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Armut bezeichnet eine je nach Zeit und Gesellschaftsform unterschiedlich geprägte Mangelsituation, die häufig mit Machtlosigkeit und gesellschaftlicher Verachtung einhergeht. Diese Situation kann aufgezwungen oder freiwillig gewählt, vorübergehend oder dauerhaft sein.[1] Extreme Armut bezeichnet die Lebenslage von Personen oder Gruppen, die durch das anhaltende Fehlen grundlegender Sicherheiten in mehreren Lebensbereichen (Arbeit, Wohnung, Gesundheit, Einkommen, Bildung ...) an der Ausübung ihrer Grundrechte und der Wahrnehmung ihrer beruflichen, familiären und gesellschaftlichen Verantwortung gehindert werden.[2]
Thomas von Aquin definierte im Mittelalter alle diejenigen als arm, die keine Rücklagen für Zeiten der Erwerbslosigkeit, für Arbeitsunfähigkeit, für Not- und Teuerungszeiten anlegen konnten, die also „von der Hand in den Mund lebten“.
Im theoretischen Grundverständnis unterscheiden sich
von
Man unterscheidet im Allgemeinen zwischen mehreren Kategorien, insbesondere absolute, relative und transitorische Armut.
Um einen Überblick über die Probleme der Entwicklungsländer zu ermöglichen, hat der Präsident der Weltbank, Robert Strange McNamara, den Begriff der absoluten Armut eingeführt. Er definierte absolute Armut so:
Weltweit leiden fast 1 Milliarde Menschen (rund 850 Millionen) an Hunger bzw. Unterernährung, darunter 170 Millionen Kinder. Alle 5 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren, insgesamt sterben täglich etwa 100.000, daher pro Jahr 30 Millionen Menschen an Unterernährung. [4]
Auch in Wohlstandsgesellschaften existiert absolute Armut, etwa bei Drogenabhängigen oder Obdachlosen (77.000 Obdachlose allein in Nordrhein-Westfalen) oder bei Personen, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, soziale Sicherungssysteme (zum Beispiel Sozialhilfe) in Anspruch zu nehmen.
Indikatoren der absoluten Armut nach International Development Agency (IDA)
Der absolute Armutsbegriff definiert einen Einkommensmangel unterhalb einer festgelegten Existenzgrenze. Ein Beispiel ist das Konzept der Weltbank, welche Armut als Einkommen unterhalb eines Dollars am Tag definiert. Dagegen steht das Konzept der „relativen Armut“. Hier ist die Bezugsgrenze beispielsweise die Hälfte des Durchschnittseinkommens in Deutschland. So definieren meist Wohlstandsgesellschaften also vom Umfeld her. (Relative Armut kann als Unterversorgung mit materiellen und immateriellen Ressourcen von Menschen bestimmter sozialer Schichten im Verhältnis zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft bezeichnet werden).
Die sozio-kulturelle Verarmung, der Mangel an Teilhabe an der Gesellschaft durch finanziellen Mangel, sehen Soziologen teilweise als noch gravierendere gesellschaftliche Herausforderung.
Armut kann zeitweise, oder dauerhaft vorhanden sein. Transitorische (vorübergehende) Armut gleicht sich für den Betroffenen im Verlauf der Zeit wieder aus. Dies ist der Fall, wenn zu bestimmten Zeiten die Grundbedürfnisse befriedigt werden können, aber zu anderen Zeiten nicht. Dies kann durch zyklische Schwankungen, wie Zeiten kurz vor der Ernte, oder auch azyklisch, zum Beispiel durch Katastrophen, auftreten.
Dem entgegen steht der Begriff der strukturellen Armut. Die liegt vor, wenn eine Person einer gesellschaftlichen Randgruppe angehört, deren Mitglieder alle unter die Armutsgrenze fallen, ohne große Chancen, in ihrem Leben aus dieser Randgruppe auszubrechen. Ein Beispiel ist die Bevölkerung von Elendsvierteln. In Verbindung damit wird oft von einem „Teufelskreis der Armut“ oder „Armutskreislauf“ gesprochen: die Nachkommen der in struktureller Armut lebenden Menschen werden ebenfalls ihr Leben lang arm sein (zum Beispiel mangelnde sexuelle Aufklärung, die zu frühen Schwangerschaften führt und eine Ausbildung unmöglich macht, aber auch beispielsweise Diskriminierung wegen der Wohnsituation etc.).
Manchmal werden auch die Bezieherinnen und Bezieher einer Grundsicherungsleistung (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsunfähigkeit) als arm bezeichnet. Zu dieser so genannten „bekämpften Armut“ kommt noch die „verdeckte Armut“ von Personen, die einen Anspruch auf eine Grundsicherungsleistung hätten, diesen aber nicht geltend machen (siehe auch Dunkelziffer der Armut).
Ordensleute der römisch-katholischen Kirche legen in der Regel ein Armutsgelübde ab. Das verpflichtet sie, auf persönliche Einkünfte und ein eigenes Vermögen zu verzichten. Dieses Gelübde stellt einen der drei evangelischen Räte dar.
Jesus von Nazaret lebte in freiwillig gewählter Armut. Mit dem Nadelöhr-Gleichnis pries er die Armut mit folgenden Worten:
Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! [...]Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Mk 10,17-30)
Beispielsweise der heilige Franziskus von Assisi kam aus einem reichen Elternhaus, lebte freiwillig als Bettler und gründete einen Bettelorden, dessen Mitglieder baten von Haus zu Haus um etwas Geld für Arme.
Der Kynismus (griech. κυνισμός, kynismós wörtlich „die Hundigkeit“ im Sinne von „Bissigkeit“, von κύων, kyon „der Hund“) ist eine philosophische Richtung der griechischen Antike und wurden von Antisthenes im 5. Jahrhundert vor Christus begründet. Kernpunkt der Lehre ist die Bedürfnislosigkeit bei gleichzeitiger Ablehnung materieller Güter. Vorurteile sowie Scham vor als natürlich empfundenen Gegebenheiten (z. B. Nacktheit) werden ebenfalls verworfen. Diese Einstellung zeigten sie kompromisslos. Oft lebten Kyniker von Almosen.
Als Stoa (griech. Στοά) wird eines der wirkungsmächtigsten philosophischen Lehrgebäude in der abendländischen Geschichte bezeichnet. Tatsächlich geht der Name (griechisch στοὰ ποικίλη – „bemalte Vorhalle“) auf eine Säulenhalle auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, zurück, in der Zenon von Kition um 300 v. Chr. seine Lehrtätigkeit aufnahm. Ein besonderes Merkmal der stoischen Philosophie ist die kosmologische, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes göttliches Prinzip ergibt. Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt. Stoiker lehnen materiellen Besitz ab und preisen die Bedürfnislosigkeit.
Als Wandervogelbewegung wird eine in ihren Anfängen 1896 entstandene Bewegung bürgerlicher Jugendlicher und junger Erwachsener bezeichnet, die angeregt durch die Ideale der Romantik vor dem autoritären Druck der Gesellschaft in die Natur flüchteten, um dort mehr nach ihren eigenen Überzeugungen zu leben. Materialismus und Konsum wurde von der Wandervogelbewegung abgelehnt.
Die von San Francisco ausgehende Hippiebewegung stellte die ihrer Meinung nach sinnentleerten Wohlstandsideale der Mittelschicht in Frage und propagierte eine von Zwängen und bürgerlichen Tabus befreite Lebensvorstellung.
Die an Henry David Thoreau geschulte Naturverbundenheit und die Konsumkritik der Hippies führte zur Herausbildung einer eigenen Gegenkultur, die an Ansätze der Lebensreform des ausgehenden 19. Jahrhunderts angelehnt war (vgl. Nacktheit, FKK) und entsprechende Ansätze der Beat Generation (seit den 1940er Jahren) weiterführte.
Gerade in der Spätphase sind die Grenzen zum New Age fließend. Insoweit handelt es sich bei Teilen der Hippiebewegung um ein Übergangsphänomen von den rationalistischen Fortschrittserzählungen der Moderne (z. B. 68er-Bewegung, Sozialismus) hin zur Neomystik der Postmoderne (z. B. New Age, Neuheidentum). Andererseits sind auch viele der frühen Hacker Hippies, wie z.B. Richard Stallman.
Hippies wurden von konservativen Kreisen und dem Mainstream als Gammler, Chaoten und Langhaarige diffamiert, in den Niederlanden auch als Provos. Sie wurden als Aussteiger betrachtet, die sich dem Leistungsprinzip und den bürgerlichen Konventionen und Moralvorstellungen nicht unterwarfen, sondern entzogen, z. B. in Kommunen auf Ibiza, in Indien (Goa) oder auf den griechischen Inseln.
Die absolute Armutsgrenze ist bestimmt als Einkommens- oder Ausgabenniveau, unter dem sich die Menschen eine erforderliche Ernährung und lebenswichtige Bedarfsartikel des täglichen Lebens nicht mehr leisten können. Die Weltbank sieht Menschen, die weniger als 1 PPP-US-Dollar pro Tag verdienen, als arm an. [5]
Relative Armutsgrenzen beziehen sich auf verschiedene statistische Maßzahlen für eine Gesellschaft (zum Beispiel Durchschnitt oder Median des Einkommens).
Die WHO definiert die Armutsgrenze anhand des Verhältnisses des individuellen Einkommens zum Durchschnittseinkommen im Heimatland einer Person. Danach sei arm, wer monatlich weniger als die Hälfte des aus der Einkommensverteilung seines Landes berechneten Medians zur Verfügung hätte. Für die OECD Länder ist die Armutsschwelle in gleicher Weise definiert.
Eine in Politik und Öffentlichkeit benutzte Angabe der relativen Armutsgrenze ist dabei 50 % oder 60 % des Durchschnittseinkommens. So wird seit 2001 in den Mitgliedsländern der EU derjenige als arm bezeichnet, der weniger als 60 % des Medians hat. Von Kritikern dieser Festlegung der relativen Armut wird argumentiert, dass sie wenig über den tatsächlichen Lebensstandard der Menschen aussage. Vielmehr ergäben sich Widersprüche bei Anwendung dieser Maßzahl. Wer jetzt weniger als 50 % vom Durchschnittseinkommen zu Verfügung habe, würde auch dann, wenn sich alle Einkommen verzehnfachten, weniger als 50 % vom Durchschnitt haben. Er bliebe also weiterhin relativ arm. Kritisiert wird, dass relative Armutsgrenzen die Armutsproblematik mit der Verteilungsproblematik vermischten.
Gelegentlich wird auch krisitiert, dass der Wegzug oder Vermögensverlust eines Reichen den Durchschnitt senken und daher die relative Armut in einem Land verringern würde, und es umgekehrt zu einer Erhöhung der relativen Armut komme, wenn ohne Veränderungen bei anderen Einkommensbeziehern ein Nicht-Armer sein Einkommen steigern kann. Dieser Kritikpunkt trifft aber hauptsächlich bei der Berechnung der Armutsgrenze mittels des arithmetischen Mittels (Durchschnitt im engeren Sinne) zu, und deutlich weniger, wenn, wie bei der Methode der EU, der Median verwendet wird, da der Median auf extreme Ausreißer nicht so sensibel reagiert wie das arithmetische Mittel.
Da eine scharfe Trennung zwischen arm und reich praktisch nicht vorkommt, ist für die relative Armutsgrenze auch der Begriff der Armutsrisikogrenze gebräuchlich.
Sowohl absolute wie auch relative Armutsgrenzen sind nicht ohne normative Vorgaben umzusetzen. Weder die Wahl eines bestimmten Prozentsatzes vom Durchschnittseinkommen zur Bestimmung relativer Armut noch die Bestimmung eines Warenkorbes sind wertfrei begründbar. Darum wird über sie in politischen Prozessen entschieden.
Als Hauptursachen von Armut werden genannt:
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Hier fehlt eine Quelle, die beweist, dass in den USA Armut als „gottgewollt“ betrachtet wird.
Hauptrisikofaktoren von relativer Armut sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, auch als Folge fehlender Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder. Alleinerziehende hatten in Deutschland im Jahr 2003 mit 35,4% das zweithöchste Armutsrisiko. Als Risikofaktoren gelten weiterhin stark ungleiche Einkommensverteilung, Bildungsmangel und chronische Erkrankungen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein (in den USA auch heute noch) wurde bzw. wird Armut überwiegend nicht als gesellschaftlich verursacht, sondern als individuell verschuldet oder „gottgewollt“ betrachtet.
In Europa setzte sich im Zuge der Industrialisierung und der Auseinandersetzung um die Soziale Frage die Auffassung durch, dass Armut durch staatliche Maßnahmen verringert werden kann. Armutsbekämpfung stand etwa im Vereinigten Königreich am Ausgangspunkt der modernen Sozialpolitik. Inzwischen wird die Wirksamkeit sozialpolitischer Armutsbekämpfung aber in vielen Industrieländern durch neue Erscheinungsformen von Armut in Frage gestellt. Insbesondere hat sich gezeigt, dass auch eine zu hohe Staatsquote zu hoher Arbeitslosigkeit führen kann (insbesondere in Westeuropa).
Nach der Philosophie der Lebendigen Ethik (östliche Bezeichnung: Agni Yoga) ist Ursache der Armut, dass die Menschen nicht teilen wollen: In einer Ordnung, in der die Schätze der Natur und die Erzeugnisse der menschlichen Arbeit gerecht verteilt werden, kann es keine Armut geben.
Nach Angaben der Weltbank hatten im Jahr 2001 weltweit ca. 1,1 Mrd. Menschen (entspricht 21% der Weltbevölkerung) weniger als 1 US-Dollar in lokaler Kaufkraft pro Tag zur Verfügung und galten damit als extrem arm. (Zum Vergleich: 1981 waren es noch 1,5 Mrd. Menschen, damals 40 % der Weltbevölkerung; 1987 1,227 Mrd. Menschen entsprechend 30 %; 1993 1,314 Mrd. Menschen entsprechend 29 %).
Die größte Zahl dieser Menschen lebt in Asien; in Afrika ist allerdings der Anteil der Armen an der Bevölkerung noch höher. Die Mitglieder der UN haben sich beim Millenniumsgipfel im Jahr 2000 auf das Ziel geeinigt, bis zum Jahr 2015 die Zahl derer, die weniger als 1 US-Dollar am Tag haben, zu halbieren (Punkt 1 der Millenniums-Entwicklungsziele). Nach Angaben der Weltbank vom April 2004 kann dies gelingen, allerdings nicht in allen Ländern. Während durch einen wirtschaftlichen Aufschwung in Teilen Asiens der Anteil der Armen deutlich zurück ging (in Ostasien von 58 auf 16 Prozent), hat sich in Afrika die Zahl der Ärmsten erhöht (in Afrika südlich der Sahara von 1981 bis 2001 fast verdoppelt). In Osteuropa und Zentralasien wurde eine Zunahme der extremen Armut auf 6 Prozent der Bevölkerung errechnet. Zieht man die Armutsgrenze bei zwei US-Dollar pro Tag, gelten insgesamt 2,7 Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung als arm.
Das vom Statistischen Bundesamt errechnete monatliche Nettoäquivalenzeinkommen betrug 2002 in den westdeutschen Ländern 1217 Euro, in den ostdeutschen Ländern 1008 Euro. Nach den EU-Kriterien für die Armutsgrenze (60 %) liegen die Armutsgrenzen demnach bei 730,20 Euro für den Westen und 604,80 Euro für den Osten. In der Regel liegt das sozio-kulturelle Existenzminimum, das auf der Basis von Verbraucherbefragungen des Statistischen Bundesamtes durch die Bundesregierung festgelegt wird, noch unter dieser Grenze.
Nach Zahlen aus dem „Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht“, den die Bundesregierung im März 2005 vorgelegt hat, galten im Jahr 2003 13,5 Prozent der Bevölkerung als arm. 2002 waren es nach diesen Angaben noch 12,7 Prozent, 1998 12,1 Prozent. Mehr als ein Drittel der Armen sind allein Erziehende und ihre Kinder. 19 Prozent sind Paare mit mehr als drei Kindern.
Eine besonders häufig von Armut betroffene Gruppe sind Studenten. Da Studenten keine Sozialleistungen beziehen dürfen, leben viele von ihnen in großer Armut.[9]
Kinder und Jugendliche haben in Deutschland ein hohes Armutsrisiko. 15 Prozent der Kinder unter 15 Jahren und 19,1 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren sind betroffen. Die meisten dieser armen Kinder leben bei alleinerziehenden Müttern. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, stieg 2003 um 64.000 auf 1,08 Millionen und hat 2004/2005 1,45 Millionen erreicht. Im Jahre 2006 verdoppelte sich die gemessene Zahl von Kindern, die auf Sozialhilfeniveau leben, gegenüber 2004 nach Angaben des Kinderschutzbundes mit Berufung auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit auf 2,5 Millionen von 15 Millionen, also eines von sechs in Deutschland lebenden Kindern bis 18 Jahren. Dieser Zahl liegen genauere Daten als früheren Schätzungen zugrunde.[10]
Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef wächst die Armut von Kindern in Deutschland stärker als in den meisten anderen Industrieländern. Dabei sind starke regionale Unterschiede festzustellen. So sind nach Forschungen der Ruhr-Uni Bochum im reichen Bayern nur 6,6% der Kinder als arm zu bezeichnen, in Berlin hingegen 30,7% (als Indikator für Armut galt der Bezug von Sozialgeld).[11]
Die Armutsquoten sind in den verschiedenen Bundesländern höchst unterschiedlich. In den nördlichen und östlichen Bundesländern sind die Armutsquoten am höchsten.
(Anmerkung zur Tabelle: Unter Wissenschaftlern herrscht ein Streit darüber, ob der Bezug von Sozialleistungen ein guter Armutsindikator ist. Einige argumentieren, dass wer Soziallleistungen beziehe nicht mehr arm sei, da die Sozialleistungen das kulturelle Existenzminimum sichern würden. Die meisten Wissenschaftler schließen sich dieser Meinung nicht an)
| Bundesland | Anteil Kinder, die Sozialleistungen beziehen (Sozialgeld) | Anteil Armer an der Gesamtbevölkerung (gemessen am Bezug von Sozialleistungen ALGII und Sozialgeld) |
|---|---|---|
| Bayern | 6,6% | 3,9% |
| Baden-Württemberg | 7,2% | 4,1% |
| Rheinland-Pfalz | 9,9% | 5,5% |
| Hessen | 12,0% | 6,5% |
| Niedersachen | 13,5% | 7,6% |
| Nordrhein-Westfalen | 14,0% | 8,1% |
| Saarland | 14,0% | 7,4% |
| Schleswig-Holstein | 14,4% | 8,2% |
| Hamburg | 20,8% | 10,6% |
| Thüringen | 20,8% | 10,4% |
| Brandenburg | 21,5% | 12,0% |
| Sachsen | 22,8% | 11,8% |
| Mecklenburg-Vorpommern | 27,8% | 14,9% |
| Sachsen-Anhalt | 27,9% | 14,2% |
| Bremen | 28,1% | 13,8% |
| Berlin | 30,7% | 15,2% |
In Armut aufzuwachsen hat in Deutschland einen erheblichen Einfluss auf die Bildungschancen, was unter anderem die jüngste AWO-Studie nachwies. In einigen armen Stadtteilen verlässt jeder dritte die Schule ohne Abschluss.[14] Zudem hat die Armut Konsequenzen auf den Gesundheitszustand.[15] Nach Angaben von Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier, Professor an der Ruhr-Uni Bochum, sind 80% der Jugendlichen in den bürgerlichen Vierteln Bochums gesund. In den Großsiedlungen sind es nur 10 bis 15 Prozent. Als Krankheiten, die mit Kinderarmut einhergehen, nennt er vor allem Übergewicht und motorische Störungen.[16] Winkler stellt fest, dass auch bei den Erwachsenen Arme häufiger unter Übergewicht leiden, sie rauchen häufiger und treiben weniger Sport. Die Folge sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen.[17] Winkler und Stolzenberg konnten nachweisen, dass Arme häufiger von Lungenkrebs, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Durchblutungstörungen im Gehirn, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Diabetes Typ II, Bandscheibenschäden und Hepatitis betroffen waren als Nichtarme.[18]
Armut löst nach einer Studie Depressionen und Schizophrenie aus. Dies konnte Christopher Hudson durch Auswertung von Daten von 34.000 Patienten feststellen. Die Erkenntnisse wurden im "American Journal of Orthopsychiatry" veröffentlicht [19].
Bei der Kinderarmut in Deutschland können laut AWO-Studie[20] neun Dimensionen unterschieden werden:
Dem gegenüber ist die Altersarmut in Deutschland rückläufig: von 13,3 Prozent 1998 auf 11,4 Prozent im Jahr 2003. Längerfristig wird hier ein Wiederanstieg erwartet, weil die derzeit vielen Arbeitslosen, Teilzeitbeschäftigten, Minijobber und Geringverdienenden geringere Renten bekommen werden und allgemein das Rentenniveau aller zukünftigen Rentner (und aller heutigen Arbeitnehmer) im Zuge der Reformen gesenkt wurde. Einer Studie zufolge, die das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) 2005 vorlegte, droht nahezu jedem dritten Bürger Verarmung im Alter. Grund sei neben der steigenden Lebenserwartung, die Rentenreformen von 2001 und 2004, die das gesetzliche Rentenniveau um rund 18 Prozent sinken ließen und die fehlende Bereitschaft zu privater Altersvorsorge, die viele Bürger nicht zahlen wollen oder können (etwa 60%). Der Sozialexperte des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Deutschland Ulrich Schneider äußerte im November 2006 seine Befürchtung: „Die Altersarmut wird deutlich zunehmen“. [21]
Obschon die Armut in Deutschland steigt, wird sie selten als Armut benannt. In den letzten Jahren wird stellvertretend der Begriff sozial schwach benutzt, zunehmend auch in der substantivierten Form Sozialschwache. Der Begriff ist schillernd und lässt sich interpretieren sowohl als Hinweis auf die schwache gesellschaftliche Stellung als auch auf einen Mangel an sozialer Kompetenz; im letzteren Fall - so eine Kritik - setzt dieser Begriff euphemistisch die Zuschreibung „asozial“ fort. Die Arbeiterwohlfahrt lehnt die Verwendung der Bezeichnung „sozial schwach“ ab, da es ihrer Auffassung nach einen Mangel an sozialer Kompetenz vortäusche. „Diese ‚sozial Schwachen‘“, so ihr Bundesvorsitzender Wilhelm Schmidt, „sind alles andere als sozial schwach. Von den meisten [finanzschwachen] Eltern wird eine nur schwer vorstellbare Stärke verlangt, ihre Situation täglich zu bewältigen und für ihre Kinder zu sorgen.“ In der Armuts- und Bildungsforschung wird dieser Begriff ebenfalls vermieden.
Ähnlich umstritten ist der Begriff Unterschicht oder Neue Unterschicht. Eine demoskopische Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung löste im Oktober 2006 eine starke Debatte aus, da festgestellt worden ist, dass 8% der Bevölkerung zum „abgehängten Prekariat“ zu zählen sind. Diese Debatten wurde die „Unterschichten-Debatte“ genannt, obschon der Begriff „Unterschicht“ in der Studie vermieden wurde. Im gleichen Zeitraum kam eine vergleichende Studie der Hans-Böckler-Stiftung zum Resultat, dass Deutschland unter 24 europäischen Staaten den Platz 21 auf der Sozial-Rangliste einnahm. In diese Studie flossen die Kriterien Einkommensverteilung und soziale Absicherung, Arbeitsmarkt, Bildungs- und Ausbildungschancen, Geschlechtergleichstellung und Generationenverhältnis ein.
Nach Angaben des Sozialministeriums („Bericht über die soziale Lage 2003-2004“) waren 2003 in Österreich über eine Million Menschen (13,2 Prozent der Bevölkerung) armutsgefährdet, das heißt, von Einkommensarmut betroffen. Im Jahr 2002 waren es noch 900.000 oder 12 Prozent, 1999 11 Prozent. Als Armutsgefährdungsschwelle gelten 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen). Etwa jede/r Achte muss demnach mit weniger als 785 Euro monatlich auskommen.
Frauen sind (mit 14 Prozent) leicht überproportional armutsgefährdet.
Neben der Einkommensarmut als Indikator für die finanzielle Situation eines Haushalts wird in Österreich von „akuter Armut“ gesprochen, wenn zusätzlich zur finanziellen Benachteiligung gewisse Mängel oder Einschränkungen in grundlegenden Lebensbereichen auftreten (zum Beispiel Zahlungsrückstände bei Miete, oder wenn Heizung, Urlaub, neue Kleider, Essen, unerwartete Ausgaben nicht leistbar sind). Von akuter Armut waren 2003 467.000 Menschen (5,9 Prozent der Bevölkerung) betroffen. Im Jahr davor waren es noch 300.000 Menschen oder 4 Prozent. Nach einem Bericht der Armutskonferenz sind erstmals Daten über so genannte Working Poor verfügbar: in Österreich seien 57.000 Menschen (2003) von Armut trotz Arbeit betroffen. Des weiteren hängt der Grad der Armutsgefährdung von der Art des Beschäftigungsverhältnisses ab:
Des weiteren kritisiert der Schattenbericht der Armutskonferenz zum 2. Nationalen Aktionsplan für soziale Eingliederung 2003–2005 der österreichischen Bundesregierung, dass Langzeitarbeitslose und Migranten und Migrantinnen in diesem Plan vollkommen fehlten.
Siehe auch: Leben im Wiener Untergrund
Nach Angaben des Armutsberichts des Amts für Volkszählungen vom August 2005 ist in den USA die Zahl der Menschen mit Einkommen unterhalb der Armutsgrenze 2004 zum vierten Mal in Folge angestiegen. 12,7 Prozent der Bevölkerung oder 37 Millionen Menschen seien arm. Dies ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 0,2 Prozentpunkten. Der Anstieg sei vor allem auf den höheren Anteil von Weißen zurückzuführen. Als arm gilt eine vierköpfige Familie, wenn sie weniger als rund 19.310 Dollar im Jahr ausgeben kann. Für Alleinstehende liegt die Grenze bei etwa 9.650 Dollar.
Durch verschiedene Maßnahmen wird in den westlichen Industrienationen versucht, die Konsequenzen der Armut abzumildern. Dazu zählen die kompensatorische Erziehung und die Einrichtung von Suppenküchen, Tafeln (Tafel (Organisation)), Kleiderkammern und Notunterkunften.
In den 1950er Jahren entstand in den USA die Armutsforschung. Als erster wichtiger Armutsforscher gilt der US-amerikanische Anthropologe Oscar Lewis. Dieser erforschte die Lebensbedingungen in mexikanischen Slums. Für die Lebensweise, die er dort vorfand prägte den Begriff „culture of poverty“. Nach Lewis ist die Lebensweise der Armen geprägt von Denk- und Handlungsmustern, die von Generation zu Generation innerhalb der kulturellen Einheit weiter vererbt werden. Diese Kultur der Armut zeichnet sich dadurch aus, dass die Armen nach sofortiger Befriedigung ihrer Bedürfnisse streben. Sie sind nicht in der Lage, ein Bedürfnis zurück zu stellen, um später davon zu profitieren. So investieren die Armen zum Beispiel nicht in ihre Ausbildung und auch nicht in die Ausbildung ihrer Kinder. Das führt dazu, dass auch die nächste Generation arm sein wird. Die einzige Möglichkeit die Armut zu beenden sind laut Lewis von außen kommende Interventionen, etwa durch kompensatorische Erziehung [22],[23]
Daniel Patrick Moynihan hat Lewis Konzept auf die USA und andere westliche Industrienationen übertragen. Er argumentiert, dass Arme die Gegenwart mehr wertschätzen würden als die Zukunft. Dies würde zu einem Verfall der Familie führen. Die Kinder würden deshalb schlecht sozialisiert und ein Teufelskreislauf der Armut beginne.[24]
Als Kritik auf die Forschungen von Moynihan warf William Ryan ihm vor die Schuld auf das Opfer zu schieben (blaming the victim). Die Armen sind, laut Ryan, Opfer gesellschaftlicher Missstände gegen die sie wegen ihrer marginalen Position nichts unternehmen können. Ihr Verhalten ist nur eine Reaktion auf diese Opfer-Position [25]
Der Psychologe Martin Seligman stellte die These auf, dass die Armen unter erlernte Hilflosigkeit leiden. Ihre Lebensumstände würden sie dazu verleiten, persönliche Entscheidungen als irrelevant wahrzunehmen. Laut Seligman betrachten Personen in einem Zustand der erlernten Hilflosigkeit Probleme als persönlich, generell oder permanent:
Daraus ziehen sie die Schlussfolgerung, dass es nichts bringt, etwas gegen ein Problem zu unternehmen und unternehmen nichts. Erlernte Hilflosigkeit kommt in allen Schichten vor, ist jedoch in den unteren Schichten besonders häufig. Dies kommt, weil die Leute dieser Schichten mehr negative Erfahrungen machen, als die Leute höherer Schichten. Erlernte Hilflosigkeit kann überwunden werden. Der Betroffene muss sich klar machen, dass er unter erlernter Hilflosigkeit leidet. Er muss sich klar machen, dass er über Handlungskompentenzen verfügt und sein Leben selbst in die Hand nehmen kann. Dabei kann die Psychotherapie helfen.[26]
Der wohl umstrittenste Armutsforscher ist der US-amerikanische Politologe Charles Murray. In seinem Buch Losing Ground teilt Murray Arme in zwei Schichten ein. Die „working class“ (Arbeiterschicht) und die „underclass“ (Unterschicht). Die Unterschicht wird von ihm auch als „dangerous class“ (gefährliche Schicht) oder „undeserving poor“ (Übersetzung in etwa: Arme, die es nicht verdient haben, dass man ihnen hilft) bezeichnet. Diese „undeserving poor“ zeichnen sich laut Murray durch mangelnde Selbstdisziplin aus. Sie hätten nicht den Ehrgeiz ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, sondern würden lieber von Almosen leben. Die underclass hätte sich als Reaktion auf zu hohe Sozialleistungen entwickelt. Einige Leute hätten die Sozialhilfe zu ihrem Lebensstil gemacht. Als natürlichen Feind der „undeserving poor“ sieht Murray die „working class“ an, denn diese würden den Lebensstil der underclass finanzieren, was aber noch schlimmer sei, die underclass würde durch ihren Lebensstil die Kinder der Arbeiterschicht verderben, die die falschen Werte der underclass übernehmen würden.[27] Später gelangte Murray zu der Auffasung, dass Armut vor allem durch niedrige Intelligenz zustande käme. Er schrieb zusammen mit Richard Herrnstein das umstrittene Buch The Bell Curve, in dem auch davon die Rede ist.
Als Reaktion auf die Armutsforschung entstand in den USA die Resilienzforschung. Resilienzforscher wie zum Beispiel Caplan oder Haines beklagen, dass zu sehr die Schwächen armer Familien und Personen und zu wenig die Stärken gesehen würden. Als Stärken einiger armer Bevölkerungsgruppen gelten Familienzusammenhalt, Kollektivismus und Leistungsmotivation.
Kinder, die in Armut aufwachsen, haben es nicht leicht. Sie sind mehr Risiken und Frustrationen ausgesetzt, als nicht-arme Altersgenossen. Das führt dazu, dass ihre Schulleistungen schlechter sind, als die von nicht-armen Kindern. Sie werden häufiger kriminell, sind häufiger drogenabhängig und leiden häufiger und Erkrankungen wie zum Beispiel ADS (bei Kindern und Erwachsenen) oder Schizophrenie und Alkoholismus (bei Erwachsenen). Forscher wie zum Beispiel Emmy E. Werner, Elder, Haan, Moriaty und Toussing, Nuechterlein, Garmezy und Scarr untersuchten Kinder, die in großer Armut aufwuchsen. Es lässt sich sagen, dass ungefähr 2/3 aller arm aufgewachsenen Kinder im Erwachsenenalter große Probleme hatte. Doch an einem Drittel schien die Armut fast spurlos vorbei gegangen zu sein. Sie wurden als resilient bezeichnet.
Resiliente Kinder unterschieden sich durch eine Reihe von Eigenschaften von nichtresilienten Kindern:
[28],[29],[30],[31],[32],[33],[34],[35],[36]
Möglicherweise gibt es bestimmte Gene, die zur Resilienz führen (zu genetischen Faktoren siehe Scarr und McCartney, 1983). Dies wird zur Zeit kontrovers diskutiert.[37]
Die Familie kann viel tun, um den Einfluss der Armut auf die kindliche Entwicklung abzumildern. Die Familien resilienter Kinder unterschieden sich signifikant von denen nicht resilienter Kinder:
Wenn dies jedoch nicht der Fall war, dann suchten sich die resilienten Kinder oft Bezugspersonen außerhalb der Familie. In diesem Fall verließen sie auch oft nach der Schulzeit das negative Milieu ihrer Familie und suchten sich eine bessere Umgebung.
[38],[39],[40],[41],[42],[43],[44],[45],[46]
Nathan Caplan von der University of Michigan beschäftigte sich mit den Nachkommen armer osteuropäischer Juden, die in die USA auswanderten. Trotz der großen Armut und in dieser Bevölkerungsgruppe erwiesen sich ihre Kinder als gut integriert, weniger kriminell als die amerikanische Bevölkerung und besuchten überdurchschnittlich häufig eine Universität. Noch besser sah es bei den Enkeln der Einwanderer aus 3/4 von ihnen besuchten einen Universität. Caplan führt dies auf starken Familienzusammenhalt, der von der jüdischen Kultur gefördert würde, zurück.
Caplans Hauptinteresse gilt jedoch den Kindern der Boat People. Als „Boat People“ wurden in den 1970er und Anfang der 1980er Jahre vietnamesische Flüchtlinge bekannt, die nach dem Vietnamkrieg aus Angst vor dem neuen kommunistischen Regime mit seinen Arbeits- und Umerziehungslagern mit Booten über das südchinesische Meer flohen. Viele dieser Flüchtlinge suchten eine bessere Zukunft in den USA. Doch sie schienen chancenlos. Sie besaßen oft nicht mehr als die Kleidung, in der sie ankamen und sprachen kein Englisch. Über die Hälfte der Eltern hatte nur fünf Jahre lang oder kürzer die Schule besucht. Diese Flüchtlinge lebten oft in den schlimmsten Wohngegenden der großen Städte und arm wie sie waren, konnten sie sich keine privaten Schulen leisten, sondern mussten mit den unterfinanzierten öffentlichen Vorlieb nehmen. Ihr Versagen schien vorprogrammiert. Um so erstaunter war die Wissenschaft, als sie bei allen Leistungstest besser abschnitten als Kinder aus der Mittelschicht.
Nathan Caplan, Marcella H. Choy und John K. Whitmore gingen der Frage nach, warum das so war.
Sie zogen eine zufällige Stichprobe von 200 Familien der Boat People. Diese Familien hatten zusammen 536 Kinder im Schulalter. Zuerst wurde getestet, ob die Beobachtung, dass die Kinder der Boat People besonders leistungsstark sind, auch auf diese Kinder zutraf. Die Kinder wurden mit einem Leistungstest dem CAT getestet. Wie erwartet, schnitten auch die Kinder dieser Stichprobe wieder inm fast allen Bereichen besser ab, als Kinder aus der weißen Mittelschicht. Dies war besonders für den mathematischen Bereich zu bemerken. Lediglich im sprachlichen Bereich schnitten die Kinder etwas schlechter ab, als Kinder der weißen Mittelschicht.
Eines der auffälligsten Ergebnisse der Studie war, dass Kinder mit vielen Geschwistern sich als leistungsstärker erwiesen, als Kinder mit wenigen Geschwistern oder gar Einzelkinder. Um das zu verstehen muss man die Rolle verstehen, die die Familie in der vietnamesischen Kultur spielt. Die deutsche oder auch die amerikanische Kultur sind individualistisch orientiert. Das heißt - verkürzt ausgedrückt - dass es dem Individuum vor allem darauf ankommt, seine eigenen Wünsche zu erfüllen. Die vietnamesische Kultur dagegen ist eher als kollektivistisch zu betrachten. Das heißt die Wünsche des Individuums sind weniger wichtig, als die Bedürfnisse der Familie als Gruppe.
Von älteren Geschwistern wird erwartet, dass sie ihren jüngeren Geschwistern bei den Hausaufgaben helfen. Davon profitieren die Kinder gewaltig. Sie lernten von ihren Geschwistern nicht nur Fakten, sondern auch akademische Strategien und Werthaltungen. Oft waren auch jüngere, noch nicht schulpflichtige Kinder, anwesend. Auch sie schienen spielerisch zu lernen, indem die ihre Geschwister beobachteten.
Die Hausaufgaben fanden meist in der Küche am Küchentisch statt, ein eigenes Kinderzimmer oder einen eigenen Schreibtisch gab es nur in den wenigsten Fällen. Doch nicht die materiellen Bedingungen sondern die Liebe zu Lernen scheinen wichtig für die Schullaufbahn zu sein. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Kinder der Boat People pro Tag 3 Stunden und 10 Minuten mit Lernen und Hausaufgaben verbrachten. Im Durchschnitt verbrachten amerikanische Schüler dagegen nur 1 Stunde und 30 Minuten pro Tag mit diesen Tätigkeiten.
Es konnte nachgewiesen werden, dass für die Kinder der Boat People Bildung ein wichtigerer Wert war, als für die Kinder der weißen Amerikaner. In Vietnam galt Bildung früher als Privileg, nur wenige reiche Familien konnten es sich leisten, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Laut Caplan Choy und Whitmore ist dies einer der Gründe für den Erfolg der vietnamesischen Kinder. Obwohl man nicht davon sprechen kann, dass in Amerika die Herkunft bei der Bildung keine Rolle spielen würde, sahen sie hier ihre Chancen. Sie sahen, dass sie mehr Chancen hatten, als ihre Eltern in Vietnam und diese wollten sie nutzen. Auch die Eltern, welche in vielen Fällen nicht die Chance auf eine gute Bildung gehabt hatten, wollten, dass es ihre Kinder mal besser hätten. Sie hielten Bildung für sehr wichtig.[47],[48],[49]
Elder (1974) untersuchte Familien, die bildungsmässig zur Mittelschicht gehörten und die durch die große Depression in Armut geraten waren. Er stellte fest, dass die Kinder dieser Familien zu besonders kompetenten Erwachsenen wurden. Sie waren anderen Menschen zugewandter und rücksichtsvoller, als Leute aus der Kontrollgruppe. Sie waren eher in der Lage persönliche Ressourcen zu nutzen und aus ihrem Leben das beste zu machen. Das führte dazu, dass sie beruflich erfolgreich waren (tendenziell sogar etwas erfolgreicher als nie arm gewesene aus der gleichen Herkunftsschicht, siehe Tabelle), sich weniger häufig scheiden ließen und weniger häufig kriminell waren, als Personen aus der Kontrollgruppe.
Scheinbar hat Armut auf Heranwachsende der amerikanischen Mittelschicht eher positive als negative Konsequenzen. Sie schienen daran zu wachsen und ihre Persönlichkeit schien stärker zu werden. Clausen macht ähnliche Beobachtungen [50] Ein möglicher Grund ist der, dass Mittelschichtsangehörige die Schuld für Armut selten bei sich selbst suchen, sondern bei äußeren Umständen (wirtschaftliche Situation und ähnliches) sehen. Sie planen weiterhin aktiv für ihr weiteres Leben und das ihrer Kinder [51]
Folgende Tabelle vergleicht zwei Gruppen von Männern aus Oakland. Beide Gruppen kommen aus Elternhäusern, die bildungsmäßig zur Mittelschicht gehören. Es werden Männer, die wegen der großen Depression unterhalb des Existenzminimums aufwachsen mussten, mit Männern verglichen, deren Familien niemals arm waren. Es zeigen sich keine negativen Auswirkungen der Armut. Tendenziell scheinen unterhalb des Existenzminimums aufgewachsene Männer beruflich etwas erfolgreicher zu sein
| niemals arm | unterhalb des Existenzminimums aufgewachsen | |
|---|---|---|
| Alter bei der ersten Heirat in Jahren (Median) | 23,8 | 23,3 |
| Alter bei der Geburt des ersten Kindes (Median) | 26,5 | 26,2 |
| Erreichen eines Universitätsabschlusses | 61% | 60% |
| Berufsstatus im Jahre 1958 (1=hoch, 7=niedrig) | 2,5 | 2,2 |
| 1958 Angehöriger der oberen Mittelschicht | 39% | 45% |
| 1958 Angehöriger der unteren oder mittleren Mittelschicht | 48% | 45% |
| 1958 Angehöriger der Arbeiterschicht | 13% | 10% |
Longman stellte fest, dass Heranwachsende aus der amerikanischen Mittelschicht, die aus Familien kamen, die durch die große Depression verarmt waren besonders starke Familienwerte hatten. Dadurch erklärt Longmann auch den Babyboom und die geringen Scheidungsraten im Amerika der Nachkriegszeit.[53]
In Deutschland steckt die Resilenzforschung noch in den Kinderschuhen. Arme Bevölkerungsgruppen werden oft einseitig als Problem betrachtet. Das dies nicht zwangsläufig so ist zeigt zum Beispiel ein Blick auf die vietnamesische Bevölkerungsgruppe in Ostdeutschland. Obwohl diese Bevölkerungsgruppe in Armut lebt und die meisten Eltern nur eine geringe formale Bildung haben, erwiesen sich ihre Kinder als erfolgreich in der Schule. Vietnam gilt als „Preußen Asiens“. Fleiß und Familienehre spielen hier eine große Rolle. Eine wichtige Motivation für vietnamesische Kinder sich zu bilden ist die Familienehre. Die Kinder haben den Wunsch es zu etwas zu bringen, um dadurch die Ehre ihrer Familie zu steigern. In der vietnamesischen Kultur gilt es dagegen als schändlich, das Gesicht zu verlieren. Doch genau dies würde durch ein Versagen in der Schule passieren. Deswegen versuchen junge Vietnamesen, dies um jeden Preis zu vermeiden.[54],[55],[56]
Eine weitere erfolgreiche arme Bevölkerungsgruppe sind jüdische Zuwanderer aus der GUS. [57]
Doch es gibt auch Probleme, so Weiss. Sie beklagt, dass manche vietnamesischen Schüler „zu viel Druck in Bezug auf die Schule bekommen und daran mitunter zerbrechen“.[58]
Cohen (2004) untersuchte den Lebensweg von Kindern von Studierenden. Diese Kinder waren, als ihre Mütter das Studium abschlossen, im Durchschnitt 4,5 Jahre alt. Obwohl die meisten dieser Kinder in der frühen Kindheit arm gewesen waren und viele bei alleinerziehenden Müttern aufwuchsen, zeigte sich kein negativer Effekt auf die Bildungsbeteiligung.
Es muss jedoch erwähnt werden, dass die Eltern dieser Kinder während der Jugendzeit der Kinder überdurchschnittlich verdienten.
| Bildungsbeteiligung der Kinder von Studierenden im Vergleich zu Kindern der sozialen Herkunftsgruppe "hoch" | ||
|---|---|---|
| Kinder von Studierenden | Kinder aus der Herkunftsgruppe "hoch" | |
| Erreichen der gymnasialen Oberstufe | 88% | 85% |
| Aufnahme eines Studiums | 80% | 81% |
Es zeigten sich jedoch andere negative Auswirkungen. Kinder studentischer Eltern litten häufiger unter psychischen Problemen, hatten weniger stabile Partnerschaften und kriegten selbst in jüngerem Alter Kinder als Leute aus der Kontrollgruppe (Kinder aus der Herkunftsgruppe "hoch") [60]
Leisering kam zu der Auffassung, dass materielle Armut besonders unter zwei Bedingungen schädliche Auswirkungen auf das Leben von Heranwachsenden hat:
1) Es handelt sich um langdauernde Armut im Gegensatz zur kurzfristigen Armut
2) Die materielle Armut geht mit Bildungsarmut einher
Sind diese zwei Bedingungen nicht erfüllt, dann sind die Auswirkungen der Armut weniger schlimm oder können auch vollkommen ausbleiben[61]
Verschiedene Forscher stellten Auswirkungen der Armut auf die Persönlichkeit fest.
Ronald Inglehart stellte die These des Wertewandels auf. Nach Inglehart entwickeln Menschen während ihrer Jugend eine materialistische/postmaterialistische Einstellung. Seine Theorie besagt, dass bei steigendem Wohlstand einer Gesellschaft der Materialismus (z.B. Neigung zu Sicherheit und Absicherung der Grundversorgung) abnimmt während der Postmaterialismus (z.B. Neigung zu politischer Freiheit, Umweltschutz) zunimmt. Zur statistischen Verifikation der Theorie wurde von Inglehart der sogenannte Inglehart-Index geschaffen. Der Index ist bei Sozialwissenschaftlern methodologisch umstritten. Zudem widerlegen empirische Studien die eindimensionale Entwicklung die Inglehart vorhersagte (z.B. Klein 95). Nach Inglehart ist die heutige Generation postmaterialistischer als vorangegangene Generationen. Das kommt, weil sie in größerem Wohlstand aufwuchs.
Helmut Klages war der Meinung, dass in Armut aufgewachsene Genrationen eher zu Pflicht-/und Akzeptanzwerten neigen würden. Zu den Pflicht und Akezeptanzwerten zählen zum Beispiel Pflichterfüllung, Fleiß, Selbstlosigkeit und Hinnahmebereitschaft. In Reichtum aufgewachsene Generationen würden eher zu Selbstverwirklichungswerten neigen. Dazu zählen z.B. Spontaneität und Selbstverwirklichung.[62],[63]
Pierre Bourdieu war der Meinung, dass Arme einen anderen Habitus (Soziologie) hätten als nicht Arme, den sogenannten Habitus der Notwendigkeit.
Armut ist in vielen Teilen der Welt auch eine der wichtigsten Ursachen für Gefährdung und Zerstörung der Umwelt. Die in der Armut begründeten schwerwiegenden Nöte und Probleme lassen den Umweltschutz in den Hintergrund treten. Die für den Schutz mitunter notwendigen finanziellen Mittel können in Regionen mit großer Armut nicht aufgebracht werden. Klaus Töpfer, der Leiter der UNO-Umweltbehörde UNEP, bezeichnete Armut als „das größte Gift für die Umwelt“; Erfolge im Umweltschutz setzten eine Bekämpfung der Armut voraus.
Der Friedensnobelpreisträger und Ökonom Muhammad Yunus schlägt vor, neben rein Profit maximierenden Unternehmen auch soziale Unternehmen einzuführen, deren Ziel es nicht ist, Profit zu erwirtschaften, sondern die Welt positiv zu verändern. Investoren in diese Firmen bekämen später ihr Geld zurück, jedoch ohne Dividende. Stiftungsaktivitäten von bestehenden Firmen könnten so in diese Richtung gelenkt werden. Nach Ansicht von Yunus wäre dies eine Lösung im Kampf gegen Armut. Armut hält Yunus als Bedrohung für den Weltfrieden. [64]
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