Österreichische Schule

Dieser Artikel erläutert eine Strömung der Volkswirtschaftslehre; andere Bedeutung unter Bildungssystem in Österreich.

Die Österreichische Schule ist eine Richtung der Volkswirtschaftslehre, die zur der Neoklassik gehört. Sie vertritt indes den Standpunkt, dass sich das menschliche Wirtschaften der Formalisierung, wie sie derzeit in der Volkswirtschaftslehre üblich ist, entzieht. Demzufolge lehnt sie sowohl mathematische Modellierung als auch die empirische Methode ab, die die meisten anderen Schulen der Volkswirtschaftslehre bevorzugt anwenden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Entwicklung

Als eigentlicher Begründer der Schule gilt Carl Menger mit seinen 1871 erschienenen Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre. Darin löste er das sogenannte klassische Wertparadoxon mithilfe der Betrachtung des Grenznutzens. Diesen Weg hatten vor ihm bzw. gleichzeitig, allesamt unabhängig voneinander, bereits Hermann Heinrich Gossen, Léon Walras und William Stanley Jevons eingeschlagen. In diesem Punkt sind sich die neoklassischen Schulen daher einig.

Widerspruch in der deutschen Wirtschaftswissenschaft kam insbesondere von der Historischen Schule um Gustav von Schmoller, die in Preußen vorherrschend war und einen relativistischen Ansatz vertrat. Menger hielt dagegen die ökonomischen Gesetze nicht für historisch relativ, sondern logisch objektiv erkennbar. Die unterschiedlichen Ansätze führten zum sogenannten Methodenstreit der Nationalökonomie, in dem Menger vor allem von Eugen von Böhm-Bawerk, dem zweiten Begründer der Schule, und Friedrich von Wieser unterstützt wurde. Der Ausdruck Österreichische Schule (oder auch Wiener Schule) wurde dabei zunächst von Vertretern der historischen Schule gebraucht und sollte den Kreis um Menger als provinziell abwerten. Die „Österreicher“ nahmen ihn aber bald selbst an und zitierten später gerne polemisch ihre Gegner, die sich selbst zunächst positiv gemeint als „intellektuelle Leibgarde des Hauses Hohenzollern“ bezeichnet hatten.

Der zweite wichtige Punkt, in dem sich die Österreichische Schule von anderen Neoklassikern abhebt, ist ihre frühe Auseinandersetzung mit dem Marxismus und ihre radikale Ablehnung jeder Art von Sozialismus und Planwirtschaft. Dies geht vor allem auf Böhm-Bawerk zurück, der in seinem Werk Kapital und Kapitalzins (1884–1889) Mengers Werk erweiterte und dabei die Arbeitswerttheorie von Karl Marx – die für den Marxismus als grundlegend gilt – systematisch zu widerlegen versuchte, während viele andere Ökonomen sich erst nach der Oktoberrevolution 1918 mit dem Marxismus zu beschäftigen begannen.

Die zweite Generation der Österreichischen Schule bildete fast alleine Ludwig von Mises, der Böhm-Bawerks Theorien seinerseits ausbaute und mit seinem Werk Die Gemeinwirtschaft (1922) in Anspruch nahm, den Sozialismus endgültig widerlegt zu haben. Auf Mises geht auch die Einbettung des Wirtschaftsliberalismus in einen alles staatliche Handeln umfassenden Liberalismus zurück, weswegen die Österreichische Schule oft in Zusammenhang mit dem „klassischen Liberalismus“ gebracht wird, der einen Nachtwächterstaat fordert, im Gegensatz etwa zum Sozialliberalismus, aber auch zum Ordoliberalismus.

Bedeutende Nachfolger Mises' waren Friedrich August von Hayek und Murray Rothbard. Hayek erweiterte das System insbesondere um eine Konjunkturtheorie, brachte sie in scharfen Gegensatz zum Keynesianismus und lenkte, hierin Mises folgend, das Augenmerk auf die Wichtigkeit von Informationen im Wirtschaftsprozess. Er stellte auch Überlegungen an zu politischen, juristischen und kulturellen Implikationen und Ausbaumöglichkeiten. Dabei hielt er allerdings engen Kontakt zum nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Ordoliberalismus, was für beide Seiten befruchtend wirkte. Rothbard hingegen entwickelte die Lehren Mises' weiter zu einem radikalen kapitalistischen Libertarismus, dem Anarchokapitalismus.

Überschneidungen mit der Österreichischen Schule gibt es außer im Ordoliberalismus vor allem in der Public-Choice-Theorie. Kritiker fassen diese teilweise differierenden Schulen oft unter dem Begriff Neoliberalismus zusammen, der allerdings gerade auf die Österreichische Schule kaum zutrifft, da sie selbst gerade die Neuerungen („Neo“-), etwa des Ordoliberalismus und der Chicagoer Schule, ablehnt.

Bedeutende Beiträge der Österreichischen Schule

Wichtige Lehren der Österreichischen Schule, die teilweise von anderen Schulen übernommen wurden, sind etwa:

  • Die Betonung der Zeit in wirtschaftlichen Abläufen:
    • einerseits als Grund der Unsicherheit und des Risikos, mit dem alle Handlungen verbunden sind
    • andererseits in der Erklärung von Zinsen aus unterschiedlichen „Zeitpräferenzen“ (Böhm-Bawerk, Mises)
  • Die Betonung von auf dem Markt „verstreutem“ Wissen mit
    • Deutung der Rolle des Wirtschaftssubjekts, insbesondere des Unternehmers, als Sammler und Verwender dieses Wissens und
    • Deutung der Preise als implizite Vermittler dieses Wissens, d. h. Deutung des Preissystems als Informationssystem (Mises, Hayek)
  • Die Mises-Hayeksche Konjunkturtheorie, die Wirtschaftskrisen in falsch gesetzten Zinsraten durch die Zentralbank begründet sieht und damit in Gegensatz zum Keynesianismus steht. Der Monetarismus baut hierauf auf.
  • Ablehnung von Staatsverschuldung
  • Ablehnung des Homo oeconomicus als unrealistisches Modell; Berücksichtigung außerwirtschaftlicher Interessen (Hayek, Rothbard)
  • Aufwerfen des Problems der unmöglichen Wirtschaftsrechnung im Sozialismus (Mises)
  • Aufzeigen der politisch-rechtlichen Konsequenzen einer Planwirtschaft (Hayek)
  • Kritik der staatlichen Wirtschaftstätigkeit überhaupt aus wirtschaftlicher (Mises) und moralischer (Rothbard) Sicht

Kritik der Österreichischen Schule an verbreiteten Theorien

Die Österreichische Schule kritisiert inhaltlich insbesondere:

  • Gleichgewichtsmodelle (etwa das Arrow-Debreu-Modell), da volkswirtschaftliche Gleichgewichte durch die ständigen Veränderungen, denen die Pläne der wirtschaftlichen Akteure unterworfen sind, unerreichbar seien.
  • Statische Betrachtungsweisen: Die Österreichische Schule betont die Dynamik wirtschaftlicher Prozesse. Viele Formalmodelle hängen von der ceteris-paribus-Klausel ab, die in der Realität nicht gegeben ist. Die Österreichische Schule hält sie daher für unbrauchbar. Sie weist auch darauf hin, dass gängige Schulen mit Funktionen arbeiten, die in der Realität nicht messbar sind (Nutzenfunktion, Nachfragekurve).

Aktuelle Entwicklungen

Seit Mitte der 70er Jahre hat die Österreichische Schule in der praktischen Politik an Bedeutung gewonnen und dabei vor allem indirekt durch ihre Einflüsse auf verschiedene neoliberale Richtungen gewirkt (Reaganomics, Thatcherismus), die in einigen Punkten von der Österreichischen Schule abweichen.
In der theoretischen Auseinandersetzung sind ihre Einwände durch Ergebnisse der Spieltheorie und der Chaostheorie unterstützt worden, so dass ihre Kritikpunkte etwa seit Ende der 80er auch von Vertretern anderer Schulen ernst genommen werden. In letzter Zeit verstärkt auftretende Versuche, etwa mithilfe dynamischer Regelkreismodelle oder der Fuzzy-Logik bessere Darstellungen von Wirtschaftsabläufen zu erhalten, könnten als Ergebnis der Kritik von Seiten der Österreicher gesehen werden.

Bedeutende Vertreter

Siehe auch

Weblinks

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