Die afroasiatischen Sprachen (früher auch als hamito-semitisch oder semito-hamitisch bezeichnet) bilden eine Sprachfamilie, die im Norden Afrikas und in Westasien verbreitet ist. Das Afroasiatische besteht aus sechs separaten Zweigen: dem Ägyptischen, Berberischen, Semitischen, Kuschitischen, Omotischen und dem Tschadischen. Diese umfassen insgesamt etwa 350 Sprachen mit etwa 350 Millionen Sprechern. Etwa 40 der bekannten Sprachen sind heute ausgestorben.
Das Afroasiatische ist eines des vier großen Phyla afrikanischer Sprachen, die Joseph Greenberg in seinen Arbeiten von 1949 bis 1963 etabliert hatte und die heute die Basis aller linguistischen Klassifikationen in Afrika bilden.
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Die Bezeichnung „Afroasiatisch“ geht auf Joseph Greenberg zurück. Sie hat die irreführende und auch rassistisch belastete alte Benennung „Hamito-Semitisch“ abgelöst. Diese ist irreführend, da sie eine Zweiteilung dieser Sprachfamilie in „semitische“ und „hamitische“ Sprachen suggeriert, die nicht existiert. Als weitere Benennungen wurden Afrasisch (Igor M. Diakonoff), Lisramisch (Carleton T. Hodge) und Erythräisch (Leo Reinisch) vorgeschlagen, diese Termini haben jedoch, mit Ausnahme von Afrasisch, kaum Anhänger gefunden. Anmerkung: Dieses Erythräisch ist nicht zu verwechseln mit der Bezeichnung einer von Christopher Ehret vorgeschlagenen hypothetischen Untergruppe des Afroasiatischen.
Man unterscheidet heute in der Regel folgende sechs Primärzweige des Afroasiatischen:[1]
Die in Äthiopien gesprochene Sprache Ongota (Birale) gehört sehr wahrscheinlich auch zur afroasiatischen Familie und etabliert (nach H. Fleming) einen unabhängigen weiteren Zweig.
Die früher vorgenommene Teilung in semitische und hamitische Sprachen wird heute nicht mehr vertreten (dazu siehe den Artikel Afrikanische Sprachen). Es existieren mehrere Vorstellungen darüber, in welcher Reihenfolge und wann sich die einzelnen Primärzweige vom Proto-Afroasiatischen abspalteten. Ein linguistisch begründetes Szenario liefert Ehret 1995. Danach hat sich zuerst − vor mindestens 10.000 Jahren – der omotische Zweig vom Kern getrennt (dies wird heute nahezu von allen Forschern so gesehen, während die weiteren Stufen durchaus umstritten sind). Als nächste Zweige spalteten sich das Kuschitische und Tschadische ab, die Trennung des Restes (von Ehret Boreafrasisch genannt) in Ägyptisch, Berberisch und Semitisch erfolgte zuletzt. Es ist nach heutigem Kenntnisstand nicht möglich, eine auch nur annähernde absolute Chronologie dieser Abspaltungen anzugeben. Nach dem Modell von Ehret ergibt sich folgender „dynamische“ Stammbaum des Afroasiatischen:
Stammbaum und interne Gliederung des Afroasiatischen (nach Ehret 1995)
Der von Ehret hier eingeführte Name Erythräisch (für Afroasiatisch ohne Omotisch) wurde von anderen Forschern für die gesamte afroasiatische Sprachfamilie verwendet, er konnte sich aber nicht gegen Afroasiatisch durchsetzen.
Das Ägyptische stellt eine Ausnahme unter den afroasiatischen Primärzweigen dar, da es aus nur einer einzigen Sprache besteht, die eine lückenlose Überlieferung über fast fünf Jahrtausende aufweist. Seine letzte Stufe, das Koptische, starb in der frühen Neuzeit als Alltagssprache aus. Das Ausbreitungsgebiet des Ägyptischen umfasste in historischer Zeit kaum mehr als das nördliche Drittel des Niltales, im 3. Jahrtausend v. Chr. wurde jedoch vermutlich auch in der ägyptischen Westwüste ein dem Ägyptischen nahe verwandtes Idiom gesprochen, von dem sich einzelne Personennamen in ägyptischer Überlieferung finden. Durch seine lange Überlieferungsdauer ist das Ägyptische von besonderem sprachwissenschaftlichem Interesse, jedoch fehlen ihm trotz der frühen Überlieferung einige grundlegende morphologische und möglicherweise auch phonetische Eigenschaften des Afroasiatischen.
Die Berbersprachen wurden vor der Expansion des Islam und der damit verbundenen Ausbreitung des Arabischen beinahe in der gesamten Sahara gesprochen. Das heutige Hauptgebiet liegt in den Staaten Niger, Mali, Algerien, Marokko, Tunesien und dem westlichen Libyen; kleine Sprachinseln haben sich auch im Nordosten der Sahara in Oasen wie Audschila (Libyen) und Siwa (Ägypten) und im westlichen Mauretanien gehalten. Im Gegensatz zu den anderen Zweigen des Afroasiatischen (außer dem Ägyptischen) zeigen die Berbersprachen untereinander keine starken grammatikalischen Unterschiede, weshalb die hier vorgenommene Einteilung in 24 Sprachen nicht unstrittig ist, wenngleich keineswegs von einem Berberisch gesprochen werden kann. Bedeutende bzw. bekannte Berbersprachen sind Kabylisch, Tamazight und Tamascheq, die Sprache der Tuareg. Meistens wird auch die in aus den letzten vorchristlichen Jahrhunderten stammenden Inschriften aus Algerien, Tunesien und Marokko überlieferte Numidische Sprache zum Berberischen gerechnet, ebenso dürfte auch das bis ins 17. Jahrhundert auf den kanarischen Inseln gesprochene Guanche eine Berbersprache gewesen sein.
Das Semitische ist heute mit etwa 260 Millionen Sprechern die sprecherreichste afroasiatische Sprachfamilie und wird im Nahen Osten, Äthiopien und weiten Teilen Nordafrikas sowie auf Malta gesprochen, wobei der größte Anteil auf das Arabische entfällt. Vor der Ausbreitung des Islam im 6. bis 8. Jahrhundert und der südarabischen Expansion nach Äthiopien beschränkte sich das semitische Sprachgebiet auf asiatische Gebiete. Das Semitische wird allgemein in zwei Zweige aufgeteilt, deren einen das ausgestorbene Akkadisch bildet, das für die Rekonstruktion des Proto-Semitischen und damit auch der afroasiatischen Protosprache von besonderem Interesse ist. Auf den anderen, westlichen, Zweig entfallen das Aramäische, die kanaanäischen Sprachen, darunter Hebräisch, das Arabische und die südsemitischen Sprachen (z.B. Ge'ez, altsüdarabisch).
Die kuschitischen Sprachen werden in Ostafrika in den heutigen Staaten Sudan, Eritrea, Äthiopien, Somalia, Kenia, Uganda und dem nördlichen Tansania gesprochen. Die Einheit der kuschitischen Sprachen ist nicht unumstritten, da die einzelnen Zweige sich wesentlich unterscheiden; insbesondere die Zugehörigkeit des Bedscha wird diskutiert. Im Allgemeinen werden die folgenden Zweige unterschieden:
Die omotischen Sprachen werden von etwa 4 Millionen Sprechern nordöstlich des Rudolfsees im südlichen Äthiopien gesprochen. Sie wurden zunächst für einen Zweig des Kuschitischen gehalten, inzwischen ist die von Harold Fleming begründete Abgliederung weitestgehend anerkannt. Die omotischen Sprachen sind schlechter erforscht als die Vertreter der anderen Zweige, dennoch kann bereits jetzt gesagt werden, dass sie in ihrer Struktur stark von den anderen afroasiatischen Primärzweigen abweichen. Die folgende Gliederung ist, von Einzelheiten abgesehen, allgemein anerkannt:
Die tschadischen Sprachen werden rund um den namengebenden Tschadsee, hauptsächlich im Tschad, Niger und in Nigeria, gesprochen. Die bei weitem bekannteste und bedeutendste tschadische Sprache ist das Hausa, das in einem großen Gebiet um den Tschadsee als Lingua franca dient. Das Tschadische wird in vier Zweige aufgeteilt:
Die Verwandtschaft der semitischen Sprachen untereinander war Juden und Muslimen im Orient schon lange bekannt, in Europa erkannte dies erstmals Guillaume Postel im Jahre 1538. Durch die wissenschaftliche Erforschung afrikanischer Sprachen in Europa, die in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts einsetzte, wurde bald die Verwandtschaft weiterer Sprachen mit dem Semitischen erkannt. So rechnete Hiob Ludolf 1700 die äthiopischen Sprachen Ge'ez und Amharisch erstmals zum Semitischen, bald darauf fielen auch Ähnlichkeiten mit dem Koptischen und – nach der Entzifferung der Hieroglyphen – dem antiken Ägyptisch auf. 1781 führte August Ludwig von Schlözer den Begriff Semitische Sprachen ein, in Anlehnung daran prägte Johann Ludwig Krapf 1850 die Bezeichnung Hamitische Sprachen zunächst für die nicht-semitischen schwarzafrikanischen Sprachen. 1877 fügte F. Müller dieser Gruppe die afroasiatischen Berber- und Kuschitensprachen zu, während das ebenfalls afroasiatische Tschadisch unberücksichtigt blieb. Gleichzeitig fasste er bestimmte hamitische Sprachen und die semitischen Sprachen zum Hamito-Semitischen zusammen. Eine Neudefinition erfuhr der Begriff der hamitischen Sprachen durch Karl Richard Lepsius, der nun die flektierenden Sprachen Afrikas mit Genussystem unter dieser Bezeichnung zusammenfasste. Damit hatte Lepsius schon die wesentliche Masse der nichtsemitischen afroasiatischen Sprachen erfasst, jedoch erweiterte er diese Gruppe 1888 um einige nichtafroasiatische Sprachen, ebenso benutzte auch Carl Meinhof in seinem 1912 erschienenen Werk Die Sprachen der Hamiten hamitisch in einem sehr weiten Rahmen. In der Folgezeit wurde der Hamito-Semitische Sprachstamm um einige Sprachen reduziert und entsprach in den Grundzügen der heutigen Klassifikation, strittig blieb jedoch die Zugehörigkeit der tschadischen Sprachen, die erst in den 1950er Jahren von Joseph Greenberg endgültig etabliert wurde. Gleichzeitig prägte er den Begriff afroasiatisch als Ersatz für den eine ungerechtfertigte Aufteilung in hamitische und semitische Sprachen implizierenden Begriff hamito-semitisch, welcher auf die Hamitentheorie Bezug nahm. Die heutige Form erhielt die Klassifikation des Afroasiatischen 1969 durch Harold Flemings Ausgliederung einiger äthiopischer Sprachen aus der kuschitischen Familie, die von da an als Omotisch einen eigenen Primärzweig des Afroasiatischen bildeten.
Die Rekonstruktion der afroasiatischen Protosprache gestaltet sich aufgrund der kurzen Überlieferungsgeschichte der meisten Zweige und der teilweise gravierenden Unterschiede zwischen den einzelnen Hauptzweigen sowohl im Bereich der Grammatik als auch im lexikalischen Bereich wesentlich schwieriger als z. B. die Rekonstruktion des Proto-Indogermanischen. Diese gravierenden Unterschiede lassen sich auf die verhältnismäßig große Zeittiefe des Proto-Afroasiatischen zurückführen, nach glottochronologischen Untersuchungen soll das Proto-Afroasiatische um 10.000-9.000 v. Chr. gesprochen worden sein.[2]
Die Lage der Urheimat ist umstritten, da jedoch die Mehrzahl der afroasiatischen Sprachen in Afrika beheimatet ist, liegt eine Herkunft aus Afrika auf der Hand. Besonders die östliche Sahara wird favorisiert. Aufgrund lexikalischer Übereinstimmungen des Afroasiatischen mit dem Indogermanischen, den kaukasischen Sprachen und dem Sumerischen sowie der kulturellen Stellung des rekonstruierten proto-afroasiatischen Vokabulars vertreten einige Wissenschaftler wie z.B. Alexander Militarev dagegen eine Urheimat in der Levante.
Die früheste durch Schriftquellen belegte afroasiatische Sprache ist das Alt- bzw. − genauer − Frühägyptische, dessen älteste Zeugnisse bis zum Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends zurückreichen. Einige Jahrhunderte später setzt die Überlieferung des Semitischen, zunächst des Akkadischen und im 2. Jahrtausend v. Chr. westsemitischer Idiome ein. Die Zugehörigkeit der aus den Jahrhunderten vor Christi Geburt stammenden numidischen Inschriften aus Nordafrika zu den Berbersprachen ist unsicher, die frühesten Belege für das Kuschitische, Tschadische und Omotische finden sich sogar erst im Mittelalter bzw. der Neuzeit. Nur ein kleiner Teil der zahllosen tschadischen, kuschitischen und omotischen Sprachen ist heute zu Schriftsprachen geworden, unter diesen befinden sich Sprachen wie das Somali, das Hausa und das Oromo. Trotz des enormen zeitlichen Abstandes zwischen den frühesten Zeugnissen des Ägyptischen und afrikanischer Sprachen von vier Jahrtausenden steht das Altägyptische dem Proto-Afroasiatischen nicht unbedingt näher als erst im 20. Jahrhundert entdeckte Sprachen.
Die verbreiteten Vorstellungen von der Typologie des Afroasiatischen waren – forschungsgeschichtlich bedingt – lange von den Verhältnissen im Semitischen geprägt. Besonders die omotischen Sprachen zeigen aber teilweise stark abweichende Eigenschaften. So muss im Proto-Afroasiatischen neben dem flektierenden Sprachbau auch der agglutinierende Sprachbau von großer Bedeutung gewesen sein. Einige Eigenschaften der afroasiatischen Sprachen, wie die unterschiedliche Behandlung transitiver und intransitiver Verben, könnten darauf hinweisen, dass das Proto-Afroasiatische ursprünglich eine Ergativsprache gewesen sein könnte. Verben und Nomina des Ägyptischen und Semitischen sind auf drei- und im Ägyptischen auch zweikonsonantigen Wurzeln aufgebaut, während in den anderen Zweigen zweikonsonantige Wurzeln die Regel sind. Daher ist unklar, ob das umfangreiche Wortbildungssystem, das das Ägyptische und Semitische gemein haben, auf die Protosprache zu übertragen ist. Es hat sich jedoch gezeigt, dass sich zahlreiche semitische und ägyptische dreikonsonantige Wurzeln auf durch Affixe erweiterte zweikonsonantige Wurzeln reduzieren lassen[3] (siehe besonders Ehret 1995).
Die meisten bzw. alle afroasiatischen Hauptzweige haben neben stimmhaften und stimmlosen konsonantischen Phonemen auch eine dritte Reihe, die in den meisten Sprachen durch Glottalisierung, teilweise auch durch Pharyngalisierung realisiert werden und als emphatisch bezeichnet werden. Oft bilden stimmhafte, stimmlose und emphatische Konsonanten triadische Gruppen. In beinahe allen Hauptzweigen – außer dem Omotischen – sind pharyngale Frikative ([ħ], [ħʾ ], [ʕ]) vorhanden. Das Konsonantensystem des Proto-Afroasiatischen wird übereinstimmend mit etwa 33/34 Phonemen und teilweise auch velarisierten, palatalisierten und sonstigen Varianten rekonstruiert. Die Lautkorrespondenzen der Hauptzweige untereinander sind jedoch in zahlreiche Fällen unsicher, besonders gravierend sind die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Ägyptischen, die sich stark auf die innerägyptologische Diskussion auswirken. Beispielsweise ist umstritten, ob das Ägyptische emphatische Konsonanten aufwies und ob das ägyptische Phonem ʿ, das spätestens seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. den Lautwert [ʕ] besaß, auf proto-afroasiatisches ʕ oder eine Reihe stimmhafter Plosive und Frikative zurückgeht.
Als klassisches Beispiel für ein typisch afroasiatisches Konsonantensystem kann dasjenige des Arabischen gelten, gleichzeitig wird der Verlust einiger Phoneme in den überlieferten Sprachen deutlich. So werden für das Proto-Afroasiatische auch laterale Konsonanten rekonstruiert, die sich im Arabischen (außer l) nicht mehr finden:
| Bilabial | Interdental | Alveolar | Postalveolar | Palatal | Velar | Uvular | Pharyngal | Glottal | |||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| nichtemph. | emphatisch | ||||||||||
| Plosive | stl. | t | tˁ | k | q | ʔ | |||||
| sth. | b | d | dˁ | ʤ | |||||||
| Frikative | stl. | f | θ | s | sˁ | ʃ | x | ħ | h | ||
| sth. | ð | z | ðˁ | ɣ | ʕ | ||||||
| Nasale | m | n | |||||||||
| Laterale | l | ||||||||||
| Vibranten | r | ||||||||||
| Approximanten | w | j | |||||||||
Hinsichtlich der Vokale sind wenige Gemeinsamkeiten erkennbar. Das Semitische und Ägyptische weisen drei Grundvokale a, i und u auf, die Beziehungen dieser Vokale zu denen anderer Sprachen, die durchgehend mehr Vokale aufweisen, sind kaum gesichert. Zwar sind einige afroasiatische Sprachen Tonsprachen, doch ist unklar, ob das Proto-Afroasiatische deshalb ebenfalls eine Tonsprache war.
Zu den sichersten Gemeinsamkeiten in der Nominal- und auch Pronominalmorphologie gehört ein feminines Bildungslement -t: akkadisch šarr-at-um „Königin“; mittelägyptisch sn.t „Schwester“; kabylisch t-aqšiš-t „Mädchen“.
Kuschitisch, Berberisch und Semitisch haben außerdem ein Kasussystem gemeinsam, von dem sich mögliche Spuren auch im Ägyptischen und Omotischen finden, wobei die Interpretation bzw. überhaupt Existenz des ägyptischen Befundes umstritten ist.
| Funktion | Suffix | Einzelsprachliche Reflexe | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Semitisch | Kuschitisch | Berberisch | Ägyptisch (?) |
Omotisch (?) |
||
| Absolutiv | *-a | *-a (Akkusativ) |
*-a | *a- | *-a | |
| Nominativ | *-u | *-u | *-i | *u- | -w | *-u |
| Obliquus | *-i | *-i (Genitiv) |
*-i | *-i | *-i | |
Andere Kasus wie ein Lokativ/Terminativ auf *-isV (z.B. akkadisch -iš, ägyptisch -js „wie“; "V" steht hier für einen beliebigen Vokal) sind unsicher und wurden daher hier nicht aufgeführt.
Alle Zweige des Afroasiatischen kennen die Numeri Singular und Plural, im Semitischen und Ägyptischen kommt ein Dual hinzu. Die Pluralbildung erfolgt allgemein, mit Ausnahme des Ägyptischen, in dem sich ein Suffix -w durchgesetzt hatte, auf vielfältige Art und Weise. Aufgrund ihrer großen Verbreitung können die Suffixe -n, -w und -t und die Pluralbildung durch Veränderung der Vokalstruktur (besonders nach dem Muster CVCaC u.ä.), Gemination und Reduplikationen als proto-afroasiatische Merkmale angesehen werden:
Über die ganze Sprachfamilie verbreitet sind außerdem einige Präfixe zur denominalen bzw. deverbalen Nominalbildung, beispielsweise *ma-, das zur Bildung von Nomina loci, instrumenti und agentis dient:
Sehr konsistent ist das System der Personalronomina. Den Kern bildete die folgende, in allen Zweigen erhaltene Reihe (Tabelle im Wesentlichen nach Hayward 2000; für das Ägyptische sind rekonstruierte vokalisierte Formen angegeben; die angegebenen Pronomina sind oft in mehreren einzelsprachlichen Reihen verteilt.):
| Person | Proto-Afroasiatisch[4] | Ägyptisch | Semitisch | Berberisch | Kuschitisch | Tschadisch: Hausa | Omotisch: Dizi | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Singular | 1. | *i, *yi | -j | *-ī, *-yaʾ (Genitiv), *-nī (Akkusativ) | *-i, *-in | *yV | ni, wa | yin |
| 2. m. | *ku, *ka | *-ku | *-ka | *-k | *ku | ka | ||
| 2. f. | *ki | **-ki > *-ṯi, ***kim > **ṯim > **ṯin | *-ki | *km | *ki | ki, kin | ||
| 3. m. | *si, *isi | *-su | *-šu | *-s | *-su / *-sa | shi | iz-n | |
| 3. f. | *-si | *-ši | *-s | *-sii | ta | iž-n | ||
| Plural | 1. | *nV | *-ina | *-nV | *-nɣ | *nV | mu, mun | in |
| 2. m. | *kūna | *-kīna > *-ṯīna | *-kumu | *-un, *kwn | *kun(V) / *kin(V) | ku, kun | ||
| 2. f. | *-kina | *-unt | ||||||
| 3. m. | *su, *usu | *-sina | *-šumu | *-sn | *ʔisun(V) / *ʔisin(V) | su, sun | íš-n | |
| 3. f. | *-šina | *-snt | ||||||
Diese Pronomina stehen in vielen Einzelsprachen enklitisch, daneben lässt sich eine zweite, weniger weit verbreitete Reihe rekonstruieren, deren Mitglieder offenbar absolut stehen konnten und die zur Verbalkonjugation benutzten Personalelemente benutzten.
Die Demonstrativpronomina werden in vielen afroasiatischen Sprachen aus kleinen Elementen zusammengesetzt, besonders genusanzeigenden Elementen *n-, *k- (Maskulinum), *t- (Femininum), die mit weiteren kleinen Elementen kombiniert werden:
In der Verbalmorphologie zeigen sich zwischen den Primärzweigen ähnliche Unterschiede wie sie schon bei der Substantivdeklination erkennbar wurden: Semitisch, Kuschitisch und Berberisch besitzen die Präfixkonjugation, mit dem ursprünglich die beiden Aspekte Perfekt und Imperfekt konjugiert wurden, in den westsemitischen Sprachen wurde sie auf das Imperfekt begrenzt, während die anderen Zweige andere Konjugationsmethoden entwickelten; auch im Kuschitischen wurde die Verwendungsweise der Präfixkonjugation stark begrenzt.
| Semitisch: Akkadisch | Kuschitisch: Bedscha | Berberisch: Tamazight | |
|---|---|---|---|
| 1. P. Sg. | a-prus | ʔa-dbíl | dawa-ɣ |
| 2. P. Sg. m. | ta-prus | ti-dbil-à | t-dawa-d |
| 2. P. Sg. f. | ta-prus-ī | ti-dbil-ì | |
| 3. P. Sg. m. | i-prus | ʔi-dbíl | i-dawa |
| 3. P. Sg. f. | ta-prus | ti-dbíl | t-dawa |
| 1. P. Pl. | ni-prus | ni-dbíl | n-dawa |
| 2. P. Pl. m. | ta-prus-ā | ti-dbil-nà | t-dawa-m |
| 2. P. Pl. f. | t-dawa-nt | ||
| 3. P.Pl. m. | i-prus-ū | ʔi-dbil-nà | dawa-n |
| 3. P.Pl. f. | i-prus-ā | dawa-nt |
Im Ägyptischen haben sich keine Spuren der Präfixkonjugation erhalten, stattdessen findet sich hier schon seit den frühesten Texten die (ägyptische) Suffixkonjugation, die keine Personalkonjugation kannte, aber das pronominale Subjekt durch suffigierte Personalpronomina ausdrückte: sḏm=f „er hört“, sḏm.n nṯr „der Gott hörte“. Die Evolution dieser Art der Konjugation ist umstritten, in Frage kommen hauptsächlich mit Nomen rectum als logisches Subjekt versehene Nomina actionis und Partizipien.
Das Tschadische besitzt zwar eine Konjugation durch meist präverbale Morpheme, doch ist diese genetisch mit der Präfixkonjugation nicht verwandt, vielmehr stellen die Personapräfixe des Tschadischen modifizierte Formen der Personalpronomina dar. Beispiel: Hausa kaa tàfi „du gingst“. Im Omotischen erfolgt die Konjugation auf verschiedene Weise durch pronominale Elemente, im Yemsa könnten sich die Personalpräfixe der Präfixkonjugation immerhin in Form von Suffixen erhalten haben.
Neben der Präfixkonjugation besaß das Proto-Afroasiatische noch eine zweite Konjugationsmethode, in der die Personen durch Suffixe unterschieden wurden. Diese Art der Konjugation hat sich im Semitischen, Ägyptischen und Berberischen erhalten, sie verlieh dem Verb – im Akkadischen auch Substantiven und Adjektiven – offenbar eine stativische Bedeutung. Nach der Meinung einiger Wissenschaftler ist auch die Suffixkonjugation des Kuschitischen genetisch verwandt, bei ihr kann es sich aber auch, wie heute mehrheitlich angenommen wird, um eine sekundäre Bildung aus Verbalstamm plus präfixkonjugiertem Hilfsverb handeln. (Anmerkung: Altägyptisch und Altakkadisch besaßen zudem noch Dualformen. Paradigmawörter: nfr „gut“, hnine- „mitleidig sein“, zikarum „Mann“):
| Altägyptisch | Semitisch: Akkadisch | Berberisch: Kabylisch | |
|---|---|---|---|
| 1. P. Sg. | nfr.kw | zikar-āku | hnin-eɣ |
| 2. P. Sg. m. | nfr.tj | zikar-āta | hnin-eḍ |
| 2. P. Sg. f. | zikar-āti | ||
| 3. P. Sg. m. | nfr.j | zikar | hnin |
| 3. P. Sg. f. | nfr.tj | zikar-at | hnin-et |
| 1. P. Pl. | nfr.wjn | zikar-ānu | hnin-it |
| 2. P. Pl. m. | nfr.twnj | zikar-ātunu | |
| 2. P. Pl. f. | zikar-ātina | ||
| 3. P. Pl. m. | nfr.wj | zikar-ū | |
| 3. P. Pl. f. | nfr.tj | zikar-ā |
Fast alle afroasiatische Sprachen unterscheiden zwei Aspektstämme: einen perfektiven und einen imperfektiven. Der perfektive Stamm ist gewöhnlich der Grundstamm, der Imperfektstamm wird meist, was als erster Greenberg entdeckte, durch Gemination des mittleren Konsonanten und a-Ablaut gebildet. Belege für diese Bildungsweise finden sich in allen Hauptzweigen außer dem Ägyptischen und Omotischen, wenngleich deren Deutung als Reste eines ursprachlichen Imperfektstammmes teilweise umstritten ist:
Allen Hauptzweigen des Afroasiatischen ist ein hauptsächlich aus Affixen bestehendes System zur deverbalen Verbalbildung gemeinsam. Sehr weit verbreitet ist ein Affix *-s-, das zur Bildung kausativer, faktitiver und transitiver Verben dient:
Weitere weit verbreitete Affixe sind *-t-, *-m- und *-n, die Reflexivität, Reziprozität, Passivität, Intransivität und das Medium ausdrücken:
Reduplikation dient in vielen Sprachen zum Ausdruck verbaler Intensivität oder Pluralität:
Der allen Zweigen gemeinsame Wortschatz dürfte mehrere hundert Lexeme groß sein, seine Rekonstruktionen (Cohen 1947, Diakonoff et al. 1993-7, Ehret 1995, Orel-Stolbova 1995) weichen jedoch, nicht zuletzt aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich der Rekonstruktion der Lautkorrespondenzen, stark voneinander ab. Beispiele für sichere Wortgleichungen gibt die folgende Tabelle.
Die Rekonstruktionen proto-afroasiatischen Wurzeln wurden Ehret 1995 entnommen (dort: ă=tiefer Ton; â=hoher Ton). Die einzelsprachlichen Reflexe sind verschiedenen Veröffentlichungen entnommen. Einzelne Reflexe erfordern gegensätzliche Lautentsprechungen, so fordert die Gleichung jdmj „roter Leinenstoff“ < Proto-Afroasiatisch *dîm-/*dâm- „Blut“ die Beziehung ägyptisch d < proto-afroasiatisch *d, während ägyptisch ˁ3j „groß sein“ als Reflex von *dăr- „größer werden/-machen“ die Beziehung ägyptisch ˁ < proto-afroasiatisch *d voraussetzt. Folglich kann nur eine dieser beiden Gleichungen richtig sein, in der Forschung haben jedoch beide Lautbeziehungen eine signifikante Anzahl an Anhängern. Wo die Bedeutung des einzelsprachlichen Reflexes mit der reonstruierten Wurzelbedeutung übereinstimmt, wurde diese nicht wiederholt.
| Proto-Afroasiatish | Semitisch | Ägyptisch | Tschadisch | Omotisch | Berberisch | Kuschitisch | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Arabisch | Akkadisch | Hausa | Ngizim | Bole | Dime | Bench | Mocha | Tamazight | Kabylisch | Oromo | Somali | ||
| *k'os- „Knochen“ | qs (*qĕ́s) | ƙàshii | ḳus | ixṣṣ | īɣəs | ||||||||
| *sŭm-, sĭm- „Name“ | ism | šumu | smj „berichten“ | suunaa | sun | sum | isəm | ||||||
| *-pîr- „fliegen“ | farra „fliehen“ | naparruru „auseinanderlaufen“ | p3 „auffliegen“, prj „hinausgehen“ | fìrá „in die Luft schwirren“ (vom Vogel) | farfaran | afru | fərfər „flattern“; fel „weggehen, überschreiten“ | barara | fuul- „aufsteigen“ | ||||
| *dîm-, *dâm- „Blut“ | dam- | dâmu | jdmj „(roter ?) Leinenstoff“ | jinii | dədəm | dòm | 'damo | idamm | idamən | ||||
| *-dăr- „größer werden/-machen“ | darr „im Überfluss vorhanden sein“ | ˁ3j „groß sein“ | dorg „fett, stark“ | dheeraa „groß, hoch“ | |||||||||
| *-gâd-, *-gûd- „groß sein“ | ǧadd „bedeutend“ | ḏd3 „fett“ | gòdoŋ „viel“ | gääd „groß“ | ggwət „viel“ | guddaa „viel, groß“ | |||||||
| *nim-, nam- „Person“ | nummā „irgendjemand“ | nə̀n „jemand“ | naamo „Sohn“ | nama | nin | ||||||||
| *-maaw- „sterben“ | mawt | mâtu | mwt | mutù | mə̀tu | motu | mmut | emmet | |||||
| *-ʔâr „wissen“ | raʔā „sehen, erkennen“ | jr.t „Auge“, jr „sieh!“ (?) | er „wissen“ | arihä „wissen“ | il „Auge“ | ||||||||
| *-lis'- „lecken“ | lisān „Zunge“ | lišānu „Zunge“ | ns (*lĕ́s) „Zunge“ | harshèè „Zunge“ | lisìm „Zunge“ | lits'- | îləs „Zunge“ | ||||||
| *ma, mi „was ?“ | mā | mannum „wer ?“ | m „wer?, was?“ | mèè | |||||||||
| *-m- „nass sein“ | māʾ „Wasser“ | mû „Wasser“ | mw (*mắw) „Wasser“ (Plural) | âm „Wasser“ | àmma „Wasser“ | màss- „waschen“ | mask „waschen“ | 'amiyo „regnen“ | aman „Wasser“ | ||||
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