Anomie

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Anomie (aus dem Griechischen: a- = „un-“, nómos = Ordnung, Gesetz) bedeutet

  1. Gesetzlosigkeit, Gesetzeswidrigkeit; vor allem in England war der Begriff ursprünglich ein Ausdruck für das Brechen religiöser Gesetze;
  2. Soziologie: Zustand fehlender oder geringer sozialer Ordnung bzw. Regel- und Normenschwäche.

Der Begriff wurde von Émile Durkheim, der ihn den Schriften des Philosophen Jean Marie Guyau entlehnt hatte, in die Soziologie eingeführt. Der Rückgang von religiösen Normen und Werten führt nach Durkheim unweigerlich zu Störungen und zur Verringerung sozialer Ordnung. Aufgrund von Gesetz- und Regellosigkeit sei dann die gesellschaftliche Integration nicht länger gewährleistet. Diesen Zustand nannte Durkheim anomie, die beim Individuum zu Angst und Unzufriedenheit führen müsse, ja sogar zur Selbsttötung führen könne („anomischer Suizid“). Durkheim benutzte den Begriff, um die pathologischen Auswirkungen der sich im Frühindustrialismus rasch entwickelnden Sozial- und Arbeitsteilung zu beschreiben. Die damit einhergehende Schwächung der Normen und Regeln für die Allokation von Waren führe zu einem verschärften Wettbewerb um die steigenden Prosperitätsgewinne. Man darf bei Durkheim's Theorie zur Anomie aber nicht die Veschiebung im Hellfeld- und Dunkelfeld unberücksichtigt lassen.

Robert K. Merton hat den Begriff verfeinert, indem er die Regeln näher beschreibt, deren Fehlen zu Anomie führt:

  • kulturelle Ziele als Wünsche und Erwartungen der Menschen einer Gesellschaft
  • Normen, welche die Mittel vorschreiben, die die Menschen zur Realisierung ihrer Ziele anwenden dürfen
  • die Verteilung dieser Mittel.
Kulturelle Struktur: 1. Werte/Ziele: Bildung, Wohlstand, hohes Ansehen...
2. Normen: Fleiß, Intelligenz, Lernfreude...
Soziale Struktur 3. gesellschaftliche Missstände: Sozial mangelnde Chancengleichheit

Als Anomie wird nunmehr eine Dissoziation zwischen kulturellen Zielen und dem Zugang bestimmter Schichten zu dazu notwendigen Mitteln beschrieben. Dadurch schwächt sich die Bindung zwischen Mitteln und Zielen.

Gegenwärtig führt vor allem die Relativierung kultureller Mittel durch Pluralisierung zum Problem der Orientierungs- und Verhaltensunsicherheit, der Individualisierung und gesellschaftlichen Desintegration.

Kritik an Merton: Alle Angehörigen der Unterschicht müssten demnach kriminell werden. Die Theorie ist zu einseitig, denn es wird lediglich der Aspekt der gesellschaftlich vorgegebenen Ziele untersucht. Außerdem wird nicht erklärt, aus welchen Gründen Angehörige der Oberschicht kriminell werden. Die Theorie erscheint zu utopisch, da niemals alle die gleichen Chancen haben können und viele Menschen den gesellschaftlich vorgeschriebenen materiellen Zielsetzungen erst gar nicht verfallen. Jedoch kritisiert der Theorieansatz überzeugend die Gleichheitsideologie in Amerika!

Siehe auch

Literatur

  • Faßauer, Gabriele/Frank Schirmer: Moderne Leistungssteuerung und Anomie. Eine konzeptionelle und indizienbasierte Analyse aktueller Entwicklungen in Or-ganisationen. In: Soziale Welt, Jg. 57, 2007, S. 351-371
  • Marco Orru: „The Ethics of Anomie: Jean Marie Guyau and Emile Durkheim“ in: British Journal of Sociology, Jg. 34, 1983, S. 499-518
  • Rüdiger Ortmann: Abweichendes Verhalten und Anomie. Entwicklung und Veränderung abweichenden Verhaltens im Kontext der Anomietheorien von Durkheim und Merton. Freiburg im Breisgau : Ed. iuscrim, Max-Planck-Inst. für Ausländisches und Internationales Strafrecht, 2000
  • Jordi Riba: La morale anomique de Jean-Marie Guyau, L'Harmattan, Paris u. a.: 1999
Quelle:
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