Mit Artikulation (lat. articulare = deutlich ausprechen) bezeichnet man im linguistischen Sinne die Bildung menschlicher Sprechlaute, also den Sprechvorgang.
Grundvoraussetzung für die Lautbildung des Menschen ist die Atmung, die über die Lunge die zum Sprechen benötigte Atemluft liefert. Man spricht in diesem Sinne auch vom Phonationsstrom. Bei diesem handelt es sich in erster Linie um expiratorischen Phonationsstrom, d.h. nur die ausgeatmete Luft dient normalerweise der Lautbildung.
Um den Sprechvorgang besser verstehen zu können, muss man sich ein Bild darüber machen, welchen Weg der Phonationsstrom von den Lungen über die Bronchien bis zum Mundraum nimmt, d.h. welche Sprechwerkzeuge beim Sprechvorgang beteiligt sind, und wie auf diesem Weg aus der Atemluft Laute entstehen.
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Unter dem Begriff Sprechwerkzeuge versteht man nicht nur die Zunge, sondern ebenso die Lippen, die Zähne, den Gaumen, das Gaumensegel, das Gaumenzäpfchen, Rachenhöhle und Nasenraum sowie den Kehlkopf und die eigentlichen Atmungsorgane, wo das "Sprechen" seinen Anfang nimmt. Zusammenfassend wird der supraglottale Bereich, das heißt der Bereich oberhalb des Kehlkopfes bestehend aus Mundhöhle, Nasenraum und Rachenraum als Ansatzrohr bezeichnet. Alle Organe und Bestandteile des Ansatzrohrs sind an der Artikulation menschlicher Sprache beteiligt: Lippen, Zähne, Zunge, Gaumen, Gaumensegel, Gaumenzäpfchen, Rachen, Kehldeckel und Nasenhöhle.
Unter der Bezeichnung Atmungsorgane, auch Respirationsorgane genannt, subsumiert man oft neben den Lungen und den Bronchien auch die luftleitenden Organe, wie Luftröhre, Rachen, Nase. Eine besondere Rolle bei der Erzeugung von Lauten spielt der Kehlkopf.
Der Kehlkopf besteht aus Knorpelmasse, Bändern und Muskeln und zeichnet sich durch eine besondere Beweglichkeit aus. Insgesamt erkennt man fünf Knorpel: Ringknorpel, Schildknorpel, zwei Stellknorpel und den so genannten Kehldeckel. Der Ringknorpel ist ein geschlossener Ring, der sich nach hinten zu einer großen Knorpelplatte verbreitert. Er sitzt auf der Luftröhre und ist seitlich über Gelenke mit dem Schildknorpel verbunden. Der Schildknorpel besteht aus zwei Platten, die vorne zusammen gewachsen und nach hinten hin offen sind und oben und unten jeweils ein Horn aufweisen. Die Gelenkverbindung zwischen Schildknorpel und Ringknorpel befindet sich an den unteren Hörnern, so dass beide Knorpel gegeneinander kippen können.
Dort, wo die zwei Platten des Schildknorpels verbunden sind, besteht eine Verbindung mit dem Kehldeckel, der schräg nach hinten aufsteigt. Er hat die Form eines Löffels und besteht aus weicher Knorpelmasse. Er verschließt den Eingang des Kehlkopfs gegen den Rachen.
Der Kehlkopf ist von außen ertastbar. Beim Schlucken bemerkt man, wie sich der Kehldeckel über den Kehlkopfeingang legt. Eine besondere Rolle spielen die Stellknorpel. Sie sitzen gelenkig auf dem hinteren Oberrand des Ringknorpels und sehen wie kleine Pyramiden aus. Nach vorne laufen sie in die so genannten Stimmfortsätze aus.
Zwischen diesen und der Wand des Schildknorpels sind die beiden Stimmlippen (siehe auch: Stimmbänder) gespannt. Die Stimmlippen sind eigentlich Muskeln. Sie laufen von der inneren Kante des Schildknorpels in einer horizontalen Linie geradewegs zu den Stellknorpeln und sind über Bandgewebe mit dem Ringknorpel verbunden.
Die Stellknorpel können sich jeweils um die eigene waagerechte Achse drehen oder auseinander oder zueinander gleiten und beeinflussen damit die Stellung der Stimmbänder, die mit ihnen verbunden sind. Die Stellung zwischen Ring- und Schildknorpel andererseits erlaubt durch das gegenseitige Kippen eine Erhöhung oder Verringerung der Spannung der Stimmlippen.
Die eigentliche Funktion des Kehlkopfes ist aber nicht die Stimmbildung. Er kontrolliert eigentlich den Weg der Atmungsluft von außen zur Lunge und umgekehrt von der Lunge nach außen. Der Kehldeckel hat eine Schutzfunktion, denn er sorgt dafür, daß feste oder flüssige Nahrung nicht in die Luftröhre gelangt und somit in das empfindliche Lungengewebe. Beim Husten beispielsweise läuft eine komplizierter Vorgang ab, durch den Fremdkörper aus der Lunge und den Bronchien entfernt werden.
Durch das Vorhandensein der Stimmlippen, durch die Mechanik und vor allem durch die Lage des menschlichen Kehlkopfes ist allerdings erst die Bildung von "Stimme" und damit das Sprechen möglich.
Bei der Bildung von Sprachlauten kommt es zu verschiedenen aufeinander abgestimmten Bewegungen zwischen den oben genannten Sprechwerkzeugen, also
Um einen Laut zu produzieren, laufen im menschlichen Körper folgende Prozesse ab:
Durch Volumenvergrößerung des Brustkorbs mittels der Brustmuskulatur, der Rippen und des Zwerchfells kann sich die Lunge ausdehnen und es entsteht ein Unterdruck, so dass Luft über die Atemwege in die Lunge strömen kann. Durch Senken der Rippen und Heben des Zwerchfells zieht sich die Lunge andererseits wieder zusammen. Der dabei entstehende Überdruck wird als Expirationsluftstrom wieder aus der Lunge über die Bronchien in die Luftröhre gepresst. Die Luftröhre ist elastisch und endet oben mit dem Kehlkopf. Erst dort, im Kehlkopf, entscheidet sich, ob der Expirationsstrom zum Phonationsstrom wird oder nicht.
Nachdem die ausströmende Luft in den Kehlkopf eintritt, trifft sie dort auf die Stimmlippen (Stimmbänder). Normalerweise befinden sich die Stimmlippen in Atmungsstellung. Dabei liegen die Stellknorpel des Kehlkopfes sehr weit auseinander, so dass die Stimmlippen für die Atemluft keinerlei Behinderung darstellen.
Um den Phonationsprozess in Gang zu bringen, müssen die Stimmlippen in bestimmte Stellungen gehen. Bei der Bildung von stimmhaften Lauten erfolgt Phonationsstellung (Stimmstellung), das heißt die Stimmlippen verschließen die Stimmritze, also den offenen Raum zwischen ihnen, fast vollständig. Der Phonationsstrom zwängt sich so tropfenweise durch die Stimmritze und bringt die Stimmlippen in schnelle Schwingungen. Es entstehen komplizierte periodische aus Teiltönen bestehende Schwingungen, auch Klänge genannt. Die Frequenz (möglich sind ca. 70-1000 Hz) hängt dabei von der Länge und die Tonhöhe von der Spannung der Stimmlippen ab, die durch Stellung der Stellknorpel bzw. die Kippbewegung zwischen Ring- und Schildknorpel reguliert werden.
Sobald in den Stimmlippen ein Primärklang erzeugt wurde, strömt dieser in das (aus Rachen-, Nasen- und Mundhöhle) bestehende Ansatzrohr. Das Ansatzrohr ist vergleichbar mit einem musikalischen Instrument, bei dem die einmal erzeugte Schwingung in einen Ton modifiziert wird. Das menschliche Ansatzrohr ist also schwingungsfähig und wirkt damit als so genannter Resonanzraum. Die im Kehlkopf erzeugten Geräusche und Klänge werden im Ansatzrohr zu Sprechlauten moduliert.
Grundsätzlich muss man bei den Sprechlauten zwischen Klanglauten und Geräuschelauten unterscheiden. Bei der isolierten Artikulation eines "scharfen" s wie in Maus beispielsweise, handelt es sich eigentlich um ein Geräusch. Es entsteht, wenn sich die Stimmritze in Atemstellung (siehe Abbildung) befindet und zwischen dem Saum der Zunge und dem Alveolenrand eine Enge gebildet wird. Um einen Laut zu produzieren, ist es also nicht unbedingt notwendig, dass die Stimmlippen in Phonationsstellung (Stimmstellung) gehen. Es entsteht also auch bei Atmungsstellung ein stimmloser Konsonant. Bei der isolierten Artikulation eines "weichen" s wie in Sonne dagegen, befindet sich die Stimmritze dagegen in Phonationsstellung (siehe Abbildung). Bei dieser sehr engen Annäherung der Stimmlippen entstehen Kräfte, die den Luftstrom in eine Folge periodischer Schwingungen versetzt (Bernoulli-Effekt). Es entsteht ein stimmhafter Konsonant, der durch Engebildung zwischen Zungensaum und Alveolenrand einen Laut erzeugt: das stimmhafte (weiche) s.
Prinzipiell unterscheidet man in der Phonetik zwischen dem Artikulator, dem Artikulationsort (Artikulationsstelle) und schließlich der Art der Artikulation.
Laute lassen sich also durch Angabe des artikulierenden Organs sowie des Artikulationsortes, der Artikulationsart, der Art der Stimmbeteiligung (stimmhaft vs. stimmlos), Aspirierung (Behauchung), der Dauer und der Intensität ziemlich genau beschreiben. Unter Intensität versteht man in der Phonetik die Druckstärke des Phonationsstroms, der mit der Anspannung der Artikulationsmuskulatur gekoppelt ist. Konsonanten und Vokale kann man in gespannte und ungespannte (engl. 'tense/lax', siehe auch: Fortis, Lenis) einteilen, Vokale zusätzlich in solche mit oder ohne Lippenrundung.
Bei der Stimmbeteiligung muss beachtet werden, dass es voll stimmhafte und teilweise stimmhafte Konsonanten gibt, je nach Stimmeinsatzpunkt (engl. »voice onset«).
Neben den primären Merkmalen von Lauten lassen sich weitere sekundäre Lautmerkmale feststellen:
Mit Hilfe einer Lautschrift wie dem Internationalen Phonetischen Alphabet kann man die Laute der menschlichen Sprachen der Welt darstellen.
Siehe auch: