Als Altes Südarabien oder Sayhad-Kultur bezeichnet man die Gebiete des heutigen Jemen, des westlichen Oman und des äußersten Südens Saudi-Arabiens von der Gründung der Reiche Saba, Ausan, Qataban und Hadramaut zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. bis zur Ausbreitung des Islam ab 632 n. Chr. Die Zentren der altsüdarabischen Reiche lagen rund um die Wüste Ramlat es-Sayhad. Das südliche und westliche Hochland und die Küste waren politisch weniger einflussreich, die Küstenstädte waren aber schon seit der Frühzeit für den Handel von großer Bedeutung. Außerhalb des heutigen Jemen dehnten sich die Reiche auch in den Oman, in die nordarabische Oase Dadan, nach Äthiopien sowie entlang der ostafrikanischen Küste bis ins heutige Tansania aus.
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Die Sabäistik, die Wissenschaft vom alten Südarabien, gehört zu den jüngeren Zweigen der Altertumswissenschaft, da der südliche Teil Arabiens in Europa länger als andere Gebiete des Orients kaum bekannt war; erst 1504 gelang einem Europäer, nämlich dem Italiener Lodovico di Varthema, ins Landesinnere vorzustoßen. Zwei dänische Expeditionen, bei denen u.a. Johann David Michaelis (1717–1791) und Carsten Niebuhr (1733–1815) mitwirkten, trugen erstmals, wenn auch in bescheidener Weise, zur wissenschaftlichen Erforschung des Jemen bei. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten weitere Reisende über hundert altsüdarabischen Inschriften nach Europa. Einen Höhepunkt erreichte diese Phase der Erforschung durch die Reisen des Franzosen Joseph Halévy 1869/70 und des Österreiches Eduard Glaser 1882–1894, die zusammen etwa 2500 Inschriften kopierten oder nach Europa brachten. Auf Basis dieses umfangreichen epigraphischen Materials erforschten insbesondere Glaser und Fritz Hommel die altsüdarabische Sprache und Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden erstmals Grabungen im Jemen durchgeführt, seit 1926 beteiligten sich auch Syrer und Ägypter an der Erforschung Südarabiens. Der Zweite Weltkrieg leitete eine neue Phase in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem antiken Südarabien ein: 1950–1952 unternahm die von Wendell Phillipps gegründete American Foundation for the Study of Man größere Grabungen in Timna und Marib, bei denen u. a. William Foxwell Albright und Albert Jamme, der die zahllosen Inschriftenfunde veröffentlichte, mitwirkten. Die erste systematische Bestandsaufnahme der archäologischen Objekte im damaligen Aden-Protektorat wurde ab 1959 von Gerald Lankester Harding durchgeführt. In dieser Zeit machte sich insbesondere Hermann von Wissmann um die Erforschung der Geschichte und antiken Geographie Südarabiens verdient. Daneben sind u.a. auch die französischen Grabungen 1975–1987 in Schabwat und an anderen Orten, italienische Untersuchungen der steinzeitlichen Hinterlassenschaften und einige weitere größere Grabungen zu nennen.
Die Quellenlage Alt-Südarabiens ist sehr dürftig. Neben einzelnen Nennungen in assyrischen, persischen, römischen und arabischen Quellen sowie im Alten Testament, die sich vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis zur islamischen Zeit erstrecken, bilden die altsüdarabischen Inschriften die Hauptquelle. Diese sind jedoch zu einem großen Teil sehr kurz und daher oft kaum aussagekräftig. Die meisten Inschriften stammen dabei aus Saba und dessen Nachfolger, dem sabäo-himjarischen Reich, die wenigsten aus dem nur zeitweise bestehenden Ausan. Die meisten erhaltenen Inschriften sind Bauinschriften oder Weiheinschriften, selten sind echte historische Texte.
Zwar erscheint das Reich Saba schon im 8. Jahrhundert v. Chr. in assyrischen Quellen, doch genügt dieser Fixpunkt nicht, die Frühgeschichte Südarabiens zu datieren, denn erst mit dem Feldzug des Aelius Gallus 25 v. Chr. und der Nennung des Königs Ilasaros ist ein absoluter Punkt in der altsüdarabischen Geschichte gegeben. Für die frühere Zeit muss die chronologische Einordnung aufgrund des Vergleichs altsüdarabischer Funde mit Funden aus anderen orientalischen Gebieten, der Paläographie, der rekonstruierten Abfolge der Könige und C14-Datierungen erfolgen. Hierbei haben sich im Wesentlichen zwei Lehrmeinungen herausgebildet: die „Kurze Chronologie“ und die „Lange Chronologie“. Zu Ende des 19. Jahrhunderts datierten Eduard Glaser und Fritz Hommel den Beginn der altsüdarabischen Zivilisation in das späte 2. Jahrtausend v. Chr., diese Datierung blieb lange Zeit erhalten. 1955 veröffentlichte Jacqueline Pirenne einen Vergleich der altsüdarabischen Kunst mit der griechischen und gelangte dabei zu dem Schluss, dass die südarabische Zivilisation erst im 5. Jahrhundert v. Chr. unter griechischen Einfluss entstanden sei. Diese neue „Kurze Chronologie“ untermauerte sie zusätzlich durch die altsüdarabischen Buchstabenformen, also durch die Paläographie. Auf Grundlage der amerikanischen Ausgrabungen in Timna und Marib 1951–52 entstand etwa zur gleichen Zeit eine weitere Chronologie, die „Vermittelnde Chronologie“, die jedoch lediglich den Beginn von Qataban und Ma'in später ansetzte als in der früheren „Langen Chronologie“. Auf Grund der Untersuchung einer Felsinschrift bei Marib (Glaser 1703) datierten A. G. Lundin und Hermann von Wissmann den Beginn Sabas wieder ins 12. bzw. 8. Jahrhundert v. Chr. zurück. Auch wenn sich ihre Deutungen später teilweise als unzutreffend erwiesen, ist die „Kurze Chronologie“ nicht bewiesen, stattdessen wurden in jüngerer Zeit zahlreiche Gegenargumente vorgebracht. Vor allem durch neuere archäologische Forschungen, wie den italienischen Grabungen in Yala / Hafari und den französischen Grabungen in Schabwat erhielt die Lange Chronologie immer mehr Anhänger. Inzwischen scheint die Mehrheit der Sabäisten der „Langen Chronologie“ von Wissmanns zuzustimmen, daher sind die Datierungen in diesem Artikel an ihr ausgerichtet.
Die Erforschung der südarabischen Vorgeschichte steht erst am Anfang, jedoch sind bereits aus der Altsteinzeit einzelne Lagerstätten bekannt. Aus der Jungsteinzeit stammen Tumuli und megalithische Anlagen. Unmittelbar den historischen Reichen voran gingen ab ca. 2500 zwei bronzezeitliche Kulturen aus dem Nordjemen und der Küste des Indischen Ozeans. In der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends entstanden bedeutende urbane Zentren, wie Sabir.
Die Entstehungszeit der großen südarabischen Reiche ist bisher noch nicht eindeutig zu bestimmen, die Schätzungen schwanken (im Rahmen der langen Chronologie) vom 12. bis 8. Jahrhundert v. Chr.
Zur Zeit der frühesten historischen Quellen aus Südarabien befand sich Südarabien unter der Vorherrschaft des Reiches Saba, dessen Zentrum östlich von Sanaa in Sirwah und Marib lag. Die politische Landkarte Südarabiens bestand damals aus einigen größeren Reichen bzw. Stammesgebieten, Ausan, Qataban und dem Hadramaut und andererseits aus einer nicht genau zu bestimmenden Anzahl an Kleinstaaten wie Haram. Unter Karib'il Watar I., der wohl zwischen dem 8. und dem 5. Jahrhundert v. Chr. regierte, scheint Saba den Höhepunkt seiner Macht erreicht zu haben und beherrschte das Gebiet von Nadschran im Süden Saudi-Arabiens bis zum Bab al-Mandab. Die Bildung des minäischen Reiches in der Flussoase des Dschauf nordwestlich von Saba im 6. Jahrhundert v. Chr. brachte die sabäische Vorherrschaft zwar in Gefahr, doch gelang es Yitha'amar Bayyin II., dem Vollender des großen Staudamms von Marib, den Norden Südarabiens wieder zu unterwerfen.
Im späten 5. und frühen 4. Jahrhundert lösten sich Sabas Vasallen Ma'in, Qataban und Hadramaut im Bündnis aus der sabäischen Hegemonie. Hadramaut und Ma'in, die anfangs unter einer Personalunion vereint waren, kontrollierten von nun an die Weihrauchstraße, was minäischen Händlern die Kontrolle über die nordarabischen Oase Dedan und eine Präsenz im östlichen Mittelmeerraum ermöglichte. Qataban eroberte den Süden Sabas und den Südwesten Südarabiens, wodurch es nun den Bab al-Mandab kontrollierte. Seinen Höhepunkt erreichte Qataban mit der Eroberung des Hadramaut im 3. Jahrhundert v. Chr.[1] und wenig später[2] Ma'ins. Nur wenige Jahrzehnte später (Hermann von Wissmann: 120 v. Chr.[3]; Kenneth A. Kitchen: Mitte 1. Jahrhundert v. Chr.[4]) zerbrach das qatabanische Reich: Ma'in wurde Saba eingegeliedert, die qatabanischen Außengebiete Ausan, Radman und das erst kurz zuvor entstandene Himjar erlangten mit sabäischer Hilfe die Selbstständigkeit.
Die Kontrolle des Seehandels, der seit dem Ende des minäischen Reiches für Südarabien die alte Bedeutung der Weihrauchstraße übernommen hatte, war nun in himjarische und sabäische Hand geraten. Um den römischen Seehandel mit Indien durch das Rote Meer zu sichern, ließ Augustus 25/24 v. Chr. von Aelius Gallus einen Feldzug nach Saba unternehmen, der jedoch erfolglos blieb. Nach Kenneth A. Kitchen wurden im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. Saba und Himjar auf friedliche Art geeinigt.[5] Diese Union zerbrach Kitchen zufolge um 140 n. Chr., kurz vor dem endgültigen Sieg des Hadramaut über Qataban. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts trat mit dem aksumitischen Reich eine neue Macht auf südarabischen Boden auf, deren Ausbreitung von Saba zunächst zurückgehalten werden konnte. In den nächsten Jahrzehnten standen sich Saba und Himjar zumeist feindlich gegenüber, noch in der Schlacht von Hurmatum 248/49 konnte offenbar keine Partei einen eindeutigen Sieg erringen.[6] Um 260/70 schließlich ging Himjar aus dem Machtkampf mit Saba als Sieger hervor. Zwar sah sich das sabäo-himjarische Reich als Nachfolger Sabas, doch wurde es vom himjarischen Zafar aus regiert.
Im späten 3. Jahrhundert besiegte der himjarische König Schammar Yuhar'isch III. den Hadramaut endgültig und einigte damit Südarabien. Die von nun an von den himjarischen Königen getragene Königstitulatur deutet den enormen Machtzuwachs seit der Vereinigung von Saba und Himjar an: neben Saba und Himjar erscheint der himjarische Herrscher nun auch als König von Hadramaut, von Yamanat (Jemen) und „deren (Nord-)Araber im Hoch- und Tiefland“. Über die Geschichte der folgenden Zeit ist wenig bekannt. Um 517 n. Chr. übernahm der sich zum Judentum bekennende Yusuf Asar Yathar das himjarische Reich. Bereits im Folgejahr brach der Krieg mit dem christlichen Reich von Aksum aus. Eine erste Invasion der Aksumiten 518 wurde zurückgeschlagen; nach dem Tod der Christen in Nadschran 523 kam es 525 mit oströmischer Unterstützung (wobei römische Transportschiffe zum Einsatz kamen) zu einem zweiten, erfolgreichen Feldzug unter dem Negus Ella Asbeha, bei dem das sabäo-himjarische Reich erobert wurde.[7] Damit wurde allerdings auch die Interessensphäre des persischen Sassanidenreichs tangiert, der zweiten spätantiken Großmacht neben Ostrom. Sowohl Römer als auch Perser verfolgten in diesem Raum wirtschaftliche Interessen, da mehrere Handelsrouten im südarabischen Raum verliefen. Allerdings scheiterten oströmische Versuche, Handelsrouten, die über Persien verliefen, über das Rote Meer und Aksum umzuleiten und so der persischen Einflussnahme zu entziehen.[8]
Durch den Sturz des aksumitischen Marionettenkönigs Simyafa Aschwa durch den aksumitischen Heerführer Abraha 536 erreichte der Jemen faktisch seine Unabhängigkeit wieder, bis das Sassanidenreich um 572 im Jemen einmarschierte und die Aksumiten wieder vertrieb. In der Folgezeit wurde auch ein persischer Gouverneur für den Jemen bestellt, was die Oströmer unter Kaiser Justin II. mit als einen Kriegsgrund ansahen (siehe auch Römisch-Persische Kriege). Nach der Ermordung des letzten bedeutenden sassanidischen Großkönigs Chosrau II. im Jahr 628, nach dessen Tod Persien für Jahre im Chaos versank, konvertierte der persische Satrap in Südarabien zum Islam, jedoch wurde der Jemen erst 632 dem islamischen Reich eingegliedert.
Grundlage der altsüdarabischen Wirtschaft war wie im Fruchtbaren Halbmond die Landwirtschaft, die in Südarabien allerdings nur in den Oasen betrieben werden konnte. Aufgrund der klimatischen Situation waren für sie zudem ewässerungssysteme vonnöten, die archäologisch bislang in Marib, Timna und Schabwat nachgewiesen werden konnten. Auch inschriftlich sind vielerorts größere Anlagen belegt. Diese Bewässerungsanlagen bestanden sowohl aus Talsperren mit Schleusen als auch aus Terrassen und Kanälen, die das Wasser unter den Feldern aufteilten. Anbauprodukte waren Hirse, Weizen, Gerste, Mais, Datteln und Gemüse. Daneben gab es Palmenkulturen und eine weit verbreitete Viehhaltung, wobei das Vieh als Arbeitstier sowohl bei der Feldarbeit als auch für Warentransport genutzt wurde. Als Werkzeuge dienten ein von Tieren gezogener Pflug mit Dorn, die Hacke und die Scharre, ein mit Ketten versehenes Brett.
Während die Landwirtschaft nur die existentiellen Bedürfnisse decken konnte, ermöglichte der Handel den großen Reichtum der südarabischen Reiche. Dabei ist besonders der Handel mit Weihrauch und Myrrhe, die in Südarabien wuchsen, hervorzuheben, einerseits durch den direkten Verkauf, aber auch durch Zölle an der nach Norden führenden Weihrauchstraße. Einige königliche Marktordnungen aus Qataban und Ma'in geben leider kaum Hinweise auf den Fernhandel.[9]
Durch die Entdeckung der Monsunwinde wurde der Seehandel im indischen Ozean erheblich erleichtert, weshalb die Bedeutung der Weihrauchstraße um Christi Geburt erheblich zurückging. Wichtige südarabische Häfen waren nach römischen Quellen Muza am Roten Meer, Ocelis am Bab el-Mandab und Qana im Hadramaut; Aden verlor seine Bedeutung als Zwischenstation auf dem Weg nach Indien durch die Entdeckung des Monsuns. Während Südarabien zu Lande vorwiegend seine eigenen Güter exportierte, kontrollierten die süadarabischen Häfen jetzt auch den Schiffsverkehr von Ägypten nach Indien. Zwar hatte Saba schon einige Jahrhunderte vor Christi Geburt in Äthiopien eine überseeische Niederlassung, doch war nun eine Expansion bis an die Küste des heutigen Tansania, wo sich im Markt Rhapta eine sabäische und himjarische Niederlassung befand, möglich.
Hauptartikel: Altsüdarabische Sprache und Altsüdarabische Schrift
Die Sprachen des alten Südarabien gehörten den südsemitischen Sprachen, einem Zweig der semitischen Sprachen, an. Sie gliedern sich dabei in den sabäischen, qatabanischen, hadramitischen, minäischen und ausanischen Dialekt. Am stärksten ist das Sabäische belegt, das auch in Himjar und im sabäo-himjarischen Reich verwendet wurde. Das Ausanische ist dagegen am schlechtesten überliefert, da es nach der Eroberung Ausans durch Saba im 8. Jahrhundert v. Chr. vom Qatabanischen verdrängt wurde. Die altsüdarabischen Dialekte wurden in einer 29 Zeichen umfassenden alphabetischen Schrift, die von der phönizischen Schrift abstammte, niedergeschrieben. Schrift und Sprache wurden mit der Einführung des Islam zugunsten des Arabischen aufgegeben, jedoch blieben einige altsüdarabische Wörter im jemenitischen Arabisch des Mittelalters und der Neuzeit erhalten.
Hauptartikel: Altsüdarabische Kunst
Die Fundlage für die altsüdarabische Kunst ist noch sehr dürftig, weshalb bislang keine allgemeine Periodisierung der altsüdarabischen Kunst möglich ist.
Werke altsüdarabischer Architektur sind nur in wenigen Fällen gut erhalten, wenngleich die erhaltenen Reste besonders von Sakralbauten immer noch monumental sind. Als Baumaterialien dienten hauptsächlich Holz und Stein, Lehmziegel wurden in Schabwat und in der Küstenebene angewendet. Verglichen mit anderen antiken Sakralbauten erwecken die altsüdarabischen Tempel einen fremdartigen Eindruck. Wichtigstes Bauelement waren Säulen mit quadratischem Querschnitt, die in monumentalen Propyläen und Säulengängen Verwendung fanden. Die frühesten Tempel waren einfache, zumeist rechteckige hypäthrale Steinbauten, aus denen sich ein verschiedene Typen, hauptsächlich ein sabäischer Typ und der nicht-sabäische Vielstützentempel herausbildeten. Als wesentliche Profanbauten sind Palast- und Burganlagen wie in Schabwat und Bewässerungsanlagen, besonders der Staudamm von Marib zu nennen.
Die bemerkenswertesten Kunstwerke außerhalb der Architektur hat das vorislamische Südarabien in der Plastik hervorgebracht, in der überwiegend Alabaster und Marmor benutzt wurden. Ihre typischen Merkmale sind kubische Grundformen, ein plumpes Gesamtbild und die starke Betonung des Kopfes; die restlichen Körperteile dienten meist nur als schematisches und stark verkürztes Bindeglied zum Sockel oder sind nur bis zum Oberkörper dargestellt. Auch die geringe Beachtung der Proportionen, die sich in zu großen Ohren und einer zu schmalen und langen Nase äußert, kennzeichnet viele südarabische Plastiken. In dieser Hinsicht zeigt sich eine Parallele zu Architektur der ebenfalls geometrische, einfache Formen zugrundelagen.
An der Spitze aller altsüdarabischen Staaten stand ein Monarch[10], der in Saba, Qataban und Ausan sowie möglicherweise im Hadramaut zu Beginn den Titel „Mukarrib“ (altsüdarabisch mkrb) trug. Weder die Bedeutung dieses Titels noch die Aufgaben des Mukarribs sind genau festzulegen. Da die qatabanischen Mukarribe nachweislich kultische Aufgaben übernahmen wurde der Titel lange Zeit mit „Priesterfürst“ übersetzt. Alfred F.L. Beeston hat dieser Deutung widersprochen[11], weshalb man in jüngerer Zeit vorsichtiger geworden ist. Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde der Titel „Mukarrib“ von „König“ (altsüdarabisch mlk) abgelöst, nur in Da'amot, dem Vorgänger des Reiches von Aksum, und in Dofar war der Titel „Mukarrib“ länger verbreitet. Die genaue Unterscheidung zwischen König und Mukarrib ist noch unklar.
Im Gegensatz zum Rest des Alten Orients herrschten weder Mukarribe noch Könige absolut, sondern mussten bei der Gesetzgebung die Zustimmung einer Art Staatsrat einholen. In diesem Staatsrat, der vom König einberufen wurde, war die Oberschicht verschiedenen Stämme des Staates sowie in Ma'in auch Priester vertreten, die breite Masse blieb dagegen unberücksichtigt.[12]Andererseits wurden aber auch einige Gesetze, wie ihre Einleitung zeigt, vom König allein beschlossen. In Saba zeigt sich allerdings ab etwa Christi Geburt eine Veränderung der Verfassung: Der Staatsrat verschwand, stattdessen musste sich der König jetzt immer mehr auf die Zustimmung einzelner Adelsfamilien stützen, die Stämme wurden nicht mehr von einem königlichen Beamten, sondern von einem Vertreter des Adels (qail „Vogt“; altsüdarabisch qyl) regiert, schließlich wurden die Könige von acht „Vögten“ gewählt.
Die kleinste Einheit der Staatsgemeinschaft bildete das Dorf (byt), das in Stämmen (s2ʿb) zusammengefasst war. Aus diesen war der Staat zusammengesetzt, wobei offenbar ein Stamm die Führung der Stammeskonföderation übernahm. Besonders deutlich ist diese Gliederung in Qataban erkennbar: der König stammte aus dem Stamm Qataban, im Staatsrat waren darüber hinaus die Stämme Radman, Madhi, Almalik und Yahir vertreten, wohingegen die erst später eingegliederten Stämme Ausan, Kahad, Dahas und Tubanau, die aus dem ehemaligen Reichsgebiet von Ausan stammten, nicht an der Regierung beteiligt waren.
Aus den Inschriften lassen sich verschiedene, rechtlich unterschiedlich gestellte Klassen oder Stände unterscheiden: auf der einen Seite die adligen Grundbesitzer (ms3wd), auf der anderen Seite die Soldaten, die Händler, die freien Bauern, die Hörigen, welche als Pächter fremdes Land bewirtschafteten und die Sklaven (oder Diener).
Insbesondere durch qatabanische Texte ist auch Einiges über den Grundbesitz bekannt. Grund und Boden gehörte (theoretisch) dem Staat oder einem Gott, der es zur Bewirtschaftung an Pächter verlieh, die als Gegenleistung eine Pacht zu entrichten hatten.
Obwohl in den Inschriften immer wieder Beamtentitel erwähnt werden, bleibt die genaue Funktion der Beamten unklar. Ein sehr hoher Beamter war jedenfalls der Kabir, der verschiedene religiöse und politische Funktionen, insbesondere die Regentschaft eines Stammes, wahrnahm.[13] Offenbar unter den Kabiren stand der qain (Plural aqyan). Ein weiteres bedeutendes Amt war das des qail (Plural: aqyal).[14] Bei einigen weiteren Titeln ist die Funktion noch unsicherer.
Über das bürgerliche Recht ist nur sehr wenig bekannt, da keine umfassenden Gesetzestexte wie der Codex Hammurabi, sondern nur einzelne, spezielle Gesetze überliefert sind, die u.a. die Bestrafung von Mördern, aber auch Regeln zur Eheschließung festlegten. Als Strafen sind die Todesstrafe, Geldstrafe sowie die Erklärung als Vogelfreier belegt. Interessanterweise war die Rechtsprechung Privileg des Königs, die im Orient weit verbreitete Blutrache war also nicht vorgesehen. Modern wirken auch die sabäischen und qatabanischen Handelsgesetze, die u. a. Preiszwang, Schutz des Marktes vor Unterbietung und eine 20tägige Rückgabefrist vorschrieben.
Hauptartikel: Altsüdarabische Religion
Wie alle anderen altorientalischen Religionen (außer dem Judentum) auch war die südarabische Religion polytheistisch, wobei der astrale Charakter der Götter deutlich erkennbar ist. Gewöhnlich wird versucht, die meisten Gottheiten auf eine Trias Sonne – Mond – Venus zurückzuführen, am extremsten hat diese Theorie Ditlef Nielsen vertreten; jedoch ist diese Sichtweise keineswegs unumstritten.
An der Spitze des Pantheons stand in allen altsüdarabischen Reichen der Gott Athtar, der Repräsentant des Planeten Venus. Er war einerseits für die überlebenswichtige Bewässerung zuständig, andererseits auch ein kriegerischer, den Feinden Tod bringender Gott. Repräsentant der Sonne waren Schams und einige meist zu zweit erwähnte Göttinen. Daneben hatte jedes Reich seinen eigenen Nationalgott, in Saba war dies Almaqah, vielleicht ein Mondgott, in Main und Ausan der Mondgott Wadd („Liebe“), Sin („Mond“) im Hadramaut und in Qataban Amm. Daneben wurde eine Vielzahl regional begrenzter Gottheiten verehrt, wie Ta'lab in Sum'ay und Dhu-Samawi bei den Amir und Muha'mir.
Wohnsitz und Kultort einer Gottheit war ihr Tempel, ein offenes Gebäude (haram oder mahram), dessen Zugang nur unter bestimmten rituellen Reinheitsgeboten erlaubt war. Es existierten sowohl große öffentliche Tempelbauten als auch kleinere private Heiligtümer.
An Kulthandlungen sind verschiedenartige Opfer, die sakrale Jagd, das Orakel, der Umlauf um ein Heiligtum, die Zuführung einer Frau zu einem Gott als Gattin, Bittprozessionen zum Tempel, kultische Reinigung der Waffen und das öffentliche Schuldbekenntnis und der nur vom Mukarrib ausgeübte Bundesschluss überliefert. Über deren Ablauf ist jedoch nur wenig bekannt.
Archäologisch wesentlich besser fassbar als das Pantheon ist der Totenkult. Die Gräber hatten im vorislamischen Südarabien mannigfaltige Formen, darunter Grabhöhlen, Grabgruben und mausoleenartige Bauten. Über altsüdarabische Jenseitsvorstellungen ist sehr wenig bekannt, da keine eigentlichen religiösen Texte erhalten sind; auf das Vorhandensein solcher Vorstellungen weisen jedoch Grabbeigaben, Mumifizierung und mögliche Darstellung des Jenseits.
Seit der 2. Hälfte des 4. Jahrhundert n. Chr. werden in den Inschriften des sabäo-himjarischen Reiches nicht mehr die alten Götter, sondern der „Herr des Himmels“ und „der Barmherzige“ angerufen. Nach dem altsüdarabischen Wort Rahmanan „der Barmherzige“ wird diese Religion auch als „Rahmanismus“ bezeichnet, jedoch ist trotz der Erwähnung jüdischer Formeln nicht gesichert, dass Südarabien schon damals vollständig jüdisch war. Durch die Eroberung des Jemen durch Aksum im Jahre 525 wurde das Judentum durch das Christentum ersetzt, bis der Jemen um 630 islamisch wurde.
Siehe auch das Literaturverzeichnis des Artikels Altsüdarabische Kunst.
Siehe auch das Literaturverzeichnis des Artikels Altsüdarabische Sprache.
Siehe auch das Literaturverzeichnis des Artikels Altsüdarabische Religion.
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