologique XII (1906), S. 34 f. Für Muskelarbeit (Ergogramm-Untersuchungen) Oseretzkowsky, Kraepelins Arbeiten III, S. 507 ff.; Yoteyko, in l'Année psychologique V, 1899 (Alter und Ermüdungskurve: Maggiora, Arch. ital. di biol. 29, 1898); Trèves, ebenda. Arbeit ohne Ermüdung: Broca und Richet, Arch. de physiol. normale et patholog. 5 Sér. X, 1898. Polemik gegen den Kraepelinschen Ermüdungsbegriff bei: Seashore, Psychol. Bull. I, 1904, S. 87-101 (Bericht für die Versammlung der Amer. Psychol. Assoc. – Uebung: von älteren Arbeitern, bes. Fechner, Verh. d. Sächs. G. d. Wiss. (Math.-Phil. Kl.) IX (1857), S. 113; X (1858), S. 70. Wirkung der Uebung: Bolton, Gerson a. a. O. Ebert und Meumann, Archiv f. d. ges. Psychologie IV, 1904, dazu die Besprechung von D. E. Müller in der Ebbinghausschen Zeitschrift für Physiologie und Psychologie der Sinnesorgane 39, 1905. v. Voß (Schwankungen geistiger Arbeitsleistungen), Kraepelins Arbeiten II, S. 399 ff. – Reaktionstypen und Rhythmisierung: Specht, Archiv f. d. ges. Psychologie III, 1904; Yerkes (Variabilites of reaction times), Psychol. Bull. I, 1904, S. 137-146. Tarchanoff, Atti del XI Congr. medico internaz. di Roma (Wirkung der Musik), im übrigen das zum 2. Aufsatz zu zitierende Buch von W. Stern und die andere dort angegebene Literatur. – Mitübung: Fechner a.a.O. (1858), Volkmann, Verh. d. Sächs. Ges. d. Wiss. VIII (1856), Washburn, Philos. Stud. XI, 95. – Versuche über Uebung mit Setzern: Aschaffenburg bei Kraepelin I, S. 611. (Ueber Abbés. d. 2. Artikel.)

Ablenkung und Gewöhnung, Arbeitskombination: Vogt, Kraepelins Arbeiten III, S. 62 ff. – Arbeitswechsel: Weygandt, Kraepelins Arbeiten II, S. 118 ff. Kritik dieser Arbeit bei Seashore a.a.O. Ueber Lerntechnik und Lernökonomie: Christo Pentschew im Archiv f. d. ges. Psychologie I (1903). Ueber Uebungsfestigkeit z.B.: Swift, Memory of shifted movements, Psychol. Bull. III (1906), S. 185-187. – Arbeitsunterbrechung, Pausenwirkung: Hylan und Kraepelin in Kraepelins Arbeiten IV, S. 454 ff., Oseretzkowsky a.a.O., Heumann, Kraepelins Arbeiten IV, S. 538 ff. Ueber die methodische Bedeutung der Pausenuntersuchungen: Kraepelin in dem oben unter Nr. 3 zitierten Aufsatz. Weitere Literatur zum zweiten Aufsatz.

Wertvolle Hinweise verdanke ich den Herren Dr. H. Gruhle in Heidelberg und Privatdozent Dr. W. Hellpach in Karlsruhe.


2 Das Hineinspielen des Zentralorgans zeigt z.B. die Einwirkung der Uebung von Muskeln der einen Körperhälfte auf die der anderen.


3 Im übrigen scheint die Frage der »Superposition« von Reizen speziell für die Leistungen des Zentralorgans noch äußerst ungeklärt zu sein, schon weil dasselbe nicht imstande zu sein scheint, überhaupt einzelne Reize auszusenden und weil – nach fachmännischer Ansicht – jeder Impuls eine in ihrem Rhythmus anscheinend unbeeinflußbare »natürliche Reizfrequenz« hat. Dies würde die Deutung der im Text erwähnten Erscheinungen modifizieren, ohne ihrer praktischen Tragweite Eintrag zu tun.

4 Nach einer übrigens unter den Fachleuten anscheinend noch durchaus bestrittenen Ansicht.


5 Die Frage der Mitübung der korrespondierenden Glieder der anderen Körperhälfte und Erscheinungen wie die Mitübung des Tastsinns symmetrischer Hautstellen kommen in diesem Zusammenhang nicht oder doch nur insofern in Betracht, als sie zeigen, daß jedenfalls die »Uebung« kein peripherisch lokalisierter und spezialisierter Vorgang ist.


6 Die Behauptung, daß musikalische Dur- und Mollpartien generell steigernd bzw. herabsetzend auf die Arbeitsleistung wirkten, wird von der Kraepelinschen Schule (Oseretzkowsky und Kraepelin) abgelehnt. Nur der Rhythmus wirke dabei, in der ihm eigenen Art, auf die Arbeitsleistung ein.


7 So: das bloße Hinzutreten des jedesmaligen Durchstreichens eines aus einem sinnlosen Text auszuzählenden Buchstabens, welches sehr bedeutende Differenzen ergibt.


8 Hiezu vgl. z.B. Robert Müller, Ueber Mossos Ergographen mit Rücksicht auf seine physiologischen und psychologischen Anwendungen (Philos. Studien, XVII, 1901).


9 Hiezu und zu dem ganzen Problem vgl. namentlich die zu Abschnitt 1 zitierte Arbeit von Bolton in Krae pelins Arbeiten, Bd. IV.


10 Ein Ausdruck, den z. B. W. Hellpach (Grenzfragen der Psychologie S. 103) auf ähnliche Vorstellungsweisen verwendet, im Gegensatz zur »animalischen Physiologie«, welche die Ermüdung von dem Moment erkennbarer Leistungsverminderung an zu rechnen habe.


11 Darüber vgl. jetzt die Abhandlung von W. Hellpach in der Ebbinghausschen Zeitschrift 1908 (»Unbewußtes oder Wechselwirkung«).


12 Ein Alkoholkonsum von nur 30 g im Tag wird in seiner Wirkung so eingeschätzt, daß für eine sonst 8 stündige Arbeitsleistung 9 Stunden erforderlich werden. – Dies ganz unbeschadet des Umstandes, daß bekanntlich die in Kraepelins Schule (Aschaffenburg) gemachten Alkoholversuche bisher nicht eindeutig eine qualitative Verschlechterung der Leistung auch bei ganz kleinen Dosen (welche aber in quantitativer Hinsicht bereits sehr merkliche Wirkungen zeigen), erwiesen haben.


13 Wichtig sind vor allem die Schweizer Rekrutenstatistiken (Schweiz. Statistik Lief. 62, 65, 68), weit weniger oder gar nicht die italienischen (Ann. distat. Ser. II vol. 2, 1878), bayerischen (J. Ranke, Beitr. z. Anthrop. u. Urgesch. Bayerns Bd. IV), schleswigschen und mecklenburgischen (Meisner, Arch. f. Anthrop. XIV, XIX), amerikanischen (Elliot, Gould, 1865, 1869) usw. Vgl. dazu übrigens Lexis, Art. Anthropologie in der 3. Aufl. des Handw.-B. d. Staatswiss., S. 531. Die Messungen der Kinder verschiedener sozialer Schichten (Bergleute und Bürgerkinder: Geißler und Uhlitzsch, Z. des sächs. Stat. Bureau, 1888, S. 317, wohlhabende und arme Kinder: Pagliani, Ann. distat. a.a.O.) sind wesentlich für die Frage des Einflusses der Ernährung und ähnlicher Bedingungen wichtig.


14 Die internationalen Kongresse für Hygiene und Demographie (XIII: Brüssel 1903, XIV: Berlin 1907) haben eine Sektion für »Ermüdung durch Berufsarbeit«, in denen 1903 sowohl wie 1907 von sehr beachtenswerten Fachmännern Referate mit anschließender (meist freilich wenig belangreicher) Diskussion gehalten wurden. Das weitaus beste der dort gehaltenen Referate scheint mir das von Roth (Berl. Kongr. 1907, Bd. II, S. 593 ff.); dem Referate von W. Eisner (daselbst S. 573 ff.) sind eine Anzahl weiterhin mehrfach mitbenutzter Auskünfte von Fabrikbetrieben beigefügt. Die anderen Referate (Zuntz, Trèves, Imbert) stellen meist nur Resultate anderweit von ihnen publizierter Arbeiten zusammen. – Die kolossale Literatur über »Berufskrankheiten« lassen wir hier ganz beiseite, da es nur darauf ankommt, inwieweit die Erörterungen ärztlicher oder diesen nach Arbeitsgebiet und Interessenlage nahestehender Kreise Resultate oder Methoden von allgemeiner heuristischer Verwendbarkeit geliefert haben oder liefern könnten.


15 Denn daß der Lärm der großen Fabriksäle schon nach ganz kurzer Gewöhnung kaum mehr empfunden wird, beweist an sich noch nichts gegen die Wirkung. Nach Heilig, in der »Medizinischen Reform«, Wochenschr. f. soziale Medizin, 11. Jahrg., 1908, S. 370, kam von 574 Fällen von Arbeiterneurosen, die ihm in »Haus Schönow« bei Berlin zur Verfügung standen, in 11,2% der Lärm ätiologisch in Betracht.


16 Imbert und Mestre, Recherches sur la manoeuvre du Cabrouet et la fatigue qui en resulte, Bull. de l'Inspect. du travail 1905, Nr. 5.


17 Vgl. dessen Arbeiten: De la mesure du travail musculaire dans les professions manuelles (Rapport au Congrès international d'hygiène alimentaire Paris, 1906). – Vgl. ferner: L'étude scientifique expérimentale du travail professional (l'Année psychologique, Paris 1907), und für die im Text angezogene Rechnung sein Referat für den Berliner Internat. Kongr. f. Hygiene und Demographie 1907, Bd. II, S. 636.


18 Der ouvrier du chais Gouthiers, den Imbert mit heranzieht, ist, wie I. selbst hinterher bemerkt, nicht vergleichbar.


19 Nach Leubuscher und Bibrowicz (D. med. Wochenschr. 1905, Nr. 21) waren 153/4% Schriftsetzer, 93/4% Tischler, 5% Schlosser, 1,9% Mechaniker unter 100 von ihren Nervenpatienten aus Arbeiterkreisen; die Berliner Dissertation von Schönfeld (1906: Ueber die Ursachen der Neurasthenie und Hysterie in Arbeiterkreisen) zählt im »Haus Schönow« 74% gelernte Arbeiter und Handwerker gegen 26% ungelernte. Vgl. Roth a.a.O. S. 614.


20 Vgl. die Bemerkungen von G. Heilig in der Wochenschrift f. Soz. Medizin, 16. Jahrg. (1908), S. 395 und Roth a.a.O. S. 614.


21 Ueber die Wirkung der letzteren einige Andeutungen bei Heilig a.a.O.


22 Mir ist unbekannt, wie sich die Fachleute im einzelnen zu den Konstruktionen von W. Hellpach (Psychologie der Hysterie, letzter Teil) stellen.


23 Dafür Vorschläge bei K. Hauck, Internat. Krankheitsstatistik, in der Zeitschr. f. Gewerbehygiene, Unfallverhütung und Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, Wien, XII. Jahrg., ebenso, für die Technik der Krankenjournale von Krankenkassen überhaupt, bei Eisner (Berliner Kongreß, a.a.O.).


24 Inwieweit die qualitative Seite der Leistung direkt oder indirekt meßbar ist, – das liegt natürlich bei jeder Industrie verschieden und wäre bei Behandlung unserer Probleme stets vorab zu studieren.


25 Auch ein Teil der Auszüge aus den Lohnbüchern und gewisse dafür erforderliche Rechnungen sind mir freundlicherweise von seiten des Betriebes besorgt worden. Ich habe jedoch fast kein nicht selbst nochmals nachgerechnetes Material hier verwendet, da sehr häufig sich die Notwendigkeit einer etwas andersartigen Rechnungsweise herausstellte. Darüber wird in späteren Abschnitten das Erforderliche bemerkt. Diese Zahlen im Text verfolgen u.a. auch den Zweck, zu zeigen, daß auf Grund der rückhaltlosesten Einsicht in alle hierher gehörigen Registraturen dennoch eine unseren Zwecken genügende Art der Verwertung des Materials sehr leicht möglich ist, welche jedes Nachrechnen der Selbstkosten des Betriebs durch einen Konkurrenten, der etwa diese Zeilen sehen sollte, vollkommen ausschließt. Da ich selbst nur 14 volle Arbeitstage Zeit auf die Herstellung von Auszügen verwenden konnte, so muß hier mit sehr kleinem Zahlenmaterial hausgehalten werden. Für bloß illustrative Zwecke muß es wohl oder übel genügen, da mich andere Arbeiten hindern, selbst eine Monographie zu schreiben.


26 Diese Fragen sind die Themata der gegenwärtig in den Anfängen befindlichen Erhebung des Vereins für Sozialpolitik über »Anpassung und Auslese (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie«; ich, habe, teilweise im Anschluß an Erörterungen mit meinem Bruder, Prof. A. Weber, der seinerseits dem Komitee des Ausschusses des Vereins den ersten Entwurf von Fragebogen mit einem, die Gesichtspunkte dieser Erhebung skizzierenden, Exposé vorlegte, auch meinerseits eine, auf Veranlassung des Vereins im Manuskript gedruckte, Denkschrift überreicht, aus der verschiedene Gesichtspunkte hierher übernommen sind.


27 So sind in dem mir freundlichst zur Einsicht überlassenen Enquetematerial von A. Levenstein (s.u.) Angaben über den Gang der Ermüdung gemacht, welche jedenfalls nur für die subjektive Müdigkeit (s. o.) gelten können.


28 H. Bille-Top, Kopenhagen: Die Verteilung der Unglücksfälle der Arbeiter auf die Wochentage nach Tagesstunden (Zentralbl. f. allg. Gesundheitspflege, 27. Jahrg., 1908, S. 197). Die Angaben sind der Privatpraxis des Verf. entnommen. Die Verteilung der absoluten Zahlen war folgende (1898-1907):


6-77-88-9 9-1010-1111-1212-11-2

Männer2111216203459

Frauen223886–1


2-33-44-55-66-77-88-9nachts

Männer142629207227

Frauen58253111

(Ein Teil der großen Betriebe wird schon um 5 Uhr geschlossen.) Die Zahlen für Männer und Frauen zusammen verteilen sich so: 6-9: 31, 9-12: 92, 12-3: 34, 3-6: 90. Am Sonnabend in den entsprechenden Stunden: 5-16-6-24. (Der Tag nach der Löhnung, an dem also die Steigerung der Unfälle mit zunehmender Leistung rapider als an anderen Tagen zunimmt.) Die Zahlen sind klein, aber nicht wertlos. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist eine Folge der Alkoholwirkung (s. später).


29 Um so weniger, als der Artikel »Arbeitszeit« (von Herkner) im Handw.-B. d. Staatswiss. einen vortrefflichen Ueberblick gibt.


30 Sozialpol. Schr. S. 228 f.


31 S. 233 a.a.O.


32 Der betreffende (westfälische) Betrieb liegt eine Kleinbahnstunde von einer großen Industriestadt in einem stadtartigen Flecken. – Bei diesen, wie bei den gleich weiter folgenden Rechnungen mußten natürlich Wochen, die durch Feiertage unterbrochen waren, ebenso Tage, deren Leistung offenbar durch ein, von dem normalen Ablauf des Arbeitsprozesses und vom Willen des Arbeiters unabhängiges Ereignis (z.B. einen »Schützenschlag«, der Hunderte von Faden zerreißen und die Leistung unter Umständen für fast 2 Tage bis an den Nullpunkt drücken kann), ausgeschieden werden.


33 Darüber später.


34 In welchem Grade etwa dadurch die Montagsleistung der englischen Arbeiterschaft höher, und ob sie so viel höher ist, daß der freie Sonnabend-Nachmittag dadurch mehr als wettgemacht wird, könnte nur eine exakte Untersuchung zeigen. – Selbstverständlich bedeutete auch die Abschaffung der zahlreichen katholischen Feiertage für die Arbeitsleistung mehr als nur die Hinzugewinnung dieser Tage selbst als Arbeitstage.


35 Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß die Tagesleistungen unter Berücksichtigung dieser schwankenden Stundenzahl der Arbeit an den einzelnen Tagen berechnet sind, also auf den täglichen durchschnittlichen Stundenleistungen effektiven Webens ruhen.


36 Es sind (wie oben) nur diejenigen Maxima in Betracht gezogen, welche die nächsthöchste Leistung um mindestens 3% überragten.


37 Des Vergleiches halber sei schließlich noch die Wochenkurve einer der tüchtigsten Arbeiterinnen, welche der gleiche Betrieb je gehabt hat (und welche, zweistühlig, an demselben Stuhl und der gleichen Sorte arbeitete, wie, zeitweise, der Arbeiter d), hergesetzt:


Montag91,4

Dienstag96,2

Mittwoch100

Donnerstag95,4

Freitag99,6

Sonnabend95,6


Wesentliche Unterschiede gegenüber der typischen Wochenkurve der männlichen einstühligen Arbeiter bestehen ersichtlich nicht; der Montag setzt eher noch tiefer ein als bei diesen, was doch darauf schließen läßt, daß nicht nur der Alkohol bei den Mindestleistungen dieses Tages im Spiele ist: das durch Heirat abgegangene Mädchen war zur Zeit der obigen Arbeitsleistungen bereits verlobt und der Einfluß des Sonntags dürfte also auch bei ihr nicht gerade als eine »Erholung« ins Gewicht gefallen sein. Wir werden dem Einfluß erotischer Strapazen noch weiterhin begegnen und ihn auch an dem Beispiel dieser Arbeiterin erläutern.


38 Es sei hier nur noch auf die von Bille-Top a.a.O. mitgeteilten Zahlen über die Unfallverteilung über die Wochentage in Kopenhagen (aus seiner Privatpraxis) aufmerksam gemacht (1898 – 1907):


Männer:Frauen:

Montag504

Dienstag4610

Mittwoch3412

Donnerstag3410

Freitag339

Sonnabend4313


Die Sonnabendzahl ist Folge des Alkohols (Freitag ist Löhnungstag), das verschiedene Verhalten von Männern und Frauen in den ersten Wochentagen ebenfalls Folge der größeren gesundheitlichen Strapazen des Mannes gegenüber der Frau. – Ich unterlasse es des Raumes halber, meinerseits auf die offiziellen statistischen Feststellungen (Unfallstatistiken) einzugehen, deren Bedeutung für die Frage der »Uebermüdung« ja wiederholt diskutiert worden ist.


39 So C. J. Wentworth Cookson (Australien), über dessen mir im Original nicht zugänglich gewesene Aeußerung u.a. die »Soziale Praxis« 1902, S. 890, zu vergleichen ist.


40 Die durchschnittliche Tagesakkordleistung setzt im Oktober 1906 mit 80,3% des Soll-Normale (Anm. S. 159) ein und verläuft, zunächst durch Uebung ansteigend, in Dreimonatsabschnitten folgendermaßen: November-Dezember-Januar: 95,3%, Februar-März-April: 114,3, Mai-Juni-Juli (gebremst): 89,0, August-September-Oktober: 94,0, November-Dezember-Januar (1908): 92,6. Die Halbmonats- bzw. Monatszahlen sind: Oktober 1906: 80,3, November (1. Hälfte 95,0, 2. Hälfte 96,6): 95,6, Dezember (1. Hälfte 88,6, 2. Hälfte 94,3): 91,3, Januar 1907 (94,1, 103,3): 98,6, Februar (107,1, 117,6): 112,3, März (98,6, 125,6): 112, April (107,0, 132,0): 119,1, Mai (77,6, 105,3): 91,3 (Kollaps infolge Sortenwechsel, technischer Aenderungen am Stuhl). – Juni (85,3, 89,3): 87,3 (Beginn des Bremsens). Juli (87,0, 89,6): 88,3, August 97,0, September 94,6, Oktober 93,6, November 90,3, Dezember 101,3, Januar 1908: 86,6. Ueber die Art der Berechnung und die Gründe der auffälligen Schwankungen zwischen den einzelnen Monaten, namentlich die Einflüsse von Kettenqualitäten und Sortenwechsel, später Näheres. Erst aus der sorgsamen Berücksichtigung aller verschiedenen in Betracht kommenden Momente kann sich ein klareres Bild ergeben. Der Einfluß des »Bremsens« tritt neben dem Sinken der Höhe der Leistung namentlich darin hervor, daß bei der »gemächlichen« Arbeit die Schwankungen der Leistung (seit Juni 1907) sehr viel geringer waren, als in der Zeit, wo der Arbeiter nach dem Maximum des Verdienstes strebte und daher Perioden sehr hoher Leistung mit augenscheinlichen Erschlaffungsperioden abwechselten. Diese Stetigkeit tritt um so auffälliger hervor, als gleichzeitig bei der Mehrzahl der nicht mitbremsenden anderen Arbeiter, infolge des im Juli 1907 von der Betriebsleitung eingeführten Prämienlohnsystems, die Schwankungen der durchschnittlichen Tagesleistungen in den einzelnen Monaten (aus später zu erörternden Gründen) sich steigerten und die Durchschnittsleistung stieg, während der »bremsende« Arbeiter seine Leistung ersichtlich möglichst unterhalb des garantierten Lohnminimums hielt.


41 Dies Soll-Normale ist zugleich der garantierte Minimallohn, bei dessen Uebersteigen durch die Akkordleistung Prämien gezahlt werden.


42 Folge teils von »Erholungs«-Einflüssen als Konsequenz des »gemächlicheren« Brems-Arbeitens, teils von Uebungseffekten, teils endlich von (gegenüber dem Sommer) günstigeren hydrographischen Verhältnissen (s. später).

43 Denn der Dünkel des »Städters« gegenüber dem »paganus« wirkt auch in diesen Kreisen (obwohl der Ort des Betriebes keine Stadt, sondern ein Dorf mit sozialem Stadtcharakter ist) so stark, daß dies Avancement fast eine Art von Revolte provozierte und Austritte erfolgten.


44 Es wird der Einfachheit halber stets die männliche Norm zugrundegelegt. Die angegebenen Prozente sind also Prozente von dieser, d.h. von dem den Männern garantierten Minimallohn pro Tag.


45 Die Größe des Leistungsunterschiedes zeigt sich ganz direkt meßbar, z.B. darin, daß dieselbe Kette, mit welcher eine andere (31jährige und schon längere Zeit im Akkord stehende) Taschentuchweberin im 2. Monat zweistühlig in 13 Tagen 43 Dutzend fehlerhafte Ware »Qualität III« erzeugte, nachdem sie der zweiten der im Text genannten »Pietistinnen« (27 J. alt) unter gleichzeitiger Akkordherabsetzung übertragen war, im 2. Monat, neben noch drei anderen Stühlen, in ebenfalls 13 Tagen ebenfalls 43,1 Dutzend Ware der »Qualität II« ergab. – Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß natürlich ebensowenig wie jeder Gewerkschaftler schon als solcher, so auch nicht etwa jede Pietistin (oder wohl gar: nur eine solche) eine tüchtige Arbeitskraft darstellt. Davon ist keine Rede, – aber die beobachteten Erscheinungen sind wohl trotzdem charakteristisch genug. (Ein ihrer physischen und psychischen Veranlagung spezifisch »unbegabtes«, weil langsames, pietistisches Mädchen wurde mit gutem Erfolg von der Taschentuchweberei an die wesentlich mehr Gewissenhaftigkeit erfordernden schmalen Leinenstühle versetzt.)


46 Inwiefern heute der Katholizismus mit Differenzen der Arbeitseignung zusammenfällt, ist durchaus problematisch. Es dürfte schwierig sein, Fälle zu finden, in denen er als »Ursache« des Vorhandenseins oder Fehlens bestimmter Qualitäten isolierbar wäre. Allein selbstredend muß dem Problem nachgegangen werden. Schon die Angaben der Berufszählung eignen dazu. –

In den Arbeiterbriefen, welche A. Levenstein soeben unter dem Titel »Aus der Tiefe« (Berlin 1909) herausgibt, findet sich (S. 82 f., speziell S. 91) ein Brief eines Webers, der offenbar bei strikter Ablehnung der Kirche religiös veranlagt (dabei aber Gewerkschaftler) ist. Die charakteristische Attitüde zur Arbeit und zum Webstuhl (S. 89 unten) zeigt, daß die psychische Kräfteökonomie derartiger Naturen sich – der allgemeinen Funktion der Religion entsprechend – auch hier günstiger vollzieht als bei anderen. Es ist darauf bei anderer Gelegenheit zurückzukommen. – Im übrigen bildet das gewaltige Material (über 6000 Fragebogen, oft lange Briefe), welches Levenstein durch eine unermüdliche und erfolgreiche Arbeit zusammengebracht hat (und von dem jene Publikation nur ein sehr schwaches Bild gibt), eine Fundgrube für Arbeiter-»Psychologie« im praktisch-ethischen und weltanschauungsmäßigen Sinne des Wortes, – das Wertvollste jedenfalls, was mir an derartigem bekannt ist. Man muß hoffen, daß es in möglichst nicht zu knappem Extrakt publiziert wird.


47 Aus den gezahlten bzw. nicht gezahlten Prämien erkennbar.


48 Daß dieser Umstand auch zahlenmäßig in der Leistung ziemlich deutlich zum Ausdruck gelangt, ergibt sich aus folgendem: Das erwähnte Mädchen übertraf den erwähnten männlichen Arbeiter auch im Durchschnitt der 9 ihrer Heirat vorangehenden Monate (September 1907 bis Mai 1908), im ganzen um etwa 5% (80,6 gegen 77,0% der Norm (s. o.) reiner Akkordwert der Tagesleistung). Dagegen stellten sich im Jahre vorher die beiderseitigen Leistungen folgendermaßen: Das Mädchen: Oktober 06 (1. Hälfte 98,6, 2. Hälfte 88,0%, im Durchschnitt des Monats): 91,6, November (92,0, 89,0): 90,3, Dezember (85,3, 84,0): 84,6, Januar 07 (78,3, 86,0): 82,5, Februar (84,6, 87,6): 86,0, März (75,3, 87,6): 81,0, April (77,3, 81,0): 79,6, Mai (95,3, 90,0): 92,6, Juni (79, 6, 87,1): 81,0, Juli (88,0, 93,0): 90,3, im Durchschnitt (September 1906 und April 1907 arbeitete sie nur wenige Tage): 86,0, wozu noch zu bemerken ist, daß ihre Leistung dadurch noch (um reichlich 5%) gedrückt erscheint, daß sie während dieser ganzen Zeit (bis Juni) an Sorten arbeitete, deren Akkorde erst kalkuliert werden sollten und dann durchweg höher angesetzt wurden, als der ihr berechnete Akkord (sie bezog daher während dieser Zeit einen garantierten Lohn = 88,3% pro Tag). Der erwähnte männliche Arbeiter dagegen leistete an Tages-Akkordwert in der gleichen Zeit: Oktober 06: 79,6, November: 77,8, Dezember: 78,8, Januar 07: 61,8, Februar: 80,0, März 81,3 (April fehlte er), Mai: 89,5, Juni: 74,8, Juli: 81,1, August: 74,6; im Durchschnitt 73,3, wurde also von ihr während dieser Zeit um das 21/2fache mehr, nämlich um 123/4% übertroffen.


49 Denn eine Berechnung der beiderseitigen Leistung im Jahre vorher ergibt, daß auch dieser Arbeiter (mit einer Durchschnittsleistung von 81,3 der Norm) um 51/2% der Leistung des Mädchens hinter ihr zurückstand.


50 Der breite Webstuhl stellt keineswegs nur an die Körperkraft (im Fall der Stillstellung und Wiederinbetriebsetzung bei Fadenbrüchen), sondern, je nach seiner Konstruktion, auch an die Aufmerksamkeit offenbar ganz andersartige Ansprüche als schmale Stühle: man sagt – das wäre eventuell nachzuprüfen – in letzterer Beziehung höhere als die Bedienung von 2 schmalen (die optischen Bedingungen des Uebersehens so großer Flächen von Fäden sind wohl das spezifische). Auf der anderen Seite erfordert die Bedienung der kleinen schmalen Taschentuchwebstühle, schon weil hier die Rentabilität der Arbeiterin durchaus an der Zahl der von einer solchen bedienten Stühle (4) hängt, vor allem »Geistesgegenwart« und »Fixigkeit« für die zahlreichen komplizierteren Handgriffe. Dagegen wird, infolge der besonders kleinen Flächen, das Auge weniger in Anspruch genommen, als schon bei schmalem Leinen, und ist die erforderliche Sorgfalt – da ein Webefehler stets nur das einzelne Taschentuch, nicht, wie bei anderen (breiten oder schmalen) Leinen, das ganze Stück disqualifiziert, – und auch die erforderliche Körperkraft geringer als schon beim schmalen Stuhl, wo das Hantieren mit Lade und Kettenbaum immerhin für Frauen ziemlich anstrengend ist. – Die Jacquard-Weberei endlich stellt an die eigentlichen Weber die geringsten Qualitätsansprüche: von der qualifizierten Arbeit fällt hier der Löwenanteil auf die viel kompliziertere Maschine und die unter einem Höchstmaße von Aufmerksamkeitsspannung arbeitende Kartenschlägerei; Webefehler verbergen sich unter den Mustern weit leichter als bei glatten Leinen.

51 Schon den Dimensionen nach. Die mächtigen westfälischen Webstühle, in wohlhabenden Bauernhäusern prachtvoll verziert, und, wie die geschnitzten Inschriften erkennen lassen, als Erb- und Aussteuer-Bestandteile von Geschlecht zu Geschlecht übertragen, konnten wegen der Erschütterung des Bodens, in unterkellerten Wohnungen überhaupt nicht ohne Webefehler (»Knickschläge«) hantiert werden: das Vordringen der Unterkellerung verschlechterte daher die Qualität des Handgewebes und gehörte zu den verschiedenen Gründen, welche ihm trotz der, bei zunehmenden Feinheitsgraden des Leinengewebes abnehmenden, bei manchen Geweben noch heute nicht bestehenden Konkurrenzfähigkeit des mechanischen Stuhles den Boden abgruben. (Die in ihrer Tragweite an sich problematische und unter den Aerzten bestrittene nervös strapazierende Wirkung des »Maschinenlärms« kann in der Weberei den Höllenspektakel des alten Handwebstuhles unmöglich übertreffen oder auch nur erreichen; sollten dennoch derartige Wirkungen vorhanden sein – was, für die Weberei wenigstens, äußerst fraglich erscheint –, so müßte wohl die Qualität der akustischen Eindrücke: ihre kontinuierliche surrende Hast in dem Ensemble des weiten Arbeitssaales, das Entscheidende sein.)


52 Wenn sie überhaupt rentabel wird. Im anderen Fall werden sie in jedem scharf kalkulierenden Betriebe ausgeschieden. In dem oft zitierten Webereibetriebe vollzieht sich die »Auslese« der Arbeiter im wesentlichen in folgenden Formen: Gänzlich geschiedene Wege gehen (normalerweise) Weberei und Spulerei einerseits, Näherei und mit ihr Plätterei und Wäscherei andererseits. Für die letztere Arbeit, insbesondere (da nur hier die Zahl der Arbeiterinnen erheblich ins Gewicht fällt) für die Näherei kommt ganz überwiegend »städtische« (d.h. aus dem in geschäftlicher Hinsicht und als Domizil von Unternehmern und Rentnern stadtartigen Dorf stammende) Provenienz in Betracht: Mädchen aus »besseren« Kinderstuben, welche die saubere und ihrem Inhalt nach im traditionellen Sinne »häusliche« Arbeit vorziehen und keinenfalls in die eine Etage tiefer liegenden großen Fabriksäle »hinuntersteigen« würden, trotz der dort wesentlich höheren Verdienstehancen. In der Näherei erhalten die Mädchen für die erste und zweite Woche Taglohn, alsdann bis zur 12. Woche einen von Woche zu Woche sinkenden Zuschuß zum Akkord, von der 13. Woche an (normalerweise) reinen Akkord. – Was die Weberei und Spulerei anlangt, so werden »vorgeübte« Erwachsene (namentlich frühere Handweber oder – was bei dem ausgesprochen lokalen Charakter der Arbeiterschaft nur ganz ausnahmsweise vorkommt – anderwärts bereits an der Maschine beschäftigt Gewesene, die als Arbeiter in den Betrieb eintreten) direkt an den Webstuhl gestellt und dort angelernt. Für Jugendliche kommt dies ebenfalls vor, doch ist für sie die eigentliche Vorschule für das Weben die Spulerei. Diese könnte sehr gut von weiblichen Kräften allein besorgt werden, männliche Anfänger werden in sie nur eingestellt, um für den Betrieb den genügenden männlichen Nachwuchs zu erhalten, der sonst, wenn die Jungen anderweit beschäftigt würden, später geringer qualifiziert oder in seiner Neigung zum Fortzug nach auswärts bestärkt würde. Die aus der Spulerei an den Webstuhl übernommenen männlichen Arbeiter erhalten zunächst ihren durchschnittlichen Spulverdienst der letzten Monate für etwa 1/2 Jahr garantiert, direkt an den Webstuhl gestellte Lehrlinge einen etwa von sechs zu sechs Wochen 2mal ansteigenden Lohnsatz. Wenn sie sich hinlänglich geübt zeigen, um den Sollakkord der Weber dauernd annähernd zu verdienen, erhalten sie diesen Satz als Minimallohn garantiert und die Prämiensätze je nach Mehrverdienst, sie sind damit Vollarbeiter. Dies tritt nach mindestens 4, meist 9 – 10 Monaten ein, erreichen sie nach etwa 12 Monaten diese Leistungsfähigkeit nicht, so werden sie als ungeeignet entlassen. In der Spulerei, wo Akkord nach Kilo mit Prämien bzw. Strafen je nach dem Maße des Abfalles gegeben wird, ist ein ebensolcher Ausleseprozeß vorangegangen. Die zum Weben qualifizierten Spulerinnen werden, falls sie sich nicht freiwillig zum Uebertritt an den Webstuhl melden, was nicht nur des besseren Verdienstes, sondern, nach ausdrücklicher Angabe, auch »der interessanteren Arbeit wegen« die Regel ist, zu gegebener Zeit vor die Alternative gestellt, entweder auszuscheiden oder sich zur Weberei überführen zu lassen, da es im Interesse der Erhaltung des Nachwuchses für den Betrieb erwünscht ist, immer wieder Platz für die Einstellung männlicher Jugendlicher als Spuler zu gewinnen. Ausnahmen machen solche Mädchen, welche spezifisch hohe Qualifikationen für das Spulen besitzen. Es scheinen das namentlich – aber nicht ausschließlich – ältere, unverheiratet gebliebene Arbeiterinnen zu sein, die der schwereren Webstuhlarbeit nicht mehr gewachsen sind und – während der männliche Weber in diesem Fall wohl nur noch als »Platzarbeiter« beschäftigt werden könnte – in der Spulerei noch brauchbar, und dann, weil gegen Erotik immun, ganz besonders brauchbar sind: in der Zeit von Juli 1907 bis August 1908 hatten zwei über 50jährige Spulerinnen, im nackten Akkord gerechnet, mit 73 bzw. 70,6% der männlichen Norm eine Durchschnittsleistung, die nur von einem 16jährigen Mädchen mit 79% überholt wurde, während die nächsthöchste Durchschnittsleistung (65,6%) dahinter um 11 bzw. 71/2% und die übrigen um mehr als 20 bis zu 50% zurückblieben, die Jungen noch mehr als die Mädchen. (Im übrigen befand sich in der Spulerei neben 15jährigen auch noch eine im 70. Lebensjahr stehende Arbeiterin.) – Diese Auslese funktionierte im Ergebnis ziemlich fühlbar, auch wenn man die wegen Disqualifikation nicht berücksichtigten Meldungen ganz beiseite läßt und nur die Austritte berücksichtigt. Bei den weiblichen Arbeitern sind es allerdings in einem Drittel der Fälle »Familienverhältnisse«, das heißt mit nur ganz wenigen Ausnahmen: Heirat oder Vorbereitung dazu, die den Grund zum Austritt geben: diese »Auslese« ist natürlich eine in bezug auf die Qualifikation »wahllose«, d.h. es finden sich ganz ausgezeichnete ebenso wie mäßige Arbeiterinnen darunter. Ein weiterer Bruchteil von 1/10 der Fälle beruht auf unbefriedigtem Ehrgeiz, Streit mit der Meisterin, Unzufriedenheit mit dem Gehalt. Bei den Näherinnen findet sich gelegentlich die Absicht, auf ihre Rechnung zu nähen oder zu schneidern, in einem Fall auch bei einer sehr tüchtigen Näherin der Eintritt in eine besonders gute Dienststelle, in einem Fall einer 63jährigen Spulerin Invalidität; endlich in einem Fall der Uebertritt in eine Weberei einer benachbarten Großstadt. Der Rest, ebenfalls ca. ein Drittel der Fälle, betrifft Ausscheiden wegen mangelnder Qualifikation, wobei besonders die Augen, daneben namentlich »Trägheit«, d.h. wohl: angeborene Langsamkeit des Reagierens, die sich dann gern im Uebertritt zum Hausdienst äußert, endlich auch hysterische Veranlagung (ein Fall) und sonstige Gesundheitsschwäche eine Rolle spielen. Bei den Männern sind 1/6 der Fälle rein persönliche und Familienverhältnisse, in 1/3 der Wunsch, mehr zu verdienen oder zu lernen oder die Abneigung gegen die Disziplin der Fabrik, welche den freiwilligen Austritt des Arbeiters bedingten, der Rest (1/2) Disqualifikation. Dabei spielten in einem Fall allzu stark entwickelte, d.h. die Disziplin gefährdende erotische Neigungen eine Rolle, in einem andern Kränklichkeit, in etwa der Hälfte der Fälle schwache Augen, in den übrigen »Langsamkeit« oder allgemeines Ungeschick. Die aus diesem letzteren Grunde ausgeschiedenen Arbeiter sind ganz überwiegend Ziegler, in je einem Falle Tischler, Bergarbeiter, Portier geworden. Wenn man die Zahl der im Herbst 1908 im Akkord befindlichen Arbeiter zugrundelegt, verhalten sich die Austritte, während 21/2 Jahren rückwärts zur Größe des Bestandes bei den männlichen Webern und Schlichtern, wie: 56: 100, bei den Weberinnen wie 1: 2, bei den Näherinnen wie 53: 100. Die wegen ausgesprochener Disqualifikation erfolgten Ausscheidungen machten bei den Weberinnen nur 1/10 des Bestandes von 1908, bei den männlichen Webern dagegen 3/8 desselben aus. – Für das Einarbeiten in die Maschinenweberei bis zu dem Grade, der für den betreffenden Arbeiter den Höhepunkt der Geübtheit darstellt, schätzt man etwa 5 Jahre für den Durchschnitt; von den schon in der Jugend eingeschulten Arbeitskräften verspricht man sich die günstigeren Erfolge –, obwohl natürlich in Deutschland die zwei Militärjahre, mögen diese auch der Domestikation des Arbeiters für die Fabrikdisziplin zugute kommen, doch immer als recht fühlbare Unterbrechung der »Uebung« ins Gewicht fallen dürften.


53 Wir kommen darauf noch bei Analyse der Arbeitskurven kurz zurück.


54 Dabei spielt aber die Art der Verteilung auf die Beschäftigungsarten, die das Maß der Steigerungsfähigkeit bedingt, mit.


55 Eben dies traf aber z.B. bei den gleich zu erwähnenden Erhebungen in Kopenhagen nicht zu und auch die Magen- und Darmkrankheiten waren bei den Verheirateten eher stärker vertreten: Folge kulinarischer Disqualifikation der Arbeiterfrauen!


56 H. Bille-Top, Bidrag til den sociale Arbejderstatistik, Kopenhagen 1904 (A. Bangs Forlag). Es liegen (s. o.) die Erfahrungen der Krankenkasse Aldertröst in Kopenhagen zugrunde.


57 Auch die Morbidität beider Kategorien soll sich erheblich unterscheiden.


58 Die Erhebung Levensteins enthält darüber massenhaftes, die Ansichten Kraepelins in den wesentlichen Punkten durchaus bestätigendes Material aus dem Munde der Arbeiter. Wesentlich die Schikanen der Polizei, das Fehlen von Gewerkschaftslokalen usw. bringt die Arbeiterschaft in Abhängigkeit von den Wirten und damit vom Alkohol.


59 Es ist erstaunlich, daß noch keinerlei Umfrage bei den Aerzten – natürlich möglichst international – veranstaltet worden ist, welche ein Bild von der unter den einzelnen ethnischen, sozialen, kulturellen, klimatischen Bedingungen als normal geltenden Beischlafsfrequenz (zunächst einmal: der ehelichen, die das wichtigste Thermometer ist) geben könnte. Es dürfte dies eine der allernächstliegenden und relativ leicht zu erledigenden Aufgaben medizinischer Enqueten sein.


60 Sie sind nur insofern absichtsvoll »ausgewählt«, als möglichst die verschiedenen Altersklassen und Beschäftigungsarten und andrerseits nur solche Fälle zusammengestellt sind, bei denen nicht durch zweifelsfrei erkennbare besondere Verhältnisse die Vergleichbarkeit allzusehr gestört ist.


61 Was den Begriff »Akkordverdienst« im Sinne der Zahlen dieser Tabelle anlangt, so ist über die Art der Berechnung folgendes zu bemerken: Die absoluten Zahlen, deren Umrechnung in Prozente des Normal-(= Minimal-) Lohns die Tabellenziffern darstellen, werden gewonnen, indem man mit der Zahl der effektiven Arbeitstage (bzw. Arbeitstagsbruchteile) in denjenigen Teil des Monatsverdienstes dividiert, der aus »Akkord«verdienst besteht, und dessen Höhe aus den Lohnblocks auch für alle diejenigen Wochen ersichtlich ist, in welchen, da die Akkordleistung hinter dem gewöhnlichen Minimallohn zurückblieb, dieser letztere gezahlt wurde. Abgezogen sind alle (ausnahmsweise bei unstetiger Verwendung vorkommenden) Tagelohntage, ferner alle Prämien und Zulagen für das Anlernen von »Lehrlingen« (wozu zu bemerken ist, daß die durch Zuerteilung eines Lehrlings verursachte Mehrarbeit und Störung – nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten, die den Akkordverdienst des Lehrers allerdings beeinträchtigen können, – zuweilen bald mehr als ausgeglichen wird durch die Hilfe, die ein begabter Lehrling dem Arbeiter bietet). Dagegen sind Zuschläge zum Akkord, die wegen »schlechter Kette« – sei es, daß das Garnmaterial schlecht war, sei es, daß die Kette schlecht geschlichtet war – gegeben wurden, hier, wo es darauf ankam, zu ermitteln, ob die Leistungsfähigkeit des Arbeiters in den Zahlen zum Ausdruck kommt, eingerechnet, – im Gegensatz zu den weiterhin später, bei Analyse der Ursachen der Schwankungen, gegebenen Zahlen (s. dort). Nicht ganz einfach gestaltet sich die Frage, wie bei zweistühligen Webern für die Perioden der bei ihnen, infolge Kettenwechsel, Maschinendefekt usw. an einem der Stühle vorkommenden Einstühligkeit zu verfahren war. Für diese Perioden werden Stundenvergütungen (1/3 des Normal-Stundenlohnverdienstes) gezahlt. Bei den weiter unten verwendeten Zahlen, welche für die Analyse der Schwankungen der Leistungen berechnet sind, ist diese Zahlung natürlich außer Betracht gelassen. Dagegen habe ich sie bei den Zahlen dieser Tabelle eingerechnet. Der Ausfall an Verdienst, der durch das Stillstehen eines der beiden Stühle herbeigeführt wird, ist je nach den Ketten und auch individuell sehr verschieden groß, schon weil die Steigerung der Leistung auf dem anderen Stuhl, den während solcher Perioden der Arbeiter allein bearbeitet, äußerst verschieden groß ist (darüber unten näher). Im großen Durchschnitt dürfte die Zahlung, wenn man nur den direkten Wegfall der Verdienstgelegenheit auf dem einen Stuhl einerseits und die dadurch gegebene Chance der Steigerung der Leistung auf dem zweiten andrerseits gegeneinander hielte, den Ausfall mehr als decken. Was nicht gedeckt ist (und ja auch durch diese Zahlung nicht gedeckt werden soll), ist die bald zu erörternde Störung der Verdienstchancen durch die mit jeder neuen Kette und Sorte eintretende Notwendigkeit, sich in die jedesmal neue Arbeitssi tuation hineinzufinden (der »Einarbeitungs«ausfall). Da immerhin die Einrechnung der Einstühligkeitsentschädigung jene, für die zunächst im Vordergrunde stehenden Gesichtspunkte noch nicht in Betracht zu ziehende, Schwankungsquelle in ihrer Tragweite für die ohnedies unübersichtlich schwankenden Zahlen teilweise zu kompensieren geeignet ist, so habe ich sie hier vorerst, wie gesagt, nicht ausgeschieden.

Abgerechnet sind endlich, wie im Text gesagt, die Geschlechtszulagen (s. vorigen Artikel Seite 268). Dies ist bei einem Vergleiche der Weber k – p der Klasse II mit denen der Klasse I (a – f) oder der Zahlen bei den vom einen zum anderen Stuhl übergehenden Webern (g – i) wohl zu beachten. Die Akkorde der Klasse II sind (a.a.O.) auf Frauenarbeit kalkuliert, daher ist ein 20% niedrigeres Verdienstsoll zugrunde gelegt und dies bei den Männern durch 20% Zulage pro Tag ausgeglichen. Schlägt man diese 20% zu den Zahlen der Arbeiter in Klasse II, so verdienen sie vielfach im reinen Akkord mehr als die in Klasse I.


62 Wie stark die Einwirkung speziell des Lohnsystems als solchen dabei ist, läßt sich nicht sicher sagen. Es findet sich eine Anzahl Arbeiter, bei denen in den Lohnblocks die Schwankungen von Monat zu Monat nach Einführung des Prämien- und Minimallohnsystems sich steigern. Daneben stehen andere, bei denen sie sich teils nicht steigern, teils abnehmen. Dies letztere ist besonders bei einigen Arbeitern der Fall, deren an sich hohe Leistung sich nach Einführung des Prämiensystems noch steigerte (z.B. d und o der Tabelle), und es ist ja auch an sich naheliegend, daß die Versuchung, mittels der erwähnten Manipulation zwischen gemächlicher Arbeit bei sicherem (Minimal-) Verdienst und gesteigerter Anstrengung mit Prämienverdienst unter Mitausnutzung des Arbeitsprodukts des vergangenen Monats abwechseln zu können, besonders bei Arbeitern wirksam werden muß, welche nach Maßgabe ihrer Veranlagung oder Geübtheit nicht so leicht in der Lage sind, kontinuierlich Prämien zu verdienen. Und als Gegenwirkung gegen jene Einwirkung des Lohnsystems kommt in Betracht, daß die Meister nur den tüchtigsten Arbeitern gestatten, je zwei »Stück« Leinen zusammen abzuliefern, die untüchtigeren – und also zu jenem Kunstgriff am meisten geneigten – dagegen behufs gründlicherer Qualitätskontrolle veranlassen, jedes Stück einzeln abzugeben. Im ganzen aber überwiegt die Schwankungsamplitude nach der Einführung des Lohnsystems diejenige der Zeit vorher (wo ein festes Prämiensystem und ein durchweg gleicher Minimallohn noch nicht bestanden), doch nicht so stark, daß man sich die Wirkung der absichtlichen Ablieferungsverzögerung auf die Zahlen als allzu stark vor stellen dürfte. –

Keineswegs einfach wäre die allgemeinere Frage zu beantworten: welche Einwirkung denn das Lohnsystem, rein als solches, auf die Entwicklung der Leistungen im ganzen gehabt hat. Von den männlichen Arbeitern, die hier vornehmlich interessieren, weisen im Durchschnitt der 3 Monate, welche auf die Einführung des Lohnsystems folgten, genau 2/3 eine Erhöhung der Leistung gegenüber dem Durchschnitt des vorhergehenden Quartals auf, 1/3 eine Verminderung. Das dann folgende Quartal zeigt eine weitere Erhöhung der Leistung nur in 1/5 der Fälle, in 2/3 ein Sinken, im Rest Gleichbleiben, dergestalt, daß gegenüber dem Quartal vor der Einführung des neuen Lohnsystems nur die kleinere Hälfte (7/15) gestiegen, ebensoviele gesunken, 1/15 gleichgeblieben sind. Dabei ist freilich in Betracht zu ziehen, daß dies Quartal einerseits die dunkelste Jahreszeit umfaßt, außerdem aber die gewerkschaftliche Bewegung damals besonders lebhaft war (das Prämiensystem mußte, gleichviel ob so beabsichtigt, jedenfalls der Sache nach als ein Gegenzug gegen die gewerkschaftlichen Solidaritätsprinzipien erscheinen) und ferner (wovon unten) der Sortenwechsel relativ besonders stark einwirkte. Vergleicht man nun aber mit dem der Einführung des Prämiensystems vorangegangenen Quartal die gleichen drei Monate des folgenden Jahres, so zeigt sich in 8/15 der Fälle eine Senkung, in 3/15 ein Gleichbleiben, und nur in 4/15 ein (allerdings erhebliches) Steigen der – nach dem Akkordverdienst bemessenen – Leistung. Die Vergleichbarkeit wird auch hier durch ziemlich starken Sortenwechsel, technische, mit Akkordherabsetzungen verbundene Aenderungen an einer größeren Anzahl Stühlen, beginnende Depression, welche die Intensität der Arbeitsausnutzung herabsetzte, gestört. Aber eine gewisse Erschlaffung nach dem anfänglichen Anlauf bleibt für manche Arbeiter unverkennbar, und es scheint ziemlich sicher (und entspricht auch den Eindrücken der Betriebsleitung), daß das Prämiensystem in Verbindung mit dem garantierten Mindestverdienst ungleich, je nach der Leistungsfähigkeit und sonstigen Individualität der Arbeiter gewirkt hat: eine Minorität – darunter sowohl die jüngsten, im Anlernen begriffenen wie die an sich besonders leistungsfähigen Arbeiter des Betriebes – ist zu einer ziemlich kräftigen Steigerung ihrer Leistungen angeregt worden; ihnen scheinen andere Arbeiter – ebenfalls eine Minorität – gegenüberzustehen, welche im Hinblick auf den garantierten Minimalverdienst ihre Leistung nicht nur nicht gesteigert haben, sondern eher geneigt waren, weniger zu leisten; endlich hat ein Bruchteil auf die Aenderung des Lohnsystems anscheinend gar nicht dauernd merklich reagiert. Unter den letzten beiden Kategorien befinden sich die an sich minder leistungsfähigen Arbeiter des Betriebes, die Prämien nicht oder nur ausnahmsweise zu erhoffen haben. Vielleicht ist das Prämiensystem in dieser Kombination geeignet, die Differenzierung der Arbeiter je nach der Leistungsfähigkeit und -willigkeit zu betonen. Seine Wirkung muß aber je nach der Eigenart der Arbeiter und je nach dem Milieu in jedem Betriebe eine verschiedene sein. Natürlich entscheidet für die Wirkung auch das Maß der Prämien: im vorliegenden Fall steigen sie bis zu 8% des Lohnverdienstes an, so daß der Anreiz zur Mehrleistung, angesichts der zahlreichen vom Arbeiter nicht abhängigen Umstände, welche diese bedingen, sich in mäßigen Schranken hält. Wesentlich höhere Prämien aber würden einerseits allerdings zum »Rennen« provozieren, andrerseits – da die Zahlung der Prämien auch von der Erreichung eines gewissen, stets nur durch Schätzung feststellbaren Qualitätsminimums abhängt – den, ohnehin in diesem Umstand liegenden, an sich unvermeidlichen, Konfliktsstoff zwischen den Arbeitern und dem abnehmenden Meister häufen und so das System bei den Arbeitern schnell diskreditieren.


63 In der Tabelle sind die Zahlen einfach der Nummernfolge in der Stammrolle entsprechend gruppiert, welche ihrerseits, soweit bei der Zuteilung der Nummer nicht reine Zufälligkeiten obwalten, im allgemeinen der Zeit des Eintrittes in den Betrieb einigermaßen korrespondiert. Bei den Mädchen, die zumeist bei ihrer Familie wohnen, überhaupt aber mehr ortsgebunden zu sein pflegen, entspricht diese ihrerseits, wie man in der letzten Spalte sieht, am meisten dem Alter der Mädchen. (Das »Alter« bedeutet hier stets dasjenige Lebensjahr, welches, laut Stammrolle, der Arbeiter innerhalb des hier zugrundegelegten 13monatlichen Zeitraums vollendete.)


64 Durch Versehen war auf S. 165 d. B. die Zahl von 4 Webstühlen als »normal« angegeben: es muß auf der untersten Zeile im Text und Zeile 6 S. 166 in der Anmerkung beidemal heißen: »bis 4«, wobei überdies »4« als eine wesentlich »ideale«, selten erreichbare »Norm« zu gelten hat. Ein S. 163 (bzw. 169) begangenes Versehen ist: der dort erwähnte männliche Weber ist nicht jener (einzige) sächsische Arbeiter des Betriebes, mit dem ich ihn bei der Kiederschrift verwechselt habe. Der letztere ist vielmehr der Arbeiter p der Tabelle I, der durch seine niedrige Leistung an gewöhnlichen Stühlen auffällt und unter dem Frauen-Niveau steht.


65 Dies tritt in dem sehr starken Abstand der Akkord-Verdienste hervor. Ueber die Gründe s. o. S. 165 Anm.


66 Der Kollaps würde, wenn die Geschlechtszulage beim Stuhlmodell II (s. oben S. 165) nicht abgezogen wäre, noch um 20% stärker erscheinen.


67 Die in diese Tabelle aufgenommenen Arbeiter, welche während dieser Periode die Stuhlart gewechselt haben (g, h, i) und alle nicht während der ganzen Periode beschäftigten mußten andrerseits damals ausgeschieden werden.


68 Bei sehr hohen Tourenzahlen tritt auch der dann schnell steigende Maschinenverschleiß in Rechnung. In der Weberei kann Baumwolle die höchsten Tourenzahlen (bis über 200 pro Minute) ertragen; in der Tuchweberei sind dagegen 75 Touren schon eine ziemlich häufige Zahl, die Leineweberei steht zwar zwischen beiden, jedoch den mittleren Zahlen der Tuchweberei ganz erheblich näher als den mittleren Zahlen der Baumwollweberei, dabei aber mit 30 bis 40% Unterschieden je nach Sorte und Material.


69 Damit soll durchaus nicht gesagt sein, daß nicht auch ein solcher Vergleich lehrreich sein könne und bei einer wirklich »exakten« Untersuchung dieser Sachverhalte, die hier nicht beabsichtigt sein kann, gemacht werden sollte.


70 Für Leistungen verschiedener Arbeiter in derselben Sorte lagen mir nur 4 Beispiele vor, von denen s.Z. die Rede sein wird. Zwei derselben sind schon früher (S. 145 bzw. S. 170) benutzt worden.


71 Und zwar wird dabei stets so verfahren, daß die Tagesziffern sämtlich in Prozente der durchschnittlich von diesem Arbeiter an dieser Kette erzielten Nutzeffektleistungen umgerechnet werden. Was die Höhe der erzielten Nutzprozente selbst anlangt, so ist sie in der Leinenweberei sehr viel niedriger als in der Woll- und Baumwollweberei, die mit Nutzprozenten zwischen 80 und 90% der theoretischen Maximalleistung (auch noch darüber) rechnen können, während in der Leinenweberei die Durchschnittsleistung je nach Sorte, Material und Arbeiterschaft gar nicht selten bis unter 50% sinkt, zumal bei Bedienung mehrerer Stühle. Uns interessieren hier indessen diese Abstufungen nicht.


72 Stets: die ganze Woche, so daß also die Zahlen von verschiedenen Sorten eventuell in denselben Durchschnitt zusammengezogen werden. – 2 Arbeiter, die im Monat Juli noch mit je 2 Ketten kontrolliert wurden, sind hier Raumes halber fortgelassen, sie werden später gesondert erörtert.


73 Um das Beispiel zu vervollständigen: 5 exakt beobachtete Arbeiter zeigten folgendes Verhalten: % der Durchschnittsleistung (dieser 5 Arbeiter!) am: 23. (Hygrometerstand 77): 109,3; 24. (70): 99,5; 25. (64): 92,1. Vom 23. zum 24. hatten 2 Arbeiter eine Abnahme, 2 eine Zunahme der Leistungen, 1 blieb sich gleich. Vom 24. zum 25. hatten 4 eine Abnahme, 1 eine kleine Zunahme.


74 30. Mai 08: 1. Durchschnitt von 5 beobachteten Arbeitern: am 19. V. (H.-Stand: 70): 91,8; am 20. V. (65): 81,7; am 21. V. (70); 103,3. 2. Die Leistung steht am 20. V. bei jedem der 5 Arbeiter unter seinem Leistungsdurchschnitt, bei 4 zeigt sie gegen den 19. V. Abnahme, bei 1 Zunahme; vom 20. zum 21. zeigt sie bei allen 5 Zunahme; vom 21. zum 22. V. (Hygr.: 76) gegen den 21. bei 4 von ihnen Zunahme, bei 1 Abnahme. Das ist immerhin leidlich dem Postulat entsprechend.


75 Der 2. Juni 08 mit nur 68% ist zugleich einer der ganz seltenen Tage, an dem bei mehr als 4 beobachteten Arbeitern alle (um 3,6 – 15,3%) über ihrer Durchschnittsleistung standen. Der 1. Juni mit dem gleichen Hygrometerstand ist ein Montag, daher nicht brauchbar. Der 16. Mai mit demselben niedrigen Sättigungsgrad zeigt ebenfalls Zunahme bei 4 von 5 beobachteten Arbeitern. Das bedeutet natürlich nicht etwa die Irrelevanz der hygrometrischen Verhältnisse, sondern nur: 1. daß erst bei starkem Unterschreiten des Soll-Normale, – 2. in verschieden starkem Maß und Tempo bei den einzelnen Arbeitern der Einfluß sich meßbar zeigt, endlich 3. daß er, wenn sich die Schwankungen in Grenzen bis zu etwa 1/6 des Soll-Normale halten, so stark durch andersartige Umstände (s.u.) gekreuzt wird, daß er nicht direkt meßbar hervortritt.


76 Noch überzeugender ergibt sich dies aus folgender Beobachtung: In einer Zeitperiode von 197 Arbeitstagen wurde eine Anzahl in bezug auf ihre Leistungen mit der Stuhluhr exakt beobachteten Arbeitern an allen den Tagen, an welchen mehr als einer von ihnen arbeitete, auf ihre Abweichungen vom Durchschnitt (100%) der Leistung jedes von ihnen (an der jeweils von ihm bearbeiteten Kette) untersucht und dann die einzelnen Tage daraufhin verglichen, wie weit verschieden untereinander sich ihre Leistung verhielt. Die Zahl der Arbeiter schwankte an den betreffenden Tagen zwischen 2 und 6. Dabei zeigte sich an 141 Tagen = 70% der Tage eine Abweichung von mehr als 15% des Durchschnitts zwischen ihnen, und an 119 von diesen 141 Tagen (= 60,1% aller) weichen sie dabei zugleich nach verschiedenen Richtungen (+ bzw. –) vom Durchschnitt ab. Abweichungen von mehr als je 10% vom Durchschnitt in verschiedener Richtung kamen dabei an 46 Tagen (= 23,3% aller) vor. Insgesamt weichen die Arbeiter nach verschiedenen Richtungen vom Durchschnitt ab in 134 Tagen (= 67,6% aller). Abweichung der Leistungen voneinander von weniger als 5% des Durchschnitts zeigten nur 17 (8,6%), von weniger als 2% nur 5 (4,9%) Tage. Dabei gestaltete sich aber das Verhältnis so, daß an den Tagen, an denen mehr als 2 Arbeiter zugleich in bezug auf ihre Leistung beobachtet wurden, in 83,4% der Fälle die Leistungen nach verschiedenen Richtungen vom Durchschnitt abweichen, daß sich mit jeder weiteren Zunahme der Zahl der beobachteten Arbeiter dieser Prozentsatz steigert und schon bei 6 Arbeitern (innerhalb dieses Zahlenmaterials) = 100 wird, also einfach Funktion der Zahl der gleichzeitigen Beobachtungen ist, mithin durch generell für alle Arbeiter maßgebenden Tendenzen keinesfalls bestimmt sein kann.


77 S. die vorigen Anmerkungen. Fühlbar wird den Arbeitern, nach Auskunft der Betriebsleitung, jede erhebliche Unterschreitung der normalen Luftfeuchtigkeit, und sie verlangen alsdann Abhilfe. Da trotzdem, wie gesagt, ein Parallelismus von Hygrometerstand und Tagesleistung nicht (resp. nur in extremen Fällen) stattfindet, ist wohl nur die vorstehende Erklärung möglich.


78 Eine Einzelheit: die beiden letzten Augustsamstage, deren Ziffern eingeklammert sind, weil sie (infolge Betriebseinschränkung) nur eine 4stündige Arbeitsdauer repräsentieren, zeigen durch ihre jedesmal rund 10% gegen den Freitag betragende Leistung die Wirkung der kurzen Arbeitszeit auf die Höhe der Leistung. Das Gleiche tritt bei den meisten anderen Arbeitern in teilweise noch weit stärkerem Maße hervor (Zunahme bis zu 47% gegen den Vortag), jedoch nicht bei allen. Die Zunahmen betragen etwas über 3/4 aller Fälle; von dem Rest, der Abnahme zeigt, ist ein Teil durch Zufälligkeit bedingt, es bleiben aber einige Fälle, wo die Arbeitsneigung offenbar infolge der kurzen Arbeitszeit gesunken ist.


79 Dabei ist, was die Tabelle III anlangt, zu berücksichtigen, daß die Anfang November laufende Kette schon einige Zeit im Oktober gelaufen war.


80 Ebenso wie die niedrige Montagsleistung (s. früher) nicht nur Folge der unhygienischen Sonntagsverwendung seitens der Arbeiter ist: die Maschine, welche von Sonnabendabend bis Montagmorgen gerade dreimal so lang gestanden hat als sonst von einem Tag zum andern, mit den von Klebstoff (Schlichte) überzogenen Fäden auf sich, setzt der Inbetriebsetzung Montags auch größere Schwierigkeiten entgegen als sonst.


81 So z.B. beginnt die Tagesleistung eines mitten in der Bearbeitung einer Kette an die Stelle eines Mädchens tretenden Webers mit 80,0% seiner nachher erreichten Durchschnittsleistung in den ersten drei Tagen. Von 101,6 auf 93,9% im Durchschnitt der er sten 3 Tage sinkt auch die Leistung an derjenigen Kette, welche der in Tabelle III behandelte Arbeiter zuletzt bearbeitete, als auf 1. September ein neuer (ebenfalls tüchtiger) Arbeiter an seine Stelle tritt, um in der zweiten Woche wieder auf 102,2% zu steigen, usw. Ebenso bedeuten technische Veränderungen am Stuhl, welche während des Laufens einer Kette angebracht werden, auch wo sie im Effekt die Arbeit erleichtern müssen, doch, lediglich ihrer Ungewohntheit halber, zunächst ein starkes Sinken und erst allmähliches Wiederansteigen der Leistung selbst bei einem so geübten Weber wie dem in Tabelle III behandelten: vgl. die Zahlen für den 18., 19., 20. Mai daselbst (ebenso bei anderen Arbeitern durchweg).


82 Von diesen sind bei der Berechnung 1. eine spezifisch »schlechte Kette« (weil, je schlechter die Kette, desto ungleichmäßiger zugleich die Verteilung der Garnfehler zu sein pflegt); 2. ein wegen besonders großer Unstetheit der Arbeit schlecht vergleichbarer Arbeiter ausgeschieden worden. Schließt man diesen letzteren ein, so würde sich übrigens das Bild von je 3 zu 3 Stück nur wie folgt verschieben: 1 – 3: 100, 4 – 6: 107,9, 7 – 9: 108,0, 10 – 12: 106,7, 13 – 15: 105,5, 16 – 18: 109,0, also ebenfalls ein (nur nicht ganz so rhythmisches) Ansteigen zeigen.


83 D. h. der drei letzten hier mit in Betracht gezogenen. Am Ketten ende sinkt die Leistung wieder etwas.


84 Da die langen Ketten, an denen bis zu 4 Monaten gearbeitet wurde, mit Anfang und Ende in sehr verschiedene Jahreszeiten fallen, so ist allerdings auch das Mitspielen der allgemeinen meteorologischen Bedingungen der Arbeit wenigstens möglich, obwohl sich die in die Rechnung einbezogenen Ketten darin gegenseitig leidlich ausgleichen würden. Immer aber muß daran festgehalten werden, daß alle diese Zahlen keine »Resultate« sind, sondern »Möglichkeiten« darstellen, die mit größerem Material nachzuprüfen wären.


85 Die folgenden Wochen wurden nicht mit herangezogen, da die Zahl der Fälle, in denen in der 7. Woche eine (hurze) Kette abgearbeitet ist, schon zu groß wird. (Schon in der 6. und sogar der 5. Woche gehen einzelne Ketten zu Ende, die betreffenden Zahlen sind dann schon für diese Woche in der Tabelle fortgelassen.)


86 Weil die Arbeit an dem einen Webstuhl durch die Verhältnisse auf dem andern, insbesondere auch durch Einlage neuer Ketten usw. auf diesem, auf das stärkste mit beeinflußt wird.


87 Sowohl in der ersten wie in der zweiten der beiden Zahlenreihen wird das Herausfallen aus dem Rhythmus derselben in je einer Woche durch gewisse abnorme Verhältnisse bestimmter Wochen bedingt (Einstühligkeitstage bei zweistühligem Weben, ferner Halbtagsarbeit – mit entsprechender Intensitätssteigerung – und Ausfall von Arbeitstagen). Die Verschiedenheit der Zahl der Arbeitstage in den einzelnen Wochen ist überhaupt recht störend. Aber würde man einfach von der Wocheneinteilung absehen und etwa die Leistungen und Schwankungen von je 5 oder 6 Tagen, an denen gearbeitet worden ist, zusammenfassen, so würden z.B. die Besonderheiten des Montags, der dann bald einmal, bald zweimal in diesen Gruppen sich finden würde, das Resultat stören. – Es sei immer wieder hervorgehoben, daß hier nicht »Ergebnisse«, sondern Wege, auf denen man vielleicht, unter günstigeren Bedingungen als sie diese Industrie bietet, solche finden könnte, dargelegt werden sollen.


88 Sie sind natürlich wesentlich irrationaler bedingt als die erörterten durchschnittlichen Gesamtleistungen einer Periode, bei denen die oben gewonnenen »Resultate« auch schon nur mit allem Vorbehalt als solche angesehen werden durften. (Ein Versuch der Analyse der Zahlen für die späteren Wochen hätte, da dieselben ganz unstet und schroff schwanken, kein Interesse.)


89 Allerdings war der Akkordsatz der Sorte 4, die auf eine besondere Einzelbestellung hin erstmalig gemacht wurde, »probeweise« angesetzt. Es ist diejenige, deren Rentabilität für den Arbeiter durch mangelhafte Angepaßtheit der Sorte an den Stuhl gestört wurde (s. Text).


90 Denn auch die Leistung auf Stuhl B ist, zumal für einen Kettenanfang, recht hoch.


91 Die Erhöhung der Tourenzahl auf B um noch nicht 0,9% spielt dabei schwerlich eine irgendwie fühlbare Rolle. – Die meteorologischen Arbeitsbedingungen waren in beiden Perioden (Juli bzw. August und erste Septemberwoche 1908) nicht irgend wesentlich verschieden und im ganzen für diese Jahreszeit relativ günstig. Eine begrenzte Betriebseinschränkung im August (Sonnabends mehrfach nur Halbtagsarbeit, einzelne Sonnabende volle Stillstellung) war, bei der Eigenart dieses äußerst leistungswilligen Arbeiters, eher geeignet, die Leistung der zweiten 25 Tage in die Höhe zu treiben.


92 Nur der Umstand, daß in der ersten Periode die starken Schwankungen der Leistungen zwischen den letzten 3 Tagen (Kettenende) mit einbezogen sind, bedeutet einen gewissen Unterschied.


93 Direkt vergleichbar scheint die Leistung beider Arbeiter für eine Periode, während deren beide gleich zeitig an der gleichen Sorte arbeiteten und der ältere Arbeiter einen um 38% höheren Nutzeffekt erzielte als der jüngere, oder nach Schuß gezählt bei einer um 63/4% höheren Tourenzahl des Stuhles eine um 29,7% höhere Schußzahl. Indessen ist 1. die technische Einrichtung der Stühle nicht in allen Punkten die gleiche und 2. hatte der Jüngere auf dem andern daneben laufenden Stuhl eine andere (leichtere) Sorte als der Aeltere.


94 Denn der Unterschied von nur 3% in der Breite kommt für die Arbeitsleistung natürlich nicht in Betracht. Es tritt dazu, daß auch die andern gleichartigen Sorten sehr ähnliche waren, so daß auch ein Uebungseffekt mitspielen kann.


95 Es mußten einige Tage, an denen auf dem einen Stuhl – wohl wegen Defektes – nicht gearbeitet wurde, außer Betracht bleiben.


96 Ein Webstuhl, dessen Tourenzahl bei gleichbleibender Sorte um – nehmen wir an – 20% erhöht würde, könnte, selbst unter der Voraussetzung, daß diese Beschleunigung pro Meter Kette keinerlei Steigerung der Fadenbrüche oder sonstige Störungen herbeiführte, dennoch unmöglich um 20% mehr Ware liefern, wenn der Arbeiter für jede Schußspulauswechslung und für die Beseitigung jedes Fadenbruches usw. die gleiche Zeit bedarf, wie bei der um 20% geringeren Tourenzahl, einfach weil die durch solche Unterbrechungen des Arbeitsprozesses verloren gehende Zeit natürlich, auf die Meterzahl Waren gerechnet, einen größeren Ausfall bedeutet, als bei geringerer Tourenzahl. Nur wenn der Arbeiter ebenfalls alsbald um 20% schneller reagieren könnte, würde die Steigerung des Ertrages 20% betragen. Schon deshalb ist das Maß der von einem und demselben Arbeiter normalerweise erzielten Maschinenausnützung je nach der Tourenzahl nicht gleich hoch. Nun ist aber ferner natürlich die Höhe der Tourenzahl von erheblichem Einfluß auch auf die Zahl der Fadenbrüche und das sonstige Verhalten des Garns beim Weben und zwar z.B. je nach Feinheit und Draht desselben in sehr verschiedenem Maße und daher in ihrem Optimum von diesen (und sehr vielen anderen) Umständen abhängig.


97 Die sehr großen Unterschiede des Materials würden eins der verschiedenen Probleme bei dem Versuch des Abschlusses von Tarifverträgen bilden. Heute wird im Fall »schlechter Ketten« durch individuelle Zuschläge nachgeholfen. Die Höhe solcher Zuschläge ließe sich nicht leicht tarifieren. Und es tritt ferner dazu: die Zahl der Fadenbrüche ist (auch in der Baumwollweberei) keineswegs nur Funktion der Garnsorte und der Güte ihrer Herstellung, sondern in nicht unerheblichem Maße auch vom Arbeiter abhängig, der einen erheblichen Bruchteil davon durch Kontrolle der Kette und rechtzeitigen Eingriff verhüten kann. Geübte Arbeiter pflegt der beaufsichtigende Meister u.a. auch daran zu erkennen, daß sie sich ebensoviel hinter wie vor den Webstühlen aufhalten (auch in der Baumwollweberei).


98 Vom Juli ab hatte sie beim Einziehen unter neuen, höhere Aufmerksamkeit fordernden Bedingungen zu arbeiten, zuerst teilweise; dann ganz. Die Erschwerung der Arbeit drückt sich in einem um etwas über 24% erhöhten Akkord aus. Dadurch wird eine gewisse Störung in die Zahlen gebracht, die jedoch, wie die Tabelle zeigt, nur kurze Zeit von Erheblichkeit war.


99 Der Vergleichbarkeit halber sind die Zahlen bis Juni derart umgerechnet, daß sie ergeben, wieviel die Arbeiterin verdient haben w ü r d e, wenn die Sätze von Anfang an so hoch gewesen wären.


100 Die Folge der durch die Einflüsse der Depression entstandenen niedrigen Zahlen im Juli und September 08 und der durch die Winterbedingungen herbeigeführten Niedrigkeit der Zahlen im Januar und Februar bringen es mit sich, daß diese beiden Quartale gegen die vorangehenden Rückschläge zeigen. Erst die Zusammenfassung von Halbjahren zeigt die Stetigkeit des Steigens.

101 Am Durchschnitt der Leistungen an dieser Kette gemessen (s. früher), welcher in diesem Fall, an den Leistungen des Arbeiters an anderen Ketten gemessen, eine hohe Leistung repräsentiert.


102 S.170.


103 Die Ueberweisung eines temporär verwaisten dritten Stuhles in der Periode der höchsten Konjunktur – Juli 1907 – darf hier als eine bloße Episode vernachlässigt werden: der Arbeiter verdiente zwar, wie man sieht, in diesem Monat nicht unbeträchtlich mehr als in den andern, und ebenso stieg die nackte Meterleistung pro Tag, aber der Grad der Maschinenausnutzung und die Qualität des Produktes gingen so stark herunter – bei überdies bestehender Gefahr der Ueberanstrengung des Arbeiters, wie sie wohl auch in dem Kollaps des folgenden Monats hervortritt – daß dies der einzige Fall im Betriebe geblieben ist.


104 Ein Umstand, der allerdings seinerseits, bei hinreichend großem Material und sonst günstigen Verhältnissen, gerade recht interessante Aufschlüsse über die Art der Inanspruchnahme der Arbeiterschaft je nach der Produktionsrichtung geben, und dann, bei Kombination dieser Ergebnisse mit der sozialen und örtlichen Provenienz der Arbeitskräfte, sich für die uns interessierenden Fragen sehr fruchtbar erweisen könnte. Aber eben nur da, wo die sonstigen Bedingungen, insbesondere: interlokale Rekrutierung, vorlägen.


105 Im übrigen ist selbstverständlich dringend zu wünschen, daß innerhalb der Textilindustrie insbesondere so große Produktionszweige wie die Baumwoll- und Tuchweberei, ferner speziell etwa die ganz spezifische Bedingungen stellende Plüsch- und auch die Teppichweberei in möglichst eingehender Weise auf die Provenienz ihrer Arbeitskräfte und deren etwaige Beziehungen zu den technischen Bedingungen der Arbeit hin untersucht werden, gleichviel ob nun gerade Rechnungen der vorstehend versuchten Art bei ihnen Ergebnisse zu zeitigen versprechen, oder ob man mit wesentlich gröberen Methoden das (vorläufig) Wissenswerte und -mögliche feststellen kann. Ganz im Groben wird man in vielen Fällen zunächst einmal durch detaillierte technische Analysen einerseits der jüngsten Entwicklungsstadien der maschinellen Ausrüstung (nur von einem Maschinentechniker unter steter Kontrolle der Resultate durch Praktiker des betr. Produktionszweiges zu beschaffen) mit ihren Konsequenzen für Maß und Art des Arbeitsbedarfes, andererseits der Zusammensetzung der korrespondierenden Arbeiterschaft nach Alter und Provenienz (in vielen Fällen nur durch die Gewerkschaften am relativ besten zu beschaffen, deren Material freilich stets ergänzungsbedürftig bleibt, da sie nie die Gesamtheit, sondern stets nur Schichten von Arbeitern der mit jenen Maschinen ausgerüsteten Betriebe umfassen), weiterkommen und wenigstens die erste Grundlage zu solchen Untersuchungen schaffen können, wie sie in den ersten Artikeln als letztes Ziel hingestellt wurden.


106 Beispielsweise ergaben die Auseinandersetzungen über die Gründe der Schwankungen der Zahlenreihen in Tabelle I, daß erst eine sehr starke Vergrößerung des Zahlenmaterials es ermöglichen würde, in vertikaler Richtung »Durchschnitte« von irgendwelchem Wert zu ziehen, während in horizontaler schon die Zusammenfassung von je 4 Kolumnen eine brauchbare Zahl liefert. – Ebenso zeigen die Betrachtungen über die Komposition der Leistungsschwankungen bei zweistühligen Webern, daß eine relativ hohe »Gleichmäßigkeit« der Gesamtleistung eines mehrstühligen Webers hier keineswegs ein eindeutiges Zeichen von stetigerer Arbeit und höherer Leistungsfähigkeit ist: sie kann dies sein, kann aber auch das gerade Gegenteil besagen. – Und die Untersuchung der Tragweite des Arbeitswechsels zeigt, daß bei jeder Vergleichung von Durchschnittsleistungen längerer Zeiträume die Häufigkeit des Kettenwechsels als sehr wichtige Komponente in Rechnung zu stellen ist.


107 Schon wegen des allzu hypothetischen Charakters dieser Zahlen habe ich es auch unterlassen, den naheliegenden Versuch zu machen, die Entwicklung der Schwankungsamplitüde bei den beobachteten Arbeitern im ganzen durch die Zeit vorzuführen. Die Rechnung ist gemacht und zeigte für den Spätherbst 1908 eine merkliche Abnahme des Schwankungsdurchschnittes gegenüber dem Frühjahr (die Spätherbst- und ersten Wintermonate 1907/08 verhalten sich sehr verschieden und sind wegen der schwankenden Zahl von Beobachtungen nicht in Vergleich zu ziehen); also: Zunahme der Stetigkeit, trotzdem, alles gegeneinander aufgerechnet, die an die Arbeiter gestellten Ansprüche wohl unzweifelhaft gestiegen sein dürften. Doch sind die Arbeitsbedingungen der in Betracht zu ziehenden Arbeiter zu heterogen, um mit solchen Zahlen arbeiten zu können. Und dann wäre es, auch wenn die Tatsache feststünde, doch noch gewagt, eine etwa sich ergebende Zunahme der Stetigkeit in diesem Fall als Folge der Uebung zu deuten. Denn es erscheint sehr möglich, daß die erregenden Einflüsse des Frühlings auf den psychischen und physischen Habitus der Arbeiter diese größere Schwankungsamplitüde gegenüber dem Spätherbst – falls sie als sicher vorhanden anzusehen sein sollte – mindestens mit bedingt hätten. Ob und in welchem Grade dies der Fall ist, könnten gleichfalls nur weit umfassendere Untersuchungen für längere Perioden lehren.

108 Ich brauche kaum nochmals zu wiederholen, daß alles, was oben (S. 161) über die wahrscheinliche Wirkung pietistischer Erziehung auf die Arbeitsleistung gesagt ist, in seiner Vereinzelung betrachtet, durchaus hypothetisch bleibt. Aber – wie bei anderer Gelegenheit auszuführen sein wird – die Erscheinung findet auch heute doch noch wesentlich zahlreichere Parallelen, als ich früher (Arch. f. Sozw. u. Sozpol. Band XX) anzunehmen geneigt war. Dabei ist, wie schon bei anderer Gelegenheit, in aller Schärfe zu wiederholen, daß für die moderne Fabrik-Arbeiterschaft heute vermutlich nicht die Konfession als solche, wie dies in den Zeiten des Frühkapitalismus für die Welt des Bürgertums der Fall gewesen zu sein scheint, Unterschiede konstituiert, sondern die Intensität, mit der sie, heiße sie nun Katholizismus oder Protestantismus, im Einzelfall die Lebensführung überhaupt beeinflußt. Daß der heutige, in dieser Hinsicht nach Maß und Richtung des Einflusses vom Mittelalter sehr stark verschiedene Katholizismus ein genau ebenso brauchbares Domestikationsmittel ist wie nur irgendeine »protestantische Askese«, zeigen u.a. gewisse neuere Erscheinungen in Nordspanien, wo die Jesuitenschulen ganz planmäßig von den Unternehmern als solches benutzt werden. Näheres über diese Frage ein anderes Mal.


109 Diese Erklärung, welche im einzelnen an den Tabellen I und II vorzunehmen ich mir um des Raumes willen versagt habe, hätte fast alle stark exzentrischen Schwankungen, auch der Tageskurven, erfassen können. (So ist z.B. ein großer Bruchteil der letzteren dadurch bedingt, daß es sich um Ketten zweistühliger Weber handelte und die Verhältnisse des andern Stuhles hineinspielten, insbesondere Einstühligkeit; so für die ganze Serie exzentrisch hoher Leistungen Tabelle II, e, Januar 21-23, Februar 18-27, – m, Januar 7-13, ebenso für zahlreiche andere exzentrische Einzeltage.) Gleichwohl bleibt natürlich doch für die exzentrischen Schwankungen ein starker durch Nachforschungen ex post unerklärbarer Rest, und die normalen Schwankungsamplituden entziehen sich vollends jeder nachträglichen Erklärung.


110 Es handelt sich dabei im wesentlichen um Beobachtungen, wie z.B. die: daß solche Arbeiter, welche beim Uebergang zu neuen und schwierigeren Sorten eine sehr hohe Anfangsleistung entwickeln (weil sie ihren Schußzahlstandard pro Tag auch bei der neuen Sorte zu behaupten trachten), auch in der Leistung innerhalb der Woche, speziell der Montagsleistung, ein ähnliches Verhalten zeigen, so daß sowohl die »Uebungskurve«, als die »Wochenkurve« sich bei ihnen abweichend von dem Durchschnitt gestaltet (für erstere tritt dies namentlich bei zweistühligen Webern deutlich hervor: vgl. S. 86. Ueber die Unterschiede der Einwirkung des Sonntags ist schon S. 148 f. gesprochen; es ließe sich hier noch einiges, wennschon wesentlich Hypothetisches, hinzusetzen). – Sehr hypothetisch müßten auch, bei der Kleinheit der Vergleichszahlen, die Beobachtungen über Unterschiede in der Eigenart (Wochenkurve, Uebungskurve, Schwankungsamplitude, Leistungshöhe) der »städtisch«, d.h. in stadtartigen Orten, und der »ländlich« geborenen, aufgewachsenen oder domizilierten Arbeitern bleiben. Die größere »Fixigkeit« der ersteren, schnelleres Uebungstempo (bei nicht immer höherer Uebungsfähigkeit) sind auch nicht ausnahmslose Erfahrungen, wie theoretisch anzunehmen wäre, und von »Durchschnitten« kann bei den kleinen Zahlen nicht die Rede sein. S. auch den Text.


111 Ziehen, der den Fall in der Charité vorstellte (vgl. Berl. klin. Wochenschrift 1905, Nr. 40).


112 So die stärkere Neigung der bayerischen Irrenanstaltsinsassen zur Gewaltsamkeit, der Pfälzer zur Unruhe, der Sachsen zum Selbstmord, – während die spezifische Neigung der Romanen und Slaven zur Hysterie, speziell ihrer schwereren Form, allerdings, nach der Religionsgeschichte zu schließen, wohl eher als echte ererbte »Stammesqualität« anzusprechen wäre.


113 So namentlich bei gewissen, in abgeschwächter Form äußerst verbreiteten »zirkulären« Störungen.


114 Strohmayer, Zeitschr. f. Psych. 61, 1904 und Münch. med. Wochenschrift 1901, Nr. 45 u. 46.


115 Die Arbeiten von Jenny Koller (Archiv f. Psychiatrie 28), welche bei Untersuchung einer gleichen Zahl Geistesgesunder und Geisteskranker nur ein mäßiges Ueberwiegen der Belastung bei den letzteren (76,8 gegen 59%) zeigten, und die Zahlen von Diem, Arch. für Rassen- und Gesellsch.-Biologie 2, 1905 (77,0 gegen 66,5%) ergeben das richtigere, der Bedeutung der Vererbung wesentlich günstigere Bild – wie Diem nachweist – erst bei Sonderung nach den Krankheiten und gesonderter Betrachtung der direkt Belasteten. Vgl. ferner: Tigges, Allg. Zeitschr. f. Psych. 64 (1907). Die Einflüsse der, besonders bei Einbringung von Männern, fast immer unvollständigen Angaben der Verwandten täuschen zu niedrige Zahlen in den üblichen Statistiken vor.


116 »Organisch« heißen in der Psychiatrie im klinischen, hier gebrauchten Sinne des Wortes die durch (im Prinzip) schon jetzt sichtbar zu machende Gehirnveränderungen bedingten Psychosen. Die am meisten »endogen« vererbbare und verbreitetste reine Psychose: die von Kraepelin sog. »manisch-depressiven« Störungen, wären nach diesem Sprachgebrauch nicht »organisch«, sondern »funktionell«.

117 Die früher mehrfach auch von Fachleuten geäußerte Annahme: daß psychische Krankheiten nach ihrem »Manifest«-Werden leichter vererblich seien, bot hierfür eine verlockende Analogie. Aber diese Annahme scheint nicht sicher erweislich zu sein.


118 In einer als Manuskript gedruckten Denkschrift für den Verein f. Sozialpolitik, 1908. S. 1-60 dieses Bandes.


119 Von den bisherigen Arbeiten des Instituts sind ein Teil wesentlich populärer Art: dahin gehört von den »Actualités sociales«: L. Querton, L'augmentation du rendement de la machine humaine (1905), während die Arbeit von Mlle. J. Joteyko, Entrainement et fatigue au point de vue militaire (1905), namentlich in den Fragestellungen (S. 59 f.) manches Wertvolle bietet, wennschon von den angeführten Tatsachen der Satz, daß stets nach (relativ) kurzer Zeit das Optimum des für das betreffende Individuum überhaupt erreichbaren Uebungsstandes erzielt werde, weitere Uebung also zwecklos sei, mit den bisher gemachten Beobachtungen in der Industrie nicht übereinstimmt. Damit ist nicht gesagt, daß er nicht für das Schießen vielleicht wirklich gelten könne – weil hier Begabungsdifferenzen in der Tat wohl von großer Bedeutung sind. – Mir ist selbst das fraglich. Vor allem aber: die Tendenz dieser Arbeit macht die Sache etwas verdächtig. Jener Satz soll dem pazifistischen Verlangen nach Abkürzung der Dienstpflicht dienen. Dazu ist er – man kann das bedauern, aber schwerlich ändern – nicht geeignet. Wer die deutsche Armee wiederholt, zuerst mit und nachher ohne die »dreijährigen« Leute gesehen hat, weiß, daß sie sich seit Ausscheidung der letzteren geändert hat. Ob durchweg zum militärisch Guten, kann der Laie nicht beurteilen (obwohl ersichtlich manches dagegen spricht), aber es ist das Gegenteil jedenfalls, je nach den gestellten Ansprüchen, möglich und damit entfällt die Zulässigkeit so genereller Urteile. Denn das erzielte Schieß-Optimum tut es nicht allein, auch die (vom »menschlichen« Standpunkt betrachtet gewiß höchst unerfreuliche) Aenderung der ganzen inneren Attitüde des Mannes, deren Fortschreiten man gerade auch an dem spezifischen Landsknechts-Selbstgefühl der »Dreijährigen« beobachten konnte, kann militärisch-technisch relevant sein. Und gerade die Zusammendrängung und Intensivierung der »Uebung« durch die Kürze des Dienstes trägt die Gefahr des »hyperentraînement« in sich. Ueberdies ist die Schießleistung auf der Flotte ganz fraglos nicht durch Uebung von kurzer Dauer zu erhöhen. Hier haben an den großen Geschützen mehrere Mann zusammenzuwirken und die Ueberlegenheit der englischen Flotte (wenigstens in den Rekordleistungen) hängt zweifellos mit dem automatischen Ineinanderspielen der in jahrelanger Gewöhnung gänzlich aufeinander eingestellten Bedienungsmannschaft zusammen. Es ist jedenfalls mit dem bisherigen Material ziemlich schwierig, hier sichere Schlußfolgerungen zu gewinnen. Die esoterischen (auch privatim selten geäußerten) Ansichten auch sehr hervorragender, weltkundiger und zugleich politisch unbefangener Militärs sind heute schon der Massendienstpflicht als alleiniger Grundlage des Kriegswesens nicht mehr unbedingt günstig. Je mehr der Kriegsbetrieb maschinell wird, desto mehr drängt auch er zur Verwendung jahrelang geschulter Spezialisten und damit wieder zur Einfügung von einem Stück berufsmäßiger Lohnarbeit in die zunehmend zum Miliz-Charakter drängende Zwangsarbeit der »allgemeinen Wehrpflicht«, welche die Grundlage der Kriegführung weder ewig war – in England sind es bekanntlich religiös-ethische Momente gewesen, welche das siegreichste Heer seiner Zeit: die Armee Cromwells, das Prinzip des zwangsweisen Kriegsdienstes grundsätzlich verwerfen ließen – noch, vielleicht, ewig sein wird. Dies alles nur nebenbei: es ist die Schwäche mancher Arbeiten aus »positivistischen« Kreisen, daß sie überall der gewiß »guten Sache«, die sie vertreten, auch auf ihre Argumentationen Einfluß gestatten. Ob die Bemerkungen von Mlle. Joteyko über die Beziehungen von Muskel- und Nervenübung und -Ermüdung in Kap. VI überall einwandfrei sind, wage ich nicht zu beurteilen. Unglücklicherweise werden die »energetischen« Begriffe Solvays gelegentlich hineingemengt. (So ist zu S. 75 unten zu bemerken, daß auch eine »Auslösung« nur durch Energieverbrauch möglich ist, die »Nervenzentren« also doch nicht außerhalb der Energie-Oekonomik stehen, und zu S. 83 oben, daß die »psychische Widerstandskraft« – eines Heeres – doch keine Funktion der »Intelligenz« ist u. dgl. mehr.) Im übrigen bedaure ich, daß mir der sehr instruktive Artikel der Verf. (»Fatigue«) im Dictionnaire de physiologie s.Z. ganz entgangen ist. Auf diese Arbeit sei hier nachträglich verwiesen.

Das lesenswerteste Heft der »Actualités« ist zweifellos die Darstellung von L. G. Fromont über die Erfahrungen, welche mit dem Uebergang von der Doppelschicht (Zwölfstundentag mit 10 Stunden effektiver Arbeit) zur dreifachen Schicht und damit zum Achtstundentag (71/2 Stunden effektive Arbeit) beim Rösten der Zinkblende in der von ihm geleiteten chemischen Fabrik gemacht wurden. Ein näheres Eingehen auf diese mit Recht vielbeachtete Schrift unterlasse ich aber, da die Erörterung der Wirkungen der Arbeitsdauer hier überhaupt beiseite gelassen wurden. Zur Rechtfertigung dafür kann jetzt außer auf den früher zitierten Artikel Herkners auch auf die seitdem (1909) erschienene Schrift von E. Bernhard (Höhere Arbeitsintensität bei kürzerer Arbeitszeit, ihre personalen und technisch-sozialen Voraussetzungen, Schmollers Forschungen, Heft 138) verwiesen werden, welche das Thema in kurzer Uebersicht systematisch, natürlich in keinem Sinn erschöpfend, aber jedenfalls nach Lage des vorerst allein vorhandenen Materials und gemessen an dem, was der Autor beabsichtigte, im ganzen recht gut behandelt, ohne gerade gänzlich Neues gegenüber Herkner zu bringen. Gut ist die Literatur herangezogen. (Ich weise nur beiläufig darauf hin, daß die auf S. 23 dieser Schrift wiedergegebenen, mir entgangenen Angaben der 1905 vom Reichsamt des Innern bearbeiteten Denkschrift über die Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen die Beobachtungen über die Wochentagsleistungen in der Weberei, bestätigen, welche ich oben vorgetragen habe: Ansteigen von Montag bis Mittwoch, Kollaps am Donnerstag, leichtes Ansteigen Freitag, dann – infolge der um eine Stunde kürzeren Arbeitszeit! – Aufsteigen der Stundenleistung am Sonnabend zum Wochenoptimum. Der Verfasser kannte übrigens, wie er sagt, meine Aufsätze nicht. Einige schiefe Bemerkungen laufen mit unter: – so gehört auf S. 1 der einleitende erste Absatz gewiß nicht zur Sache, und die Bemerkung S. 33 Anm. 1 a. E. ist sachlich inhaltsleer, da dem Arbeiter seine Qualität, etwas »anderes« als ein »willenloses Atom« zu sein, ja an sich gar nichts nützt. Manche Behauptungen, speziell im Schlußabschnitt, stehen in ihrem Optimismus mit der sonst zu rühmenden Reserve des Verf. nicht gut im Einklang: Herkner z.B. ist bezüglich der Bedeutung der Automatisierung mit Recht reservierter.) – Die anderen schon gedruckt vorliegenden Arbeiten des Institut Solvay – auf welche gelegentlich in anderem Zusammenhang zurückzukommen ist – kommen für unsere Zwecke wenig in Betracht. (Ganz wertlos ist die unter anspruchsvollem Titel auftretende Arbeit von Ch. Henry: Mésure des capacités intellectuelle et énergétique – vgl. dazu meine Bemerkungen anläßlich der Besprechung von Ostwalds »Energetischer Soziologie« in Arch. f. Sozw. u. Sozpol. Bd. XXIX, Heft 2.) – Welchen Nutzen die zu erwartenden Arbeiten des Instituts von der Verwendung kinematographischer Aufnahmen der Arbeitsverrichtungen für die psychophysische Analyse der Arbeit ziehen werden, bleibt abzuwarten. Vorerst liegt darin nur ein »origineller Einfall«, allein gewiß ist es gar nicht ausgeschlossen, daß bei richtiger Anstellung der Beobachtungen nachher eine exaktere Messung der Zeitdauer der einzelnen Reaktionen, aus welchen sich die konkrete Hantierung zusammensetzt, ermöglicht wird, – und das wäre durchaus nichts Unerhebliches.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988.
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