Unter Übertragung als alltagspsychologisches Phänomen versteht man das Hineinlesen von Erwartungen, insbesondere Rollenerwartungen, eigener Wünsche, Befürchtungen und/oder Vorstellungen in das Verhalten oder die Eigenschaften einer bestimmten Person, die ursprünglich einer anderen Person (z.B. Eltern oder Partnern) gegolten haben. Die Inhalte sind oftmals rein wunschhaft und bleiben (im Sinn unerfüllter positiver Erwartungshaltungen) meist unbefriedigt, zumal der aktuelle Partner das auf die Vergangenheit gerichtete Wunscherfüllungspotenzial in der Regel nicht zur Verfügung stellen kann oder will. Übertragungs-/Gegenübertragungsvorgänge sind nicht zwangsläufig krankhaft (pathologisch). Wir alle übertragen im Alltagsleben täglich.
Übertragung im therapeutischen Kontext liegt vor, wenn der Klient die genannten Gefühle, Erwartungen oder Wünsche auf den Therapeuten richtet. Es handelt sich hierbei um einen Prozess, der in jeder Psychotherapie abläuft und in manchen psychotherapeutischen Schulen sogar als Voraussetzung für eine erfolgreiche Psychotherapie angesehen wird.
Der Begriff der Übertragung stammt von Sigmund Freud und wurde später von zahlreichen seiner Schüler, wie z.B. Carl Gustav Jung weiterentwickelt. Auch außerhalb der Psychoanalyse und der aus ihr hervorgegangenen Psychotherapierichtungen benutzt heute fast jede Psychotherapieschule den Begriff der Übertragung, ohne dabei immer das psychoanalytische Erklärungsmodell zu übernehmen.
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In der Tiefenpsychologie bezeichnet der Begriff einen psychodynamischen Mechanismus, der verdrängte und verpönte Triebregungen aus dem Kindheitsalter und der psychosexuellen Entwicklung auf eine aktuelle, ähnliche Situation überträgt und somit der Kompensation und Auseinandersetzung dieser Triebe dient.
Es lassen sich verschiedene Übertragungsszenarien unterscheiden:
Im Bereich der modernen Psychoanalyse wird unter Übertragung eine Methode bezeichnet, die gezielt ein Szenario hervorruft, bei welchem der Analysand in der Person des Psychoanalytikers einen Menschen sieht, mit dem er einen Konflikt der Vergangenheit im Heute zu lösen versucht. Der Analytiker nimmt in der Wahrnehmung des Analysanden zum Beispiel (dem Analysanden zunächst unbewusst) die Rolle des Vaters ein. Der Konflikt (mit dem Vater), den der Analysand bearbeitet, wird durch das quasi Vorhandensein des Vaters bewusst und kommunizierbar und über die Auseinandersetzung mit dem Therapeuten gelöst. Dabei werden frühere Gefühle und Wahrnehmungen auf den Analytiker übertragen (beispielsweise Ausgeliefertsein) und auf adäquate Weise im Heute damit umgegangen (beispielsweise Vorwurf des empfundenen Schmerzes, Wahrnehmung der eigenen Hilflosigkeit, Verstehen des Selbst, Verzeihen).
Man unterscheidet positive und negative Übertragung. Bei der positiven Übertragung werden positive Anteile früherer Beziehungen auf den Analytiker übertragen, bei der negativen Übertragung negative Anteile. Dabei ist zu beachten, dass sowohl beide Pole vorhanden sind, jeweils eine Art der Übertragung im Vordergrund, der andere, unbewusste Gegenpart im Hintergrund. Dies tritt in kleinen Teilen jeweils hervor, bsp. in sarkastischen oder ironischen Äußerungen oder in Äußerungen über eine Person, die man nicht mag. Es gibt auch Situationen, in denen der Patient splittet und die negativen Übertragungen außerhalb der Therapie platziert aus Angst, den Therapeuten zu verletzen.(aus R.R.Greenson, The Technique and Practice of Psychoanalysis, 1967)
Brockhaus-1809: Die Psychologie
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