Die Anatolien-Hypothese ist eine der Theorien, die die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen erklären soll.
Nach dieser Hypothese des britischen Archäologen Colin Renfrew hätte die Entwicklung des Indogermanischen bereits vor 8.000 Jahren in Anatolien ihren Anfang genommen. Das Proto-Indogermanische hätte sich demnach friedlich mit der Entwicklung des Ackerbaus ausgebreitet. Renfrew kritisiert die Kurganhypothese vor allem in drei Punkten:
Er betont demgegenüber, dass Neuankömmlinge eine Technologie mitgebracht haben müssen, die der bisherigen überlegen war und es darum nur ein Ereignis in der Vorgeschichte gegeben haben konnte, das eine radikale Verbesserung der Lebensbedingungen erbracht habe - die Entwicklung der Landwirtschaft, genauer: von Ackerbau und Viehzucht. Anbau von Weizen und Gerste, Schaf- und Ziegenhaltung lassen sich zum frühesten Zeitpunkt aus dem Nahen Osten und Anatolien belegen. Außerdem sind Weizen und Gerste genetisch auf frühere Getreideformen zurück zu führen, die aus dem vorderen Orient stammen.
Von drei Regionen im Nahen Osten mit Landwirtschaft hätten sich drei große Sprachfamilien verbreitet:
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Sprachwissenschaftler Gamkrelidse und Iwanow, nach denen sich das Proto-Indogermanische von Ost-Anatolien aus verbreitet hätte. Sie stützen sich dabei außer auf Untersuchungen des indogermanischen Konsonantensystems auf die Annahme, dass die vermutete Heimat des Indogermanischen eines der Gebiete sein müsse, in denen im 4. Jahrtausend v. Chr. das Pferd domestiziert und als Zugtier verwendet wurde. Petroglyphen (in Stein gehauene Symbole), die im Gebiet des Transkaukasus und Obermesopotamien (zwischen Van- und Urmia-See) gefunden wurden, seien die frühesten Bilder von Wagen, die von Pferden gezogen wurden.
Der Populationsgenetiker Luigi Cavalli-Sforza sieht in beiden Hypothesen keinen Widerspruch. Seiner Ansicht nach hätten Bauern ein altertümliches Indogermanisch aus Anatolien mitgebracht und in Europa verbreitet; in einer zweiten Welle hätten sich die restlichen indogermanischen Sprachen aus dem Kurgan-Gebiet verbreitet. Cavalli-Sforza spricht von drei Hauptkomponenten des "genetischen Tableaus von Europa":
und bringt sowohl Komponente 1) als auch 3) mit der Ausbreitung der indogermanischen Sprachen in Verbindung.
Wie Luigi Cavalli-Sforza anhand einer Vielzahl an humangenetischen Untersuchungen zeigt, handelt es sich um keine singuläre Hypothese. Die Einführung von Ackerbau und Viehzucht ermöglicht eine wesentlich höhere (Faktor 10-50) Bevölkerungsdichte und führt zu einer Bevölkerungsexplosion. Auf der menschlichen Genkarte lassen sich diese Folgen an unterschiedlichen Stellen nachweisen - etwa in Nordchina als Folge des Hirseanbaus und in Südchina für Reis. Die Identifikation der genannten ersten Hauptkomponente mit der Ausbreitung der Ackerbaukultur liegt auf der Hand. Und die Gegenthese, die Ackerbaukultur sei nicht auch Träger einer spezifischen Sprachfamilie gewesen, wird wenig plausibel.
Allerdings stehen der These Renfrews auch gewichtige Argumente entgegen:
Brockhaus-1911: Anatolien · Hypothese
Eisler-1904: Kosmorganische Hypothese · Kosmozoische Hypothese · Helmholtzsche Hypothese · Hypothese
Herder-1854: Anatolien · Hypothese
Kirchner-Michaelis-1907: Young-Helmholtzsche Hypothese · Hypothese · Helmholtzsche Hypothese
Lueger-1904: Avogadros Hypothese
Meyers-1905: Anatolĭen · Hypothēse · Hofacker-Sadlersche Hypothese