Der Antisemitismus ist eine mit Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus begründete Judenfeindlichkeit, die seit etwa 1800 in Europa auftrat. Für den Nationalsozialismus war er zentral und führte in Deutschland bis 1945 zum Holocaust.
Zu seinen Voraussetzungen gehören der durch das Christentum begründete Antijudaismus im Mittelalter und der Antijudaismus in der Neuzeit. Zu seinen Wirkungen gehört der Antisemitismus nach 1945, der zwar keine parteipolitische oder staatliche Ideologie mehr ist, aber dessen Stereotypen und Vorurteilsstrukturen in vielen Ländern und vielfältiger Form fortbestehen, u.a. als Antisemitismus in islamischen Ländern.[1] [2]
Die internationale Antisemitismusforschung widmet sich seit 1945 der Erklärung des Phänomens. Die Artikelaufteilung berücksichtigt ihre begrifflichen und epochalen Differenzierungen.
„Moderne“ Antisemiten betrachten Juden pseudowissenschaftlich als geschlossene Abstammungseinheit mit erblichen negativen Eigenschaften, die diese daher durch keine Assimilation, weder christliche Taufe noch „bürgerliche Verbesserung“, ablegen könnten. In Form einer Verschwörungstheorie behaupten sie einen übergroßen Einfluss der jüdischen Minderheit auf die Gesellschaft und machen sie für eine Vielzahl tatsächlich oder vermeintlich negativer Entwicklungen in Staat, Wirtschaft und Kultur verantwortlich. Dabei benutzen sie eine Reihe stets wiederkehrender Klischeevorstellungen von Juden.
Schon der Antijudaismus im Mittelalter und in der frühen Neuzeit diskriminierte und verfolgte Juden als fremdartiges Volk, ließ ihnen aber mit der Konversion zum Christentum stets die Integration in die herrschende Kultur offen. Der moderne Antisemitismus entstand seit etwa 1789 genau zu der Zeit, als ältere antijüdische Vorurteile aufgrund der aufgeklärten Begründung und französischen Durchsetzung der allgemeinen Menschenrechte zunehmend an Überzeugungskraft einbüßten. Er war durch tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche mitbedingt: Säkularisierung, Industrialisierung und die widersprüchlich verlaufene allmähliche Demokratisierung. Er reagierte auf europäische Moderne und Aufklärung und zeigte zugleich die Krise des Liberalismus an, gegen den er sich richtete.
Um den weiterwirkenden Vorurteilen gegen Juden eine scheinrationale Begründung zu geben, erfand der Journalist Wilhelm Marr um 1879 den Begriff Antisemitismus. Er unterstellte dem als Rasse aufgefassten Judentum einen fiktiven Semitismus, um die rechtliche Gleichstellung der Juden zu revidieren und sie aus der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs auszugrenzen.
Ob dieser moderne Antisemitismus schon um 1800 oder erst ab 1873 entstand, ist in der Forschung umstritten; diese Uneinigkeit hängt eng mit der Definition des Phänomens und seinem Verhältnis zu älteren Formen von Judenfeindlichkeit zusammen. Der Psychoanalytiker Ernst Simmel etwa sieht eher epocheübergreifende Kontinuitäten:[3]
Der Historiker Olaf Blaschke stellt die Unterscheidung zwischen überkommenen religiösen und dabei antijüdisch orientierten Vorstellungen und modernen rassisch motiviertem Denken in Frage.[4] Die Historikerin Rita Botwinick sieht Antisemitismus als „modernes Wort für eine althergebrachte Bösartigkeit“ und betont wie schon Heinrich Graetz im 19. Jahrhundert die „Kontinuität des christlich motivierten Judenhasses.“ Der Antisemitismus könne „sein christliches Erbe nicht leugnen“.[5] Es sei „mit der Neuheit des modernen Antisemitismus nicht weit her“[6]
Eingikeit besteht indes über die Verbreitung, Dauer und Wandlungsfähigkeit des Phänomes: In fast ganz Europa und den USA gab und gibt es antisemitische Tendenzen.[7] [8] Zunächst im zaristischen Russland, seit 1879 und verstärkt seit 1918 auch in Deutschland und Österreich suchten Antisemiten eine „Lösung der Judenfrage“.
Dazu gründeten sie neue politische Parteien, deren Programme bereits die Vertreibung, teilweise sogar Ausrottung der europäischen Juden forderten. Die Vernichtungsfantasien wurden in der antisemitischen Literatur umschrieben als „Unschädlichmachung“, „Entjudung“, „Entfernung“, „Ausmerzung“, „Beseitigung“.[9] Andere brachten antisemitische Forderungen in bestehende staatstragende Parteien ein. Sie verfolgten neben der Ausgrenzung der Juden verschiedene antiaufklärerische, antidemokratische, antikapitalistische und antisozialistische Ziele, führten aber auch religiös begründete antijüdische Motive fort.
An diese seit langem bestehende Tradition konnte später der Nationalsozialismus anknüpfen. In dessen Weltanschauung war der rassistische Antisemitismus zentral und lieferte seit 1933 die Begründung aller judenfeindlichen Maßnahmen, die zuletzt in der Shoa gipfelten.
Die Juden bildeten um 1800 in den meisten Ländern Mitteleuropas die größte nichtchristliche Minderheit. Sie gehörten überwiegend zur Unterschicht, da ihnen im Mittelalter Grunderwerb und Ackerbau, die Mitgliedschaft in Handwerkszünften und Kaufmannsgilden sowie der Aufstieg in den Adel verboten waren. Isolierung in städtischen Ghettos und die ständige Existenzbedrohung durch Pogrome kennzeichneten damals ihre Lage.
In der Frühen Neuzeit blieben Juden im Konkurrenzkampf mit Nichtjuden nur bestimmte Berufsbereiche: nichtzünftiges Handwerk, Kramhandel, Pfandleihe, Kleinkreditgewerbe, Brauwesen und Schankwirtschaften, Hausierergeschäft und reisender Landhandel. Wo sie wie in Polen im 16. Jahrhundert zeitweise eine gehobene und für den Adel unentbehrliche Stellung als Zoll- und Steuerneinnehmer, Gutspächter, Holz- und Pferdehändler erreichten, wurden sie später vom Kleinadel und aufstrebenden christlichen Bürgertum verdrängt. Nur weniger als zwei Prozent der Juden erreichte den Status von wohlhabenden und geachteten „Hofjuden“ oder Ärzten. Die Masse lebte in „Judendörfern“ oder „Judengassen“ in religiöser, rechtlicher und ökonomischer Absonderung. Ihre Begegnungen mit der übrigen Bevölkerung beschränkten sich weitgehend auf Tauschgeschäfte und Märkte.
Bis etwa 1670 hatten die meisten deutschen Städte die Juden aufs Land vertrieben. Auch im 18. Jahrhundert wurden besonders mittel- und arbeitslose Juden oft von anderen bedrückten Ständen und städtischen Kaufleuten oder wegen Versorgungskrisen vertrieben, z.B. 1745 aus Prag, 1750 aus Breslau, 1772 bis 1790 aus dem Bezirk Dresden. Dort, wo man sie duldete, beschränkte man ihre Gewerbe und Heiratsmöglichkeiten und machte das Recht zur Ansiedlung von einem Mindestvermögen abhängig. Befristete „Schutzbriefe“ von Landesherren mussten mit hohen Sondersteuern bezahlt werden.
Seit etwa 1780 wanderten viele verarmte Juden aus Osteuropa, deren Vorfahren aus Mitteleuropa vor Pogromen geflohen waren, wieder westwärts. 1804 verfügte ein Statut des Zaren, dass Juden nur noch in bestimmten Grenzgebieten siedeln durften; in den Folgejahren wurden etwa 230.000 russische Dorfjuden ausgewiesen oder zwangsumgesiedelt. Daraufhin nahmen Vertreibungen von 1800 bis 1848 auch in Preußen wieder zu. Die Folge war eine stetige Abnahme, Verkleinerung und Verelendung der verbliebenen Judengemeinden. Dies verstärkte wiederum das negative Außenbild von ihnen, das sich etwa in den Legenden vom heimatlos durch die Zeiten wandernden Ewigen Juden spiegelte.[10]
1820 lebten im deutschsprachigen Raum etwa 220.000 Juden.[11] Bis zur Reichsgründung 1871 wurden es 512.000 , bis 1910 615.000. Dabei sank ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1,25 Prozent auf knapp ein Prozent.[12]
1905 hatten 95 Prozent aller Orte im Deutschen Reich keine jüdischen Bewohner. 25 Prozent aller Juden - gegenüber 12 Prozent bei Nichtjuden - lebte in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern.[13] Große Anteile davon - um 1885: 30, um 1910: 60 Prozent - konzentrierten sich in wenigen Großstädten, besonders Berlin mit 144.000 Juden (3,7 Prozent der Gesamtbevölkerung) um 1905 und in Frankfurt am Main. In Wien lebten 175.000 (8,6 Prozent), in Budapest 204.000 (23,1 Prozent) Juden. Davon waren etwa ein Fünftel ausländischer Herkunft, meist „Ostjuden". Diese bewohnten oft aufgrund sprachlicher und sozialer Barrieren eigene Stadtviertel oder Enklaven und waren dadurch deutlich als Minderheit sichtbar.
Die Berufsstruktur wandelte sich erheblich: Lebten um 1800 noch die weitaus meisten Juden von Not- und Kleinhandel, so fiel dieser Anteil bis 1907 auf unter zehn Prozent. 62 Prozent aller Juden arbeiteten nun im Warenhandel und Verkehrswesen (gegenüber 13 Prozent der übrigen Deutschen), 27 Prozent in Handwerk und Industrie, acht Prozent bei öffentlichen und privaten Dienstleistern, 1,6 Prozent in Land- und Forstwirtschaft. Es gab also nach wie vor fast keine jüdischen Bauern und wenige Industriearbeiter, aber viele Warenhändler. Auch der Anteil der Freiberufe - seit dem preußischen Erziehungsgesetz von 1833 als Wendung der Juden zu „Wissenschaften und Künsten" gefördert - wuchs unter Juden überdurchschnittlich. Der Wohlstand vor allem städtischer Juden wuchs schneller als der der übrigen Deutschen, was Werner Sombart 1910 an ihren Steuerzahlungen nachwies. Auch die Zahl der von Juden geführten Großunternehmen und Banken wuchs bis 1914 an.[14]
Juden waren also einerseits stärker in Städten und Handelsberufen konzentriert und konnten andererseits die Emanzipation stärker für sozialen Aufstieg nutzen als andere. Die seit Jahrhunderten vorgegebenen Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmuster hatten sich immer auch auf solche sozialen Unterschiede und Reibungsflächen bezogen. So wurden die Juden in ökonomischen Umbrüchen und Krisen verstärkt als Ursache von Konflikten wahrgenommen und fixiert. Nicht zufällig fielen die Wellen des sich verstärkenden Antisemitismus z.B. 1819, 1873, 1879ff, 1918-24 und 1930ff zeitlich mit Wirtschaftskrisen zusammen.[15] Deren undurchschaute ökonomische Ursachen wurden auf eine angebliche kulturelle, politische und ökonomische Dominanz der jüdischen Minderheit zurückgeführt.
Naturwissenschaftlicher und sozialer Fortschritt veränderten seit dem Westfälischen Frieden von 1648 allmählich die Einstellung zur jüdischen Minderheit. Aus dem Naturrecht leitete aufgeklärte Philosophie die Gleichberechtigung aller Bürger ab. Als deren Bedingung bzw. Ziel galt die Überwindung des irrationalen Aberglaubens von Antijudaismus ebenso wie „Judaismus". Damit drängte das aufstrebende Bürgertum den kirchlichen Einfluss auf die Gesellschaft zurück, übernahm aber zugleich einen Großteil der tradierten antijüdischen Denk- und Verhaltensmuster.
Schon die englischen Deisten bekämpften den Offenbarungs- und Wunderglauben des Judentums, hauptsächlich um so das orthodoxe Christentum zu unterhöhlen. Auch Voltaire (1694–1778) lehnte beide Religionen von Grund auf ab. Er geißelte Juden in seinem Werk wiederholt u.a. als „betrügerische Wucherer“, „diebische Geldverleiher“, „Abschaum der Menschheit“ mit angeborenen negativen Eigenschaften. Trotzdem verteidigte er auch ihre Gewissensfreiheit und protestierte gegen damalige religiöse Verfolgungen.
Diderot (1713–1784) dagegen glaubte an die soziale Bedingtheit und damit Veränderbarkeit aller Religiosität. Mit seinem Enzyklopädie-Projekt wollte er auch zur Überwindung des jüdisch-christlichen religiösen „Wahns“ beitragen.
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) schrieb, „der Jude“ sei „…ein unersättlicher, habgieriger Betrüger, besessen von einem skrupellosen Handels- und Schachergeist…“, amoralisch, gerissen, hinterhältig und schmarotzerhaft. Er halte sich für viel zu intelligent, sei aber „ausgesprochen anpassungsfähig, nutzlos und schädlich für die Umwelt„, ein Beispiel des Bösen und Minderwertigen. Er verglich Juden in seinen Sudelbüchern öfter mit Sperlingen, die damals als schlimme Flurschädlinge galten und massenhaft bekämpft wurden. Andererseits trat er für befreundete Juden ein.
Auch Immanuel Kant (1724–1804) nannte Juden „Vampyre der Gesellschaft“, die „durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges… gekommen“ seien.[16] Obwohl er biblische Grundgedanken der Tora in seinem Sittengesetz vernunftgemäß entfaltete und die rabbinischen Traditionen kaum kannte, hielt er das Christentum für sittlich überlegen, grenzte es scharf gegen das Judentum ab, verlangte von Juden die Abkehr von biblischen Ritualgesetzen und ein öffentliches Bekenntnis zur ethischen Vernunftreligion. Erst dann könnten sie Anteil an allen Bürgerrechten erhalten.
Dabei zählte er Juden zu seinen besten Freunden; ebenso Johann Wolfgang von Goethe. Dieser ließ seinen Wilhelm Meister sagen: ...dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet. Dies zitierten Antisemiten wie Houston Stewart Chamberlain später als Goethes Eigenansicht.
Johann Gottfried Herder (1744–1803) hielt die Juden für „verdorben“, „ehrlos“ und „amoralisch“, aber durch Erziehung zu bessern. Er deutete ihre Diaspora-Situation als Unfähigkeit zu einem eigenen Staatsleben und prägte den oft zitierten Satz: Juden seien seit Jahrtausenden eine parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen.[17]Er forderte die Abkehr von ihrer Religion als Voraussetzung für ihre nationale und kulturelle Integration.
John Toland (1670–1722), englischer Freidenker, sprach sich als Erster ausdrücklích für eine rechtlich-kulturelle jüdische Emanzipation aus. In Deutschland kämpfte vor allem Moses Mendelssohn (1729–1786) für die Anerkennung seiner Religion, die er zugleich von innen liberalisieren und über sich selbst aufklären wollte (Haskala). Sein Freund Gotthold Ephraim Lessing (1729–1782) rief 1749 in seinem Lustspiel Die Juden dazu auf, die anachronistischen Vorurteile gegen sie aufzugeben. In seinem Drama Nathan der Weise (1779) forderte er die gegenseitige Toleranz der drei monotheistischen Religionen, deren subjektive „Wahrheit“ objektiv unbeweisbar sei. Die Hauptfigur trägt Mendelssohns Züge und setzte ihm ein Denkmal. Lessing glaubte an die Aufhebung jedes religiösen Aberglaubens durch humanen Fortschritt und die pädagogische Erziehung des Menschengeschlechts (1781); auch den „jüdischen Kinderglauben“ an Tora und Talmud wollte er damit „überwinden“.
Von den wichtigen Theoretikern der Aufklärung erkannte nur Montesquieu (1689-1755) das Judentum in seiner Eigenart an.
Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) war ein entschiedener Judengegner. Er schrieb 1793 in seinem vielzitierten Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution:[18]
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) widersprach zwar der volkstümelnden Romantik, sah Juden aber auch nur als Verkörperung der Entzweiung und materiellen Knechtschaft im Gegensatz zur griechisch-platonischen Freiheit des Geistes:[19]
In der „Phänomenologie des Geistes“ schrieb Hegel:[20]
Clemens Brentano (1778-1842) zeigte 1811 seine Verachtung der Juden in der Satire Der Philister vor, in und nach der Geschichte für die Berliner Christlich-deutsche Tischgesellschaft:[21]
Dieser Haltung widersprach Friedrich Schlegel (1772-1829) und verwies 1815 darauf, dass Juden alle bürgerlichen Pflichten, besonders den Kriegsdienst, erfüllt hätten und man ihnen deshalb nicht länger die Bürgerrechte verwehren könne.
Hauptartikel: Jüdische Emanzipation
Die Schrift des preußischen Archivars Christian Wilhelm Dohm Über die bürgerliche Verbesserung der Juden (1781) wurde einflussreiches Leitbild der Judenemanzipation. Doch um 1800 lasen und diskutierten nur wenige meist adelige Gebildete solche Schriften. Die Mehrheit behandelte Juden weiter als minderen Werts und Rechts und fürchtete den Verlust ihrer bisherigen ständischen Privilegien. Dies wog schwerer als die Aussicht auf mehr demokratische Partizipation. Die soziale Lage änderte sich allmählich erst infolge der bürgerlichen Demokratiebewegung. Dieser Prozess unterlag besonders im deutschsprachigen Raum ständigen Rückschlägen. Er war nur mit staatlichen Verordnungen durchsetzbar, die zudem traditionelle Diskriminierungen beibehielten.
Nach dem Habsburger „Toleranzpatent“ von 1781 brachte die französische Nationalversammlung den Juden 1791 erstmals in einem europäischen Staat die vollen Bürgerrechte. Sie hob damit aber auch ihre bisherige Gemeindeautonomie und Wehrdienstbefreiung auf und zwang sie so zur Assimilation. Der von Napoleon 1804 erlassene Code civil führte diese Gesetze auch in den von Frankreich eroberten deutschen Gebieten ein, u.a. dem Rheinland und Hamburg. Doch 1808 schränkte ein Dekret Napoleons die Bürgerrechte für Juden sowie deren Bewegungsfreiheit und Berufsmöglichkeiten wieder ein: Jüdische Kreditgeber mussten nachweisen, dass ihre Forderung an den Schuldner ohne „Betrug“ zustande gekommen sei, und Zinsen auf Darlehen auf fünf Prozent begrenzen; bei mehr als zehn Prozent vereinbarten Zinsen verfiel der Gesamtbetrag. Zudem durften Juden nur noch mit Vorlage eines jährlich erneuerten Leumundszeugnisses („Judeneid“) Geschäfte abschließen. Dies bedeutete für viele jüdische Händler und Kaufleute den Ruin.[22]
Bis 1812 folgten fast alle deutschen Staaten Dohms Gleichstellungsforderungen, zuletzt Preußen. Dessen Judenedikt schloss sie aber weiter vom gehobenen Staatsdienst aus und galt nur für die altpreußischen Gebiete. In den Folgejahren scheiterten Anläufe zur vollen Gleichberechtigung. Nach den Befreiungskriegen erlaubte der Wiener Kongress von 1814 den Staaten des Deutschen Bundes, Napoleons Gesetze zurückzunehmen. Daraufhin widerriefen sie ihre bisherigen Zugeständnisse. Nach den Unruhen von 1819 (s.u.) kam es sogar wieder zu Ausweisungen von Juden (Lübeck). 1822 verbot Friedrich Wilhelm III. Juden Lehrberufe in Preußen und entließ sie aus allen Staatsdiensten. Daraufhin ließen sich viele gebildete Juden für Berufschancen und gesichertes Einkommen christlich taufen: Heinrich Heine sah darin das „Entreebillet zur europäischen Kultur“.
Erst ab 1830 forderten auch liberale Demokraten die „bürgerliche Verbesserung“ von Juden und Bauern, um den Feudalismus abzuschaffen. Der deutschpatriotische Jude Gabriel Riesser kämpfte für volle Religionsfreiheit ohne diskriminierende soziale Folgen und sorgte dafür, dass die Frankfurter Nationalversammlung 1848 diese in die Grundrechte des deutschen Volkes aufnahm. Viele deutsche Staaten, die Napoleons Dekret von 1808 übernommen hatten, hoben es erst 1849 auf. Bis 1850 blieben die preußischen Berufsverbote in Kraft, so dass Juden weiterhin nur verachtete und unsichere Nischenberufe und Kleingewerbe blieben.
Nach dem Herzogtum Baden (1862), der Stadt Frankfurt am Main (1864), der Österreich-Ungarischen Monarchie (1867), dem Norddeutschen Bund (1869), wurde schließlich 1871 die volle Gleichberechtigung der Juden gesamtdeutsches Staatsgesetz im Kaiserreich.[23]
Am Vorabend der Französischen Revolution definierte Emmanuel-Joseph Sieyès in seiner einflussreichen Kampfschrift Was ist der Dritte Stand den Begriff der Nation als die Gesamtheit aller Bürgerlichen im Gegensatz zu den privilegierten Ständen von Adel und Klerus. Für die Pariser Revolutionäre von 1789 galten für alle Landesbewohner die gleichen Menschenrechte. Zur Nation konnte jeder gehören, der sich zu den Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bekannte.
Auf diese demokratische Definition reagierten andere Staaten wegen und nach der französischen Besetzung mit einer ethnischen, exklusiven Auffassung von Volk und Nation als einer „Abstammungsgemeinschaft“. Diese grenzte sich nicht gegen die privilegierten Stände, sondern gegen die Franzosen und alle Fremden, besonders auch die Juden, ab.
Besonders in Deutschland verbanden sich Nationalismus und Antisemitismus. Bereits vor 1848 sahen viele den angestrebten deutschen Nationalstaat als „Organismus“ und verbanden mit diesem biologischen Sprachbild häufig Kritik an „Volksschädlingen“ und unproduktiven „Schmarotzern“. Diese bezog sich wie die mittelalterliche Verachtung der „Wucherer“ wieder vor allem auf Juden.
Der Berliner Justizrat Karl Wilhelm Friedrich Grattenauer vertrat diese Sicht zu Beginn der preußischen Emanzipationsdebatte 1791 mit seiner Schrift Über die physische und moralische Verfassung der heutigen Juden, die ihre Vertreibung forderte. Dies löste heftige Debatten in Berlin aus, denen weitere Hassausbrüche Grattenauers (u.a. 1804: Wider die Juden) folgten, bis der Staat seine Schriften verbot.
Der Berliner Schriftsteller Friedrich Buchholz warnte 1803 (Jesus und Moses) vor der langwierigen „bürgerlichen Verbesserung“ der Juden und bedauerte, dass ihre Vertreibung heutzutage nicht mehr möglich sei. Gleichwohl wurde diese Möglichkeit öffentlich ausführlich erörtert und blieb ständiges Drohmittel, um die Assimilation der Juden zu beschleunigen. In beiden Alternativen ging es darum, ihre Religion baldmöglichst verschwinden zu lassen.[24]
Auch der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn und der Völkerkundler Ernst Moritz Arndt waren nationalistische Judenfeinde, deren Ideen vom deutschen Volkstum rassistische Antisemiten später aufgriffen. So schrieb Arndt zur Westwanderung russischer und polnischer Juden:[25]
Während die meisten Staatsregierungen die Juden im Interesse aller Bürger langfristig integrieren wollten, ließen Provinzstädte ihre Vertreibung weiterhin oft zu. Dazu aktivierten gebildete Frühantisemiten gern „Volkes Stimme“. Der Völkerkundler Friedrich Christian Rühs (1781-1820) z.B. schrieb in einem antijüdischen Traktat [26] 1816: Könne man die Juden nicht zur Taufe bewegen, dann bleibe nur ihre Ausrottung. Dem stimmte der Philosoph Jakob Friedrich Fries zu:[27] Fragt doch einmal Mann vor Mann herum, ob nicht jeder Bauer, jeder Bürger sie als Volksverderber und Brotdiebe haßt und verflucht. Die „Gesellschaft prellsüchtiger Trödler und Händler“ müsse ihre betrügerische Tätigkeit aufgeben oder der Staat müsse sie dazu zwingen, da andernfalls ihre gewaltsame Vertreibung unausweichlich sei. Er forderte, sich von der „jüdischen Pest“ zu befreien. Fries war es auch, der bei der Gründung der Urburschenschaft auf dem Wartburgfest 1817 die anwesenden Studenten zu einer Bücherverbrennung aufhetzte. Dabei wurde auch die Schrift Germanomanie des jüdischen Autoren Saul Ascher, die sich kritisch mit Nationalismus und Verfolgungswahn der deutschen Patrioten auseinandersetzte, mit dem Ruf Wehe über die Juden! ins Feuer geworfen. Dies veranlasste Heinrich Heine 1819 zu der Vorhersage:
Kriminalrat Christian Ludwig Paalzow schrieb 1817 einen Dialogroman Helm und Schild, der die Argumente für und wider das jüdische Bürgerrecht auf einen Juden (Helm) und einen Christen (Schild) verteilte und letzteren rhetorisch siegen ließ. Er verwies im Munde Schilds auf die angeblich zu starke Vermehrung der Juden, ihre politische Unzuverlässigkeit und Neigung zur Rebellion aufgrund ihres Messiasglaubens. Ihre Gewerbefreiheit werde ihnen die ökonomische Macht über die Mehrheit zufallen lassen. Um dies zu verhindern, müsse man sie rechtzeitig vertreiben, wenn sie nicht freiwillig gingen. Der Schaden durch ihren Verlust sei geringer als der Nutzen, sie los zu sein.
1821 veröffentlichte Hartwig von Hundt-Radowsky den Judenspiegel. Darin propagierte er u.a. den Verkauf jüdischer Kinder als Sklaven an die Engländer, um weitere jüdische Nachkommen zu verhindern, und schließlich Ausrottung und Vertreibung aller Juden. Auch Heinrich Eugen Marcard forderte 1843 in Minden mit einer Petition ihre „Vertilgung“. Hermann von Scharff-Scharffenstein schrieb 1851 in seiner antijüdischen Schrift Ein Blick in das gefährliche Treiben der Judensippschaft:[28]
Wie viele andere Autoren verwendete er zudem die Tiermetaphern der Spinne, die ihr Netz um die Welt spinnt, des Blutegels oder der gefräßigen Heuschrecken für Juden.
In den 1830er-Jahren kamen Aversionen gegen gebildete, meist konvertierte jüdische Schriftsteller und Künstler dazu, deren angebliche „Charaktermängel“ und fehlende „nationale Volkskunst“ sie zu einfallslosem Plagiatoren- und Epigonentum zwinge.[29] So schrieb Richard Wagner gegen die als Konkurrenten empfundenen Komponisten Felix Mendelssohn und Giacomo Meyerbeer:[30]
Der Gymnasiallehrer Eduard Meyer schrieb gegen Ludwig Börne:[31]
Er forderte Börne auf, sich nicht selbst einen Deutschen zu nennen, da nicht der Geburtsort, sondern die „deutsche Gesinnung und Vaterlandsliebe“ darüber befinde und diese ihm fehle.
In den Jahren 1803-1805, 1812-1819, 1848ff waren solche Schriften in der akademischen Literatur besonders oft vertreten. Sie setzten die mittelalterliche Tradition antijüdischer Hetzschriften im aufgeklärten, kirchenfernen Bürgertum fort und etablierten die Ressentiments, Abgrenzungs-, Deportations- und Vernichtungsrhetorik im öffentlichen Diskurs. Solche Ziele wurden gut 100 Jahre lang erörtert, bevor der Rasse-Begriff aufkam.
Antisemitismus war zwar eng mit dem Aufkommen des Nationalismus verbunden, blieb aber keineswegs auf diesen beschränkt. So trifft man auch bei manchen Junghegelianern, Religionskritikern und Frühsozialisten Aussagen an, die wie schon im Deismus mit dem überkommenen Christentum zugleich gegen das Judentum gerichtet waren und auf deren Auflösung zielten.
Ludwig Andreas Feuerbach ordnete den jüdischen Glauben moralisch noch unter dem Polytheismus stehend ein und setzte ihn mit Egoismus gleich:
Bei einigen Frühsozialisten war dann die Gleichung von Juden und Kapitalisten gängig. In den Schriften von Louis-Auguste Blanqui, Saint-Simon, Pierre Joseph Proudhon, Pierre Leroux und später Bakunin finden sich antisemitische Äußerungen.[33] Leroux z.B. bezeichnete die Juden als „Verkörperung des Mammons“. Proudhon sah sie in der Tradition des Römers Tacitus als „Feinde der Menschheit, die man nach Asien zurückschicken sollte.“ Bakunin schrieb in „Persönliche Beziehungen zu Marx“ 1871:[34]
Die Reaktionen im Volk auf bürgerliche Emanzipation und intellektuelle Juden-Aversion ließen nicht lange auf sich warten. Im August 1819 breitete sich mit den Hep-Hep-Unruhen eine gewaltsame Krawallserie von deutschen Großstädten bis Kopenhagen und Amsterdam aus. Politisch und ökonomisch unzufriedene Handwerker, Bauern und Studenten gaben die Schuld an den Problemen der frühkapitalistischen Industrialisierung den Juden. Sie plünderten und zerstörten deren Häuser und Geschäfte, steckten Synagogen in Brand, misshandelten und ermordeten Juden mit dem Kampfruf:
„Hep“ wurde als als Anspielung auf den Kreuzfahrer-Ruf Hierysalem est perdita („Jerusalem ist verloren“) oder Tieranruf („Springt, haut ab“) gedeutet. In Flugblättern und Parolen der Krawallanten wurden Juden als „Christusmörder“ angegriffen. Die von aufgeklärten Ideen inspirierte jüdische Emanzipation wurde also nicht von der Masse der Bevölkerung getragen.
Auch in den Folgejahrzehnten gab es vielerorts Gewalttaten gegen Juden, teils als Begleitung des allgemeinen antifeudalen Protestes und revolutionärer Stimmungen, teils in Krisensituationen oder aus alten religiösen Motiven. In Hamburg wurden Juden 1830 und 1835 wie schon 1819 vom Jungfernstieg vertrieben. Angeregt durch Sensationsberichte über die Damaskusaffäre 1840 lebte auch die Ritualmordlegende wieder auf und führte in einigen Orten - u.a. Geseke, Oettingen, Thalmässing - zu teilweise monatelangen Ausschreitungen gegen Juden. Dabei wurden erneut Hetzrufe wie „Hepp, Hepp, Jude verreck!“ und „Schlagt die Juden tot!“ laut. In Mannheim führte ein Regierungsbeschluss, eine Judenpetition für Gleichstellung zuzulassen, zu Krawallen gegen Juden der Stadt. 1848 zerstörten Bauerngruppen in Leiningen im Taubertal Wohnungen von Juden, die sie als Gläubiger ansahen. In Baisingen verjagten bewaffnete Bauernknechte jüdische Bewohner mit dem Ruf „Geld oder Tod!“ aus ihren Häusern und nötigten vorübergehend 230 Juden des Ortes zur Flucht. Sie versuchten, die Gemeinderäte zu erpressen, den Juden das Bürgerrecht zu nehmen, das die Allmende-Nutzung einschloss.
Im Verlauf der Märzrevolution 1848/49 kam es besonders in süd- und ostdeutschen Regionen und etwa 80 Städten, darunter Berlin, Köln, Prag und Wien, zu schweren antijüdischen Exzessen. Neben Zerstörung von Kreditbriefen und Schuldenakten wurden dabei immer wieder Vernichtungsdrohungen laut, sowohl von Seiten aufständischer Bauern wie antirevolutionärer Bürger. Beide gaben den Juden für Not und Revolution die Schuld.[35]
Das kirchliche Mittelalter hatte Juden prinzipiell eine jenseitige Erlösung offengehalten, die sie durch die Taufe schon in diesem Leben erreichen konnten. Deshalb wurden jüdische Gemeinden zeitweise geduldet und von manchen Päpsten und Kaisern ausdrücklich geschützt. Freiwillig getaufte Juden waren vor weiterer Verfolgung meist relativ sicher. Nur bei Zwangstaufen behielten andere Christen Vorbehalte gegen sie: besonders in Spanien. Nach der Massenvertreibung der spanischen Juden 1492 verfolgte die spanische Inquisition die im Land gebliebenen „Conversos“ als „Schweine“ (marranos) und begründete dies mit dem rassistischen Ideal der „Reinheit des Blutes“ (limpieza de sangre).
Dieses Muster wiederholte sich im 19. Jahrhundert gegen die Judenemanzipation. Schon 1790 entwickelte der Göttinger Popularphilosoph Christoph Meiners (1747-1810) ein Rangsystem der Rassen, das Juden zwar über „Orang-Utans“, „Negern“, „Finnen“ (Lappen) und „Mongolen“ einstufte, aber unter Weißen und Christen. Deshalb stünden ihnen weniger Rechte als diesen zu. Seit Ernest Renan wurde es zudem üblich, Juden als „Semiten“ einen Mangel an Zivilisiertheit nachzusagen. Frühe Antisemiten wie Grattenauer und Hundt-Radowsky verglichen Juden direkt mit Affen, um ihnen die Menschenrechte abzusprechen und ihren Emanzipationsprozess, ihr Streben nach Bildung und Aufklärung als von vornherein lächerlich und illusorisch abzuwerten.[36]
1853 unterschied Arthur de Gobineau mit dem Aufsatz Die Ungleichheit der Rassen Arier von angeblich minderwertigen semitischen und neogriden Rassen. 1858 begründete Charles Darwins Aufsatz Über die Entstehung der Arten die Evolutionstheorie und moderne Genetik mit den Prinzipien Variation, Vererbung und Selektion: Der „Kampf ums Dasein“ führe zu einer Auslese der dem Überleben angepasstesten Arten. Dies übertrugen Rassisten auf die Völkergeschichte: Sie sei als ewiger Kampf zwischen höheren und niedrigeren Rassen zu deuten. Das ermöglichte Antisemiten, die „Judenfrage“ mit pseudobiologischen Argumenten als Rassenproblem zu propagieren.
So schrieb der österreichische Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald (1842-1892) anknüpfend an Renan 1872 in einem Zeitungsartikel, Juden seien aus Asien eingewanderte Fremdrassige; dies würden Europäer „instinktiv“ spüren. Das sogenannte Vorurteil gegen Juden sei also durch zivilisatorischen Fortschritt nie zu überwinden. Als Kosmopolit sei der Jude dem „ehrlichen Arier“ an Schläue überlegen. Von Osteuropa aus grabe er sich als Krebsgeschwür in die übrigen europäischen Völker ein. Ausbeutung des Volkes sei sein einziges Ziel. Egoismus und Feigheit seien seine Haupteigenschaften; Selbstaufopferung und Patriotismus seien ihm völlig fremd.
Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden überhöhten Antisemiten den rassischen zum welthistorischen Gegensatz: „Arier“ galten als zur Weltherrschaft berufen, „Semiten“ als ihre zur Unterlegenheit bestimmten Konkurrenten, die gleichwohl zur Zeit noch über die Arier herrschten. Der Nationalökonom Karl Eugen Dühring (1833–1921) begründete dies mit seinem populären Buch Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage (1881), das eine Art Bibel für Antisemiten wurde. Er erklärte die „Selbstsucht“ und „Machtgier“ der Juden als unveränderbare Erbanlage und verband damit antichristliche und antikapitalistische Motive: Die Bibel sei eine vom „Asiatismus“ durchtränkte Religionsurkunde. Juden seien „Drahtzieher“ der Krisenphänomene und sozialen Missstände der Industrialisierung. Als einer der Ersten sprach er von einer „Endlösung“. Da diese vorläufig nicht möglich sei, solle man die Juden wieder in Ghettos zwingen und dort überwachen.[37] Ziel aber bleibe:[38]
Diese seit dem Mittelalter bekannten Sprachbilder der Entmenschlichung passten die Antisemiten der wissenschaftlichen Sprache der Bakteriologie, Mimikry-Theorie und Rassenlehre an. Juden wurden immer mehr nicht nur mit Blutsaugern, Krebsgeschwüren, Schmarotzern, Seuchen, Ungeziefer, Volksschädlingen, wuchernden Schlingpflanzen usw. verglichen, sondern identifiziert. Stand im mittelalterlichen Aberglauben hinter ihnen der Teufel, also eine letztlich unbesiegbare dämonische Macht, so wurde es mit dem medizinisch-technischen Fortschritt denkbar, sich dieser „menschlichen Viren" radikal zu entledigen.[39]
Das verschloss Juden jede Möglichkeit, sich sozial anzupassen. Denn auch getaufte Juden blieben nun Juden, die von Vorfahren mit jüdischer Religion abstammten, egal ob und wie lange ihre Vorfahren schon Christen waren. Damit war die Religionszugehörigkeit für Antisemiten nur noch als pseudobiologisches Merkmal wichtig, das Judesein zum unentrinnbaren Schicksal machte. Die Juden zugeordneten negativen Erbanlagen erschienen durch keinerlei Erziehung, Bildung, Integration und Emanzipation veränderbar. So wurde ihre völlige Vertreibung oder Vernichtung in ganz Europa als einzig realistische „Endlösung der Judenfrage“ nahegelegt.
Der Rassismus untermauerte auch sonst die Ablehnung fremder Völker nach außen und ethnischer oder anderer Minderheiten nach innen. So wuchs parallel zum Antisemitismus in ganz Europa die Fremdenfeindlichkeit z.B. gegen Roma, Sinti und Jenische oder Sorben.
Darwin distanzierte sich 1880 von diesem politischen Missbrauch seiner Theorien. Nach seinem Tod 1882 wurden diese jedoch immer stärker rassistisch umgedeutet. Man redete nun von der „Zersetzungskraft jüdischen Blutes“ und zählte auch „Halb“- oder „Viertel“-Juden zum Judentum, während die „arische Rasse“ immer stärker zur einheitsstiftenden Idee wurde. Deren „Notwehr“ gegen die Juden wurde als Naturgesetz dargestellt. Damit wurde das Recht des Stärkeren gegenüber Natur- und Menschenrecht deterministisch legitimiert. So forderte z.B. Paul de Lagarde (1827-1891) in Juden und Indogermanen 1887 die Einheit von „Rasse und Volk“ unter Ausschluss des Judentums. Er beklagte, dass in Berlin mehr Juden lebten als in Palästina, und forderte, „dies wuchernde Ungeziefer zu zertreten“:[40]
1899 forderte Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) in seinem Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts als Erster die „Reinheit der arischen Rasse“ gegen „Vermischung“. Das Buch las Kaiser Wilhelm II. persönlich seinen Kindern vor und empfahl es als Lehrstoff für die Kadettenschulen.
Die Bedeutung des rassistischen Antisemitismus wird verschieden beurteilt. Manche Historiker sehen in den Rassenlehren jene Steigerung überkommenen Judenhasses, die den Nationalsozialismus vorbereiteten. Andere, etwa Mark Weitzmann vom Simon Wiesenthal Center, betonen, sie hätten dem bestehenden Antijudaismus nur einen „rassistischen und wissenschaftlichen Glanz“ hinzugefügt.
Nach der Reichsgründung von 1871 sollte der Patriotismus die zerrissene bürgerlich-liberale Gesellschaft einen. Im Gründerkrach 1873 und der folgenden wirtschaftlichen Depression verloren viele Bauern, Händler und Bürger ihre Ersparnisse und Firmen, während Großindustrie und Bankiers Verluste besser auffangen konnten. Da sich unter letzteren relativ viele Juden befanden, machte der abstiegsbedrohte Mittelstand diese insgesamt für Wirtschaftskrise und Pleitewelle verantwortlich. Nun machten viele neu gebildete Vereine Antisemitismus zu ihrem Programm.
Damals begann Wilhelm Marr seine antisemitische Publizistik. Otto Glagau (1834–1892) argumentierte eher ökonomisch in einer vielgelesenen Artikelserie in der Gartenlaube (1874), dann mit Schriften über den angeblichen Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin (1875) und Bankerott des Nationalliberalismus und die 'Reaktion' (1878). Beide mobilisierten dabei auch überkommene christliche Vorurteile gegen Juden.
Der lutherische Hofprediger Adolf Stoecker (1835–1909) gründete 1878 gegen die Sozialdemokratie die Christlich-soziale Partei, die sich aber schon 1881 der Deutschkonservativen Partei anschloss. Sie fand weit mehr Anhänger im ökonomisch bedrohten Kleinbürgertum und Mittelstand als unter den ursprünglich angesprochenen Arbeitern. Stoecker positionierte seine Partei nun zunehmend antisemitisch. Mit seiner Rede Unsere Forderungen an das moderne Judentum vom September 1879 forderte er die Begrenzung des vermeintlichen jüdischen Einflusses auf die Politik. Diese Agitation war ein Hauptgrund für seine rasch wachsende Popularität.
1879 gilt als Geburtsjahr des „modernen“ Antisemitismus, in dem sich deutschnationale, antiliberale, antikapitalistische und rassistische Motive verknüpften und im Bürgertum reichsweit gesellschaftsfähig wurden. Damals erreichte Marrs Buch Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum 12 Auflagen. Daraufhin gründete er die „Antisemitenliga“ als erste deutsche Gruppe, die die Vertreibung aller Juden aus Deutschland anstrebte. Dazu gab Marr 14-tägig das Blatt Deutsche Wacht heraus. Kurz zuvor hatte ein Aufsatz des angesehenen Historikers Heinrich von Treitschke (1834–1896) den zwei Jahre anhaltenden Berliner Antisemitismusstreit ausgelöst. Treitschke unterstützte Stoeckers Forderungen und prägte den Satz Die Juden sind unser Unglück, der später Untertitel des nationalsozialistischen Stürmer wurde. Der Althistoriker Theodor Mommsen (1817–1903) kritisierte diese antiliberale Judenfeindschaft 1880 scharf und erreichte mit einer von ihm initiierten Notabeln-Erklärung, Treitschke an der Humboldt-Universität zu Berlin zu isolieren. Doch Antisemitismus war nun auch als „wissenschaftliches“ Thema etabliert.
Eine im Sommer 1880 von Max Liebermann von Sonnenberg, Bernhard Förster u.a. initiierte „Antisemitenpetition“ forderte u.a. eine Sondersteuer für Juden, ihren Ausschluss von allen öffentlichen Ämtern und ein Verbot jüdischer Einwanderung nach Deutschland. Viele Studentenausschüsse warben für die Petition an den Universitäten. Daraus gingen die Vereine Deutscher Studenten hervor, die sich 1881 im Kyffhäuserverband vereinten. Auch Marr und Stoecker mobilisierten ihre Anhänger in der Berliner Bewegung für die Petition. Um die 250.000 Bürger unterzeichneten sie. Im April 1882 übergab Sonnenberg die Unterschriften im Reichstag; Reichskanzler Otto von Bismarck ignorierte die Forderungen jedoch.
Der Lehrer Ernst Henrici warb 1880 reichsweit mit antisemitischen Hetzreden um Wähler für seine Soziale Reichspartei. Der unaufgeklärte Synagogenbrand vom 18. Februar 1881 in Neustettin folgte auf eine seiner Reden.[41] 1881 gründete Sonnenberg den patriotisch-konservativen Deutschen Volksverein sowie die Deutsche Volkszeitung, die das Schlagwort „Antisemitismus“ in ganz Deutschland verbreiteten.
Der Lokalpolitiker Alexander Pinkert gründete in Dresden 1879 den antisemitischen Deutschen Reformverein, dem bis 1885 in 139 Städten ähnliche lokale Vereine folgten. Daraus ging 1881 die Deutsche Reformpartei hervor. 1882 berief Pinkert den ersten „Internationalen antijüdischen Kongress“ nach Dresden ein. Dort versuchten etwa 400 Vertreter antisemitischer Gruppen aus ganz Europa gemeinsame Ziele zu finden. Dies misslang, so dass das abschließende Manifest an die Regierungen und Völker der durch das Judenthum gefährdeten christlichen Staaten keine konkreten politischen Forderungen erhob. Der zweite Antisemitenkongress 1883 in Chemnitz brachte ebenfalls keine konkreten Ergebnisse und keine Einigung zwischen gemäßigten Sozialkonservativen mit den Rasseantisemiten.
Theodor Fritsch (1852-1933) versuchte 1884, die zerstrittenen Antisemiten in seiner Deutschen Antisemitischen Vereinigung zu sammeln. 1885 gab er dazu die Zeitung Antisemitische Correspondenz heraus. 1887 verfasste er den bis 1945 immer neu aufgelegten Antisemitenkatechismus, der alle judenfeindlichen Klischees verbreitete. Fritsch schloss aus den Misserfolgen seiner Vorgänger:[42]
Der Marburger Bibliothekar Otto Böckel (1859–1923) fand bei der Landbevölkerung in Hessen mit antisemitischer Agitation viel Zustimmung. 1886 gründete er seine Deutsche Reformpartei, die sich bald mit dem Verein von Fritsch zusammenschloss. Bei der Reichstagswahl am 21. Februar 1887 errang Böckel im Wahlkreis Kassel als erster bekennender Antisemit ein Reichstagsmandat, das er bis 1907 innehatte.
Auf dem Antisemitentag in Bochum am 10. und 11. Juni 1889 konnten sich die verschiedenen Gruppen erneut nicht einigen. Stoecker und Sonnenberg wollten konservative und kleinbürgerliche Wähler für Monarchie und Nationalstaat gewinnen; ihre Anhänger bildeten die neue Deutschsoziale Partei. Böckel dagegen wollte seine Ziele im Parteinamen zeigen und gründete mit weiteren Gruppen 1890 die Antisemitische Volkspartei. Beide Neuparteien forderten die Aufhebung der Emanzipationsgesetze und verhöhnten liberale Parteien vor den Reichstagswahlen 1890 als „Judenschutztruppe“. Sie stießen aber auf Widerstand und gewannen zusammen nur knapp drei Prozent der Stimmen. Dazu meinte der Führer der Deutschfreisinnigen Eugen Richter:[43]
1890 trat Hermann Ahlwardt (1846-1914) mit den Büchern Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum und Der Eid eines Juden hervor, in dem er Gerson von Bleichröder, Banker und Freund Bismarcks, der Korruption bezichtigte. Danach behauptete er in der Schrift Judenflinten, der jüdische Waffenfabrikant Ludwig Löwe habe den preußischen Truppen in geheimer Absprache mit den Franzosen untaugliche Gewehre geliefert. Für diese Verleumdungen erhielt er jeweils vier und fünf Monate Gefängnis, die er wegen seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter nicht verbüßen musste. Er wurde von Bauern in der Region Arnswalde-Friedeberg - wo es kaum Juden gab - gewählt, indem er in persönlichen Gesprächen „Junkern und Juden“ die ökonomische Notlage anlastete. 1894 legte er ein Programm vor, das vorsah, alle Großgrundbesitzer zu enteignen und ihren Besitz in Gemeineigentum zu überführen, was von den übrigen Antisemiten abgelehnt wurde. - Ein weiterer Einzelgänger unter den Antisemiten war der als „Judenschläger“ bekannte Graf Hermann von Pückler-Muskau auf Branitz, der die Bauern seiner Region aufrief, Juden totzuprügeln.
1893 errangen beide Antisemitenparteien zusammen 18 Reichtagsmandate. 1894 vereinigten sie sich unter Führung Sonnenbergs und Oswald Zimmermanns - ohne Böckel und Ahlwardt - zur Deutschsozialen Reformpartei. Ihr Programm baute auf den Rassentheorien von Houston Stewart Chamberlain auf und redete erstmals von der „Endlösung der Judenfrage“. 1899 hieß es darin:[44]
1898 gewann die Partei 13 Reichstagssitze. 1900 spaltete sie sich jedoch wieder an der Frage der Zusammenarbeit mit dem 1893 gegründeten Bund der Landwirte. Diesen hatten Aktivisten der Studentenvereine wie Diederich Hahn und Zeitungsverleger wie Otto Schmidt-Gibichenfels antisemitisch, christlich und monarchistisch ausgerichtet. Er wurde von den radikaleren Antisemiten daher als Anhängsel der Konservativen Partei betrachtet. Sie richteten ihren Nationalismus stärker gegen Adel, kirchliche und staatliche Konservative und die im Reichstag führende Nationalliberale Partei. - Auch bei der Reichstagswahl 1903 erhielten die uneinigen Antisemitenparteien nur 3,5 Prozent (11 Mandate). 1907 stellten sie noch sieben Abgeordnete. Sonnenberg saß bis zu seinem Tod 1911 im Reichstag. Keins der Ziele seiner Petition von 1879 wurde im Kaiserreich umgesetzt.
Bei der Reichtagswahl 1912 verloren die Antisemitenparteien Wähleranteile; auch die rassistischen Reformvereine hatten kaum messbaren Erfolg. Heinrich Pudor zog in seiner Schrift Wie kriegen wir sie hinaus? 1913 die Bilanz, die antisemitische Bewegung habe seit der Reichsgründung „so gut wie nichts“ erreicht. Man solle daher den Juden „das Leben so sauer machen, dass sie von selbst wieder zum Wanderstab greifen“ und „mit Hilfe von Ansiedlungsverträgen dieses Völkergift wieder ausstoßen.“ Über ältere Zuwanderungs- und Berufsverbote hinaus forderte er nun die „gesetzliche Eliminierung des Judentums aus deutschen Landen“. Die Parole vom „Ausschluss der Juden“ war Allgemeingut antisemitischer Gruppen geworden; ein politisches Konzept für dessen Umsetzung fehlte.
Der politische Antisemitismus war nicht parteigebunden. Viele Vereine blieben seit 1880 antisemitisch oder gründeten sich als antisemitische Vereine neu, darunter die Deutsche Turnerschaft, das angesehene Offizierskorps und viele Studentenverbindungen. Der Kyffhäuserverband schloss Juden 1886 als erster Verband aus. Bis 1896 folgten ihm die meisten Burschenschaften. 1902 stellte Ernst Böhme vom Kyffhäuserverband rückblickend fest:[45]
Nur der Allgemeine Deutsche Burschenbund erklärte noch 1905: Um deutsch zu sein, müsse man nicht rein germanischer Abstammung sein.
Über andere Themen wie die Flottenaufrüstung oder Schutzzölle gegen englische Importe konnte sich das Bild der „jüdischen Ausbeuter“ und ihrer „zersetzenden“ demokratischen Ideen in breiten Bevölkerungsschichten festsetzen.
Besonders folgenreich war der Antisemitismus an den Hochschulen. Viele dort ausgebildeten Akademiker, Juristen, Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Pastoren beteiligten sich dauerhaft an der antisemitischen Agitation, benachteiligten Juden aktiv und trugen so zu ihrer zunehmenden Verdrängung aus staatlichen Ämtern und gesellschaftlichen Ächtung bei. Auch ihre Fachverbände wurden seit etwa 1890 von der antisemitischen Welle erfasst. Als antisemitischer Verband gründete sich 1893 der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband für Angestellte und Handwerker. Er gewann rasch Einfluss auch unter evangelischen Jugendverbänden. Dort sah man Antisemitismus als einzige weltanschauliche Alternative zu Liberalismus und Sozialismus. Viele spätere Parteipolitiker gingen aus ihm hervor. Jedoch standen dort Sonderinteressen im Vordergrund. Daraufhin gründeten Böckel und Förster 1900 den nach dem Führerprinzip aufgebauten Deutschen Volksbund, dessen Mitglieder 1907 aus der Deutschsozialen Reichspartei ausgeschlossen wurden.
Der kleine, aber einflussreiche Alldeutsche Verband wollte nach Bismarcks Entlassung 1890 bewusst einer großdeutschen imperialistischen Politik zum Durchbruch verhelfen und alle Deutschen einem „Gesamtwillen der Nation“ unterordnen. Damit wurde er zunehmend antisemitisch. Der erste Vorsitzende Ernst Hasse erklärte 1906, dass die heute gebildeten Rassen nunmehr homogen und konstant werden wollen, dass sie demnach die nicht assimilierten Fremdkörper wieder ausscheiden wollen ... namentlich wenn diese eindringenden Fremdkörper minderwertig sind oder als minderwertig empfunden werden.[46] Der zweite Vorsitzende Heinrich Claß veröffentlichte 1912 das Buch Wenn ich der Kaiser wär. Darin forderte er, alle ausländischen Juden auszuweisen und allen deutschen Juden die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.
Der von Friedrich Lange 1894 gegründete Deutschbund vertrat die „Pflege deutscher Art“. Er sah in Bauern und Handwerkern die „wurzelechtesten Vertreter unseres Volkstums“: ...diese Kräfte müssen unter allen Umständen gegen die Sozialdemokratie sowohl wie gegen ihre christlichen Mitbewerber erhalten werden. Lange unterschied in Reines Deutschtum (1893) strikt Volkstum und Nationalstaat und nannte das Gleichheitsprinzip des Judentums als gemeinsame Basis von Christen und Sozialisten Morbus internationalitis („internationale Krankheit“):[47]
Die Gobineaugesellschaft, gegründet 1894 von Ludwig Schemann (1852–1938), wollte die „nordisch-germanische Rasse“ fördern, ließ Gobineaus Werke ins Deutsche übersetzen und veröffentlichen. Auch Chamberlain gehörte ihr an.[48] Theodor Fritsch gründete 1904 „Hammer-Gemeinden“, die sich 1912 im Reichshammerbund einten, um parteiungebundene Antisemiten zu sammeln. Er kooperierte dazu eng mit dem Alldeutschen Verband.
Unter dem Eindruck der Stimmengewinne der SPD und Stimmenverluste der Antisemitenparteien bei den als „Judenwahlen“ verhöhnten Reichstagswahlen von 1912 bildeten sich weitere völkisch-rassistische Antisemitengruppen: der geheime Germanenorden, aus dem 1918 die Thule-Gesellschaft hervorging, der Verband gegen die Überhebung des Judentums, der Deutsch-Österreichische Schutzverein Antisemitenbund, die Deutschvölkische Beamtenvereinigung und der Bund völkischer Frauen.
Unter dem Eindruck der Anfangserfolge der Antisemiten nahm die Konservative Partei 1892 einige ihrer Forderungen in ihr Programm auf. Der erste Absatz lautete:[49]
Das bedeutete Ausschluss von Juden aus allen Staatsämtern, aus Bildung und Kultur.
Auch die katholische Zentrumspartei ließ - nicht zuletzt wegen der Haltung von Papst Pius IX., der Juden seit 1872 der Neigung zu Anarchismus und Freimaurerei bezichtigte - zunächst einige judenfeindliche Abgeordnete auf ihren Listen kandidieren. Parteiführer Ludwig Windthorst setzte sich jedoch u.a. über die „Kölnische Volkszeitung“ öffentlich für die Rechte der Juden und gegen antisemitische Ausfälle ein. Er ließ den preußischen Abgeordneten Cremer wegen seines Beitritts zu Stöckers „Berliner Bewegung“ aus Fraktion und Partei ausschließen. Danach blieb das Zentrum weitgehend frei von antisemitischen Gedankengut und verteidigte die Juden, etwa 1887, als Antisemiten im Bündnis mit Tierschützern das Schächten verbieten lassen wollten.
So blieben die „Radauantisemiten“ Splittergruppen, erreichten aber bleibende Aufmerksamkeit für ihr Thema. Die antisemitischen Verbände bejahten die Staatsordnung und meist auch die imperialistische Außenpolitik der Regierung, obwohl diese ihre antijüdischen innenpolitischen Forderungen nur zum Teil umsetzte. Der gemäßigte Antisemitismus der nationalliberalen und konservativen Parteien begünstigte diese Übereinstimmung.
Die SPD verstand sich als Interessenvertretung der Lohnarbeiter zugleich als Kraft des humanen Fortschritts und Opposition gegen Diskriminierung von Minderheiten. Sie nahm seit ihrer Gründung nie antisemitische Forderungen in ihr Programm auf und widersprach dieser Ideologie als einzige Partei im Kaiserreich offen. Doch in sozialdemokratischen Unterhaltungsblättern wie dem Wahren Jakob, Süddeutschen Postillon oder der Neuen Welt wurden Juden ab 1890 in Witzen, Karikaturen und Alltagsgeschichten als vom Profitstreben gelenkte, gerissene Schacherer und Wucherer, Börsenjobber und Händler ohne Geschäftsmoral dargestellt. Diese Klischees wurden genauso in bürgerlicher Literatur wie Der Jude von Karl Spindler, Der Büttnerbauer von Wilhelm von Polenz, Soll und Haben von Gustav Freytag, Rembrandt als Erzieher von August Julius Langbehn u.a. unter das Volk gebracht, so dass sie sich als kultureller Code (Shulamit Volkov) etablieren konnten.
Die SPD-Führer unterschätzten dessen Wirkung gemäß ihrem Fortschrittsglauben bei weitem. So erklärte Wilhelm Liebknecht 1893: Ja, die Herren Antisemiten ackern und säen und wir Sozialdemokraten werden ernten. Ihre Erfolge sind uns also keineswegs unwillkommen. August Bebel, für den Antisemitismus „der Sozialismus der dummen Kerls“ war[50], glaubte, sie hätten nie Aussicht, irgendeinen maßgebenden Einfluß auf das staatliche und soziale Leben auszuüben.[51]
Der Erste Weltkrieg überlagerte zunächst die innenpolitischen Fronten, mit dem Burgfrieden wurden alle Parteien in vermeintlich patriotische Pflichten eingebunden.
1914 gelang es dem Reichstagsabgeordneten Ferdinand Werner, beide Antisemitenparteien in der Deutschvölkischen Partei (DVP) zu vereinen. Innenpolitisch verlangte diese die Ausweisung der Juden, einen Grenzschluss für osteuropäische Einwanderer und eine rassistische Neuordnung der Gesellschaft. Außenpolitisch verlangte sie weitreichende Eroberungen, die Deutschland zur Hegemonialmacht Europas machen sollten. Sie agitierte so stark gegen den Burgfrieden, dass die Behörden viele ihrer Presseorgane zensierten. Mit anderen rechtsradikalen Parteien verlangte die DVP bis zuletzt einen „Siegfrieden“ als einziges akzeptables Kriegsziel; seit 1917 zierte ein Hakenkreuz ihr Parteiorgan „Deutschvölkische Blätter“. Nach Kriegsende löste sich die DVP auf.[52]
Auch von Regierungsseite gab es Bestrebungen zur Behinderung von Juden in Verwaltung und Armee [53], sowie Pläne zu deren "Aussiedlung". [54]
1916 verstärkten Alldeutscher Verband und DVP ihre antisemitische Hetze: Juden seien Schieber, die sich am Handel mit knappen Lebensmitteln bereicherten, und Drückeberger, die sich häufiger krank meldeten an der Front als Nichtjuden. Darauf reagierte der Kriegsminister Hohenborn im Oktober 1916 mit einer Judenzählung. Als die statistische Erhebung einen höheren Anteil nichtjüdischer Dienstverweigerer ergab, hielt der Minister sie unter Verschluss.
Artur Dinter, Vorläufer der späteren Deutschen Christen, schrieb 1917 den Bestseller Die Sünde wider das Blut. Darin verband er antisemitische Stereotypen mit körperlichen Zuschreibungen. Heinrich Pudor rief ab 1917 zu Gewalt gegen Staatsvertreter auf, die für ihn die absehbare Kriegsniederlage und kommende „Judenrepublik“ verkörperten. So gewann Pogromhetze und direkte Gewalt gegen Juden bald nach dem Kriegsende an Boden.[55]
Juden gehörten im Kaiserreich ebenso wie ihre Gegner meist zum aufstrebenden Bürgertum. Sie erfuhren vor allem in Schule, Universität und Armee unvermeidbar alltägliche Diskriminierung und Feindseligkeit, so dass Walther Rathenau resümierte:[56]
Die antisemitische Propaganda traf besonders gebildete Juden unvorbereitet, da sie sich von ihren Traditionen bereits vielfach weit entfernt hatten. So antwortete der jüdische Historiker Harry Bresslau 1880 apologetisch auf Treitschke, „Juden“ und „Semiten“ seien nicht identisch. Er werde nur die als Juden bezeichnen, deren beide Eltern als Juden geboren seien. Die Fortdauer des deutschen Judentums war nicht seine Sorge, er vertrat eine vollständige Assimilation der Juden und ihr Aufgehen in der deutschen Nation. Seine Argumentation begünstigte aber die Gleichsetzung von Juden mit einer angeblichen „semitischen Rasse“: 1895 definierte der Brockhaus „Semitismus“ als Bezeichnung für das ausschließlich vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtete Judentum.
Der jüdische Arzt Leo Pinsker bereiste unter dem Eindruck der Pogrome in Russland von 1881 ganz Europa. Er sah in dem Umsichgreifen des Rassenwahns gerade in den „aufgeklärten“ Ländern eine „Judäophobie“, also eine Geisteskrankheit, in der sich gegenseitig verstärkende „Gewissheiten“ eine kollektive mentale Störung anzeigten. Er folgerte in seinem Aufsatz „Autoemanzipation“ 1882 daraus die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Landes und wurde damit ein Pionier des Zionismus.
Diese Haltung lehnten die meisten deutschen Juden jedoch ab und zogen vor, für ihre Integration zu kämpfen. Auf die Ausgrenzung jüdischer Studenten aus den meisten Studentenverbindungen reagierte die Gründung der Viadrina in Breslau 1886 als erster rein jüdischen Studentenverbindung. 1896 entstand der erste Kartellconvent jüdischer Verbindungen (KC). Diese bekannten sich gleichermaßen zu Deutschtum und Judentum und versuchten, ihre Mitglieder durch Sport zu ertüchtigen, um in Duell-Forderungen ihre Ehre gegen Antisemiten zu verteidigen. 1895 gründeten Heinrich Loewe und Max Bodenheimer in Berlin den Verein jüdischer Studenten, der vor allem Mitglieder aus Russland und Polen anwarb. Weitere zionistische Vereine schlossen sich 1914 im Kartell Jüdischer Verbindungen (KJV) zusammen, das „für eine der Vergangenheit des jüdischen Volkstums würdige Erneuerung in Eretz Israel“ eintrat. KC und KJV lehnten einander radikal ab; aber beide riefen ihre Mitglieder zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg auf.
Viele Juden zogen es vor, in nichtreligiösen und nichtnationalistischen Gruppen mitzuarbeiten, z.B. dem linksliberalen Verein für Sozialpolitik. Sie hofften, durch Anpassung und Verbergen ihres Judeseins bis hin zur Selbstaufgabe von Nichtjuden akzeptiert zu werden. Sie hatten die rechtliche Gleichstellung nur um den Preis ihres „Nationalbewusstseins“ erhalten und bejahten dies in der Hoffnung, dass der Liberalismus den Antisemitismus allmählich überwinden werde. So gründeten liberale und zum Christentum konvertierte Juden erst 1891 den Verein zur Abwehr des Antisemitismus. 1893 bildeten liberale Bürger in Berlin zudem den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Doch diese hatten auf die generelle Entwicklung kaum Einfluss und suggerierten ihren Mitgliedern nur, doch irgendwie zur bürgerlichen Gesellschaft zu hören.
Unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre in Frankreich schrieb Theodor Herzl 1896 sein Buch Der Judenstaat, das den politischen Zionismus begründete. Ein Jahr darauf berief er den 1. Zionistenkongress nach Basel ein. Doch die meisten Juden rangen weiterhin um Anerkennung und Gleichberechtigung im Kaiserreich. Folglich meldeten sich etwa 100.000 Juden auf Drängen ihrer Vereine freiwillig zum deutschen Militärdienst und zur Front, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Etwa 2000 von ihnen wurden trotz Ablehnung der höheren Ränge in den Offiziersrang befördert und oft für besondere Tapferkeit ausgezeichnet. Sie glaubten, ihre Eisernen Kreuze würden sie vor weiteren Verfolgungen schützen.
Als die Novemberrevolution 1918 das Ende der Monarchie erzwang, traten die im Krieg verschärften sozialen Gegensätze offen hervor. Geschockt von der drohenden Entmachtung durch Sozialdemokraten und Pazifisten, lasteten besonders Offiziere und Teile des Bürgertums die Kriegsniederlage, später auch die Auflagen des Versailler Vertrags, den „jüdischen“ Führern der Arbeiterbewegung an. So griffen Freikorpssoldaten und Studenten während der blutigen Niederschlagung der kommunalen Räterepubliken zusätzlich Juden an; Rosa Luxemburg wurde kurz vor ihrer Ermordung als „Judenhure“ beschimpft und schwer misshandelt.[57]
Seit der Republikgründung 1919 konnten Juden erstmals in höchste Staatsämter aufsteigen. Obwohl auch konservative Juden skeptisch gegen die Linksparteien waren, galten Juden weithin als Profiteure von Umsturz und Kriegsniederlage. Antisemiten, die bislang auf staatliche Umsetzung ihrer Ziele gehofft hatten, lehnten daher fast immer Revolution und Demokratie zugleich ab, ihre Gegner verteidigten meist beides. War allzu offene antisemitische Propaganda im Krieg staatlich zensiert worden, um den „Burgfrieden“ nicht zu gefährden, so konnten sich die Antisemiten nun ungehindert neu organisieren und agitieren. Zeitungen wie das Deutsche Wochenblatt und Fluglätter hetzten gegen die Juden. Bei deren Verteilung kam es bis zum Frühjahr 1920 öfter zu Prügeleien auf offener Straße; eingreifende Polizei nahm nicht selten Juden zu ihrem Schutz oder als Anstifter fest.[58]
Neu gegründete rechtsradikale Gruppen wie der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund und die Thulegesellschaft propagierten die Dolchstoßlegende. In ihr verbanden sich antisemitische, antisozialistische und antidemokratische Motive so miteinander, dass die gesamte nationale Demütigung - eigene Kriegsschuld, Niederlage, Revolution und Elend der Nachkriegszeit - erneut auf die jüdische Minderheit als deren angebliche Drahtzieher projiziert wurden. Juden und Sozialdemokraten, die fast seit der Reichsgründung als „innere Reichsfeinde“ markiert worden waren, wurden nun auch mit den „Bolschewisten“ identifiziert: Sie seien angeblich dem „im Felde unbesiegten“ Heer heimtückisch in den Rücken gefallen, um Deutschland fremden Mächten auszuliefern und alle kulturellen Werte der Nation zu vernichten. Dabei verwies man auf jüdische Namen unter führenden russischen wie deutschen Revolutionären. Die 1919 auf Deutsch veröffentlichten gefälschten Protokolle der Weisen von Zion bestätigten diese Verschwörungstheorie von russischer Seite aus.
Der gestürzte Monarch Wilhelm II. steht seinem Biographen John Röhl zufolge exemplarisch für die Entwicklung großer Teile der bürgerlichen und militärischen Eliten der Kaiserzeit von einem gewöhnlichen zu einem eliminatorischen Antisemitismus in der Weimarer Zeit. So schrieb Wilhelm im August 1919 in einem Brief aus dem niederländischen Exil an Generalfeldmarschall August von Mackensen:[59]
An anderer Stelle verknüpfte er deutsche Juden, ausländische Kriegsgegner und zivile Politiker der „Heimatfront“:
1927 fragte er bei Fritz Haber, dem Erfinder des Giftgases, an, ob es möglich sei, ganze Großstädte zu vergasen. Im selben Monat bezeichnete er die Presse, Juden und Mücken als „Pest“, von der sich die Menschheit „auf die eine oder andere Welse“ befreien müsse. Er notierte handschriftlich dazu: Ich glaube, das beste wäre Gas.[61] 1940 behauptete er, Juden und Freimaurer hätten 1914 und 1939 Vernichtungskriege gegen Deutschland vom Zaun gebrochen, um ein von britischem und amerikanischem Gold gestütztes „jüdisches Weltreich“ zu errichten.[62]
Antisemitisch eingestellte Studenten und Akademiker und ehemalige DVP-Mitglieder fanden ihre neue politische Heimat nun in mehreren rechtsextremen und bürgerlich-konservativen Parteien, vor allem in der DNVP. Diese startete 1919 eine Kampagne gegen sogenannte Ostjuden, verlangte einen Zuzugsstop und ihre Ausweisung, um so die Meinungsführerschaft gegenüber den „Radauantisemiten“ wiederzugewinnen. - Etwa 34.000 meist polnische Juden waren im Krieg als Rüstungsarbeiter angeworben und interniert worden; danach flohen zudem etwa 107.000 in Osteuropa verfolgte und verarmte Juden nach Deutschland. Etwa ein Viertel davon lebten vorübergehend oder dauerhaft in Berlin Mitte. Bis 1921 waren ca. 40 Prozent weitergewandert. - In Bayern wurden osteuropäische Juden nach dem Kapp-Putsch 1920 von den Behörden gezielt schikaniert und teilweise in Abschiebelagern interniert.[63]
Die Deutsche Burschenschaft beschloss 1921 die Ausgrenzung ihrer jüdischen Mitglieder. Mit der Propagierung der „nationalen Revolution“ wurden viele Studentenverbindungen zum Steigbügelhalter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds (NSDStB). Mit diesem Schlagwort fanden preußische Konservative, bürgerliche Monarchisten, Staatsbegeisterte und Volkstumsverehrer ihren gemeinsamen faschistischen Nenner. Diese Ablehnung der oft als „Judenrepublik“ verachteten Demokratie im reaktionären Bürgertum gilt als ein wichtiger Faktor, der den Siegeszug des Nationalsozialismus mit ermöglichte.
Nach einer von einigen Medien unterstützten Hetzkampagne ermordeten rechtsextreme paramilitärische Geheimbünde wie die Organisation Consul Symbolfiguren ihres Judenhasses, darunter 1922 Außenminister Walther Rathenau. Dadurch nahmen republiktreue Medien, Parteien und Interessenverbände den Antisemitismus nun als Angriff auf die Verfassung wahr. Dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gelang es zeitweise, mit einer Kampagne die enorme Zunahme antisemitischer Friedhofsschändungen (etwa 200 registrierte Fälle 1923-1932) bewusst zu machen und zu verringern.
Im Herbst 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, griffen aufgehetzte Jugendliche und Arbeitslose Juden im Scheunenviertel (Berlin) an, drangen in ihre Geschäfte und Wohnungen ein, misshandelten die Bewohner und raubten sie aus. Rechtsradikale hatten zuvor behauptet, „Galizier“ hätten das wertbeständige Notgeld aufgekauft, das die Stadtverwaltung für die Erwerbslosen ausgegeben hatte.[64]
Beim Hitler-Ludendorff-Putsch am 9. November 1923 in München nahm der aus dem Freikorps Oberland hervorgegangene Bund Oberland wahllos „jüdisch aussehende“ Bürger als „Geiseln“, um politische Änderungen zu erpressen. Nun war rechtsradikale Straßengewalt, u.a. von SA-Banden, gegen Juden und politische Gegner alltäglich. Sie wurde von Polizei und Justiz kaum verfolgt. Der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Foerder dokumentierte 1924 in Schlesien mit einer Skandalchronik, wie stark Staatsbehörden antisemitische Straftaten duldeten oder durch Gesinnungsurteile mittrugen.[65]
Gleichzeitig erneuerten konservative Akademiker wie Wilhelm Stapel oder Edgar Julius Jung die Volkstumsideologie des 19. Jahrhunderts. Stapel erklärte 1927 das deutsche und das jüdische Kollektiv für unvereinbar und forderte, den Zionismus zu unterstützen, um Juden zur Auswanderung zu drängen. Jung forderte eine Rückkehr zur Ständegesellschaft und gesetzliche „Dissimilation“ der Juden.
Am 12. September 1931 leiteten etwa 500 SA-Angehörige in Berlin den ersten Kurfürstendamm-Krawall als „Säuberungsaktion“ eines „verjudeten“ Straßenzugs ein. Dabei wurde ohne Waffengebrauch geprügelt. 33 ermittelte Beteiligte wurden zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt; der Initiator Wolf-Heinrich von Helldorff kam mit einer geringen Geldbuße davon.
Auch in linksgerichteten Gruppen und Parteien gab es Antisemitismus, zum Teil als konsequenter Antikapitalismus ausgegeben und gerechtfertigt. So forderte das Vorstandsmitglied der KPD Ruth Fischer 1923:[66]
Eine Hetzkampagne der Nationalsozialisten gegen den jüdischen Polizeivizepräsidenten von Berlin Bernhard Weiß als Isidor folgte Verunglimpfungen in der Zeitschrift Roter Aufbau. Clara Zetkin warnte deshalb 1924 in einem Brief aus Moskau an den neunten Parteitag der KPD:
Die 1920 gegründete NSDAP entwickelte sich zunächst in Bayern zum Sammelbecken für die radikalsten Antisemiten der Kaiser-, Kriegs- und Nachkriegszeit. Ihr 25-Punkte-Programm legte fest: Kein Jude kann Volksgenosse sein...er muss unter Fremdengesetzgebung stehen, er darf kein öffentlichen Amt bekleiden. Alle Juden, die seit dem 2. August 1914 eingewandert waren, sollten ausgewiesen werden, ebenso alle „Angehörigen fremder Nationen“ bei Versorgungsknappheit.
Adolf Hitler gewann 1923 vor allem mit antisemitischer Rhetorik und Agitation die Führung der Partei. Er war nach eigener Aussage schon in seiner Schulzeit „instinktiv“ Judenfeind. Seit 1908 beeinflussten ihn Wiener Antisemiten wie Jörg Lanz von Liebenfels, der Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der österreichische Führer der „Alldeutschen“ Georg Heinrich Ritter von Schönerer und seit 1919 der Zeitungsherausgeber Dietrich Eckart. Von diesem übernahm Hitler wesentliche Elemente seiner Ideologie, die er erstmals in einem als bestelltes „Gutachten zur Judenfrage“ deklarierten Brief an Adolf Gemlich vom 16. September 1919 beschrieb:[67]
Nach dem Krieg in München wohnhaft, bekämpfte Hitler die Münchner Räterepublik nicht aktiv. Nach seinem Putschversuch 1923 schrieb er in der Festungshaft 1924 seine Autobiographie Mein Kampf: Darin gab er Rache an den Novemberverbrechern als wesentliches Motiv für seine Hinwendung zur Politik an. Er bekannte sich offen zum eliminatorischen Rasse-Antisemitismus und kündete an, die „Entfernung“ aller Juden politisch und militärisch durchzusetzen. Er sah dies als Befreiung der Menschheit vom angeblichen Weltjudentum, auf dessen Verschwörung gegen die „arische Herrenrasse“ er - wie die ihm bekannten „Protokolle der Weisen von Zion“ - den angloamerikanischen Kapitalismus und russischen Bolschewismus gleichermaßen zurückführte. Aus seinen Fronterfahrungen gewann er auch die Idee, Juden mit Giftgas zu ermorden.
Bei den Reichstagswahlen 1928 erhielt die NSDAP nur 2,6 Prozent der Stimmen. Danach verminderte sie ihre antisemitische Propaganda, da diese vor allem in bürgerlichen Kreisen abschreckend wirkte, und setzte nun vor allem auf außenpolitische Themen wie den Young-Plan und die sozialen Folgen der