Analytische Psychologie

Die Analytische Psychologie oder auch Komplexe Psychologie ist eine psychotherapeutische und psychologische Schule, die von Carl Gustav Jung nach dem Bruch mit Sigmund Freud (1913) gegründet wurde. In Deutschland wird sie vertreten durch die Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP), die C. G. Jung-Gesellschaften (Köln, Stuttgart, München, Hannover, Ulm, Freiburg) und die C. G. Jung-Institute (Berlin, Stuttgart, München). International wird sie vertreten durch die International Association for Analytical Psychology (IAAP).

Die Analytische Psychologie (A. P.) wurde aus der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs weiterentwickelt und ist heute eine in Deutschland laut Psychotherapeutengesetz anerkannte Form der Psychotherapie. Eine Therapie bei einem A. P. Therapeuten kann in Deutschland über die Krankenkasse finanziert werden. Als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie kann sie 20 bis 100 Stunden mit 1 bis 2 Stunden pro Woche umfassen. Als Analytische Psychotherapie wird sie im Umfang von 80–300 Stunden im Rahmen der gesetzlichen Krankenkassen finanziert. In begründeten Einzelfällen kann das Volumen diese Zahl auch überschreiten. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass Patienten die Therapie auch nach der Finanzierung durch die Krankenkasse fortführen, um Ziele der persönlichen Entwicklung, der Individuation, zu verwirklichen.

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie fasst die Analytische Psychologie und andere tiefenpsychologische Verfahren unter dem Oberbegriff „Psychodynamische Psychotherapie“ zusammen und erkennt die Wissenschaftlichkeit dieser Verfahren an.[1] Für den Teilbereich Analytische Psychologie gibt es jedoch (im Gegensatz zur Psychoanalyse) keinen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit bei seelischen Erkrankungen.

Inhaltsverzeichnis

Einordnung

Die A. P. gehört zu den so genannten Einsichtstherapien, die darauf ausgelegt sind, dem Kranken die Einsicht in sein psychisches Leiden zu vermitteln und durch diese Einsicht Veränderungen im Handeln und Erleben zu ermögichen (Heilen). Wenn auch der Bedeutung der Einsicht dabei eine große Rolle zukommt oder zugeschrieben wird, so kommt doch der im Verlauf der Therapie entstehenden Beziehung sowie deren Analyse eine wichtige Bedeutung zu, um den Prozess der Auseinandersetzung sowohl einzuleiten als auch im Sinne des Patienten voranzutreiben. Eine der Grundannahmen der A. P. ist, dass psychische Störungen, ähnlich wie in der Psychoanalyse und der Individualpsychologie, durch einen Konflikt zwischen Erfüllung und Abwehr des Triebes (Freud) sowie der Überkompensation von Minderwertigkeitsgefühlen entstehen (Adler). Somit setzt die A. P. -wie die Psychoanalyse nach Freud- den Beginn einer psychischen Störung hauptsächlich in der Kindheit an. Darüber hinaus kann der Beginn ebenso in der Mitte des Lebens liegen, wo im Zuge des fortschreitenden Individuationsprozesses neue Lebensziele zu Konflikten führen. Die A. P. sieht sich als prospektiv ausgerichtete Therapie, d. h.: Die Symptome einer psychischen Krankheit sind nicht nur schädliche Warnzeichen, sondern enthalten genauso ein Streben auf etwas Positives hin. Entsprechend leiten sich daraus die Methoden ab, die zur Heilung einer psychischen Erkrankung führen sollen.

Schulen der Analytischen Psychologie

Innerhalb der A. P. existieren im Gegensatz zu der Psychoanalyse keine klar abgegrenzte theoretische Schulen, wie etwa die Triebtheorie oder die Objektbeziehungstheorie. Trotzdem kann man innerhalb der A. P. von Stömungen sprechen, die ebenfalls auf unterschiedliche Gewichtungen innerhalb des Theoriegebäudes fußen. Allerdings sind hier die Grenzen nicht so deutlich wie in der Psychoanalyse.

Generell kann man drei verschiedene 'Hauptströmungen' ausmachen (nach A. Samuels).

  • 1. Die Klassische Schule
  • 2. Die Entwicklungspsychologische Schule
  • 3. Die Archetypen-Psychologie

Diese unterscheiden sich in verschiedenen Merkmalen. Die Klassische Schule legt in ihrer theoretischen Ausrichtung besonderen Wert auf das Konzept des Selbst. Die Entwicklungspsychologische Schule ist in ihrer Ausrichtung eher auf die Entwicklung der Persönlichkeit ausgerichtet. Wobei die Archetypische Schule hier selbstverständlich auf die Definition des archetypischen achtet. In ihrer klinischen Ausrichtung, d. h. in ihren Ansätzen zur Behandlung, unterscheiden sich die Schulen ebenfalls. Hier legt die Klassische Schule ihr besonderes Augenmerk auf die symbolische Erfahrung des Selbst. Die Entwicklungspsychologische Schule zeigt in der Therapie besondere Parallelen zur Psychoanalyse. Sie konzentriert sich auf die Analyse der Übertragung und Gegenübertragung. Die Archetypen-Psychologie innerhalb der A. P. legt besonderen Wert auf die eingehende Beschäftigung mit hochdifferenzierten bildlichen Vorstellungen. Die unterschiedlichen Vorstellungen der jeweiligen Schulen führen innerhalb der A. P. zu Differenzen. Es ist allerdings schwer auszumachen, welcher Schule ein Autor zuzuordnen ist, denn bei bestimmten Themen kann es zu völlig unterschiedlichen Gewichtungen kommen.

Methodik

In der A. P. geht man in verschiedenen sog. Settings vor. Dabei wird einmal unterschieden, ob eine einzelne Person oder eine Gruppe behandelt oder analysiert wird. In der Gruppe ist das übliche Setting als Sitzkreis organisiert. Das Setting der Einzeltherapie ist unterschiedlich. Manchmal wird der Analysand auf einer Couch liegen, und der Analytiker wird sich, ihm sichtbar gegenübersetzen. Das ist ein Unterschied zur 'klassischen' Psychoanalyse, in der sich der Analytiker stets außerhalb des Gesichtskreises des Analysanden setzt. Das wohl üblichste Setting in der A.P. Behandlung ist, dass sich Analysand und Analytiker gegenüber sitzen. In der Therapie von Kindern und Jugendlichen ist es häufig so, dass der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut auch mit den Kindern und Jugendlichen spielt. Der Therapeut gewährt den Raum, dass dem Patienten durch Traumanalyse, durch die Auseinandersetzung mit den Phänomenen von Übertragung/Gegenübertragung sowie durch aktive Imagination verdrängte oder aus anderen Gründen unbewusste Persönlichkeitsteile bewusst werden können. Die nachfolgende Auseinandersetzung kann dazu führen, dass die Patienten diese Persönlichkeitsanteile in ihre Gesamtpersönlichkeit integrieren und in der Folge neue Handlungs- und Erlebensmöglichkeiten sehen und entwickeln. Die Beziehung zwischen Patient und Analytiker ist vor allem durch den Passus der Dialektik und der Synthese geprägt. Die Analytische Psychologie versteht darunter die vermehrte Beteiligung des Patienten an der Analyse. Der Analytiker bezieht den Patienten vermehrt ein und versucht mit ihm eine Beziehung aufzubauen, die eine Begegnung ermöglicht ohne die Unterschiede in den Realitäten der Beziehung (Patient/Arzt etc.) zu verleugnen. Dies steht im Gegensatz zu den Methoden der Psychoanalyse, welche (in der klassischen Ausprägung) eine distanzierte Beziehung als Ideal der Behandlung ansieht.

Das Therapiekonzept der Analytischen Psychologie

Das zentrale Jung'sche Konzept der Jung'schen Psychologie und Psychotherapie ist:

Psychotherapie ist ein interpersoneller Prozess zwischen zwei Subjekten, die sich ausschließlich subjektiv in diesen Prozess hineinbegeben.

Es findet eine wechselseitige Beeinflussung der beiden Beteiligten statt, bei dem beide, wenn es gut läuft, verändert aus diesem Prozess wieder heraustreten.

"Die Seele erscheint daher als ein Inbegriff von Beziehung" (JUNG,GW16)

In der A. P. Behandlung steht vor allem die Traumarbeit oder die Arbeit mit Phantasien im Vordergrund - im Gegensatz zur Psychoanalyse in der die freie Assoziation des Analysanden (Patienten) sowie die Arbeit mit Träumen im Vordergrund steht. Auch in einer A. P. Behandlung deutet der Analytiker aufgrund der theoretischen Ausrichtung die Äußerungen der Analysanden/-innen. Allerdings wird hier vermehrt Wert auf die 'Passung' der Deutung gelegt. Das bedeutet, dass eine Deutung, der der Analysand widerspricht, nicht so zwingend wie in der klassischen Psychoanalyse, auf einen Abwehrmechanismus schließen lässt. Dabei wird der Therapeut eher die Richtigkeit seiner Deutung hinterfragen. Aber auch das Konzept der Abwehrmechanismen ist in die Theorie der A. P. eingegangen. Die Übertragung spielt in der A. P. eine weniger wichtige Rolle als in der Psychoanalyse. Hier ist vor allem entscheidend, welcher theoretischen Strömung der/ die AnalytikerInn nachgeht. Auch die Übertragung wird -je nach dem wie stark sie ausgeprägt ist- ähnlich wie in der Psychoanalyse bearbeitet. Hier gilt aber, dass eine starke Übertragung nicht notwendigerweise eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Analyse ist. Psychisches Leben, inklusive psychotherapeutische oder psychosoziale oder ärztliche oder pädagogische Arbeit, ereignet sich immer in mindestens einem Zwei-Personen-Prozess. Dabei geht es eher um die "Chemie" zwischen zwei Menschen, die stimmt oder nicht stimmt, was man beispielsweise an "Dialogen", die flüssig laufen oder stocken, usw. sehen kann. Jung'sche Therapie wird daher manchmal auch dialogische Therapie genannt - im Unterschied zu der klassischen freudianischen Auffassung von Therapie /Analyse, in der der Patient einen Monolog hält, bei dem der Analytiker zuhört und maximal Deutungen gibt - eine allerdings unter 'modernen' Freudianern weitgehend veraltete Auffassung.

Im psychotherapeutischen Bereich der A. P. geht es immer darum , die Introspektion zu fördern, d.h. das Hineinschauen in die eigene Seele zu ermöglichen, zu vertiefen, zu erweitern. Diese Innenschau findet in ganz gewöhnlichen Alltagssituationen statt. Auch in der Analytisch Psychologischen Behandlung nimmt der Therapeut an, dass eine gegenseitige Beeinflussung stattfindet, der man sich trotz gründlicher Lehranalyse nicht entziehen kann. Es geht also einerseits um interpersonelle Zusammenhänge, um Verbundenheit zweier Körper und Seelen als auch um die inneren Bilder dieser beiden Personen, die sich miteinander mischen, verbinden, also Körper - inneres Bild - Beziehung , Interpersonelles und Intrapersonelles. Jung nahm an, dass in einer Beziehung zwischen zwei oder mehr Personen ein gemeinsames Bewusstsein wie auch ein gemeinsames Unbewusstes entsteht. Wer krank ist, sucht Heilung außerhalb seiner selbst, bei einer anderen Person, die ihn heilen kann, der eigenen Krankheitsgeschichte zuhört und hilft. Zwischen beiden besteht ein Gefälle: wenn ich krank bin, bin ich schwach, hilfsbedürftig, verletzt, leidend, unwissend, und phantasiere den Anderen als stark, gesund, hilfsbereit und kompetent und fähig. Als Patient bin ich ohnmächtig, hilflos der Krankheit ausgeliefert, während mein Arzt/Therapeut im Besitz von Macht und Hilfsmitteln ist. Gesundheit wird dabei heutzutage oft wie eine Ware erlebt, die im Dienstleistungsgeschäft des Gesundheitswesens weitergegeben wird: als Patient bin ich ein Habenichts, während der Arzt/Therapeut der Reiche und Mächtige zu sein scheint. Nicht nur die Gesundheit habe ich verloren, mir fehlen auch das Wissen, die Heilmethoden und die Heilmittel, über welche die gesunden, sogenannten Experten verfügen. Unter dieser interpersonellen Spaltung gibt es aber auch eine intrapersonelle Spaltung:

In der Analytischen Psychologie wird angenommen, dass bestimmte Archetypen bei Beginn der Therapie konstelliert werden. Ein wichtiger ist der des "verletzten Heilers", der durch eine bestimmte Haltung des Patienten bei ihm konstelliert wird. Der Patient und zunächst mal auch der Arzt ist von seinem Unbewussten in der Regel abgeschnitten. Das individuelle Abgeschnittensein vom Unbewussten bedeutet, dass der Patient nicht die eigene Heilerseite und der Arzt nicht die eigene Verwundungsseite spürt (Beispiel O.Sacks). "Nur wo der Arzt selber getroffen ist, wirkt er. Nur der Verwundete heilt. Wo aber der Arzt einen Persona-Panzer hat, wirkt er nicht."(JUNG 1962)

Unter dem Aspekt des konstellierten Heiler-Archetyps bedeuten diese Spaltungen eine Aufteilung: der Therapeut, Analytiker, Arzt erscheint als allmächtig, stark, gesund und kräftig, der Patient dagegen als passiv, abhängig, hilflos und zur Unterwürfigkeit neigend. Tatsächlich bestehen diese interpersonellen Spaltungen aber auch intrapsychisch, d.h. im Unbewussten der Beiden. Wenn der Analytiker oder Therapeut innere Wunden hat - und zweifellos hat er solche - dann trennt man sich von einem Teil der inneren Welt ab, wenn man sich als völlig gesund oder mehr oder weniger gesund präsentiert (was wiederum notwendig ist für die Konstellierung des Archetyps des Heilers). Wenn der Patient dementsprechend ausschließlich als krank betrachtet wird, schneidet man ihn von seinem inneren Heiler oder der Fähigkeit, sich selbst zu heilen ab. Tatsächlich hat der Patient das ja schon getan, sonst käme er ja gar nicht zum Therapeuten/Heiler. Sobald jemand krank ist, tritt dieses innere Bild des Gegensatzpaares Heiler-Verwundeter in Aktion. Um die Behandlung in Gang zu bringen, wird der Heiler anfänglich auf den Analytiker/Arzt projiziert. Im Folgenden geht es dann darum, dass der Patient diese Projektion zurücknimmt, damit die eigenen gesunden Fähigkeiten eingesetzt werden. Umgekehrt projiziert auch der Analytiker zu Beginn seine verwundete Seite auf den Patienten, damit er Sympathie und Verständnis empfinden kann und so zu helfen bereit wird. Er muss ebenfalls diese Projektionen zurücknehmen, um die Fähigkeit des Patienten, gesund zu werden, freizusetzen. Das impliziert, dass der Analytiker/Arzt mit seiner inneren Verwundung, seinen inneren Verletzungen in Berührung bleibt. Dieser Prozess kann sich im Laufe einer Analyse/Behandlung immer aufs Neue wiederholen. Die persona medici dient vor allem - neben den narzisstischen Gratifikationen des "Gottes in weiß" - dazu, die Induktion oder Infektion durch den Patienten und dessen Krankheit vermeiden zu wollen. Induktion/Infektion -verwandte Begriffe bei Jung bzw. ähnliche Begriffe: Induktion, Infektion, Affiziertsein, Einfühlung, projektive Identifikation, participation mystique, unbewusste Identität, archaische Identität. Gemeint ist, die unbewusste Identifikation mit der Psyche eines anderen Menschen, die sowohl heilsam als auch schädlich sein kann. Diese Induktion konstelliert die analytische oder therapeutische Beziehung zwischen Patient und Therapeut, d.h. durch dieses Affiziertsein des Einen durch den Anderen entsteht eine Beziehung zwischen Menschen, die der Erforschung des Inneren dient - und zwar des Inneren der beiden Beteiligten. Also wird diese Identifikation in der Behandlung in Kauf genommen.

Jung stieß auf der Suche nach symbolischem Material, mit dem er die unbewussten Äußerungen seiner Patienten verstehen konnte, auf die Alchemie und ihre Symbole für ein Verständnis des Zusammenspiels interpersoneller Verbundenheit und innerpsychischer Aktivität. Die Alchemie gilt als Vorläufer der empirischen Chemie. Dort habe die Alchemisten "mystische" Vorstellungen, teils durch die Nutzung von Halluzinogenen entwickelt, welche bei der Behandlung als Vergleich zu dem Prozess der Heilung verstanden werden. In der Alchemie wurde die Wandlung von Stoffen (z.B. Eisen in Gold) als ein mystischer Prozess gesehen. Dieser Prozess wurde durch die Alchemisten in Ritualen gefunden, die sie nahe an das Unbewusste geführt haben. Die Vorstellungen, die sie dabei entdeckten, haben sie meist in verschlüsselter Form niedergeschrieben. Dieses Material dient der Analytischen Psychologie dazu, die psychische Wandlung, die in einer Analyse stattfindet in einer historischen Schrift wiederzufinden. Die Psychologie der Alchemie beschreibt sowohl einen Zwei-Personen-Prozess (keineswegs nur den innerhalb einer Analyse, sondern allgemeingültig für alle intensiven zwischenmenschliche Begegnungsformen) und einen Individuationsprozess innerhalb eines Menschen. Wenn man so will, kann man die Alchemie sowohl objektstufig als auch subjektstufig betrachten. Das beinhaltet auch die Notwendigkeit, Inhaltsanalyse und Prozessanalyse gleichzeitig und gleichwertig im Auge zu haben. Allerdings spricht die Alchemie in verklausulierter Sprache, in einer Sprache, in der die Alchemisten ihnen unbewusste Denkvorgänge in die Materie und die Prozeduren der Bearbeitung dieser Materie hineinprojezierten. Es handelt sich somit auch um damals unbewusste, heute entschlüsselte Vorstellungen interpersoneller Verbundenheit und innerpsychischer Aktivität. Daher haben die Bilder der Alchemie eine Verbindung zum mundus imaginalis, oder wie auch gesagt wird, handelt es sich um den Bereich des feinstofflichen Körpers, des sogenannten dritten Bereichs.

Für Jung war die Alchemie deshalb so faszinierend, weil sie die "merkwürdige Verwandlungsfähigkeit der menschlichen Seele ausdrückt". Er fand in ihr einen Vorläufer seines eigenen Individuationskonzepts und er bemerkte, dass die Alchemie in der Metapher der conjunctio ein Konzept für Übertragungsvorgänge besaß. Denn die Frage war: Was machten die Alchemisten? ( siehe "opus magnum " im Lexikon der Alchemie). Der Alchemist arbeitete gleichzeitig an der Seele in der Materie und an den Materien in seiner Seele; dabei wurde vermutet, dass die Seele aus dem materiellen Gefängnis freigesetzt werden muss, in das die Natur sie eingeschlossen hat. Die ganze Prozedur ist subversiv, d.h. ein Werk gegen die Natur, ein opus contra naturam, eine Freisetzung des Sinns aus der materiellen und körperlichen Welt. Nichts anderes geschieht in einer Analyse auch, wenn Therapeut und Patient an das Werk gehen, die Ursache und den Sinn einer Neurose zu entdecken, und herauszufinden, was und wie das darin eingesperrte seelische Wachstum freisetzen könnte.

"Was der moderne Therapeut im Menschen sieht, sahen die Alchemisten in metallischer Form" (Samuels).

Der zentrale Begriff ist die conjunctio (speziell: die Vereinigung der Gegensätze im seelischen Leben), der sich darauf bezieht, dass sich im vas hermeticum (Gefäß der Verwandlung) die unterschiedlichen Elemente paaren und vermischen. Dazu wurden die Elemente am Anfang, die massa confusa oder prima materia (Urstoff) entsprechend ihrer Kombinationsmöglichkeit ausgewählt, die man sich als Gegensätze vorstellte, deren Vermischung ein neues, drittes Produkt hervorbringen würde: das ist die conjunctio. Diese Elemente wurden häufig als männliche oder weibliche Figuren dargestellt, deren sexuelle Vereinigung die conjunctio repräsentieren sollte. In der Analyse finden wir diese Metapher wieder:

  • 1. Die Interaktion des Analytikers mit seinem analytischen Gegenteil,dem Patienten und umgekehrt.
  • 2. Trennung und Verbindung der miteinander in Konflikt liegenden Elemente innerhalb der beiden Psychen.
  • 3. Die conjunctio dieser beider Psychen: persönliches Bezogensein und innerpsychische Prozesse.
  • 4. Integration der unbewussten Anteile der Psyche in das Ich des Patienten und des gleichen Prozesses beim Analytiker.
  • 5. Das alles findet im analytischen Gefäß (vas hermetikum), Rahmen, Setting, in der analytischen Beziehung, im Laboratorium (Oratorium) des Analytikers statt. Vas hermeticum ist die beste Metapher für den vollständig geschlossenen Raum der analytischen Beziehung, in die nichts Fremdes und Drittes hineinkommen sollte (Idealtypischerweise).
  • 6. Die Conjunctio der sinnlichen, gegenständlichen, körperlichen Welt mit der geistigen Dimension ( siehe z.B. Psychisierung körperlicher Symptome, die ja meistens die Patienten in die Therapie bringen).

Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die Wandelbarkeit der Elemente. In der Alchemie arbeitet der Adept oft mit einer anderen realen oder geistigen Person zusammen, seiner soror mystica. Dies hat viel Ähnlichkeit mit der Vorstellung einer Anima, die als Beziehungsfunktion zwischen Ich und Unbewussten beim Analytiker entwickelt sein sollte, mit der er aber keineswegs identifiziert sein sollte. Die Stufen des alchemistischen Prozesses lassen sich auch in analytischen Prozessen wiederfinden: nigredo - albedo - rubedo nigredo kann sich beispielsweise in einem dunklen, schweren Traum zeigen, mit dem der Träumer anfangs nichts anzufangen weiß, oder der ihn in depressive Stimmungen, ja, in Verzweiflung und Aussichtslosigkeit stürzen kann. Oft geht einer inneren Wandlung eine Depression voraus. Oder das Ende der Flitterwochen zu Beginn einer Analyse wird durch eine Einschwärzung der hochfliegenden Gefühle bei Analytiker oder /und Patient angezeigt. Die albedo ist die Weißung, d.h. die Bewusstwerdung unbewusster Inhalte. Analyse ist somit gekennzeichnet als ein dialektischer Prozess, der sich im Hin und Her von Polaritäten, Widersprüchen, Konflikten intra- und interpsychischer Art vollzieht. Die Vergleiche mit der Alchemie dienen als Wegweiser in einem bislang unerkennbaren Prozess, der in der Realität kaum als solcher wahrgenommen werden kann.

Analyse als archetypischer Prozess: Der Weg

Es gibt viele Möglichkeiten, Therapiegeschehen zu beschreiben: tiefenpsychologische, ethnologische, soziologische, philosophische und sprachwissenschaftliche Zugänge bieten vielfältige Beobachtungs- und Beschreibungskategorien. Ein Beispiel wäre hier zunächst die Psychotherapie/Analyse als Verlebendigung und Inkarnation eines Archetyps zu beschreiben, nämlich des Archetyps des Weges. Schon in prähistorischer Zeit, könnten versteckte Höhlenmalereien auf die Bedeutung von rituellen Wanderungen (pilgern) hindeuten. Auf späterer Kulturstufe und bei entwickelterem Bewusstsein wird dieser Archetyp des Weges zum bewussten Ritual-Weg, der zum Beispiel in der Anlage von Tempeln den Verehrenden zwingt, einen rituellen Weg von der Peripherie bis zum Zentrum des Heiligtums zu gehen, und so das Weg - Ritual zu vollziehen. Prozessionen gehen auch heute noch diesen Kollektivweg des Rituals zum Heiligtum. Der Leidens-Weg Christi ist eine weitere und andere Form dieses Archetyps. In ihm wird der Schicksalsweg zu dem der Erlösung und mit seinem bewussten Ausspruch „Ich bin der Weg“ erreicht diese Ausprägung des Weg-Archetyps eine neue, nun schon ganz innerliche und symbolische Stufe. Die Imitatio Christi beinhaltet die Nachfolge - Haltungen, in denen der christlich innere Weg nachgegangen wird. Der Schicksalsweg des Oedipus ist dagegen ein Weg des Scheiterns, wenn man vom Ende des Weges des Oedipus (er wird entrückt in Begleitung von Theseus) absieht. Den Signaturen des Archetyps des Weges begegnet man sehr häufig. So sprechen wir von einem „inneren Weg der Transkriptinomierung“, von Begleitsymbolen wie „Orientierung“ und „Orientierungslosigkeit“, in Politik oder Kunst sprechen wir von „Richtungen“.(nach NEUMANN). In der Jung'schen Psychologie sprechen wie bevorzugt vom Individuationsweg eines Menschen und haben damit eine Metapher, ein Bild zur Verfügung, das jeder Mensch erfährt. Heute nimmt die Analytische Psychologie an, dass jeder Mensch auf einem Individuationsweg ist, nicht nur, wie das manchmal bei einer elitären Auffassung aussieht, Auserwählte oder Eingeweihte oder besonders Begabte. Dieser Gedanke ist sehr wichtig, da er eine unabdingbare Grundhaltung des/der Analytikers/in kennzeichnet: die möglichst vollständige Achtung des Patienten und seiner Wege, die er gegangen ist, auch wenn diese Wege in neurotische oder krankmachende Konflikte geführt haben. Die Frage ist immer nur, mit wie viel Bewusstheit ein Mensch seinen Individuationsweg geht.

Einteilung von Phasen:

  • 1. Initialphase
  • 2. Latenz-/Erprobungsphase, Empfängnisraum / Konstellierung der Grundkonflikte
  • 3. Phase der negativen und/oder positiven Regression
  • 4. Individuationsphase

Die Initialphase

Wenn ein Patient sich zum/r AnalytikerIn begibt, ist der Archetyp des Weges konstelliert. Dabei kann diese Konstellation in unterschiedlichem Maße bewusst sein. Ein Patient, der von einem Arzt geschickt wird, verfügt möglicherweise über wenig Einsicht in seine „Wegsuche“, möglicherweise nimmt er nur Symptome wahr. Krankheitseinsicht bedeutet also Bewusstsein über die Notwendigkeit einer Wegfindung, einer Wegsuche, bedeutet das Eingeständnis der Orientierungslosigkeit und ist der Ruf nach einem Wegbegleiter, oft nach einem Wegführer. Diese Anfangssituation legt fast zwingend bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen bei Wegsuchendem und Wegbegleiter nahe. So wird der Analytische Psychologe zunächst, in Anlehnung an die tiefenpsychologische Bedeutung der Wegsuche fragen: An welchem Ort steht der Wegsuchende? Ist es eine Sackgasse? Teilt sich der Weg? Gibt es Licht oder herrscht Dunkelheit? Ist der Weg frei und fürchtet sich der Wegsuchende vor dieser Freiheit? Ist der Weg versperrt - vielleicht durch andere oder durch äußere Bedingungen? Ist der Wegsuchende erschöpft, weil er zu lange mit dicken Lehmklumpen an den Füßen gelaufen ist? Was ist mit seinen Füßen, seiner Erdung? Wohin geht sein Blick, in welche Richtung schreitet er aus? Hat er eine Karte? Ist ihm sein sein Plan bewusst? Dies kann durchaus in reelle, alltägliche Situationen übersetzt werden. Also das, was man aktuellen Befund nennt. Woher kommt der Wegsuchende? Welchen Weg ist er bisher gegangen? Wo ist er ins Stolpern geraten? Blieben Teile von ihm irgendwo, wo er gestürzt ist (Traumata), liegen? Hat er einen Rucksack dabei, in dem Verborgenes, Unentwickeltes steckt? Wem ist er auf seinem Weg bisher begegnet ? Eltern, Geschwister, Lehrer, Freunde, Freundinnen, Kollegen usw.? Also Anamnese. Die Betrachtung des Analyseanfangs als Anfang eines Weges bewirkt unter günstigen Umständen, dass die beiden Dialogpartner zunächst einmal stehen bleiben, sich dieses Stehenbleiben auch gönnen und nicht rastlos und hektisch hin und herlaufen, sondern innehalten und sich umschauen. Ein solcher Umgang mit dieser Anfangssituation kann das Klima und die Atmosphäre in einer Analyse auf förderliche Bahnen lenken. Von einem energetischen Standpunkt aus begreift Jung eine Neurose als eine Stockung des Lebensflusses und sieht das Ziel in einem erneuten Strömen der Libido, des "Lebensflusses". Aufgrund dieser Stockung besteht zu Beginn das, was Jung dem alchemistischen Verständnis von Wandlungsprozessen abgelauscht hat: die „nigredo“, oder „massa confusa“, „chaos“ (Gott des Anfangs) oder „prima materia“. Jeder dieser Begriffe legt einen anderen Akzent auf die Anfangssituation. „Nigredo“ bedeutet vor allem Schwärze, Dunkelheit, Unbewusstheit. „massa confusa“ weist auf Verwirrtheit hin, auf Verbindungen und Verknüpfungen im Bewusstsein des Wegsuchenden, bei denen man als Gegenüber das Gefühl hat, dass irgendwas nicht stimmt, also dass man mit der Komplexsicht des Patienten konfrontiert ist. Als Mythologische Parallele kann „Chaos“ gesehen werden. Er ist in der griechischen Mythologie der Gott des Anfangs. Chaos ist der klaffende, leere Raum; bei Hesiod gehen aus dem Chaos Erebos(die Unterwelt)und Nyx (die Nacht)hervor (während man später in naturphiosophischer Spekulation in Eros den alles gestaltenden Gott sah, der aus dem Chaos den Kosmos schuf). So wird die Angst vor den Gefahren des Weges vielleicht verständlicher sein, wenn man sich die dahinterstehende Mächte deutlich macht. „Prima materia“ legt dagegen den Akzent auf das (psychische) Material, in dem alles, das Ganze und das Eine, die schwer erreichbare Kostbarkeit, etc., von Anbeginn enthalten ist. Diese „prima materia“ muss in ein Gefäß, in das vas hermeticum, das abgeschlossene Gefäß, das wir in moderner Sprache den analytischen Rahmen nennen. Dieses Gefäß muss nach außen abgeschlossen sein, damit die materia darinnen gekocht werden kann. Der Umgang des Patienten mit diesem Gefäß kann uns dabei wichtige Aufschlüsse über seinen Stand, seine Entwicklung geben. Benutzt er es als Abfalleimer, in den er all sein Chaos hineinstopft, um es loszuwerden und macht er den Analytker dadurch zum Container für seine abgespaltenen, unverdaulichen Anteile? Benutzt er es als einen Ofen oder Topf, in den er sorgsam auswählend die Zutaten hineinbegibt? Benutzt er es/ihn als Kloschüssel zum Vollscheißen? Krümelt er nur spärlich ab und zu etwas hinein? Wirft er das Meiste daneben? Die Assoziationen und Bilder, die einem dazu einfallen, stehen alle in Verbindung mit dem Zentralsymbol des Mutterarchetyps, dem Gefäß: einerseits wird der Umgang des Patienten mit diesem Gefäß zu Beginn der Analyse vom Wiederholungszwang der frühen Muttererfahrung bestimmt; andererseits zeigt sich in diesem Umgang auch das Defizit, der Mangel des Patienten an mütterlicher Symbiose. Beim Eintritt des Patienten in den analytischen Raum gerät der Patient oft in eine Krise und sieht sich gezwungen, seine Gründe für den Eintritt in diesen Raum zu überprüfen. Nicht selten entsteht der intensive Wunsch zu fliehen. Daher sind hier die haltenden, schützenden mutterspezifischen Haltungen des Analytikers gefragt und konstellieren sich meistens auch automatisch. Unter dieser Bedingung fühlt sich der Patient dann auch oft stark genug, sich der „Zerstückelung“ in der Analyse auszusetzen. Der Beginn einer Analyse scheint daher oft durch den Elementarcharakter des Weiblichen geprägt zu sein, der überall da evident wird, wo wir es noch mit einem kleinen, schwachen Ich zu tun haben und das Unbewusste dominiert (Neumann). Der negative Elementarcharakter des Weiblichen zeigt sich dabei oft in Form des Wiederholungszwanges in der Symptomatik des Patienten, in der die dynamischen Kräfte des Patienten immer wieder in den eigenen Kreis ewiger Wiederholung zurückgebogen werden. Natürlich hängt das Ausmaß der Dominanz der Großen Mutter vom Reifegrad des Ichs des jeweiligen Patienten ab. Wenn wir von Initialphase sprechen, liegt es nahe, den Beginn einer Analyse als Initiationsritus zu betrachten. Nach Arnold van Gennep und Victor Turner, den beiden Forschern über Rituale, bestehen Rituale aus heiligen, kulturellen, nicht profanen (Sprech)Handlungen, die einen Orts-, Zustands-, Positions- und Altersgruppenwechsel rituell begleiten. Genau dies soll ja in einer Analyse geschehen: der innere Ort des Patienten und damit seine Perspektive auf seine innere Landschaft soll sich positionell verändern, der Zustand der blockierten oder festgehaltenen Libido soll aufgelöst werden. Er soll sich altersmäßig fortentwickeln, aus infantiler oder adoleszenter Zugehörigkeit oder gegebenenfalls in seiner Altersgruppe ankommen (z.B. die Leugnung der Lebensmitte).

Die Analyse ist ein Übergangsritus. Dieser weist drei Phasen auf:

  • 1. die Trennungsphase
  • 2. die Schwellenphase
  • 3. die (Wieder)Angliederungsphase

Wenn ein kranker in die Hütte des Schamanen kommt oder ein Patient in die Praxis eines Analytikers, separiert er sich räumlich, zeitlich und sozial. Er verlässt sozusagen sein „Dorf“, seine Angehörigen, verbringt neue Zeit in einem gänzlich andersartig strukturiertem Dialograum, er löst sich von den bisherigen kulturellen Sprechgewohnheiten. Ein dabei häufiger auftretendes Phänomen ist bei Patienten mit mangelnden triadischen Beziehungsfähigkeiten, dass sie sich von einem Partner trennen oder - in der Projektion auf einen idealisierten Analytiker Elternbilder mit einem Schlage rauswerfen (siehe auch Psychoszene- Kontaktverbot mit Eltern u.ä.) Dies sind Anzeichen für frühe Störungsanteile und Spaltungstendenzen. Andererseits kann diese Trennungsphase von starken Widerständen begleitet sein, in denen der Patient auf seiner bisherigen Sichtweise bestehen bleibt. Er weigert sich, das rituelle Subjekt zu werden und haftet an den vertrauten Bahnen seiner Neurose (besonders häufig und auffällig bei Zwangsneurosen). Eine sehr große Rolle beim Beginn einer Analyse spielen der Initialtraum bzw. die Initialträume des Patienten. Im Initialtraum zeigt sich, ob das Unbewusste des Patienten auf das analytische Angebot anspricht, ob das Unbewusste sozusagen bereit ist, sich in das angebotene vas hermeticum hineinzubegeben. Der Initialtraum gibt - Hinweise auf die Diagnose der psychischen Störung bzw. auf die zugrundeliegende Komplexkonstellation - auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Patienten und erlaubt so prospektive und prognostische Einschätzungen - Hinweise an den Therapeuten: womit beginnen? Wünsche des Patienten an die Therapie und den Therapeuten, auch von der unbewussten Seite des Patienten her. - Insgesamt bilden die Initialträume eine "Orientierungs- oder Landkarte" (Adam) für die geplante Therapie oder für den ersten Abschnitt einer Therapie. Im weiteren Verlauf einer Therapie kann es zu weiteren Initialträumen kommen, wenn eine neue Phase, ein neuer Komplex, eine neue Übertragungssituation eingeleitet werden soll.

Wie bereits erwähnt, sollte der therapeutische Prozess auch als Ritual betrachtet werden. Dieses Verständnis unterscheidet die jungsche Therapie sehr von der freudschen Variante, wo an dieser Stelle von "Arbeitsbündnis" und "Grundregel" (freies Assoziieren) die Rede ist. Natürlich gibt es auch Jungianer, die am Beginn einer Therapie allerlei Regeln einführen. Eine der beliebtesten Regeln ist, dass der Patient seine Träume aufschreiben und eine Kopie dem Therapeuten geben soll. Wichtig scheint mir hier zu sein, dass jeder Analytiker gemäß seinen Möglichkeiten, aber auch unter Beachtung des archetypischen Hintergrundes Regeln aufstellen kann.

Latenz-/Erprobungsphase/ Konstellierung der Grundkonflikte

Ist die Initialphase häufig dramatisch und gibt es erste tiefe Einblicke in die Individuationssituation des Patienten, so verläuft die 2. Phase einer Therapie häufig ruhiger, leiser. Die oft überraschende Tiefendimension der Initialphase erfährt nun in der zweiten Phase eine Ebenenverschiebung hin zu den wichtigen Beziehungsfragen, die der Patient testend an den Therapeuten stellt: Wer bist du? Wie bist du? Was ist hier anders? Das Ich des Patienten versucht sich im bewussten Kontaktbereich zu sichern und den Therapeuten auf seine Tragfähigkeit hin zu überprüfen. Dabei lassen sich sehr unterschiedliche Beziehungssituationen charakterisieren; einige Beispiele/Aspekte.

Bei Patienten mit stärkeren Selbstwertstörungen, insbesondere auch bei starken Minderwertigkeitskomplexen dauert diese Erprobungszeit oft länger; sie können die Wertschätzung des Therapeuten - so sie denn vorhanden ist - lange nicht glauben und nicht annehmen.

  • Beziehungsangst kann zu einem stetigen Rückzug des Patienten führen, bei dem der Patient nur auf einen Anlass wartet, die Therapie abzubrechen, bevor sie richtig beginnt.
  • Bei Patienten mit einem schwachen Ich und bei Patienten mit schweren Traumatisierungen kann es zu Überflutungen aus dem Unbewussten kommen, sodass die Gefahr besteht, dass das analytische Gefäß überkocht oder es überfüllt wird und zu zerbrechen droht. Wichtig ist hier die richtige Dosierung des Feuers unter dem analytischen Gefäß.
  • Zwanghafte Patienten stellen große Anforderungen an die Geduld des Therapeuten, da sie sich nur äußerst spärlich in die Beziehung hineinbegeben.
  • Verführungen aller Art werden in dieser Zeit inszeniert, um die Festigkeit oder Manipulierbarkeit des Therapeuten zu prüfen.
  • In dieser Testphase werden die sog. Widerstandsphänomene sichtbar und bearbeitbar: flüchtet der Patient oder wendet er sich seinen Konflikten und Komplexen zu? Engt der Patient sich angstvoll ein oder kann er sich im Schutze der tragenden therapeutischen Beziehung öffnen? Welcher Art sind die Abwehrmechanismen? Dabei ist immer zu beachten, dass Widerstand gegen die Bewusstmachung unbewusster Inhalte meistens nicht nur ein bequeme Abneigung gegen Veränderung ist, sondern eine tiefe Angst den Widerstand bedingt. Die Angst und der dazugehörige Widerstand haben die wichtige Funktion, das meist schwache Ich vor der Bedrohung oder Überwältigung durch unbewusste Inhalte zu schützen.
  • Ein häufiges Widerstandsphänomen ist die einseitige und oft auch gegenseitige Idealisierung von Patient und Therapeut, die dahinterliegende Aggression oder Neid abwehren soll. Die bewusste Idealisierung wird dabei häufig durch Entwertungen im Unbewussten, z.B. in Träumen, aber auch durch Agieren (z.B. zu spätkommen, nicht abmelden o.ä.) kompensiert.
  • Auf die Schwierigkeiten der Triangulierung habe ich schon hingewiesen. Die Intensivierung der Beziehung zum Therapeuten wird häufig und bei Therapeuten, die selbst schlecht triangulieren können, dadurch erkauft, dass andere Bezugspersonen des Patienten aus dessen Beziehungsgeflecht herausgeworfen werden (Trennung von Partner, Kontaktabbruch mit Eltern o.ä.)

In dieser Erprobungsphase pendelt sich auch das Nähe-Distanzverhältnis von Patient und Therapeut ein.

Die flexible analytische Nähe- und Distanzregulierung ist gleichzeitig auch ein Modell der Nähe- und Distanzregulierung zwischen dem Ich-Komplex/bzw.Bewusstsein und dem Unbewussten. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Patient und Therapeut wird zum Modell für die Beziehungen des Subjekts, des Patienten in sich selbst. Dies ist auch eine Voraussetzung dafür, dass der Patient auch nach der Analyse ein solch flexibles, kommunikationsförderndes Modell bewahrt, das ihn befähigt, nach Abschluss der Analyse die Beziehung zu seinem Unbewussten aufrechtzuerhalten und sich weder von den daraus aufsteigenden Inhalten überfluten zu lassen, noch in die Situation einer Gegnerschaft oder Isolation dem Unbewussten gegenüber zu geraten.

In der analytischen Therapie mit Kindern, aber auch mit Erwachsenen kann man die Erprobungsphase auch als Empfängnisraum charakterisieren. Nicht selten treten Geburtsbilder, Schwangerschaftssymbolik, Urelemente u.ä. in der symbolischen Traumarbeit auf und vermitteln beiden, Patient wie Analytiker ein Gefühl der Zeugung oder der Empfängnis. Der geistige Temenos der Behandlung ist befruchtet. Das Geheimnis der Schwangerschaft besteht in dem averbalen Kontakt. Nicht selten tauchen Bilder des Ankommens auf, um das Ende der Testphase und das gelingende Vertrauenfassen anzuzeigen. Schließlich konstellieren sich im Zusammenhang mit der beginnenden Übertragung in dieser Phase die zentralen, negativ dominierten Komplexe des Patienten, die zugleich auch immer das Thema der Aggression in allen seinen Schattierungen mit sich bringt. Denn in der Regel leidet der Patient - sofern es sich nicht um eine narzisstische Störung oder eine Verwöhnungsdepression handelt - unter den negativen, destruktiven Wirkungen persönlicher Mutter- oder Vaterkomplexwirkungen.

Phase der negativen und/oder positiven Regression

Im Schutze der haltenden, gesicherten Patient/Therapeut-Beziehung entwickelt sich - ausgehend von der Belebung der persönlichen Komplexebene (Vater/Mutterkomplex) - die archetypische Dynamik insbesondere der negativen archetypischen Wirkfelder. Die negative Regression ist dabei verbunden mit der Energetisierung der Schattenbereiche des Patienten.

Der Sinn der negativen Regressionsprozesse besteht darin, zu den beschädigten Strukturen vorzudringen, um eine Enantiodromie, d.h. ein Umschlagen von den negativen zu den positiven Elementen des archetypischen Wirkfeldes zu ermöglichen. Entsprechend dem zentralen Polaritätsprinzip ereignet sich in der Regression immer wieder das Hervorbringen der Ganzheit. Daher finden sich in den tiefsten Phasen der Regression auch immer wieder Bilder des Selbst und der Gegensatzvereinigung, die den Auftakt zur Progression und zur Rückkehr aus der Nachtmeerfahrt bilden. Dabei werden die konstellierten und energetisch aufgeladenen positiven Elemente des Archetyps mitgenommen. Anstelle des verschlingenden oder festhaltenden matriarchalen Aspektes zeigen sich nun Andeutungen des gebärenden, freigebenden und wachstumsfördernden Aspekts des Mutterarchetyps. An Stelle des kastrierend und destruktiv Übermächtigen des negativen Vater-Archetyps entwickelt sich ein kreativ ordnendes Prinzip. Eine ganz zentrale Rolle in diesem Regressions/Progressionsprozess spielt die transzendente Funktion als Mittel der Selbstregulation der Psyche. Der Analytiker hat in diesem Regressionsprozess eine Reihe von Aufgaben und Haltungen zur Verfügung zu stellen, die in der Praxis nicht leicht zu bewerkstelligen sind:

  • Er muss die Festigkeit des vas hermeticum sicherstellen. Dies ist keine in erster Linie technische Frage, sondern beinhaltet, dass der Therapeut einen guten Ausgang des Unternehmens innerlich spürt, für möglich hält und den Patienten tatsächlich nicht im Stich lässt. Entscheidend ist, ob der Therapeut selbst genügend Erfahrung mit seinen eigenen Abgründen hat. Ein alter Spruch dazu ist, dass der Patient nur soweit kommt, wie der Therapeut selbst gekommen ist.
  • Die Begleitung des Patienten durch den Therapeuten kann sehr verschiedene Formen annehmen. Eine der wichtigsten ist sicherlich die Deutung des unbewussten Materials. Darüber ließe sich vieles sagen, beispielsweise über das richtige Timing von Deutungen, über den Differenziertheit der Deutung, über die Vollständigkeit von Deutungen usw.. Besonders wichtig ist, dass der Therapeut die via Gegenübertragung gewonnenen kognitiven und emotionalen Informationen über den Patienten verwendet. Erst durch eine lange Zeit der Erlebens und des Sich-Bewusstmachens der Gegenübertragung ist genügend Einfühlung möglich, die auch eine Deutung erlaubt, die nicht emotionslos vom Therapeuten kommt. Erst wenn die innere Beteiligung des Therapeuten in der Deutung mitschwingt, auch mitschwingen darf, entsteht eine Resonanz im Patienten, die eine Deutung eventuell als evident erleben lässt.
  • Deutungen finden auf verschiedenen Ebenen statt: - Deutung auf der Objekt/Subjektstufe - Prospektive/reduktive Deutung - Übertragungs/Gegenübertragungsdeutung

Individuationsphase

Zum Schluss unserer Betrachtung des Prozessverlauf von Therapien müsste nun auf die Abschlussphase zu sprechen kommen. Offen gesagt - oft ist unklar, wann eine Analyse beendet ist. Natürlich gibt es klare Fälle, insbesondere dort, wo es um die reduktive Auflösung neurotischer Stockungen, die durch negative Elternkomplexe bedingt waren, ging und der Patient von sich aus klar sagen kann: Ich gehe jetzt alleine weiter. Bei Patienten der ersten Lebenshälfte geht es ja oft darum, dass diese Menschen beruflich und privat ihren Platz in der Gesellschaft finden. Unter dem Aspekt der zunehmenden Medizinalisierung des therapeutischen Geschehens und der sog. therapeutischen Professionalisierung spielt die Frage der Effektivität und damit auch das Entwickeln von Normen und Kriterien einer sogenannten gesunden Entwicklung eine wichtige Rolle. Wir kommen hier in die Wertediskussion, in der Psychotherapie in einem gesellschaftlichen Umfeld stattfindet und sich danach richten kann - oder auch nicht. Anders ausgedrückt: möglicherweise stehen wir vor einer kulurellen Zwiespaltung. Auf der einen Seite könnte erfolgreiche Therapie darin bestehen, dem Patienten zu einer ichstarken, "männlichen" Persönlichkeitsentwicklung zu verhelfen, die ihm Realitätsbewältigung und freundliche Objektbeziehungen ermöglichen. Auf der anderen Seite - und auf dieser Seite befinden sich wohl die meisten Jungianer - könnte es um die Fähigkeiten des Patienten gehen, mit seinen inneren Teilpersönlichkeit im Dialog zu sein, prinzipiell offen zu sein für die Impulse aus dem Unbewussten. Ziel ist die innere Lebendigkeit, der intrapsychische Reichtum, der u.U. aber die für die Alltagsroutine notwendige Stabilität vermissen lässt.

C. G. Jung

Eine besondere Rolle in der Analytischen Psychologie spielen die aus der Persönlichkeitstheorie von C. G. Jung abgeleiteten Strukturen der Seele. Das Ich ist das Zentrum des Bewusstseins und interagiert mit den oft im Unbewussten liegenden sonstigen Komplexen. Komplexe sind Konstellationen, welche die bewusste Einstellung stören können und sich zumeist um einen bestimmten Kern bilden, z. B. eigene Minderwertigkeit. Archetypen des kollektiven Unbewussten sind ererbte Möglichkeiten der Wahrnehmung, des Denkens und des Fühlens. Sie können durch individuelle Erfahrungen aktiviert werden.

Beispiel: Ein bestimmter Archetyp ruht im Unbewussten und wird mit dem äußeren Bild aktualisiert. Dieses äußere Bild entspricht einer seit Menschengedenken immer wiederkehrenden Situation wie die der Mutter für das neugeborene Kind. Der Säugling ist somit kein unbeschriebenes Blatt Papier. Er erwartet eine bestimmte Person, die ihn umsorgt. Da Bilder, wie das der Mutter, nicht vererbt werden können, nimmt die AP an, dass es bestimmte grundlegende Strukturen im Unbewussten gibt, welche z. B. den Neugeborenen erwarten lassen, dass eine Person für ihn da ist, ihn umsorgt und an die er sich bindet, um so die ersten und wichtigsten Dinge zu lernen. Dieses erprobte "evolutionäre" Konzept (Säugling - Bezugsperson) hat eine recht komplexe Interaktion zwischen Mutter und Kind zufolge.

Ein weiteres Beispiel für einen Archetypus ist der des gegengeschlechtlichen Sexualpartners. Dieser spezielle Archetyp wird, wie zu erwarten, ab der Pubertät wichtig. Er enthält nun sowohl die ererbten als auch die durch "reale" Erfahrungen geprägten Vorstellungen, von dem was man am Gegengeschlecht leiden mag oder nicht. Daraus entsteht ein dynamisches Bild von einem Geschlechtspartner, welches Liebe und sexuelle Lust erregt, und sich durchaus von den bewussten Vorstellungen von einem idealen Partner unterscheiden kann. Meist besteht dieser Archetyp auch aus unbewussten gegengeschlechtlichen Anteilen und spielt eine besondere Bedeutung für die psychische Entwicklung des Individuums.

Die Archetypen bilden in der theoretischen Fundierung der P.A. auch die Grundlage für unsere Interaktion mit anderen Menschen. Da die archetypischen Grundstrukturen äußeren Bildern eine "archetypische" (allgemeinmenschliche) Bedeutung geben, kann man sie am besten in Träumen und Symptomen sowie in bestimmten Handlungen untersuchen. Diese können mit Berichten von Märchen, Mythen und religiösen Schriften aus allen Jahrhunderten verglichen werden, um so auf die spezielle Bedeutung des einzelnen, symbolischen Traumes zu gelangen, und somit eine Vorstellung von dem dahinterliegenden archetypischen Strukturen geben.

Gegenwart

In den letzten Jahren gab es vermehrt Forschung auf dem Gebiet der Übertragung, Gegenübertragung und Widerstände sowie der Entwicklungspsychologie. Die Erkenntnisse der bildgebenden Neurologie (Magnetresonanztomografie) scheinen manche tiefenpsychologische Konzepte der Persönlichkeit zu bestätigen.

Wirksamkeit

Zur Wirksamkeit der AP und anderer Verfahren siehe: Psychotherapieforschung

Kritik

  • Kritisiert wurden die Ansichten der Analytischen Psychologie von Sigmund Freud und seiner Schule, der Psychoanalyse. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Auffassung des Unbewussten, das in der Analytischen Psychologie von C. G. Jung sehr weitgefasst ist. So bezweifeln die meisten Psychoanalytiker, dass bestimmte Bahnungen von Vorstellung im Sinne der Archetypenlehre vorgefunden werden können. Die Psychoanalyse sieht die Inhalte des Unbewussten lediglich durch die persönliche Entwicklung des Einzelnen determiniert. Obwohl sich die beiden Schulen der Tiefenpsychologie in vielem gleichen, haben viele spezielle Annahmen in der Vergangenheit und Gegenwart zu Zerwürfnissen geführt. Die beiden Richtungen der Tiefenpsychologie nähern sich jetzt langsam erst wieder an (siehe hierzu: A. Samuels, „Jung und seine Nachfolger“ Klett Kotta, Stuttgart 1989).
  • Kritik an der Tiefenpsychologie findet sich auch aus den Reihen anderer psychologischer Paradigmen. Die Wissenschaftlichkeit der Analytischen Psychologie ist umstritten. Hier wird vor allem kritisiert, dass die Theorien und Modelle der Tiefenpsychologie durch „unwissenschaftliche“ Methoden gefunden wurden. Andere psychologische Paradigmen gründen sich beispielsweise auf der Bewusstseins- und Verhaltenspsychologie. D. h., dass die Grundannahmen dieses Paradigmas, einige spezielle Methoden und Ansichten und auch ihre Ergebnisse empirisch, statistisch nachweisbar sind. Zwar gründet sich die Tiefenpsychologie und die Psychoanalyse ebenfalls auf empirischen Methoden, allerdings werden diese angezweifelt, da sie nur schwer oder über Umwege nachvollziehbar, d. h. verifizierbar sind. Des Weiteren bedient sich die Tiefenpsychologie auch anderer wissenschaftlicher Methoden, die den Geisteswissenschaften zuzuordnen sind, vor allem der Hermeneutik, des Konstruktivismus, der Systemtheorie (Psyche als System) sowie der Phänomenologie.

Bedeutende Vertreter

Carl Gustav Jung; Erich Neumann; Marie-Louise von Franz; Verena Kast; H. Dieckmann; Mario Jacoby; James Hillmann; Andrew Samuels; M. Fordham; C. A. Maier; Aniela Jaffé; G. Adler; Lopez-Pedraza; M. Stein; J. Jacobi; Eb. Jung; Emma Jung; Robert Johnson; Edward Edinger.

Quellen

  1. Stellungnahme zur Psychodynamischen Psychotherapie bei Erwachsenen

Weblinks

Quelle:
Artikel Analytische Psychologie aus der freien Enzyklopädie Wikipedia mit dieser Versionsgeschichte
Lizenz:
Kategorien:
Empfehlungen











Bookmarks
delicious wong linkarena google
Sponsoren