Abstraktion

Dieser Artikel erläutert den Denkprozess; zu anderen Bedeutungen siehe Abstrakt (Begriffsklärung).

Das Wort Abstraktion (lat. abstractus- "abgezogen", Partizip Perfekt Passiv von abs-trahere – "abziehen, wegschleppen, -führen; entfernen, trennen") bezeichnet meist allgemein einen Vorgangs des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres. Daneben gibt es spezifische Verwendungen von Abstraktion in bestimmten Einzelwissenschaften und einzelnen Theorien.

Inhaltsverzeichnis

Kunst

In der Kunst bezeichnet Abstraktion eine Gestaltung, die zwar von einem konkreten Vorbild ausgehen kann, aber davon nur bestimmte Aspekte im Werk wiedergibt oder besonders hervorhebt. Beispielsweise könnten nur Reflexionen des Sonnenlichtes dargestellt werden. Außerdem bezeichnet Abstraktion etwa in Begriffen wie abstrakte Kunst oder abstrakte Malerei auch Kunstformen, die sich nicht mehr an einem konkreten Gegenstandsbezug binden, sondern etwa formale Gestaltungsprinzipien selbst thematisieren. Die Bilder können unterschiedliche Ikonizitätsgrade besitzen, also von "hoher" Abstraktion bis zu geringfüger Abstraktion des Vorbildes.

Philosophie

In der Philosophie bezeichnet Abstraktion oft eine Operation des Denkens, welche von konkreten Objekten der Wirklichkeit (etwa dieser Baum hier, jener Baum dort usw.) allgemeine Eigenschaften "abzieht" und daraus beispielsweise allgemeine Begriffe formt (etwa: die Gattung Baum). Dazu muss offenbar von bestimmten Aspekten der konkreten Objekte abgesehen werden, so dass die abstrahierten Merkmale auf mehrere andere Objekte auch zutreffen. Solchen allgemeinen Begriffen sprechen einige Philosophen (sogenannte Universalienrealisten) unabhängige Realität zu (es gibt den Begriff Baum auch dann, wenn es keine Bäume in der wirklichen Welt gibt oder keine Worte in irgendeiner natürlichen Sprache gibt, welche den Gehalt des Baum-Begriffs ausdrücken). Solche Begriffe haben, meinen einige Theoretiker, eben weil sie Abstraktionen sind, einen spezifischen Eigenstatus, wie er informationellen Gehalten überhaupt zukommt: nämlich seien diese Gehalte nicht raumzeitlich lokalisiert und seien nur solchen Bewusstseinen zugänglich, welche Abstraktionsleistungen des entsprechenden Typs überhaupt vollziehen können. Letzteres nähert sich sogenannten idealistischen oder konstruktivistischen Positionen bezüglich abstrakter Begriffe. Dies sind Gegenpositionen zum Universalienrealismus, welche behaupten, dass Allgemeinbegriffe und dergleichen bloße Konstrukte sind und kein Sein unabhängig von Denk- bzw. genauer Abstraktionsoperationen haben. (Außerdem nennt man diejenigen extremen Positionen, welche lehren, dass es überhaupt nur einen Typ von Seiendem gebe, nämlich eben mentales, als Gedachtes, meist ebenfalls idealistisch.) Debatten über derartige ontologische und erkenntnistheoretische Themen werden seit Jahrhunderten geführt und haben in den letzten Jahrzehnten an Komplexität nochmals zugenommen. So wurden beispielsweise unterschiedliche realistische Theorien bezüglich natürlicher Arten (Objekten wie Wasserstoff, Bäume etc) ausgearbeitet; es gibt sog. trope-Theorien, welche Universalien als nur, aber vollständig in Individuen existent beschreiben. Erstere Art von Theorien verneint, dass über korrekte Abstraktionleistungen gewonnene Artbegriffe bloße Abstraktionen sind. Auch um die intuitiv plausible, aber schwer exakt zu explizierende Unterscheidung von abstrakten und konkreten Objekten einzufangen, wurden komplizierte Theorien ausgearbeitet, etwa von Crispin Wright und Bob Hale oder von Edward Zalta. Während Theoretiker wie George Bealer die notwendige Existenz abstrakter Objekte a priori und Hilary Putnam auf wissenschaftstheoretischer Basis zu zeigen versuchen, will etwa Hartry Field das Gegenteil beweisen, insbesondere für die Philosophie der Mathematik.

Ausgewählte Positionen der Philosophiegeschichte

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Schon die Vorsokratiker suchten nach einem Urstoff oder mehreren, um die Realität durch Rückführung auf abstrakte Objekte oder Prinzipien zu erklären. Heraklit beispielsweise hat in allem Seienden nach dem Gemeinsamen gesucht.

Platon legt jedem Ding eine vollkommene Idee des Gegenstandes zugrunde: dieser Baum ist deswegen ein Baum, weil er teilhat an der Idee des Baumes, welche selbst nicht raumzeitlich lokalisiert ist und auch nicht einfach nur durch Abstraktion, sondern durch Wiedererinnerung an die Idee des Baumes erkannt wird. Die mit einem solchen Ideenrealismus verbundenen Probleme wurden teilweise auch von Platon selbst schon diskutiert.

Aristoteles diskutiert die platonische Ideenlehre wesentlich kritischer. Er selbst arbeitet mit dem Begriff eidos. Dabei handelt es sich um eine Art Strukturprinzip von Objekten eines je bestimmten Typs. Dieses aber ist selbst im Seienden lokalisiert und metaphysisch nicht von ihm separierbar (es gibt keine Röte, wenn es keine roten Objekte gibt). Aristoteles lehrt allerdings auch eine Vierheit von Ursachen. Besonders die Form-Ursache ist hier einschlägig. Durch Rückführung auf basalere, abstraktere Ursachen werden ebenfalls Objekte und ihre So-Beschaffenheit erklärt. Da diese Rückführung nicht unenendlich weitergehen soll, setzt Aristoteles einen selbst „unbewegten Beweger“ an. Alle "Bewegung", was insbesondere jede Veränderung in Lage und Beschaffenheit meint, hat in ihm ihre erste Ursache.

Von dem spätantiken Philosophen Boëthius stammt die Gegenüberstellung von abstrakt und konkret.

Der sogenannte Universalienstreit darüber, ob die abstrakten Begriffe "vor" oder "nach den Dingen" vorhanden seien bzw. gebildet würden, hielt die Denker des Mittelalters in Atem.

Johannes Duns Scotus beispielsweise ging bei seiner „abstraktiven“ Erkenntnislehre davon aus, dass ein Gegenstand nur durch die Sinne erfahrbar ist und im Verstand ein Bild erzeugt. Durch die unabhängige, aktive Tätigkeit des Verstandes wird diese noch ungeordnete Vorstellung als das Universelle im Abbild bestimmt. Das heißt, das im Bild enthaltene Allgemeine wird von den speziellen und stofflichen Bedingungen des individuellen Gegenstandes abstrahiert. Es entsteht die deutlich abgegrenzte Erkenntnis, die den Gegenstand begrifflich in allen seinen Facetten erfasst. Die Erkenntnis wird erst abgeschlossen, wenn sie im Gedächtnis verankert ist. Erst durch die (passive) Verinnerlichung wird ein Gegenstand intelligibel und kann als Möglichkeit in der Vergegenwärtigung aufleuchten, das heißt wieder in das Bewusstsein gerufen werden. Der einmal gewonnene Begriff eines Gegenstandes kann durch einen anderen Begriff ersetzt werden, wie auch Vorstellungen durch Kombination verändert oder neu erzeugt werden können.

Auch einige englische Philosophen der frühen Neuzeit, z. B. Locke und Berkeley (letzterer trieb die Abstraktion bis zum nicht mehr hintergehbaren „something“) sowie Leibniz, Spinoza und Descartes waren mit der Thematik befasst und stritten u.a. darum, ob unsere Begriffe von Essentien (das, was etwa Wasser als solches ausmacht bzw.zu Wasser macht) angeboren oder erworben sind.

An diesem Streit beteiligte sich auch Hume, der einen empiristischen Ansatz vertrat; Ursache und Wirkung beispielsweise wären lediglich aus der Erfahrung einer Folge von etwas auf etwas gebildet, jedoch wüssten wir niemals mit Sicherheit, ob morgen die Sonne wieder aufgehen werde. Hume wurde wiederum von Kant kritisiert, der das Gegenkonzept der (vorauszusetzenden) „Bedingungen einer jeden Erfahrung“ entwickelte: die reinen Formen der Anschauung, die Kategorien des Verstandes, die Regulative der Vernunft.

Die philosophische Bewegung des sogenannten deutschen Idealismus um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert (z.B. Hegel, Schelling) bestimmte als Gegenbegriff zur Abstraktion den sehr voraussetzungsreichen Begriff der Konkretion. Diese Theorien sind sehr kompliziert. Die Idealisten verstanden unter Konkretion nicht den Vorgang, das (landläufige) Konkrete zu denken oder einen (landläufigen) Allgemeinbegriff auf etwas Konkretes anzuwenden, sondern die "dialektische Aufhebung" des Unterschiedes von Abstraktem und Konkretem in einer höheren Einheit, die nach ihren Angaben erst ermöglichen sollte, die Wirklichkeit angemessen zu erfassen.

Heidegger, der in „Sein und Zeit“ (1927) der gesamten Denktradition und insbesondere den Idealisten vorwarf, die „Alltäglichkeit“ übersprungen zu haben, bildete ein anderes Gegensatzpaar, das Abstraktion und Konkretion der „Alltäglichkeit“ fassen sollte: „Zuhandenheit“ und „Vorhandenheit“.

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Im „Philosophischen Wörterbuch“ (Apel/Ludz, 1958) wird Abstraktion als Gegensatz zur Determination gesehen, also ganz anders als z. B. bei den Idealisten, und eine Reihe verschiedener Abstraktionsmethoden aufgezählt: isolierende oder generalisierende, quantitative oder qualitative, negative oder positive Abstraktion.

Die verschiedenen Auffassungen der Erkenntnistheorie ergeben unterschiedliche Definitionsansätze von Abstraktion. Auch die Vertreter moderner Wissenschaftstheorie und analytischer Philosophie beteiligten sich an diesem Disput.

Auch der Terminus Konkretisierung wird der Abstraktion gegenüber gestellt.

Einmütigkeit der Auffassungen ist nicht erreicht worden. Lediglich darüber herrscht seit alters Einigkeit, auch unter den Philosophen, dass Mathematik und Logik rein abstrakte Wissenschaften seien. Heute gilt auch die Systemtheorie der Informatik als rein abstrakte Wissenschaft.

Andere Wissenschaften lassen sich unter anderem aus abstrakter Sicht betrachten. In der Kunst bezeichnet man Werke als abstrakt, die sich von der gegenständlichen Sichtweise entfernen.

Mathematik

Im mathematischen Sinne bezeichnet Abstraktion einen Prozess, bei dem individuelle, zufällige Einzelheiten weggelassen (abstrahiert) werden, zugunsten des Allgemeinen, Wesentlichen. Der gegenteilige Prozess wird als Konkretisierung bezeichnet, bei dem individuelle, spezifische Eigenschaften zum allgemeinen Fall hinzugenommen (konkretisiert) werden. Diese Idee des Weglassens findet sich auch in der Informatik wieder, siehe z.B. abstrakte Interpretation.

Sprachwissenschaft

Eine sprachliche Abstraktion ist die Bildung von Kategorien (Taxonomie), die nicht die Einzelobjekte beschreiben. Es wird dabei eine abstrakte Kategorie gebildet, die alle Eigenschaften der Einzelobjekte integriert, diese aber nicht genau benennt. Die Kategorie "Einrichtungsgegenstände" ist eine Abstraktion der konkreten Begrifflichkeiten "Sofa", "Tisch", "Schrank", "Lampe" usw., die von der Kategorie "Einrichtungsgegenstände" umfasst werden.

Die Abstraktion in grammatische Kategorien wie Adverbien, Adjektive, Substantive, Prädikat, Kopula, ist eine erweiterte Denkleistung, die Kleinkindern nicht zugänglich ist. Im Alltag vollzieht sich dieser Abstraktionsprozess unwillkürlich und unbemerkt. Die Menschwerdung hing entscheidend mit der Entwicklung der Fähigkeit zur gedanklichen Abstraktion zusammen. Darüber jedoch, was genau unter Abstraktion zu verstehen ist, waren und sind sich Denker und Wissenschaftler nicht immer einig.

Psychologie

Abstraktionsfähigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für schnelle Auffassungsgabe und damit effektives und effizientes Lernen. In der Lernpsychologie gibt es daher den Begriff der "progressiven Abstraktion", d.h. die Fähigkeit, gleichartige Informationen mehr und mehr unter bestimmten Oberbegriffen zusammenfassen zu können und somit sein Wissen immer engmaschiger zu vernetzen.

C.G. Jung definiert Abstraktion als eine Geistestätigkeit, die einmalige, unvergleichliche oder individuelle Inhalte aus einer Verknüpfung wegzieht, differenziert. Wenn man zum Objekt abstrahierend eingestellt ist, wird versucht, sich des Objekts als einzigartigen Ganzen zu entledigen und das Interesse vom Objekt abzuziehen und auf das Subjekt zurückfließen zu lassen. Laut Jung ist Abstraktion eine Zurückziehung der Libido (=Energie) vom Objekt zum subjektiven abstrakten Inhalt, was einer Objektentwertung gleich kommt. Anders gesagt ist Abstraktion eine introvertierte Libidobewegung.

Siehe auch

Im Computerbereich:

Literatur

Weblinks

Wiktionary
Wiktionary: Abstraktion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen
Quelle:
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